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Schweiz : Riss im Kopf

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Alphorn-Wettblasen am Fuß des Matterhorns: So stellt man sich den Inbegriff der Schweiz vor. Doch so einfach ist das nicht mit der Identität der Eidgenossen. Bild: AP

Der Röstigraben durchschneidet die Schweiz wie mit einem Messer. Auf der einen Seite redet man Deutsch, auf der anderen Französisch. Auch sonst ist hüben und drüben vieles anders. Und doch versteht man sich.

          Es könnte viel einfacher sein: Kreuz und quer durch die Schweiz ziehen sich genug tiefe Täler und hohe Gebirgsketten, die sich für eine Abgrenzung anbieten. Aber nein, die Schweizer haben für ihre Sprachgrenze zwischen Schwyzerdütsch und Französisch, zwischen der Deutschschweiz und der Romandie, eine andere Trennungslinie gezogen: den Röstigraben, den der rechtschaffene Deutschschweizer "Röschtigrabe" nennt.

          Er ist mit keiner Naturerscheinung identisch, obwohl er geographisch streckenweise entlang des Flüsschens Saane verläuft, das auf dem anderen Ufer natürlich mit La Sarine einen französischen Namen trägt. Über weite Strecken ist die Trennlinie präzise zu bestimmen, manchmal jedoch verschwimmt sie in den diffusen Revieren der Zweisprachigkeit. Eindeutig ist der Fall entlang der Ostgrenze des Kantons Jura, während sich der Graben in den Kantonen Bern und Freiburg an keine politischen oder geographischen Markierungen hält. Dort lässt er ein Dorf links, das nächste rechts liegen und schlängelt sich sogar mitten durch die Städte Biel/Bienne, Murten/Morat und Freiburg/Fribourg, ohne dass man ihn wirklich zu fassen bekäme. Bevor er zur Alpenüberquerung ansetzt, trennt er noch die touristischen Hochburgen Gstaad und Rougemont, wo das Deutsche im Handumdrehen und nach fünf Minuten Bahnfahrt vom Französischen abgelöst wird. Im Wallis endlich läuft er zu großer Form auf, teilt den Kanton in zwei fast gleichgroße Hälften, in denen es im Osten bieder deutsch und im Westen elegant französisch zugeht; das Ambiente in Zermatt und Crans-Montana, zwei Walliser Bergdörfern, könnte unterschiedlicher kaum sein.

          Ricola-Gebirge, Leckerli-Linie, Gruyère-Grenze

          Man könnte den Röstigraben nun wenig ernst nehmen und ihn, wie in Deutschland den Weißwurstäquator, als landsmannschaftliche Marotte abtun. So geschah es in einem Ratequiz des deutschen Fernsehens, in dem der Literaturkritiker Hellmuth Karasek vor die Frage gestellt wurde, ob die Schweizer Sprachgrenze wohl Ricola-Gebirge, Leckerli-Linie, Röschti-Graben oder Gruyère-Grenze genannt würde. Doch ist der Röstigraben beileibe kein Ausdruck lustig-belangloser Rivalität, sondern ein kulturelles Phänomen, das sich unterschwellig als feiner, gelegentlich auch tiefer Riss in den Köpfen der Schweizer Bevölkerung darstellt.

          Der Begriff des Röstigrabens symbolisiert die unterschiedlichen Mentalitäten und kulturellen Hinterlassenschaften der beiden Volksgruppen, die immer wieder zu Missverständnissen, Kontroversen und sogar veritablen Konflikten führen. Weil zwei Drittel der Schweizer deutschsprachig sind, aber nur zwanzig Prozent Französisch sprechen, fühlen sich die Westschweizer als zu wenig beachtete Minderheit, kommen sich oft benachteiligt vor und machen für Missstände gern die Vertreter der deutschsprachigen Mehrheit verantwortlich. Während des Kalten Krieges war sogar vom "Rideau de Röschti", vom Röstivorhang, die Rede, eine polemische Anspielung auf den Eisernen Vorhang.

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