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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Schwarzwald Drei Jahreszeiten in einer Woche

30.11.2010 ·  Der Schluchtensteig ist eine Hommage an das Flüsschen Wutach. Und er bietet viele Gelegenheiten, auch den Wäldern und Wiesen des Südschwarzwalds zu verfallen.

Von Angelika Wilke
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Tief unten in der Schlucht blitzt, versteckt zwischen den bunten Blättern hoher Buchen und Eichen, immer wieder ein Wildfluss auf. Vorsichtig setzen wir unsere Füße auf dem schmalen, mit rotbraunem Herbstlaub gepolsterten Steig voreinander, um nicht abzurutschen. Nach oben riskieren wir nur selten Blicke. Dort ragen die "Flühen" auf, hohe Felssockel aus Muschelkalk, die wie längst vergessene Turmruinen über den Baumwipfeln des Südschwarzwalds thronen - eine Laune von hundert Millionen Jahren Erdgeschichte.

Auf hundertachtzehn Kilometern schlängelt sich der Schluchtensteig durch den südwestlichsten Winkel Deutschlands: vom Habsburger-Städtchen Stühlingen, einem Nest badischer Gemütlichkeit, bis in den zwischen Waldshut und Basel gelegenen Zielort Wehr. Nicht nur die dreißig Kilometer lange Wutachschlucht, sondern auch Wasserfälle, Seen, Hochtäler und eine der größten Domkuppeln Europas lassen im Wanderer die Erkenntnis wachsen, dass es beileibe nicht immer die Alpen sein müssen. Vor zwei Jahren wurde der Wutachsteig zum "Qualitätswanderweg" gekürt.

Ein Brötchen als erste Hilfe

Etwa zwanzig Kilometer liegen die Übernachtungsorte der sechs Tagesetappen voneinander entfernt, meistens sind sie überschaubar klein. Deshalb begegnen wir nachmittags und abends immer wieder denselben Wanderern. Da ist Susanne, sie wandert allein; dann ein Ehepaar auf Eltern-Freizeit, und da ist eine Gruppe aus dem Allgäu, die im Schwarzwald Abwechslung zu den heimischen Wanderwegen sucht. Das Gepäck lassen sich die vier von Unterkunft zu Unterkunft transportieren. Wir hingegen werden immer mehr zu Grammfetischisten: Haben wir vielleicht ein T-Shirt zu viel in den Rucksack gepackt? Wenn man sich trifft, liegt das Thema auf der Hand: "Der Weg" ist nicht nur das Ziel, sondern auch das, was uns beschäftigt - wie wir ihn bisher empfunden haben; schwierige Passagen werden diskutiert; dass man sich glücklich schätzen kann, Trekkingstöcke dabeizuhaben und ein gutes Profil unter den Stiefeln. Und das Wetter erst! Der Himmel über dem Schwarzwald hält alles für uns bereit, von Sonne bis zu sturzbachartigen Regengüssen.

Der Schluchtensteig hat etwas Verlässliches, das sorgt für Entspannung, trotz der mitunter anstrengenden Abschnitte und der morgens noch feucht-rutschigen Holzleiter, die wir hinter Blumberg hinunterklettern. Die Wegweiser sind großzügig und sinnvoll angebracht. Wanderer können durchgängig der Raute mit dem Schluchtensteig-Symbol folgen und müssen sich zwischendurch nicht an anderen Zeichen orientieren, wie das auf vielen Wanderwegen der Fall ist. Verlass ist auch darauf, dass wir uns beim Frühstück mit Proviant versorgen können. Einkehrmöglichkeiten und Lebensmittelläden sind nämlich am Steig rar gesät. Ein Extra-Brötchen kostet nur in Fischbach etwas - "a Brödle alsch erschte Hilfe" im Rucksack gehört zum Service, sagt etwa Rosi Salomon, die Wirtin des Gasthofs Hirschen in Blumberg. Ebenso ein aktueller Wetterbericht für die Schlucht: "Frost gibt's da net so schnell, das ist ja alles so eing'kesselt. Da muss es schon eine Woche frieren, eine Nacht reicht da net", erklärt uns Rosi Salomon im Schönsten Alemannisch. Es klingt, als würde sie singen.

Kein Empfang in der Schlucht

Also hat die Wutach uns wieder. Sie macht jetzt Ernst. Eng schmiegt sich der Steig an den Fels - so muss sich Astrid Lindgren die Gebirgspfade vorgestellt haben, auf denen die Brüder Löwenherz mit ihren Pferden in halsbrecherischer Flucht vor dem Drachen dahin galoppierten. Uns hetzt keiner, und zur Sicherheit ist die Wutachschlucht in Rettungssektoren eingeteilt. Es sind so viele, dass wir kaum den jeweils aktuellen Kennbuchstaben im Kopf behalten. Im Falle eines Unglücks soll er genannt werden, zur Ortung. Besser ist es natürlich, sich gar nicht erst zu verletzen, denn mit dem Handy-Empfang hapert es in der Schlucht.

Um zu telefonieren, müssen die Wanderer sie erst verlassen. Die Einteilung in mit Buchstaben gekennzeichnete Rettungssektoren war ein Versuch, der sich dennoch als Volltreffer erwiesen hat. Fünfundneunzig Prozent der Wanderer geben sie bei Unfällen an. Auf dem Weg nach draußen passieren sie das nächste Sektorenschild und können dann die Lage des Unfallortes beschreiben.

Eine wunderschöne Überraschung

Der Weg wird nie monoton. Schon bald verliert er die Lust daran, sich eng neben dem über Steine springenden Fluss an den Fels zu drücken. Statt dessen schlängelt er sich eine Weile wie ein artiger Spazierweg entlang des Flusses, an dem ein kleiner Kiesstrand zum Verweilen einlädt, durchquert dann einen Auwald mit dürren Birkenstämmchen und Rhabarberstauden, deren Blätter so groß sind wie mexikanische Sombreros. Passend dazu hängen schwarz-grüne Moosbärte von den Ästen der Bäume. Schließlich verengt sich der Steig zu einem beschwerlichen Wurzelpfad, der uns vor der Schattenmühle - wie zum Dank für unsere Mühen - eine wunderschöne Überraschung beschert: einen Wasserperlenvorhang, die Dusche einer Märchenfee. Samtweiche Mooskissen filtern das mit Erde aromatisierte Wasser.

In der Schattenmühle, die nach einem Brand neu aufgebaut worden ist, schlafen wir sozusagen mit dem Ohr am Steig: noch in unseren Träumen hören wir die Wutach rauschen. Und sehen noch einmal vor uns, wie die in Tracht gekleidete Kellnerin nach unserer Ankunft einen Trumm von Schwarzwälder Kirschtorte vor uns auf den Tisch wuchtete.

Endlich ein bisschen Gemütlichkeit

Am nächsten Morgen rätschen Eichelhäher im Wald, auf dem Wegweiser zum Räuberschlössle sitzt ein Eichhörnchen. Zur Abwechslung blicken wir nun von ganz oben auf den Fluss. Etwas später, bei der Ruine Stallegg, hat sich die wilde Wutach in einen lahmen Ententeich verwandelt - eine Staumauer ist der Grund. Aber erst im Kurort Lenzkirch, der zwischen Titisee und Feldberg auf etwa achthundert Meter Höhe zwischen Bergen eingebettet ist, liegt die Schlucht endgültig hinter uns. Geradezu gemütlich geht es nun durch das Schwende-Wiesenhochtal: Dort, wo sie nicht hinter einer Flut von Geißblatt und zinnoberroten Geranien verborgen sind, atmen uralte Holzschindeln eines Schwarzwaldhofes die letzte Wärme des Jahres. In einen Holztrog plätschert Wasser, es schmeckt köstlich und erfrischt. Das Postkartenidyll lenkt davon ab, dass es vorbei am Schwendehof, der sich in der Region mit seinen Bio-Käse einen Namen gemacht hat, auf etwa eintauseneinhundert Höhenmeter geht.

"Wir mussten das Auto freikratzen, es hat gefroren", sagt eine weitere Hirschen-Wirtin, diesmal jedoch in Fischbach. Der Blick aus den Fenstern der Stube auf dunkle Fichten stimmt auf Weihnachten ein. Draußen in der frostigen Morgenluft leuchten die roten Beeren der Eberesche. Eiskristalle umsäumen die bunten Blätter, als wir schließlich vom Bildstein auf den Schluchsee hinunterschauen.

Das Glück des sonnenwarmen Holzbalkons

Dem Wanderer innerhalb von einer Woche gleich drei Jahreszeiten zu servieren - ist das ein Kriterium für einen Qualitätswanderweg? Wohl kaum. Doch es ist pures Glück, abends, der Wanderstiefel entledigt, nur in Strümpfen auf dem noch sonnenwarmen Holzbalkon unserer nächsten Unterkunft zu stehen, und gegenüber leuchtet die Kuppel von Sankt Blasien. Wie ein überdimensionaler Pilz ragt der Dom aus den Bergwäldern.

Die Allgäuer und Susanne sind schon vor uns dort eingetrudelt, die Eltern aus Moers sowieso - diese Reihenfolge wird sich auch auf den beiden letzten Etappen nach Todtmoos und Wehr nicht ändern. Wir gehen es eben ein bisschen gemütlicher an. Wo wir heute Mittagspause gemacht haben, soll unser Geheimnis bleiben. Am Steig war's jedenfalls nicht. Susanne ist da ehrlicher. Beim allabendlichen Weg-Rapport wirft sie ganz ungeniert in die Runde, dass sie den "überflüssigen Schlenker" ausgelassen habe, denn "da gab es ja nichts Neues zu sehen". Letztlich ist auch das ein netter Zug am Schluchtensteig: Mal ein Stückchen abzukürzen, schmälert dessen Qualität keineswegs.

Unterwegs in der Region: Start-und Zielort sind bei einer Schluchtensteig-Wanderung nicht identisch. Deshalb bietet es sich an, mit Bahn und Bus über Karlsruhe und Donaueschingen oder Basel anzureisen. Wer das Auto in Stühlingen geparkt hat, kann mit dem öffentlichen Nahverkehr von Wehr aus dorthin zurückkehren: Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg, Wilhelmsplatz 11, 70182 Stuttgart, Telefon: 0711/239910, Internet: www.3-loewen-takt.de.

Müde Füße: Wer eine Etappe überspringen will, kann umsteigen auf den Südbadenbus, KundenCenter Freiburg, Bismarckallee 1, 79098 Freiburg, Telefon: 0761/3680388, Internet: www.suedbadenbus.de oder auf die Sauschwänzlebahn, Museumsbahn Wutachtal, Hauptstr. 97, 78176 Blumberg, Telefon: 07702/510, Internet: www. sauschwaenzlebahn.de. In vielen Unterkünften erhält man die Konus-Gästekarte, mit der Busse und Bahnen kostenlos genutzt werden können, Auskunft bei Schwarzwald Tourimus, Schwenninger Str. 3, 78048 Villingen-Schwenningen, Telefon: 07721/846410, E-Mail: mail@schwarzwald-tourismus.info, Internet: www.schwarzwaldtourismus-tourismus.info. Für Wanderer mit Hunden gibt es an der Langen Leiter bei Blumberg eine Umgehung.

Unterkunft: Eine Liste der Gastgeber am Steig gibt es bei Schwarzwald Tourismus und im Internet unter www.schluchtensteig.de. Dort gibt es auch Informationen zu Wandern ohne Gepäck.

Beste Reisezeit:Der Schluchtensteig gilt von Anfang Mai bis in den November hinein als begehbar - gegebenenfalls vor Ort nach der aktuellen Wetterlage erkundigen. Mit dem Zwiebelschalenprinzip ist man für jedes Wetter passend angezogen: Regenzeug plus mehrere dünne Schichten Kleidung, die übereinander getragen werden können. Trinken, Tagesproviant, und Handy (Notruf: 112) gehören in jedem Fall in den Rucksack.

Literatur: Trotz guter Beschilderung empfiehlt es sich, die Schluchtensteig-Wanderkarte (ISBN 978-3-89920-447-6) mitzunehmen. Details zu den Etappen sind im Tourenführer Schluchtensteig nachzulesen. Beide sind über Schwarzwald Tourismus erhältlich.

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