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St. Moritz Die große Mondsucht

 ·  Man kann die Nächte von St. Moritz auch in Bars verplempern. Schöner ist es, sie auf den Pisten zu verbringen. Vollmondabfahrten sind der Clou im Engadiner Winter.

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© Engadin St. Moritz Mountains Nachtschwärmerei einmal anders: Mondandacht im Engadin

Die Pessimisten und die Spielverderber fahren mit Stirnlampen. Aber künstliches Licht braucht man hier nicht, es ruiniert höchstens die märchenhafte Stimmung. Denn der Vollmond wird in dieser Nacht die unumstrittene Hauptrolle spielen und in strahlender Hochform sein. Nachdem er jenseits von Pontresina über den Bergen aufgetaucht ist, erleuchtet er bis weit nach Mitternacht stundenlang die Diavolezza-Skipiste. Die Natur hat diesen Hang so ins Gebirge gelegt, dass die Lichtstrahlen des himmlischen Scheinwerfers auf jedem Buckel und in jeder Senke, hinter jeder Kurve und nach jeder Felsnase den Boden erreichen und die fünf Kilometer lange Abfahrt von oben bis unten vollständig ausleuchten. Häufig ist deshalb die Rede vom „irrsten Skierlebnis der Schweiz“, doch das trifft den Kern der Sache nicht. Das Skifahren bei Vollmond auf der Diavolezza ist nicht irre, nicht verrückt und schon gar nicht neumodisch cool. Es ist majestätisch, erhaben, grandios.

Zwar veranstalten auch andere alpine Skigebiete Vollmondabfahrten, doch die Nachtfahrt auf der Diavolezza gilt zu Recht als Klassiker, denn nirgendwo sonst findet man eine so lange Piste, die in den frühen Nachtstunden so vollkommen zum Licht des Vollmonds hin ausgerichtet ist wie hier. Und weil das Engadin durchschnittlich mehr als dreihundert wolkenlose Nächte zählt, sind die Chancen besonders groß, dass man an den fünf möglichen Terminen zwischen Dezember und April auch tatsächlich eine sternenklare Vollmondnacht erwischt, in der die Bergbahn ihre Gondeln zur Diavolezza hinaufschweben lässt.

Am Anfang verliert man die Balance

Glüna Plaina, rätoromanisch für Vollmond, nennen die Einheimischen den winterlichen Mondlichtzauber. Er beginnt schon an der Bergstation auf dem knapp dreitausend Meter hohen Gipfel der Diavolezza. Dort leuchten zum Greifen nah die verschneiten Bergmassive und die vergletscherten Abhänge von Piz Bernina, Piz Morteratsch, Crast’Agüzza, Piz Zupò, Bellavista und Piz Palü, als befänden sie sich im nachglühenden Flutlicht eines gigantischen Stadions. Schon bei Tag gilt das gebirgige Halbrund als „Festsaal der Alpen“, und im Licht des Vollmonds erscheint dieser prachtvolle Raum wie ein überdimensionaler Salon, den die Natur für ihre winterliche Ballsaison illuminiert hat. Unmittelbar gegenüber glänzt der Morteratschgletscher, auf dessen Rücken eine zehn Kilometer lange Tiefschneeroute ins Tal führt, die bei Freeridern in der Schweiz als Kultabfahrt gilt. Sie ist jedoch extrem steil und gefährlich, so dass sie bei Nacht keinesfalls befahren werden darf.

Ganz harmlos ist auch die nächtliche Abfahrt auf der Diavolezza nicht. Zwar wird die Piste am frühen Abend noch einmal hervorragend präpariert, aber weil der Vollmond eben doch nicht die Intensität eines Scheinwerfers besitzt, muss man sich erst einmal an die diffuse Beleuchtung gewöhnen. Man steht zunächst etwas wackelig auf den Skiern, sucht sein Gleichgewicht und muss den Blick auf die richtige Entfernung justieren. Am Anfang verliert man schon einmal für einen Augenblick die Balance, aber bald haben sich Augen und Gleichgewichtssinn den ungewohnten Lichtverhältnissen angepasst. Mit der Zeit erscheinen die Konturen der Landschaft fast wie am Tage, und auf der Piste sind die Skispuren, die Schneehäuflein und sogar das feine Rillenmuster der Pistenraupen deutlich zu erkennen. Die Umgebung besteht aus einer beinahe vollkommen weißen Landschaft, weil sich die Hänge hier nicht so steil, felsig und grau präsentieren wie anderswo in den Alpen. Elektrische Lichter sind während der Abfahrt nicht zu sehen. Die Bergstation verschwindet sofort hinter einer Anhöhe, und im Tal liegt kein Dorf und nicht einmal ein vereinzeltes Haus. Nur kurz blitzen zwischendurch die Scheinwerfer von zwei Pistenraupen auf, die im gegenüberliegenden Skigebiet Lagalp die Abfahrten planieren.

Alpines Mondscheintheater mit Logenplatz

Der Schub der Skifahrer, die im Viertelstundentakt von der Kabinenbahn zur Bergstation transportiert werden, verliert sich schnell auf der Piste. Auf einmal ist man allein, ganz allein mit den Bergen, dem Schnee und dem Mond, der das Gebirge ausleuchtet. Es ist ein famoses Gleiten durch die erhellte Dunkelheit, fünfzehn bis zwanzig Minuten lang vom Gipfel bis zur Talstation. Eine Weile gibt man sich einfach dem nächtlichen Rhythmus der Schwünge hin und lauscht bloß auf das Knirschen der Skier. Man fährt mit dem eigenen Schatten um die Wette, der zeitweise vorausläuft, sich einen Augenblick lang auf gleicher Höhe hält und dann zurückbleibt, aber nur, um nach der nächsten Kurve abermals nach vorn zu huschen. Zwischendurch muss man immer wieder am Rande der Piste innehalten, um das Gebirgspanorama und den Sternenhimmel zu bewundern - gerührt und ein wenig erschreckt von so viel stiller Naturgewalt. Das Majestätische nimmt vorübergehend gespenstische Züge an.

Man wird mondsüchtig, will die Strecke immer noch einmal fahren, auch wenn das Restaurant auf dem Berg verführerisch mit seiner Wärme und einem heißen Süppchen lockt. Um elf Uhr abends allerdings ist der Gipfelmondschein für die meisten Skifahrer beendet, dann muss die letzte Abfahrt vor der anschließenden Pistenkontrolle stattfinden. Privilegiert sind nur diejenigen, die sich rechtzeitig ein Gästezimmer im Berghaus auf dem Gipfel der Diavolezza besorgt haben. Schlafen freilich werden sie kaum, sondern vermutlich die ganze Nacht über wach bleiben, um das alpine Mondscheintheater von ihrem nächtlichen Logenplatz auszukosten, bis der morgendliche Vorhang fällt.

Eine Nacht, die nie enden möge

Alle anderen könnten die Perspektive wechseln, den Festsaal der Alpen von unten erkunden und dafür zu einer mitternächtlichen Schneeschuhtour ins Morteratschtal aufbrechen. Hier verlieren sich schon nach wenigen Schritten sämtliche Zeichen von Zivilisation und Skibetrieb in der absoluten Einsamkeit und der Stille des winterlichen Gebirges. Die Wanderer stapfen zwischen Felsbrocken, die dekorative, vom Mond angestrahlte Schneehauben tragen, und dick verschneiten Nadelbäumen, die wie schweigsame Giganten auf dem Talboden verteilt sind. Schneekristalle glitzern wie Diamanten im Mondlicht. Natürlich dreht sich das Gespräch auch um den Sternenhimmel, um Orion und Jupiter, Sirius und Uranus, um die Pleijaden, den Großen Wagen und all die Sternbilder, die am winterlichen Firmament erscheinen. Am Ende des Tals läuft man direkt auf den riesigen, weißen Rücken des Piz Bernina und den Morteratschgletscher zu, der sich hier ins Tal wälzt. An der senkrecht aufragenden Abbruchkante des Eisstroms ist der weitere Weg versperrt. Die menschlichen Winzlinge stehen nun inmitten des Festsaals der Alpen, der von hier aus wie ein gigantisches Amphitheater wirkt und dessen steil aufragende, dick verschneite Ränge sich zweitausend Meter hoch über den Talboden erheben. Die Glüna Plaina verströmt auch an dieser Stelle all ihren Zauber.

Nicht jede Nacht steht der Vollmond am Himmel, aber im Skigebiet Corvatsch bei St. Moritz sorgt die „Snow Night“ regelmäßig für ein extravagantes nächtliches Ski-Erlebnis. Vier Kilometer lang ist die Piste Chastelets, die jeden Freitag mit Flutlicht ausgeleuchtet wird. Schon von weitem zeichnet sie sich deutlich auf der dunklen Bergkulisse ab: Der 3303 Meter hohe Corvatsch scheint in einer schmalen Schlangenlinie in Brand geraten zu sein; wie ein Lavafluss wälzt sich das leuchtende Band von der Mittelstation Murtèl hinunter ins Tal. Auf der Piste rutschen die Skifahrer durch einen Tunnel aus Lichtstrahlen bergab, gleiten wie Geisterfahrer durch die gespenstisch ausgeleuchtete Nacht. Die gesamte Umgebung bleibt ausgeblendet, jenseits des leuchtenden Bandes erscheint alles düster und undurchsichtig. Dafür sind selbst bei wolkenverhangenem Himmel die Buckel und die Skispuren auf der Piste bestens zu erkennen. Einkehrschwünge in mehreren geöffneten Hütten am Pistenrand bieten sich zwar an, doch viele Skifahrer können von dieser besonderen Abfahrt nicht lassen und wünschen sich, dass die Nacht nie enden möge. Aber spätestens um zwei Uhr morgens ist der Spaß vorbei, denn dann stellt die Seilbahn ihren Betrieb ein. Das Flutlicht wird abgeschaltet, und der Pistendienst scheucht auch den letzten Nachtschwärmer ins Tal.

Meisterhafte Streckenführung

Bis spät in die Nacht hinein geöffnet ist auch die Rodelbahn auf der Albula-Passstraße zwischen Preda und Bergün, die dort den Winter hindurch für Fahrzeuge gesperrt ist. Es ist kein Eiskanal für professionelle Rodelsportler, aber auch keine Wald- und Wiesenbahn für betuliche Familienausflüge oder feucht-fröhliche Rodelpartien, die nach ausgiebigem Hüttenaufenthalt in vielen Alpendörfern zur nächtlichen Wintergaudi dazugehören. Die sechs Kilometer lange Bahn mit ihrem Wechsel aus Serpentinen und langgestreckten Traversen ist steil genug für eine rasante Abfahrt, die Kraft und volle Konzentration erfordert. Die ursprüngliche Gewissheit, dass ein Schlitten kinderleicht zu beherrschen ist, erweist sich hier rasch als Irrtum. Schon in den ersten Kurven kommt das Gefährt ins Schlingern, präzise Lenkmanöver wollen nicht gelingen, und auf vereisten Abschnitten verliert man schnell die Kontrolle. Im Laufe des Abends jedoch wird man sicherer und natürlich auch schneller. Fahr- und Bremstechnik verbessern sich, aber unvorhergesehene Kurven machen immer wieder abrupte Manöver nötig. Und wer nicht aufpasst landet schnell im Schnee.

Die schwarzen Silhouetten der Bäume scheinen zwischendurch zum Leben zu erwachen und in einem wilden Rhythmus durcheinander zu tanzen. Manchmal fährt man ganz allein durch die verschneite Landschaft, dann taucht vorn plötzlich eine Gruppe langsamerer Rodler auf oder von hinten rast ein besonders schneller vorbei. Irgendwo zwischendurch, auf einer langen Geraden, ist eine Geschwindigkeitsanzeige installiert, und man kommt sich viel schneller vor als die aufleuchtenden dreißig bis fünfunddreißig Stundenkilometer.

Bei richtigem Timing wartet am Bahnhof von Bergün schon der halbstündig verkehrende Zug zurück nach Preda, und kaum jemand lässt die Gelegenheit aus, noch ein zweites, drittes, viertes Mal die Strecke herunter zu sausen. Auf manchen Abschnitten ist man auf das Mondlicht angewiesen, besonders scharfe Kurven aber werden ebenso mit Flutlicht beleuchtet wie die Eisenbahnviadukte aus Naturstein, unter denen die Rodelstrecke mehrfach hindurchführt. Vielleicht fährt auch gerade ein voll erleuchteter Zug der Rhätischen Bahn den Berg hinauf oder hinunter - auf jener meisterhaften Streckenführung, die von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Der technische Höhepunkt der Albulalinie, die 1904 eröffnet wurde, befindet sich genau zwischen Bergün und Preda. Die beiden Orte liegen in der Luftlinie nur fünf Kilometer auseinander, die Rodelstrecke überwindet die Distanz auf sechs Kilometern, aber für die Eisenbahn musste man dreizehn Kilometer Schienen verlegen.

Es wird still auf den Schienen

Höchst unsportlich und dennoch unvergesslich präsentiert die Rhätische Bahn die Glüna Plaina auf dem zweiten Abschnitt des Weltkulturerbes, der Berninalinie. Der Sonderzug fährt nach Sonnenuntergang von St. Moritz aus über den höchsten Punkt dieser Strecke bis zur Alp Grühm. Das ist schon an einem normalen Wintertag eine phantastische Fahrt durch Schneelandschaften und meterhohe Schneewände zu beiden Seiten des Schienenstrangs. Der Vollmond setzt dieser Kurverei die leuchtende Krone auf.

Anspannung und Aufregung der Fahrgäste scheinen hier größer als beim Skifahren und Rodeln, vermutlich weil sie sich nicht in der Bewegung und in der frischen Luft entladen können. „Wo ist er denn, der Vollmond, wann kommt er denn, wann werden die Lichter im Zug ausgeschaltet?“, lauten die ungeduldigen Fragen. Aber die Bahn weiß ihre Exkursion Schritt für Schritt zu inszenieren. Im engen Tal jenseits von St. Moritz und Pontresina ist der gerade aufgehende Mond sowieso erst einmal nicht zu sehen. Dann taucht er vielleicht für zwanzig Sekunden zwischen zwei Bergspitzen auf, nur um sofort wieder zu verschwinden. Die Stewardess serviert zum Trost ein Glas Prosecco. Die Vollmondnacht hat in diesen Minuten wenig Majestätisches an sich, denn der Mond scheint nur sporadisch und profan durchs Fenster auf die unruhige Schar der Fahrgäste, und man könnte ihn im Zweifel auch für einen Lampion halten.

Erst beim Aussteigen auf der Alp Grühm zeigt sich die nächtliche Schneelandschaft in ihrer vollen Pracht, hell ausgeleuchtet vom inzwischen höher stehenden Mond. Den Glanzpunkt aber hat sich die Bahn für die Rückfahrt aufgehoben, nachdem sie in der Bahnhofsgaststätte zunächst ein üppiges Fondue serviert hat. Bergab werden sämtliche Lichter im Waggon gelöscht, der Mond hat jetzt seinen höchsten Stand erreicht, und der Zug fährt eine Dreiviertelstunde lang durch eine verschneite Bergwelt, in der nur die Schienen von Zivilisation zeugen. Es wird still im Wagen, und sogar diejenigen, die beim Abendessen etwas zu viel Kirschwasser getrunken haben und nun möglicherweise zwei Vollmonde sehen, versinken in staunendem Schweigen. Kurz vor Pontresina zuckelt der Zug schließlich noch einmal an der nun verwaisten Diavolezzapiste vorüber, und unweigerlich regt sich der Drang nach weiteren Vollmondabfahrten auf Skiern. Denn sie sind einfach der absolute Clou der Engadiner Winternächte.

Nachts im Schnee rund um St. Moritz

Vollmondabfahrten auf der Diavolezza: am 25. März und 23. April.

Snow Night am Corvatsch: jeden Freitag von 19 bis 2 Uhr.

Nachtrodeln in Preda: Dienstag bis Sonntag von 18.45 bis 23.30 Uhr.

Sonderfahrten der Rhätischen Bahn: in diesem Jahr noch einmal am 26., 27. und 28. März.

Skilanglauf auf den Flutlicht-Loipen von Pontresina und St. Moritz Bad: jeden Abend möglich.

Schneeschuhtour „Sternenzelt“: jeden Mittwoch ab Pontresina.

Abend-Eislauf in der Arena Ludains: immer Mittwoch von 20 bis 22 Uhr.

Curling auf der Kunsteisbahn von Celerina: Dienstag von 19.30 bis 21.00 Uhr.

Informationen: Engadin St. Moritz, Telefon: 0041/81/8300001, www.engadin.stmoritz.ch; Schweiz Tourismus Frankfurt, Telefon: 00800/10020030 (kostenlos), www.myswitzerland.com.

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