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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Segantini-Hütte Ein Blick wie gemalt

 ·  Die Segantini-Hütte steht auf einer steilen Kuppe, bis zuletzt sieht man sie nicht, aber Wanderer können sie riechen. Susanne Bonaca hat auf ein Stühlchen vor die Hütte einen frisch aus dem Ofen gezogenen Zwetschgenkuchen gestellt, zum Auskühlen.

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Die Segantini-Hütte steht auf einer steilen Kuppe, bis zuletzt sieht man sie nicht, aber Wanderer können sie riechen. Susanne Bonaca hat auf ein Stühlchen vor die Hütte einen frisch aus dem Ofen gezogenen Zwetschgenkuchen gestellt, zum Auskühlen. Nun riecht es auf 2731 Metern wie vor einer Bäckerei. Es dauert nur ein paar Wanderer lang, und das Kuchenblech ist leer.

Mit vollem Bauch wandert es sich nicht gut, und so sitzen die Besucher dösig vor der Hütte in der Sonne, schauen in die Ferne und in die Tiefe und auf die Tafel direkt vor ihrer Nase. Man könne nicht aus jedem Bergsteiger einen Kulturfreund machen, sagt Susanne Bonaca, aber es schade nichts, "wenn Wanderer Kultur mit auf den Weg bekommen". So hat sie vor der Hütte eine Informationstafel zum Leben und natürlich zum Sterben Segantinis aufgestellt. Denn der Namensgeber dieser Hütte war nicht, wie sonst üblich, ein Bergpionier, sondern der schon zu Lebzeiten berühmte Maler Giovanni Segantini, geboren 1858 in Arco, damals zu Österreich gehörend. Gestorben ist er 1899 hier, in dieser Hütte, auf dem Schafberg über Pontresina im Engadin.

Den Maler zog's in Gebirg'


Segantini wuchs in Mailand auf, als Maler zog es ihn ins Gebirge; von 1894 an lebte er in Maloja, im hintersten Ende des Engadins. Der Eskapist kam zu Ruhm, 1900 wollte er für die Pariser Weltausstellung ein Engadiner Rundpanorama beisteuern, doch das Vorhaben scheiterte am Geld. Also schuf Segantini etwas unwesentlich Kleineres, es wurde sein Meisterwerk: "Werden - Sein - Vergehen". Eigens für dieses großformatige Alpentriptychon, ursprünglich "La vita, la natura, la morte" genannt, wurde in St. Moritz kurz nach Segantinis Tod ein Museum gebaut.

Segantini malte in der Natur. Das Triptychon zeigt im ersten Teil die Landschaft von Soglio im Bergell, im letzten, dem winterlichen Sterbebild, den verschneiten Malojapaß. Den Mittelteil aber, der das Leben, die Gegenwart feiert, malte er auf dem Schafberg. Die Sonne ist gerade untergegangen, schickt ihre Strahlen in einen gleißenden Himmel, im Vordergrund treiben ein Hirte und eine Magd Vieh nach Hause, den tiefen Horizont bilden die Berge des Oberengadins. Es sind großartige Berge, allen voran die weiße Berninagruppe. Von diesem Blick konnte Segantini sich möglicherweise zu lange nicht lösen. Er harrte aus in seiner einsamen Malerhütte. Schließlich konnte ihm auch der Freund und Arzt nicht mehr helfen, der den beschwerlichen Weg dort hinauf auf sich nahm. Giovanni Segantini starb an einer Bauchfellentzündung.

Der Traum von der eigenen Hütte


Susanne Bonaca und ihr Mann Angelo Baggenstos träumten seit Jahren davon, eine Hütte zu bewirtschaften. Die gelernte Hotelfachfrau lernte im berühmten Silser Waldhaus, ihr Mann ist Wanderführer und Skilehrer. Sie wirbelt durch die Küche, er bringt Ruhe in den Ausschank. Der "ultimative Kick, bevor wir Großeltern werden", sei die Arbeit auf der Segantini-Hütte, sagen die beiden Endvierziger. Für Mondsüchtige organisieren sie abendliche Touren, doch übernachten können hier oben nur die Wirtsleute selbst, im "schönsten Schlafzimmer des Engadins". Schön, weil der Blick aus der kleinen Kammer der nämliche ist.

Segantinis Bilder leuchteten von innen heraus, betont die Kuratorin im Museum. Das ist nun so ein Satz. Doch wenn man das Glück hat, an einem schönen Morgen in dem Kuppelbau zu sitzen, und mit der einfallenden Sonne der Himmel hinter den gemalten Gebirgen zu strahlen beginnt, dann begreift man zumindest, daß Segantini ein gewiefter Techniker war. Und daß er viel Zeit, viele Morgen und viele Abende im Freien, darauf verwendet hatte, die Berge und ihre Lichtstimmungen genau zu studieren. Eben auch in seiner Hütte auf dem Schafberg.

Was ist nun schöner?

Die Segantini-Hütte erreicht man nur nach einer mehrstündigen Wanderung. Und so begnügen sich viele mit dem Blick von Muottas Muragl (das Rumantsch-Wort wird Murai gesprochen). Dort hinauf wurde 1905 eine Standseilbahn gebaut, unglaublich steil. Ein paar Jahre früher, wer weiß, und Segantini wäre gerettet worden. Die Tischreihe am Fenster des Ausflugsrestaurants ist meist ausgebucht. Es lohnt sich, zwischen jedem einzelnen Menü-Gang auf die Terrasse hinauszutreten. Im Gegenlicht ragen die St. Moritzer Berge wie mit der Zackenschere ausgeschnitten in den Himmel. Die Engadiner Seen reihen sich im Talgrund auf wie Delikatessenteller auf einem Buffet. Und links im Blickfeld errötet die Bernina.

Es wäre eine philosophische Frage, was denn nun schöner ist - der Blick von hier oben in die Natur oder Segantinis künstlerische Umsetzung genau dieses Blickes. Glücklicherweise gibt es für die Beantwortung von derlei Fragen Rat bei einem weiteren Dauerlogier-Gast im Oberengadin: Es genügt eine Wanderung nach Sils Maria, ins Nietzsche-Haus.


Segantini-Hütte im Sommer bewirtschaftet, keine Schlafplätze. Telefon: 0041 / (0)796813537. Der Segantini-Teller mit Bündnerfleisch, Speck, Salsiz und Bio-Engadiner Käse kostet 24 Franken oder 16 Euro. www.stmoritz.ch. Eine gut zweistündige Wanderung führt von der Bergstation Muottas Muragl, www.muottasmuragl.ch, zur Segantini-Hütte. Nach einer weiteren Stunde kommt man zur Bergstation des Sesselliftes Alp Languard über Pontresina, www.schafberg.ch.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.09.2004, Nr. 210 / Seite R4
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