27.10.2006 · Gorbatschow hat darauf gesessen, und Peter Ustinov. Mit seiner roten Couch ist Fotograf Horst Wackerbarth um die ganze Welt gereist: Jetzt hat er die Bürger der Kleinstadt Goch am Niederrhein gebeten, ihm Modell zu sitzen. So entstand das einzigartige Porträt einer Stadt.
Von Freddy LangerEs dauerte ein paar Tage, bis sich die Bürger von Goch, der kleinen Ortschaft am Niederrhein, an den seltsamen Anblick im Stadtpark gewöhnt hatten. Ein rotes Sofa stand dort unmittelbar neben den historischen Grabmalen des ehemaligen Friedhofs, überdacht mit einer Plane und flankiert von einem kleinen Zwei-Mann-Zelt. Eher kryptisch war der ungelenk auf eine Schultafel gekritzelte Hinweis: "Hier steht Horst Wackerbarth den Bürgern Gochs für Gespräche zur Verfügung." Jeweils aktuell ergänzt um eine Uhrzeit, daß man meinen mußte, hier würde eine ganze Stadt auf die Couch gebeten. Psychoanalyse unter Bäumen? Nicht ganz. Und irgendwie doch. "Die Kunst ist stärker als das Leben", hatte Wackerbarth die Tafel mit den Sprechzeiten überschrieben. Noch so ein Rätsel.
Horst Wackerbarth ist Fotograf. Seit Ende der siebziger Jahre reist er mit einem roten Sofa um die Welt. Durch Amerika zunächst, dann durch Europa, zuletzt durch Deutschland - und nun eben nach Goch. Was ihm seit langem vorschwebt, ist eine "Gallery of Mankind": eine Bildersammlung, für die am Ende fünfundzwanzigtausend Personen aller Kontinente und Kulturen auf dem Sofa Platz genommen haben werden, arrangiert jeweils vor ihrem Zuhause und ergänzt um Interviews mit den Porträtierten zu Fragen des Lebens. Etwa: Was ist Ihr größter Wunsch? Oder: Was ist das Schlimmste, das Sie je getan haben? Guten Gewissens darf man die Arbeit schon jetzt als ein Schlüsselwerk der Porträtkunst und vielleicht sogar der Soziologie bezeichnen.
Bitte, nehmen sie Platz!
So konzentriert auf einen engen Raum, einen Mikrokosmos geradezu, wie nun in Goch, einer Stadt mit gut dreißigtausend Einwohnern, hat Wackerbarth nie zuvor gearbeitet. Der Bürgermeister hatte ihn dazu eingeladen und zugleich versichert, keinen Einfluß auf die Auswahl der Personen zu nehmen. Kein offizielles Bild der Stadt sollte entstehen, sondern das subjektive Porträt eines Künstlers. Deshalb das Zelt, deshalb die Gesprächstermine. Daß man Wackerbarth auch nach etlichen Wochen noch jeden Morgen eine Thermoskanne Kaffee vor das Zelt stellte, daß die letzten Besucher noch spät in der Nacht bei Bier und härteren Getränken mit ihm auf dem Sofa plauderten und daß sonntags Familien einen Ausflug zu Wackerbarths Couch unternahmen, seinem "Basislager", war nicht allein den Versuchen geschuldet, sich in das Projekt zu drängen. Vielmehr schien hier die ganze Stadt den Anlaß zu nutzen, die eigene Position auszuloten - sich über die eigenen Bürger eine Identität zu schaffen.
Um so erstaunlicher ist das Ergebnis mit vierundzwanzig großformatigen Abzügen, die nun im neuen Rathaus hängen. So weit gefächert ist die Auswahl der Personen, daß die Serie weit über das Abbild Gochs hinaus zum authentischen Bild der deutschen Kleinstadt wurde - vielleicht Deutschlands überhaupt. Provinz: die scheint es nicht mehr zu geben. Vielmehr ist das Spektrum der Bevölkerung in Goch nicht weniger weit gefächert als in einer Großstadt - nur daß es von jeder Gruppe weniger Vertreter gibt. Wackerbarth hat sie alle gefunden.
Freddy Langer Jahrgang 1957, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.
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