18.05.2006 · Vor hundert Jahren wurde der Simplontunnel eröfnet. Den Zeitgnossen war er mehr als bloß ein Meisterwerk der Ingenieurkunst. Pathetisch feierten sie ihn als eine neue, „den Welthandel und Weltverkehr fördernde Verbindung von Abendland und Morgenland“.
Von Volker MehnertDer Zug fährt unbegreiflich lange durch diesen Tunnel. Gleichzeitig wird er immer schneller. "Mit Sterngeschwindigkeit", so scheint es, rast er in eine unterirdische Welt aus Stein hinein. Weder die Schweizer Fahrgäste noch der Zugführer können sich diese kafkaeske Höllenfahrt erklären. Nur ein englischer Tourist läßt sich von all- dem nicht beunruhigen; er tippt freudestrahlend an die Scheibe des Waggons und äußert das beruhigende Wörtchen: "Simplon".
Dies ist Friedrich Dürrenmatts literarische Hommage an einen Tunnel, der bei seiner Fertigstellung 1906 eine gewaltige Euphorie hervorrief: "Der Simplontunnel", so schrieb damals eine Schweizer Zeitung, "ist ein Triumph des Genies der Technik, er ist ein Triumph auch des nimmer rastenden, nach dem Höchsten strebenden Menschengeistes, ein Triumph endlich der Energie, des Wagemutes, der zähen Ausdauer, Unerschrockenheit und nicht zuletzt der staunenswerten Arbeitskraft.
Die Idee des Simplontunnels liegt in dem natürlichen, im heutigen gewaltigen Weltverkehr und Interessenkampfe begründeten Wunsche einer Verbindung der Völkerschaft diesseits der Alpen und jenseits des Jura mit den fruchtbaren Gefilden Italiens und von dort hinaus über die Meere: in dem Wunsche einer neuen, den Welthandel und Weltverkehr fördernden Verbindung von Abendland und Morgenland." Die Vorausschau mag der Zeit gemäß ein wenig überschwenglich geraten sein, aber auch im Rückblick bleibt der knapp zwanzig Kilometer lange Tunnel ein technisches und verkehrspolitisches Meisterwerk. Am 19. Mai feiern die Schweiz und Italien den hundertsten Jahrestag seiner Eröffnung.
Die Arbeit von acht Jahren
Der Simplontunnel war nicht der erste große Durchstich durch ein Alpenmassiv - der zwölf Kilometer lange Frejustunnel wurde bereits 1871 eröffnet, der fünfzehn Kilometer lange Gotthardtunnel 1882 -, doch der Simplon sollte der längste und bis heute auch der zukunftsträchtigste der ersten großen Alpentunnel bleiben. Beinahe unüberwindliche Hindernisse freilich begleiteten seine Entstehung. Schon der Baubeginn verzögerte sich wegen finanzieller Schwierigkeiten um Jahrzehnte.
1878 wurde das Projekt auf der Weltausstellung in Paris vorgestellt, erst 1898 erfolgte der erste Spatenstich. Obwohl an beiden Tunnelenden jeweils fünfhundert Arbeiter durchgehend in drei Schichten bohrten, sprengten und schaufelten, brauchten sie acht Jahre für die knapp zwanzig Kilometer lange Röhre. Zum Betrieb der hydraulischen Drehbohrmaschinen, die hier zum ersten Mal zum Einsatz kamen, mußten sie einen vier Kilometer langen Kanal graben, der das Wasser der Rhone umleitete. Weil die Gebirgsdecke über dem Tunnel mehr als zweitausend Meter dick ist, traten in der Baustelle zeitweise Temperaturen von mehr als fünfzig Grad auf. Parallelstollen zur Kühlung mußten gegraben werden, schließlich baute man sogar eine Eisfabrik, von der aus Kühlwaggons in die Lüftungsstollen einfuhren.
Die größte Schwierigkeit bereitete eine Zone mit Überdruck, die den gesamten Bau in Gefahr brachte. Trotz massiver Holz- und Stahlrahmen brach der Berg an dieser Stelle immer wieder in sich zusammen. Erst durch eine gemauerte Ausschalung, die nur Zentimeter für Zentimeter voranschreiten konnte, ließ sich der Abschnitt schließlich sichern. Für diese 42 Meter allein brauchte man sieben Monate. Um so verständlicher war dann der Jubel bei der Fertigstellung des Bauwerks: "Wenn die Erde in ihren Grundfesten erschüttert wird, geht ein Beben durch die ganze Menschheit. Ein solches Ereignis ist der Durchstich des Simplonmassivs, an dessen Möglichkeit mehr denn einmal in den letzten Jahren gezweifelt worden ist."
Ein Werk für zwei Jahrhhunderte
Im Jahr 1922 wurde eine zweite, parallel verlaufende Tunnelröhre eröffnet, die den doppelgleisigen Eisenbahnverkehr erlaubte. Nun ging auch der Traum einer Verbindung zwischen Abendland und Morgenland in Erfüllung - zumindest für die Reisenden im legendären Orient-Expreß, der auf seiner Fahrt von Paris nach Istanbul den Tunnel durchquerte. Inzwischen fahren jeden Tag etwa hundert Züge durch die beiden Tunnelröhren. Und es sollen demnächst noch mehr werden: Denn der Simplon mag im Vergleich zum Gotthard beim ersten Jahrhundertwettkampf zu spät gekommen sein, für den zweiten historischen Wettlauf, der gegenwärtig stattfindet, hat er bereits den entscheidenden Vorsprung herausgeholt.
Während die östliche Alpentransversale, der vollkommen neue Basistunnel unter dem Gotthard, erst im nächsten Jahrzehnt fertiggestellt wird, wurde der Simplontunnel schon im ersten Anlauf als Basistunnel ohne kurvenreiche Zufahrten geplant und gebaut. Er ist deshalb auch für höhere Geschwindigkeiten geeignet und stellt jetzt trotz seines Alters ein wichtiges Glied der westlichen Alpentransversale dar, die im kommenden Jahr mit der Eröffnung des Lötschberg-Basistunnels in Betrieb gehen wird. Sie soll die Fahrzeit zwischen Basel und Domodossola um mehr als eine Stunde verringern. Der Simplontunnel wird somit ein zweites Mal zum Meilenstein im "gewaltigen Weltverkehr": ein Zweijahrhundertwerk.