19.03.2011 · Spanien ist schon immer ein Land der Schäfer gewesen. Doch seine Erde ist so karg, dass die Hirten mit ihren Herden Hunderte von Kilometern zu neuen Weiden wandern mussten. Transhumanz nennt man diese Kultur, die bis heute lebendig ist.
Von Georges HausemerZunächst schweigen die Lämmer tatsächlich. Zweihundert nervöse Tiere drängen sich in der engen Koppel, doch sie machen kaum einen Laut. Nur das leise Bimmeln der Glöckchen um ihren Hals ist zu hören, wenn die Merino-Schafe eine wie einstudiert wirkende Kreisbewegung vollführen, bei der die an den Rand des pelzigen Knäuels gedrängten Tiere unablässig zur Mitte streben. Wahrscheinlich sagt ihnen ihr Instinkt, dass die Außenposition in der freien Natur die gefährlichste ist. In dem Gehege am Ufer des Flüsschens Piqueras hingegen kann die schreckhafte Truppe sich in Sicherheit wähnen. Unentwegt streifen ein paar Mastino-Hunde um den Holzzaun, ebenfalls ohne einen Ton von sich zu geben und einstweilen auch noch ohne die eisernen Stachelhalsbänder, die ihre Kehlen vor dem tödlichen Wolfsbiss schützen sollen. Zudem sind vier Hirten in der Nähe. Auch sie verrichten ihre Arbeit ohne viele Worte. Erst als das Gatter geöffnet wird und die Tiere ins Freie strömen dürfen, ertönt aus Dutzenden von Kehlen ein vielstimmiges Mähen und Blöken. Gleichzeitig gibt der Oberhirte seine ersten Kommandos. Kurze, aufmunternde Pfiffe, ein dumpfes Gurgeln - sofort haben die Schafe verstanden. Auf Befehl schließen sie die Reihen und zockeln Rücken an Rücken, ständig fressend und deshalb mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von nur zwei Kilometern pro Stunde vorankommend, ihren gewohnten Pfad entlang.
Es ist ein Bild wie vor Tausenden von Jahren, eine Szene, wie sie sich schon im elften Jahrhundert vor Christus auf dem Gebiet des heutigen Andalusien abspielte, als dort die ersten Schafe und Ziegen gehalten wurden. Schon damals trieben die Einheimischen Wollhandel mit den Phöniziern. Es folgten die Keltiberer, die Römer, die Westgoten. Ihnen allen diente die Schaf- und Ziegenhaltung als Lebensgrundlage, und das Geschäft mit der Wolle war ihr wichtigster Wirtschaftszweig. Die Westgoten, so wird zumindest vermutet, führten dann jene Art von Viehhaltung ein, die bis heute praktiziert wird und die inzwischen immer mehr Touristen anzieht: die Transhumanz. So nennt sich, abgeleitet vom lateinischen "trans" für hinüber und "humus" für Boden, die halbnomadische Landwirtschaftsform, die in Afrika ebenso bekannt ist wie in der alpenländischen Almwirtschaft oder in Skandinavien und die nicht zufällig ausgerechnet in Spanien derzeit eine Renaissance erlebt.
Mit zweitausend Tieren auf der Schäferwalz
Dabei spielt die Wollgewinnung in der heutigen, von der EU massiv subventionierten Schafzucht kaum mehr eine Rolle. Auch der Markt für Lammfleisch ist eher schlecht. "Für ein vierundzwanzig Kilo wiegendes Lamm bekommt der Züchter nur noch knapp sechzig Euro", sagt Juan Francisco de Pablos, der bis vor kurzem noch zweimal jährlich mit seinem Hirtenfreund Florencio Salguero und annähernd zweitausend Tieren auf die Schäferwalz ging, mittlerweile aber nur noch ortsfeste Viehhaltung betreibt. Ende April, Anfang Mai, wenn die südlichen Winterweiden erschöpft waren, marschierten sie früher in fünf bis sechs Wochen siebenhundert Kilometer weit in den futterreichen Norden, von den vertrockneten Prärien der Extremadura quer durch die rauhe, unwirtliche, vielerorts wie ausgestorben wirkende Region Castilla y León bis zu den grünen Hängen in der Provinz Soria. Sobald auch dort das frische Gras abgefressen war und die Nächte in den kantabrischen Bergen zu kühl für die Merinos zu werden begannen, machten sich die beiden Schäfer auf den Rückweg, stets am ersten Oktoberwochenende. Dann findet in der Venta de Piqueras unweit des Dorfes Lumbreras die alljährliche Fiesta de la Trashumancia statt. Es wird Hirtenkost serviert, Hirtenmusik gespielt, man tanzt, trinkt und singt die alten Lieder über die wetterfesten Männer, die wochenlang einsam mit ihrer Herde umherziehen, ihr Leben in der freien Natur aber niemals für die Liebe einer Frau hergeben würden.
Die Wirklichkeit der Wanderschäfer entsprach zu keiner Zeit dem idealisierenden Idyll, das seit der Antike Dichter, Maler und Komponisten in poetische Hochstimmung versetzte. Vor allem in Spanien, wo im fünfzehnten Jahrhundert unter den katholischen Königen Fernando und Isabella dreieinhalb Millionen Schafe gezählt wurden und bis heute knapp ein Viertel aller europäischen Schafe und Ziegen beheimatet sind, genossen bukolische Lyrik, pastorale Malerei, arkadische Gesänge, Schäferromane, Hirtendramen, Hirtenmärchen und Schäferopern höchstes Ansehen. Jorge de Montemayor schrieb 1558 mit "Los siete libros de la Diana" den kastilischen Schäferroman par excellence, und sogar Miguel de Cervantes ließ sich von dem erfolgsträchtigen Genre inspirieren. Nicht nur sein Erstlingswerk "La Galatea", das 1585 erschien, erzählt eine Schäfergeschichte. Auch im "Don Quijote" kommen immer wieder Hirtenmotive vor.
Dank sei dem weisen König
Während des "Goldenen Zeitalters" war Spanien mit Abstand der wichtigste Lieferant von Schafswolle in Europa. Die Exportzölle brachten dem kastilischen Königshaus lange Zeit die höchsten Einnahmen. Dieser Umstand erklärt, weshalb Züchter und Hirten nicht nur eine herausragende Rolle in der damaligen Gesellschaft spielten, sondern ihre Rechte auch den besonderen Schutz der Krone genossen. So war der Honrado Concejo de la Mesta, die kastilische Züchtervereinigung, 1273 auf Veranlassung von König AlfonsoX., dem Weisen, gegründet worden. Ihre Aufgabe bestand darin, die jahreszeitlichen Wanderungen zwischen den Winterweiden und den Sommerweiden zu organisieren. Zudem schützte die zunftähnliche Organisation ihre Mitglieder vor Wegegeldern und kümmerte sich darum, die Cañadas reales, die Triftwege samt Viehtränken, Schutzhütten, Waschhäusern, Lagern und sonstigen Gebäuden entlang der Strecken, zu überwachen und instand zu halten. Das Adjektiv "real", königlich, erhielten diesen Routen, als AlfonsoX. die fünfundsiebzig Meter breiten Wege unter seinen persönlichen Schutz stellte und den Schäfern weitere Privilegien für ihre Weideplätze sowie Wasser- und Durchzugsrechte gewährte.
Nach der Reconquista, der Wiedereroberung der arabisch beherrschten Gebiete Spaniens durch die Christen, dehnte sich das Cañadas-Netz immer weiter aus. Erst Ende des achtzehnten Jahrhunderts, als aus England und später aus Nordamerika massiv Baumwolle importiert wurde, und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, als viele Weiden für die schnell wachsende Bevölkerung in Ackerland umgewandelt werden mussten, geriet diese Entwicklung ins Stocken. Auch die Mesta verlor zunehmend an Einfluss, 1836 wurde sie aufgelöst. Immer mehr Landbesitzer, vor allem die katholischen Klöster, lehnten sich gegen die Benutzung ihrer Weidegründe durch transhumante Viehhalter auf. So gerieten die Schafzüchter, ihre speziell für die Wanderungen engagierten Hirten und deren Lebensstil allmählich ins Abseits.
Die Renaissance der Transhumanz
Acht Hauptrouten und zahlreiche Nebenstrecken bilden bis heute das hundertfünfundzwanzigtausend Kilometer lange Wegenetz. Wie ein Adergeflecht durchziehen die Triftwege das gesamte Land und machen dabei selbst vor Stein, Beton und Asphalt nicht halt. Sogar durch Madrid treiben die Hirten an jedem letzten Sonntag im Oktober ihre Trecks, mitten durch die Innenstadt, über die Calle Mayor zur Puerta del Sol und weiter die Calle de Alcalá hinauf. Dieses Spektakel sorgt nicht nur für ratloses Staunen bei vielen Passanten, sondern verschafft der Transhumanz auch mediale Aufmerksamkeit.
Solche Werbung hält Jesús Garzón für dringend nötig. Spaniens bekanntester Umweltschützer, gleichzeitig einer der weltweit führenden Experten für bedrohte Tier- und Pflanzenarten, begleitet gelegentlich Besuchergruppen auf ihrer Schafsrallye. Zwar haben er und einige ökologisch gesinnte Mitstreiter den Transhumanz-Gedanken schon 1992 wiederentdeckt und zu neuem Leben erweckt. Doch auch fast zwei Jahrzehnte später ist der Erhalt dieser jahrtausendealten Tradition längst nicht gesichert. Dabei galt Garzóns Streben anfangs gar nicht so sehr der Pflege eines historisch-kulturellen Erbes. Vielmehr ging und geht es ihm und seinen Mitarbeitern von der Asociación Trashumancia y Naturaleza vor allem um den Erhalt des Naturraums, den die Wanderhirten nutzen.
Schafe sind ein Segen für die Artenvielfalt
Der liegt ausgerechnet in einem Land, in dem Umweltschutz immer noch arg vernachlässigt wird und das gleichzeitig wie kaum ein zweites in Europa von den Folgen des Klimawandels betroffen ist. Wasserknappheit, Temperaturanstieg, Bodenerosion, Waldbrände, Artensterben - all das, davon sind Jesús Garzón und seine Leute überzeugt, lässt sich mit der Rückbesinnung auf die Wanderschäferei verhindern, dank einer nachhaltigen Nutzung des Territoriums, der Wahrung der biologischen Vielfalt und dem Erhalt der ländlichen Regionen. Die konsequente Wiederaufnahme der jahreszeitlichen Migration wird nach Ansicht der Naturschützer sowohl den Tieren als auch den Pflanzen, die mit den regelmäßig durchziehenden Herden in Berührung kommen, in Zukunft erlauben, sich den neuen klimatischen Bedingungen schneller und besser anzupassen. Zudem beugt die periodische Weidewirtschaft der Verbuschung und damit der zunehmenden Waldbrandgefahr vor und sorgt für eine natürliche Düngung. Eintausend Schafe hinterlassen laut Garzón täglich drei Tonnen Dünger auf dem Boden mit etwa fünf Millionen Samenkörnern, von denen sich mehr als dreißig Prozent entwickeln. Da ist es kein Wunder, dass die spanischen Viehwege inzwischen zu den artenreichsten Gebieten auf dem europäischen Kontinent gehören.
Ein ganz besonderer Coup gelang den Cañadas-Fürsprechern, als sie das Nationalparlament davon überzeugen konnten, das 1273 „auf ewig“ garantierte königliche Wegerecht in modernes spanisches Recht aufzunehmen. Das am 23. März 1995 verabschiedete Gesetz bezeichnet die alten Triftwege ausdrücklich als „ökologische Korridore“, die sich allesamt in öffentlichem Besitz befinden, und verpflichtet die Behörden, in Zukunft neue Triften anzulegen, falls eines Tages wieder mehr Hirten mit ihren Tieren auf Wanderschaft gehen möchten, auch wenn immer neue Straßen, Gebäude, Mülldeponien, Industrie- und Handelsgebiete ihnen den Weg versperren und nach wie vor zahlreiche administrative Hürden ihnen das Leben in der freien Natur erschweren.
In der Welthauptstadt des Lammbratens
Langsam entwickelt sich auch ein Transhumanz-Tourismus. Man kann sich zum Beispiel im Dokumentationszentrum von Venta de Piqueras für eine Hirtenwanderung auf der königlich-sorianischen Westtangente anmelden. Es ist die längste Cañada, die ihren Anfang im gebirgigen Süden der Rioja nimmt und auf achthundert Kilometern Länge quer durch das nur spärlich bevölkerte Altkastilien, über die blumenübersäten Wiesen und goldgelben Felder der Extremadura bis in die andalusische Provinz Sevilla führt. An und auf dieser Route liegen neben vielen leeren Dörfern, stummen Burgruinen und ehrwürdigen Städten wie Segovia und Ávila - beides ehemalige Zentren der wollverarbeitenden Industrie - zahllose kaum bekannte Attraktionen. Man kommt in Orte wie Calatañazor, Burgo de Osma und Pedraza, die im Mittelalter ebenfalls eng mit dem Woll- und Tuchhandel verbunden waren, oder nach Sepúlveda am Río Duratón, das sich selbst voller Stolz als „Welthauptstadt des Lammbratens“ bezeichnet.
Etwas ganz Besonderes ist auch der winzige Weiler Cabanillas del Monte, in dem nur ein paar Dutzend Einwohner leben. Hier hat die letzte authentische Casa de esquileo überlebt. Der Besitzer dieses Mitte des achtzehnten Jahrhunderts erbauten, kürzlich umfassend renovierten Schurhauses mit angeschlossenem Waschhaus heißt Rodrigo Peñalosa und ist Großgrundbesitzer aus lokalem Adelsgeschlecht. Entsprechende Allüren sind dem hohen Herren allerdings fremd. Viel lieber überrascht er seine Gäste mit jovialem Mitteilungsdrang, der keine Frage über den einstigen Zweck und die heutige Bestimmung des beeindruckenden Gebäudes unbeantwortet lässt. Genau hundert Scherer waren hier gleichzeitig tätig, und zwar fünfundzwanzig in jeweils vier Reihen. Und damit die Tiere mit gebührender Sorgfalt behandelt wurden, durfte jeder Scherer täglich maximal achtzehn Schafe von ihrem Wollkleid befreien. Was die rätselhaften Inschriften, Zeichen und Zeichnungen an den Wänden des Schurhauses bedeuten und wieso auf der ersten Etage in einer Maueröffnung eine kleine Kapelle eingerichtet ist, dazu bedarf es ausführlicherer Erklärungen.
Ein Kunstwerk für die Halbnomaden
Ihnen lauschen die Reisenden auf den Spuren der Transhumanz genauso aufmerksam wie den Erläuterungen, die ihnen in einem Dörfchen in der Extremadura, am Ziel ihrer Schafswanderung, gegeben werden. Inmitten einer hügeligen, von zahllosen Granitsteinen gesprenkelten, locker mit Kork- und Steineichen bestückten und von den berühmten Pata-Negra-Schweinen bevölkerten Landschaft liegt Malpartida de Cáceres. Am Ortsrand hat der deutsche Happening- und Fluxus-Künstler Wolf Vostell, den die Liebe zu seiner Frau Mercedes Guardado Olivenza in diese entlegenste Region Spaniens verschlug, ein Museum für seine eigene und andere moderne Kunst errichten lassen. Mit extensiver Viehwirtschaft bringt man die massiven Gebäude auf dem weitläufigen Gelände im ersten Moment eher nicht in Verbindung. Doch es gibt auch hier mehr als nur einen Bezug zur Transhumanz. Das Hauptgebäude des Museums ist eine frühere Wollwaschanlage. Hier wurde die Wolle gereinigt, gewogen, gelagert und der Export des kostbaren Rohstoffs über die Häfen der Biscaya nach Frankreich, Flandern, England und Italien organisiert. Zwischen 1988 und 1993 schuf Vostell in den geschichtsträchtigen Mauern ein vierteiliges Kunstwerk, das den Titel „Trashumancia“ trägt. Die großformatige Arbeit, bestehend aus wüsten Assemblagen von Fernsehern, Radioapparaten, Bildschirmen, Holzstücken, Eisenschrott, Stierhörnern und zerknülltem Blech, die mit allerlei Zeichnungen und Gemälden kombiniert sind, versteht sich als Kritik an modernen, jedes menschliche Maß missachtenden Fortbewegungsmitteln. Der Wanderer, der es zuvor wagte, und sei es nur für ein paar Stunden, sein Tempo den Trippelschritten nimmersatter Merino-Schafe anzupassen, wird diese Botschaft sofort begreifen.