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Veröffentlicht: 14.03.2013, 12:00 Uhr

St. Moritz Die große Mondsucht

Man kann die Nächte von St. Moritz auch in Bars verplempern. Schöner ist es, sie auf den Pisten zu verbringen. Vollmondabfahrten sind der Clou im Engadiner Winter.

von Volker Mehnert
© Engadin St. Moritz Mountains Nachtschwärmerei einmal anders: Mondandacht im Engadin

Die Pessimisten und die Spielverderber fahren mit Stirnlampen. Aber künstliches Licht braucht man hier nicht, es ruiniert höchstens die märchenhafte Stimmung. Denn der Vollmond wird in dieser Nacht die unumstrittene Hauptrolle spielen und in strahlender Hochform sein. Nachdem er jenseits von Pontresina über den Bergen aufgetaucht ist, erleuchtet er bis weit nach Mitternacht stundenlang die Diavolezza-Skipiste. Die Natur hat diesen Hang so ins Gebirge gelegt, dass die Lichtstrahlen des himmlischen Scheinwerfers auf jedem Buckel und in jeder Senke, hinter jeder Kurve und nach jeder Felsnase den Boden erreichen und die fünf Kilometer lange Abfahrt von oben bis unten vollständig ausleuchten. Häufig ist deshalb die Rede vom „irrsten Skierlebnis der Schweiz“, doch das trifft den Kern der Sache nicht. Das Skifahren bei Vollmond auf der Diavolezza ist nicht irre, nicht verrückt und schon gar nicht neumodisch cool. Es ist majestätisch, erhaben, grandios.

Zwar veranstalten auch andere alpine Skigebiete Vollmondabfahrten, doch die Nachtfahrt auf der Diavolezza gilt zu Recht als Klassiker, denn nirgendwo sonst findet man eine so lange Piste, die in den frühen Nachtstunden so vollkommen zum Licht des Vollmonds hin ausgerichtet ist wie hier. Und weil das Engadin durchschnittlich mehr als dreihundert wolkenlose Nächte zählt, sind die Chancen besonders groß, dass man an den fünf möglichen Terminen zwischen Dezember und April auch tatsächlich eine sternenklare Vollmondnacht erwischt, in der die Bergbahn ihre Gondeln zur Diavolezza hinaufschweben lässt.

Am Anfang verliert man die Balance

Glüna Plaina, rätoromanisch für Vollmond, nennen die Einheimischen den winterlichen Mondlichtzauber. Er beginnt schon an der Bergstation auf dem knapp dreitausend Meter hohen Gipfel der Diavolezza. Dort leuchten zum Greifen nah die verschneiten Bergmassive und die vergletscherten Abhänge von Piz Bernina, Piz Morteratsch, Crast’Agüzza, Piz Zupò, Bellavista und Piz Palü, als befänden sie sich im nachglühenden Flutlicht eines gigantischen Stadions. Schon bei Tag gilt das gebirgige Halbrund als „Festsaal der Alpen“, und im Licht des Vollmonds erscheint dieser prachtvolle Raum wie ein überdimensionaler Salon, den die Natur für ihre winterliche Ballsaison illuminiert hat. Unmittelbar gegenüber glänzt der Morteratschgletscher, auf dessen Rücken eine zehn Kilometer lange Tiefschneeroute ins Tal führt, die bei Freeridern in der Schweiz als Kultabfahrt gilt. Sie ist jedoch extrem steil und gefährlich, so dass sie bei Nacht keinesfalls befahren werden darf.

Ganz harmlos ist auch die nächtliche Abfahrt auf der Diavolezza nicht. Zwar wird die Piste am frühen Abend noch einmal hervorragend präpariert, aber weil der Vollmond eben doch nicht die Intensität eines Scheinwerfers besitzt, muss man sich erst einmal an die diffuse Beleuchtung gewöhnen. Man steht zunächst etwas wackelig auf den Skiern, sucht sein Gleichgewicht und muss den Blick auf die richtige Entfernung justieren. Am Anfang verliert man schon einmal für einen Augenblick die Balance, aber bald haben sich Augen und Gleichgewichtssinn den ungewohnten Lichtverhältnissen angepasst. Mit der Zeit erscheinen die Konturen der Landschaft fast wie am Tage, und auf der Piste sind die Skispuren, die Schneehäuflein und sogar das feine Rillenmuster der Pistenraupen deutlich zu erkennen. Die Umgebung besteht aus einer beinahe vollkommen weißen Landschaft, weil sich die Hänge hier nicht so steil, felsig und grau präsentieren wie anderswo in den Alpen. Elektrische Lichter sind während der Abfahrt nicht zu sehen. Die Bergstation verschwindet sofort hinter einer Anhöhe, und im Tal liegt kein Dorf und nicht einmal ein vereinzeltes Haus. Nur kurz blitzen zwischendurch die Scheinwerfer von zwei Pistenraupen auf, die im gegenüberliegenden Skigebiet Lagalp die Abfahrten planieren.

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