14.01.2010 · Auf der Davoser Schatzalp wird nach sieben Jahren Pause wieder Ski gefahren: Ohne Kunstschnee, Party und Turbolifte, sondern so, wie es früher einmal war.
Von Gerhard FitzthumVon wegen Jahreszeit der Stille! Der Winter versinkt heute sogar dort in Lärm und Hektik, wo tiefverschneite Landschaften einmal in sich selbst zu ruhen pflegten: in den Alpen. Es gibt kaum ein Gebirgstal, in dem nicht an jeder Ecke Megagondeln und superschnelle Sechsersessel den Berg hinauffliegen, die Aussichtsterrassen mit dröhnender Partymusik beschallt werden und Batterien von Schneekanonen weiß glitzernde Retortenware versprühen.
Seit kurzem gibt es jedoch einen Ort, der sich der technischen Hochrüstung widersetzt - die Schatzalp in Davos. Am 19. Dezember hat hier das erste "entschleunigte Skigebiet" der Alpen seinen Betrieb aufgenommen. Die Besitzer werben damit, dass die Lifte "so langsam wie früher fahren" und ausschließlich Naturschnee verwendet wird. Die Botschaft klingt verlockend: Natur statt Hightech, Entspannung statt Freizeitdruck, Gemächlichkeit statt Tempogebolze. Ganz einfach Wintersport, wie er früher einmal war.
Sauber gezogene Spuren
Die Nachfrage nach solchen Erlebnissen scheint jedoch gering. In der Zubringerbahn sitzen nur ein Pärchen mit Kind und Schlitten, ein weißhaariger Mann mit flohmarktverdächtigen Brettern und eine ältere Dame mit Designerbrille, die mit ihrem Hund spricht. Auch oben, vor dem Panorama-Restaurant, stehen mehr Schlitten als Skier. Ist das "Slowmountain"-Gebiet eine winterliche Spielwiese, auf der nur Senioren, Anfänger und Angsthasen in die Bindungen steigen? Ein Gefängnis der Langeweile, in das kein Jugendlicher freiwillig einen Schritt tun würde?
Wie anspruchsvoll das Gelände ist, sieht man vom Sessellift aus. Langsam schwebt er über einen herrlichen Tiefschneehang, der andernorts schon heillos durchpflügt wäre. Hier aber sind nur zwei sauber gezogene Spuren zu erkennen. Kein Wintersportler weit und breit. Laut Pistenplan macht die blaue Talabfahrt einen weiten Bogen um den Berg.
Unberührte Schneelandschaft
Oben ist es etwas lebendiger. Zwei halbwüchsige Snowboarder kommen gerade den Hang heruntergefegt. "Ja, die Pisten sind schön. Nur ein bisschen flach", sagt der eine. Ein Snowboardrevier kann die Schatzalp schon deshalb nicht werden, weil es auf ihr nur einen einzigen, ermüdend langen Schlepplift gibt. An seinem Seil geht es nun bergauf, in flacheren Stücken lässt der Zug nach, bis man fast zum Stehen kommt. Dann macht es einen Ruck, und es geht weiter. Erinnerungen an die eigene Jugend werden wach: die Einsamkeit im Lift, das Klammwerden der Finger, die ungeliebte Auszeit, die einen vom Schneeabenteuer abhält. Im Alter lässt sich dem vermeintlichen Zeitverlust jedoch einiges abgewinnen: Statt in den Zustand der inneren Emigration zu versinken, genießt man den Blick in die unberührte Schneelandschaft, die sich in sanften Wellen bis zum Horizont hinaufzieht. Kein Lärm. Nur das sanfte Gleiten der Skier ist zu hören - und der vertraute Mehrklang, wenn eine Seilklemme über die Rollen des Liftmasts klimpert.
Am Ausstieg fehlt das sonst übliche Gedränge. Man hat hier alle Zeit der Welt, die Schnallen nachzuziehen und in die Runde zu schauen. Das Panorama ist erhebend: Im Süden ragen Piz Kesch und Piz Bernina aus einem Meer von Zwei- und Dreitausendern, im Norden streckt sich der Weissfluhgipfel in den Himmel, der höchste Punkt im Davoser Skizirkus. Der Strelapass und die gleichnamige Einkehrhütte dämmern wenig entfernt in der Sonne. Einzig die trostlos durchhängenden Tragseile des "Silbervogels" stören das Idyll. Die Verbindungsgondel zum Weissfluhjoch wurde im Jahr 2002 stillgelegt, zusammen mit den anderen Liften des Schatzalp/Strela-Areals. Das Skigebiet, in dem viele Davoser erstmals auf den Brettern standen, war nicht mehr konkurrenzfähig. Jakobshorn und Parsenn boten bessere Schneeverhältnisse und vor allem mehr Pistenkilometer. Dort war man dem Gebot der Stunde gefolgt und hatte in Beschneiungsanlagen und sogenannte Qualitätsverbesserungen investiert: in kuppelbare Vierer- und Sechsersessel, die in der Hälfte der Zeit doppelt so viele Skifahrer auf den Berg schaufelten. An der Schatzalp fehlte dafür jedoch das nötige Geld. So versanken die sonnigen Hänge des Strelabergs im Dornröschenschlaf.
Inspiration für Thomas Mann
Schon ein Jahr später fanden sich jedoch neue Investoren. Zwei Davoser Unternehmer kauften das vierhundertsiebzigtausend Quadratmeter große Terrain samt Gebäuden und Liftanlagen. Pius App und Erich Schmid steckten zunächst fünf Millionen Franken in die überfällige Renovierung der Standseilbahn - sie ist im Winter der einzige Zugang auf das Schatzalp-Plateau und zu dessen Traditionshotel. Im Jahr 1900 als Lungensanatorium gebaut und später in eine Luxusherberge umgewandelt, ist es der Dreh- und Angelpunkt des Schatzalp-Resorts - jene Jugendstilimmobilie, die durch Thomas Manns "Zauberberg" weltberühmt wurde.
Der Roman spielt zwar in Davos. Das Sanatorium, in dem sich der Antiheld Hans Castorp sieben Jahre einmietete, ist jedoch keinem wirklichen Ort zuzuordnen. Niemand weiß, ob sich Mann seine Inspirationen auf der mehrfach im Text erwähnten Schatzalp holte, oder im Waldhotel Bellevue, in dem seine Frau einige Wochen zur Kur weilte. Dennoch ist es nirgendwo sonst so leicht, sich in die morbide Atmosphäre der Zauberbergklinik hineinzuversetzen wie in dem über der Stadt thronenden Belle-Époque-Etablissement: Die Jugendstilsäle sind original erhalten, durch die langen Flure weht noch der Hauch des Fin de Siècle, und wenn die Glastür des Speisesaals ins Schloss fällt, dann kommen einem sofort Hans Castorps Ausfälle gegen das Türewerfen in den Sinn. Im hinteren Teil der Bar hängen sogar noch die Rahmen, in denen die Ärzte damals die Röntgenaufnahmen ihrer Patienten betrachteten.
Der Welt abhanden
Die faszinierendsten Relikte aus der Sanatoriumszeit sind freilich die großzügigen Sonnenbalkone mit ihren originalen Trennwänden aus lackiertem Lärchenholz. Hier stehen nicht nur nostalgisch anmutende Klappstühle, sondern auch bequeme Korbliegen, die damals nicht viel anders ausgesehen haben dürften. Selbst die karierten Wollplaids sind vorhanden, mit denen man sich zudecken kann. Fast wünscht man sich den Arzt, der Hans Castorp absolute Schonung verschrieben hatte. Dann könnte man hier stundenlang in der Sonne liegen und der Welt auf angenehmste Weise abhandenkommen.
Freilich kennen nicht alle der heutigen Gäste den Roman. Die meisten sind Schweizer, für die die Schatzalp einfach nur ein traditionsreiches Wintersportgebiet ist. Vor allem aus Deutschland kommt aber immer wieder Publikum, das die Luft des alten Zauberbergs schnuppern will. Für Pius App sind diese Literaturtouristen interessant, weil "wir deren Erwartungen hundertprozentig erfüllen können". Dem komfortverwöhnten Hotelgast des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist das Ensemble nämlich oftmals zu rustikal. Nicht zufällig hängt am Eingang zu den Toiletten ein Hinweis, dass man "sich im Historischen Hotel des Jahres 2008 befindet" und deshalb "den sanitären Anlagen kleinere Schönheitsfehler verzeihen" soll. Wer einen Wellnesstempel sucht, den die architektonische Grandezza des Hauses erwarten lässt, wird enttäuscht: Das in den Fünfzigern in den ehemaligen OP-Saal eingebaute Schwimmbad besticht nicht gerade durch Großzügigkeit und die daneben liegende Sauna ist von so bescheidenem Format, dass man nicht einmal Ruheliegen aufstellen kann. Für den Gast mit Sinn für historische Authentizität wiegen aber schon wenige Minuten im kaminbeheizten Lesesaal die Mängel mühelos auf. Nicht weniger versöhnlich stimmen die köstlichen Abendmenüs im altehrwürdigen Speisesaal.
Optische Verschmutzung
Um das Hotel den Erfordernissen der Zeit anzupassen, haben die neuen Besitzer schon einen zweistelliger Millionenbetrag verbaut. Dass für sie nur eine behutsame Renovierung in Frage kommt, beruhigt zwar die Denkmalpfleger, macht die Sache aber nicht gerade billig. Pius App will das Ensemble jedoch auch nicht zu einem Zauberberg-Museum erstarren lassen. Der IT-Spezialist ist von der Aufgabe fasziniert, auf eintausendachthundert Metern Höhe ein organisches Gesamtkunstwerk zu schaffen, von dem die Jugendstilbauten nur ein Teil sind. Immerhin sei man in der glücklichen Lage, alles auf kleinstem Raum zu haben: eine traumhafte Unterkunft, naturnahe Wanderwege, eine parkähnliche Aussichtspromenade, eigene Trinkwasseranlagen, einen gepflegten botanischen Garten mit dreitausendfünfhundert Pflanzenarten aus allen Gebirgen der Welt, die seit dem Jahr 1907 bestehende Schlittenbahn ins Dorf und jetzt auch wieder ein Skigebiet. Dieser in über hundert Jahren gewachsene Mikrokosmos sei aber noch nicht aus sich selbst heraus ökonomisch überlebensfähig. Da müsse man sich schon etwas einfallen lassen.
Zu den schillerndsten Ideen gehört der Bau eines hundert Meter hohen Wohnturms, für den die Basler Architekten Herzog und de Meuron vor sechs Jahren einen Entwurf vorgelegt haben. Die Vorstellung, dass hier ein futuristisches Hochhaus mit Fünf-Sterne-Hotel, Edelrestaurants und Eigentumswohnungen aus dem Bergwald schauen könnte, spaltet seither die Geister. Die Freunde moderner Architektur begrüßen den platzsparenden Entwurf als "Zeichen, dass Visionen in der Schweiz noch eine Chance haben", während Umweltverbände ihn als optische Verschmutzung und Einfallstor für planerischen Größenwahn ablehnen. Obwohl die Umzonung schon rechtskräftig ist, liegen die Pläne auf Eis. Hundert Millionen Franken Baukosten sind schließlich kein Pappenstiel, schon gar nicht in Zeiten der Wirtschaftskrise.
Sternenkrieger auf der Pistenautobahn
Einstweilen widmet sich App einer kaum weniger delikaten Herausforderung: der Wiederbelebung eines im Grunde unrentablen Skigebietes. Ohne dieses wäre der alles entscheidende Winterbetrieb des Hotels auf Dauer kaum zu sichern. App verblüfft auch hier mit einem unkonventionellen Ansatz: "In den alpinen Skigebieten ist es in den vergangenen Jahren immer hektischer und gefährlicher geworden - durch besseres Material, das auch dem Anfänger höhere Geschwindigkeiten und raumgreifendes Fahren erlaubt, durch Wegplanieren der temporeduzierenden Buckelpisten, durch die Kapazitätssteigerungen bei den Beförderungsanlagen und durch die Karriere des Abonnementkonzepts, das den Kunden dazu verführt, die einmal bezahlte Karte auch wirklich abzufahren." Das aggressive Gedränge habe viele Ältere dazu gebracht, ihre Bretter in den Keller zu stellen. Für einen Skiort sei es aber wichtig, Stammgäste lange zu halten. Wer die Interessen der klassischen Wintersportler erst nehme, dürfe deshalb nicht auf bedingungslose Modernisierung setzen. Statt immer leistungsfähigere und das Landschaftsbild zerstörende Aufstiegshilfen brauche es solche, die das Geschehen entschleunigen: bodennahe Teller- und Bügellifte etwa oder langsam dahinschwebende Zweiersessel. Falsch sei auch die Suggestion, dass das Skifahren auch dann möglich ist, wenn die Schneeverhältnisse es eigentlich nicht zulassen. Bergbahnen und Gäste gerieten auf diese Weise unter einen Druck, der die natürliche Freude am Schneesport untergrabe. Um dieser Entwicklung gegenzusteuern, gibt es auf der Schatzalp wieder Einzelfahrten und digital lesbare Punktekarten. Jeder bezahlt nur die Auffahrten, die er in Anspruch genommen hat.
Der Aufenthalt in einem "Slowmountain"-Terrain hat allerdings einen folgenschweren Nebeneffekt: Wer drei Tage auf der Schatzalp unbehelligt seine Schwünge gezogen hat und dann für ein paar Stunden ins Parsenn-Gebiet wechselt, hat für die Errungenschaften der neueren Zeit kaum noch Verständnis. Schon der Blick aus der brechend vollen Standseilbahn zeigt die Absurdität des heutigen Skibetriebs: Vis-à-vis rasen die haubengedeckten Sechsersessel der neuen "Parsenn Rapid"-Bahn von einem Riesenmast zum nächsten, unter ihr schießen dicht gedrängt die Skifahrer auf einer Pistenautobahn zum Tal, und wie intergalaktische Flakwerfer bereit zum Krieg der Sterne thronen auf hohen Drehkrangestellen Propellerschneekanonen über der Szenerie. Wie konnte man das in all den Jahren nur verdrängen? Echt und natürlich sind in einem modernen Skigebiet allenfalls noch die Hangneigung und das Bergpanorama.
Nach fünfhundert Eintritten ist Schluss
Da ist es nur konsequent, dass App sein Wintersportareal still und heimlich wiedereröffnet hat. Ohne Party, Presse und Gratisskifahren für alle. "Mit so einem Spektakel hätten wir große Medienresonanz erzeugt, uns zugleich aber in einen fatalen Widerspruch verwickelt: Massen haben in einem entschleunigten Skigebiet nichts verloren", sagt der Unternehmer. Man merkt, dass ihn niemand von dem eingeschlagenen Weg abbringen wird. Apps Liftpersonal ist sich weniger sicher. Manch einer spricht von einem "Hobbyskigebiet", das sich nicht rentieren werde: In den ersten Tagen wurden nur bis zu zweihundert Eintritte gezählt. Bis zum Saisonende wird der Betrieb aber noch etwa eine Million Franken verschlingen.
Mit den Weihnachtsfeiertagen hat sich die Skifahrerzahl jedoch sprunghaft erhöht. Kein Wunder, denn die Hotelgäste fahren gratis und die sechsundneunzig Zimmer sind nun voll belegt. Außerdem spricht das neue alte Skigebiet Davos-Urlauber an, die sich höchstens mal eine Tageskarte kaufen. Die kostet hier nämlich nur zwanzig Euro, halb so viel wie bei der Konkurrenz. Sollte Frau Holle der Region gewogen bleiben und der Zulauf weiter anhalten, könnte sich bald das nächste Problem stellen: Wie die Massen draußen halten, die das "Slowmountain"-Image beschädigen könnten? Angeblich sollen nach fünfhundert Eintritten einfach keine Karten mehr verkauft werden.
Lästige Konkurrenz
Unklar ist auch, ob niedrige Skifahrerzahlen wirklich im Interesse der Betreiber sein können. Um den Hotelgästen einen bequemen Zugang zu den schneesicheren Anlagen am Weissfluhgipfel zu verschaffen, müsste man die Verbindungsgondel wieder in Betrieb nehmen. Dann aber würde es sich kaum verhindern lassen, dass an den Hauptkampftagen morgens wieder Hunderte tatendurstige Wochenendskifahrer über den Schleichweg der Schatzalp ins Parsenngebiet strömen - und abends wieder zurück. Man hätte dann zwar das Gedränge, das man eigentlich verhindern wollte, aber wenigstens würde die Kasse stimmen. Viele Davoser betrachten die Eröffnung des entschleunigten Skigebiets ohnehin nur als ersten Schritt zum großen Geschäft: als einen Wiederanschluss an die fusionierten Bergbahnen "Davos Klosters Mountains".
Im Moment ist es für die beiden Quereinsteiger allerdings leicht, dieser Versuchung zu widerstehen. Weil die Hotel Schatzalp AG als lästige Konkurrenz betrachtet wird, verweigert man ihr die Teilnahme am Tarifverbund, wodurch die absurde Situation entsteht, dass die Tageskarte ausgerechnet in dem am zentralsten gelegenen Skigebiet von Davos nicht gilt. Da sich die erfolgreichste Tourismusgemeinde der Schweiz diese Peinlichkeit auf Dauer nicht wird leisten können, ist die Aufnahme der Zusammenarbeit nur eine Frage der Zeit. In dieser fernen Stunde würde das ökonomische Kalkül dann wohl doch über die Philosophie der Langsamkeit siegen. Es sei denn, das Investorenduo gäbe sich mit den Einnahmen zufrieden, die sich aus einer kleinräumigen Wintersport-Enklave ziehen lassen. So viel unternehmerische Bescheidenheit wäre heutzutage aber ein Wunder - ein Wunder, das allenfalls auf einem Zauberberg Wirklichkeit werden könnte.
Informationen: Auskunft über die entschleunigte Schatzalp gibt es beim Hotel Schatzalp, Ch-7270 Davos-Platz, Telefon: 0041/814155151, sowie im Internet unter www.slowmountain.ch.