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Schweizer Inntal Hoch in den Bergen, weit von hier

26.12.2011 ·  Leben im XXL-Wollpullover oder: Warum es einer Familie guttun kann, abends in einer Stube zusammenzusitzen. Ein Winterurlaub auf einem Biobauernhof im Unterengadin.

Von Kristin Rübesamen
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© INTERFOTO Aussicht: die Kirche von Sent vor dem Piz Lischana

Manche Leute benutzen ihre Ferien, um sich zu erholen. Sie wollen zur Ruhe kommen, vielleicht etwas Wesentliches über sich herausfinden, einen neuen Rotwein probieren. Im Winter suchen sie die Ruhe im Schnee, das Wesentliche im Whirlpool und Erdung auf den roten Läufern, die von der Stiefelkammer in die alte Stube führen. So scheußlich können Strohgestecke gar nicht sein, dass sie nicht doch Reflexe von jener Gemütlichkeit auslösen, die uns Jahr für Jahr in die Alpen lockt.

Wir nicht. Wir fahren, mit unterschiedlich großer Begeisterung, auf einen Bio-Demeter-Bauernhof im Unterengadin, geheizt durch Sonnenkollektoren, mit eigener Quelle, die ganz harte Nummer. Auf der Webpage stand: „Wir leben mit vielen Tieren“. Ich solle mir keinen Streichelzoo erwarten, hatte die Bäuerin am Telefon gewarnt, als ich, um miteinander warm zu werden, gesagt habe, wie gerne auch wir mit Tieren leben würden im Prinzip. Uns erwarten Fleischschafe und Engadinerschafe, Kühe, Schweine, Esel, Hühner, Ziegen, Enten, Katzen und ein Hund. Und natürlich das Bauernpaar, das über vielfältige Fähigkeiten verfügt, die von Futterbau, Buchhaltung, Webdesign, Gleitschirmfliegen, Stallarbeit, Alpung bis zur rätselhaften Qualifikation in „Präparate“ reicht.

Zauber der rosa Spätnachmittagssonne

Weit hinter Scuol fahren wir die letzten Kilometer auf einer Privatstraße, die sich mühsam den Berg hinaufschraubt. Immer wieder war von Schneeverhältnissen zu lesen, bei denen Abfahrten von und zum Bauernhof möglich seien. Wenn der Schnee nicht reicht, sparen wir den Skipass, scherze ich und versuche, die Neugier der Kinder für den Unterschied zwischen Schafen und Fleischschafen zu wecken.

Erst mal stehen wir aber vor einer abschüssigen, gelben Eisrutsche, an deren oberem Ende ein heller Neubau steht. Nicht gerade „Schellen-Ursli“, aber hübsch im Zauber der rosa Spätnachmittagssonne. Die Bäuerin hat wenig Zeit, schickt dann doch den Sohn, so dass wir unsere Koffer auf Schlitten über die gefrorene Kuhpisse, die wir Städter sofort als solche erkennen, hinaufziehen können. Oben angekommen, steht sie vor uns, schultert den schweren Rollkoffer und geht eine steile Treppe hinauf in die Ferienwohnung. „Wiegt auch nicht mehr als ein Futtersack“, sagt sie. Sie zeigt uns die beiden Schlafkammern, sauber, schlicht, mit gutem Leselicht. Ich tippe auf zehn Grad. In der Stube ist es dagegen so warm, dass wir die Pullover ausziehen.

Nur, wie lange noch? Der Ofen ist warm, aber es ist keine Glut zu sehen. Der Bauer muss kommen, um zu zeigen, wie man Feuer macht. In einer Kiste stecken Scheite, dünn, dick, schmal, lang und breit, alles mit System. „Toll, das haben Sie selber gemacht?“ Der Bauer, ein großer Mann mit sehr weißen Zähnen, spart sich eine Antwort, mit Recht. In den Schlafkammern und im Badezimmer habe ich vielversprechende Heizkörper entdeckt, an denen ich in alle Richtungen drehe. „Heute hat die Sonne geschienen“, sagt der Bauer. „Aber wärmer wird es nicht.“ Er zieht die Zähne zu einem kleinen Lächeln auseinander, von dem ich nicht weiß, lacht er über uns oder darüber, dass er rechtzeitig auf Solarenergie umgesattelt hat. Gerade ist mir egal, dass wir durch Verfeuerung fossiler Brennstoffe Kohlendioxid freisetzen.

Vielleicht hätte ich die Informationen zur Nachhaltigkeit doch zu Ende lesen sollen, als die Rede auf ein „Photovoltaikprojekt“ auf dem Stalldach kam, dessen Finanzierung noch nicht gesichert sei, und ob man investieren wolle. Unseren Müll, und zwar absolut jeden, müssten wir eigenhändig ins nächste Dorf bringen, egal wie die Schneeverhältnisse seien. Aber wer will sich schon mit Details der Kläranlage beschäftigen, wenn zur selben Zeit die Gäste im Tal einen Lemongrasaufguss in der Almdorf-Sauna mit Bodensprudeleffekt und Kristalllagune bekommen, vor ihrem Apéro und dem Safranmenü mit Weinbegleitung? Haben wir nicht mehr Spaß, mit unserer sensationellen Aussicht auf den Nationalpark? Und wird die Sicht nicht noch beeindruckender, wenn im Speckstein-Speicherofen hinter uns die Flammen knallen?

Was ist mit W-Lan?

Der Bauer möchte gehen. Was ist mit W-Lan? „Wir wollen keine Strahlung hier.“ Er trägt einen Häkelpullunder und hat sich mir zuliebe als Dries-van-Noten-Modell verkleidet. Seine Hände hängen nutzlos herunter, ungeduldig. Mir ist klar, dass wir jeder unsere Rolle spielen. Er: der hartgesottene Ökobauer, der für Artenvielfalt, saubere Energie, Korallenriffs, den Planeten kämpft. Ich: die Vertreterin der globalen Welt von Vielfliegern, Parship- und Luxusschlampen, deren Anspruch auf höheren Lebensstandard die Gletscher schmelzen lässt.

Dabei will ich nicht den Planeten aufheizen, nur das Bad. „Kann ich mir die Haare waschen“, fragt eine Tochter besorgt. Ich erinnere mich dunkel, dass es einen großen Tank gibt, den man zur Not auch mit Holz heizen kann. „Wir duschen doch auch“, sagt der Bauer, und diesmal hat das „wir“ etwas Tröstliches.

Wie aus dem „Schellen-Ursli“

Schnell rennen wir mit dem letzten Tageslicht rutschend nach Sent hinunter, um etwas zu essen zu kaufen, und natürlich Ovomaltine. Doch im „Volg“ wird schon zusammengekehrt. Es ist eine Minute nach halb sieben. Wir sehen durch das Fenster auf die eingeschweißten Tomaten, die Fertigspätzle, den Stand mit den Postkarten. Wie sie wohl hier gewählt haben in der Schwarzenbach-Initiative, jener sogenannten Überfremdungsinitiative 1970, die eine Begrenzung des ausländischen Bevölkerungsteils in der Schweiz zum Ziel hatte? 46 Prozent Ja-Stimmen, die müssen ja auch irgendwo wohnen.

Wir gehen an wunderschönen Häusern aus dem 16. Jahrhundert vorbei, die bedeutungsvolle Wandmalereien tragen und sicher in vielerlei Hinsicht markante Details aufweisen, nur fehlt uns dazu gerade die Muße. Wir sehen Brunnen, aus denen Mineralwasser fließt, einen Dorfplatz, bezaubernd, endlich wie aus dem „Schellen-Ursli“. Das Fenster einer sauber ausgefegten Lateria, in der andere Leute heute Käse einkaufen konnten, ist stolz erleuchtet. Was für eine Stromverschwendung, denkt man unweigerlich.

Wieder zu Hause essen wir Nudeln wie in Deutschland. Schnell noch eine Angeber-SMS nach Hause schicken, denn um 21 Uhr ist Nachtruhe, die Handys bitte abschalten, aber meinen Laptop lasse ich aus Trotz noch ein bisschen Strahlung verbreiten und sehe mir die Bücher im Regal an. „Meister Floh“ von E. T. A. Hoffmann, „Heugabel und Computer“, Selma Lagerlöf, „Warum Frauen morden“. Perfekt.

Am nächsten Morgen spähe ich ins Dunkel des Speckstein-Speicherofens. Das Anfeuern klappt. Ob die Vormieter wussten, wie eine Lärche aussieht? „Einfach immer links von der Lärche halten“, rät die Bäuerin, bevor wir in strahlendem Morgenlicht alten Spuren über Buckelwiesen querfeldein hinunter zur Straße folgen. „Lärche?“

Crêpes, Kebab und Bami Goreng

Dort hält tatsächlich der Postbus für uns, und mit dem Bus die Realität. „S’isch voll“, sagt ein Fahrgast, und wir schauen in eine unbewegliche Phalanx aus Skiern, Sonnenbrillen, Helmen, bis ich, die abgeschmetterte Schwarzenbach-Initiative im Kopf, fröhlich hineindränge. Der nächste Bus geht erst in einer Stunde.

Von Scuol aus geht es mit der Gondel hinauf und weiter bis auf den Piz Champatsch, der auf 2783 Metern liegt. Das Skigebiet ist übersichtlich und freundlich, mittags könnten wir sogar Crêpes bestellen, Kebab und Bami Goreng.

Leben in einem XXL-Wollpullover

Rechtzeitig am Ende des Tages den Abstecher zu unserem Bauernhof zu finden ist gar nicht so einfach. Der Schnee ist hart gefroren, dazwischen liegen große Flecken braunes Gras. Hier in der Gegend spielt die weltberühmte Geschichte des Schellen-Urslis, aufgeschrieben von Selina Chönz Mitte des 19. Jahrhunderts. Der arme Pächtersohn möchte nicht den letzten Platz beim Glockenumzug am Chalandamarz, romanisch für erster März, bekommen.

Also kämpft er und gewinnt am Schluss. Ein Plädoyer für Hartnäckigkeit und Erfindungsreichtum, erkläre ich den Kindern, wenn der Strom ausfällt, sobald wir den Wasserkocher anmachen. Sehen die mit Schafwolle isolierten Wände bei Kerzenschein nicht wie ein Urwald aus? Auch die Bettwäsche ist aus Schafwolle. Im Grunde leben wir in einem XXL-Wollpullover. Der Speicherofen glüht. Das mit dem Stapeln hat heute nicht geklappt. Ab wann bekommt man eigentlich eine Rußvergiftung? Wir erfinden bescheidene Witze. Wer duschen möchte, muss das Licht ausmachen. Einer normal dysfunktionalen Familie bekommt es nicht schlecht, wenn sie nach vielen Stunden klarer Bergluft in einer Stube aufeinandersitzen muss.

Eislaufen am unteren Ende von Sent

Wieder gehen wir abends ins Dorf ohne Taschenlampe. Der Schnee ist festgefroren, die Kinder haben Angst vor Mördern. Der Romanisch-Unterricht, den ich aus dem breiten Angebot für uns ausgewählt habe, ist wegen mangelnder Nachfrage ausgefallen. Dafür gehen wir eislaufen, am, in jeder Hinsicht, unteren Ende von Sent, bei einem Mann mit blauer Gesichtsfarbe, der wunderbare italienische Schnulzen auflegt.

Am nächsten Abend spielen die Jungen Münchner Philharmoniker Mozart in der Dorfkirche. Wir lernen die Fleischschafe kennen, bekommen einen neuen Wasserkocher, dürfen die Kühe striegeln und verstehen, warum wir mit den Schweinen so viel Erbgut teilen. Der kostbare Zuwachs an Erkenntnis ist vergessen, wenn wir nach dem Skifahren die letzten, die schönsten Schwünge jenseits der Piste, vorbei an den Scheunen machen, bis direkt vor den Stall. Wir benehmen uns vorbildlich, denn wir würden gerne wiederkommen. Schon um herauszufinden, was „Präparate“ sind.

Der Weg zum Bauernhof

Biobauernhof Sandra und Curdin Roners Bauernhof liegt auf 1470 Metern in Sent/Unterengadin. Die Familie bietet auch Stallführungen an, bei der man die typischen Tierrassen des Unterengadin kennenlernen kann. Die Dreieinhalb-Zimmer-Ferienwohnung mit zwei bis fünf Betten mit Telefon, aber ohne Fernseher kostet für fünf Personen ab 90 Franken im Sommer und ab 110 Franken im Winter. Mehr unter Tel. 00 41/8 18 64 73 41 oder unter www.baintuffarolas.ch

Weitere Informationen über die Ferienregion Engadin Scuol Samnaun bei der Tourismus Engadin Scuol Samnaun Val Müstair AG unter Telefon +41/(0)8 18 61 24 22 oder unter www.engadin.com

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