Man vergisst ja als Großstadt-Jogger viel zu schnell, wie schön Laufen ist, wenn man seine Runden einmal nicht im Park vor der Haustür dreht, auf gleichmäßig verteiltem Kies unter akkurat gepflanzten Bäumen, in Kolonne mit einem Dutzend weiterer Großstadt-Jogger, und man stattdessen früh am Morgen ganz allein durch den Wald und über Wiesen rennt. Wenn der Nebel noch zart über Pferdekoppeln schwebt, Tau von den Gräsern tropft und unter den Füßen das erste Herbstlaub raschelt. An einer Kapelle vorüber, an einem Bach entlang, über einen Steg hinweg, mal unter Bäumen, dann zwischen mannshohen Stauden hindurch auf Trampelpfaden, Forstwegen und Straßen nur für den landwirtschaftlichen Verkehr. Kein Laut ist zu hören, außer dann und wann dem Schnauben eines jungen Pferdes, das sich übermütig auf der Weide wälzt, oder dem Schrei einer Eule aus der nahen Falknerei. Der Wendalinusweg ist eine solche Strecke. Im großen Bogen führt er durch die Ländereien des Linslerhofs, mit dreihundertdreißig Hektar das angeblich größte Landgut des Saarlands. Zwar verliert man in dieser hügeligen Landschaft das Gutshaus, die Jagdschule und die Ställe der Anlage nur selten ganz aus dem Blick, dennoch fühlt man sich weit weg vom Rest der Welt.
Zweieinhalb Kilometer ist der Wendalinusweg lang. So steht es auf einem Schild. Wenn das richtig gemessen ist, bin ich die beste Zeit meines Lebens gelaufen. Und wer weiß schon, was eine solche Umgebung nicht alles an Energie freisetzt? Aber vermutlich ist die Angabe absichtlich falsch und nur ein weiteres der vielen Details, mit denen man dem Gast auf dem Linslerhof das Gefühl vermittelt, am genau richtigen Ort zu sein.
Gesamtkunstwerk der Behaglichkeit
Verantwortlich für diese Details ist Brigitte von Boch. Ihre Möbel, Mode und Accessoires verkauft sie deutschlandweit in mittlerweile mehr als einem Dutzend Geschäften. Mit dem Linslerhof aber hat sie gleichsam ein Gesamtkunstwerk geschaffen, in dem von der Tischlampe und dem Bettbezug über die tiefen Sofas am offenen Kamin bis zu den Schreibtischen in den Zimmern alles dadurch aufeinander abgestimmt ist, dass diese Dinge den Eindruck vermitteln, jeweils für sich zu stehen. Lauter Einzelstücke, möchte man fast sagen, erkennte man nicht hier einen Sessel, dort eine Tischlampe von anderswo im Haus wieder.
Mit ihrer Linie gelingt Brigitte von Boch, was sonst nur mit viel Aufwand zu haben ist: Jedes Teil wirkt wie lange gesucht und endlich gefunden für genau den Platz, an dem es nun steht. Stammen könnte es aus Afrika oder dem Orient, vom Dachboden eines französischen Schlosses oder aus dem Herrenzimmer eines englischen Landhauses. Dunkles Holz und schwere Stoffe, dazwischen Tupfer von fast schwereloser Leichtigkeit mit Vasen aus feinem Porzellan und Tischchen mit solch zarten Beinen, dass man fürchtet, sie knickten im nächsten Augenblick unter der Last gusseiserner Skulpturen ein. Darüber Geweihe und bunte Stiche, darunter dicke Teppiche oder helles Parkett. Und hier noch eine Stalllaterne, dort ein silberner Kerzenständer und da zwei Füllhörner, aus denen Kresse sprießt. Wer behauptet, Ornament sei Sünde, der ist noch nie auf dem Linslerhof gewesen.
Jede Blüte am rechten Fleck
Wir sind Brigitte von Boch nicht begegnet, aber es dauerte nicht lang, da hatten wir eine recht genaue Vorstellung von ihr als der Dame des Hauses, die an keiner Vase vorbeigehen kann, ohne die Blumen zurechtzuzupfen, und die sehr genau weiß, wie Bücher auf einem Tisch liegen müssen, damit es perfekt aussieht und trotzdem nach Zufall. Und deshalb stellen wir uns sie als die treibende Kraft vor, als es darum ging, Anfang der neunziger Jahre dem damals angeblich völlig heruntergekommenen Anwesen ein neues Leben einzuhauchen. Was nicht ausschließt, dass sich ihr Mann Wendelin von Boch, damals der Vorstandsvorsitzende von Villeroy & Boch, um die finanziellen Angelegenheiten gekümmert hat.
Die Geschichte des Linslerhofs reicht fast neunhundert Jahre zurück und ist so wechselvoll, wie man es bei einer solchen Spanne erwarten kann. Nonnenkloster und Wallfahrtskapelle, Märkte und Reiterspiele sind wiederkehrende Vokabeln in der Chronik, sogar von einem eigenen Bahnhof ist die Rede, nachdem das Kloster aufgelöst und die Ländereien versteigert wurden. Um 1900 ging die Anlage durch Erbschaft in den Besitz der Familie Boch-Galhau über, neunzig Jahre später standen die Häuser leer - und verfielen allmählich.
Die Jagdschule neben der Boutique
Da entstand die Idee, die Anlage aufzuteilen und die Gebäude für ganz unterschiedliche Zwecke zu nutzen, jeweils als eigene Profit Center: Die Kuhställe wurden zu Pferdeställen, und im Gutshaus hat man eine Jagdschule untergebracht. In den alten Pferdeställen eröffneten zwei Restaurants samt Biergarten im Hof, Scheune und Gesindehaus wurden zum Hotel, und es fand sich schließlich auch Platz für einen Outlet Store, in dem Brigitte von Bochs Mode-Kollektionen der jeweils vergangenen Saison verkauft werden. Am Ende entstand eine Welt wie der Zeitschrift „Jagd, Pferd und Mode“ entsprungen, oder wie immer derlei Zeitschriften heißen mögen, die nicht Landlust vermitteln, sondern Landadellust.
Es ist eine bezaubernde Welt. Und dabei von ganz und gar unaufgeregter Bodenständigkeit. Mit den Besitzern der Pferde kommt man ebenso leicht ins Gespräch wie mit dem Falkner Dirk Metzger. Geduldig gibt er Auskunft über die Eulen, Habichte und Adler, die auf dem Gelände in Volieren leben, und er lässt uns ganz aus der Nähe zuschauen, als er im Innenhof der Anlage die Tiere trainiert und sie zwischen Zierapfelbäumchen und Gartenmöbeln Jagd machen lässt auf einen Köder an der Schnur. Die Kinder zucken ein wenig zusammen, als der riesige Uhu völlig geräuschlos knapp an ihren Köpfen vorbeifliegt, dafür sind sie ganz außer sich, als Dirk Metzger ihnen ein Frettchen in die Hand gibt - noch so ein geschulter Jäger, aber weniger unheimlich als die Vögel mit dem durchdringenden Blick.
Ein rotes Zimmer für Hochzeiter
Mit der Jagdschule von Roman Wüst nahm das Ensemble von Einrichtungen am Linslerhof seinen Anfang. Den künftigen Anglern und Jägern, die je nach Ziel ein paar Tage oder ein paar Wochen Unterricht nehmen, hatte man im alten Gutshaus über dem Seminarraum einige Zimmer hergerichtet. Zunächst waren sie rustikal eingerichtet, praktisch und dem Ort angemessen. Und vermutlich hatte sich darin noch gar nicht die Absicht verborgen, daraus diesen eigenen, überbordenden Landhausstil zu entwickeln, wie er nun im komplett rot gehaltenen Hochzeitszimmer namens „Reh und Rehbock“ einen Höhepunkt findet.
Zu rot, sagten manche, sagt man im Hotel. Zu putzig, könnte man sich ebenso gut den entzückten Ausruf einer Braut vorstellen. Und: Guter Zimmername, könnte Roman Wüst hinzufügen, der darunter leidet, dass es immer mehr Menschen gibt, die glauben, das Reh sei die Frau vom Hirsch, und auch sonst recht falsche Vorstellungen haben vom Wald. Als er die Kinder sieht, ruft er sie herbei und führt sie durch einen Raum mit den ausgestopften Köpfen eines Wisents und eines Elchs und mit Geweihen und Hörnern von Tieren aus dem deutschen Wald und der afrikanischen Savanne. Und weil zufällig zur selben Zeit der Hufschmied gerade im Stall zugange ist, geht der Anschauungsunterricht für die Kleinen dort nahtlos weiter.
Ein Stall für fremde Pferde
Mehr als vierzig Pferde von Privatpersonen sind in den Ställen untergestellt - und es bringen bisweilen auch Gäste ihre eigenen Pferde für den Kurzurlaub mit. Gleich in der unmittelbaren Umgebung finden sie ideale Voraussetzungen für Reitausflüge. Und weil eine der Pferdebesitzerinnen ein Herz für Kinder hat, dürfen die Kleinen auf ihrem Pony eine halbe Stunde lang um die Pferdekoppel trotten.
Ansonsten ist der Linslerhof keineswegs ein Ponyhof, er ist ja nicht einmal ein ausgesprochenes Familienhotel; im Gegenteil. Die Anlage strahlt auch jenseits des Day Spas Ruhe aus und vermittelt jene vornehme Gediegenheit, die man mit einem Glas Whisky vor dem knisternden Feuer in einem offenen Kamin verbindet. Folgerichtig ist man in den beiden Restaurants mit dunkler Cordhose und einem Tweedjacket adäquat gekleidet.
Das Baumhaus im Dachgebälk
Das Haus selbst stellt sich die idealen Kurzurlauber so vor: ein Paar jeden Alters. Er geht in die Jagdschule und macht dort beispielsweise innerhalb von vier Tagen seinen Angelschein, sie entspannt derweil im Spa und kleidet sich für kleines Geld im Outlet Center von Frau von Boch neu ein. Abends gehen die beiden gut essen, und wenn es die Zeit erlaubt, unternehmen sie Ausflüge zur Saarschleife, nach Saarbrücken oder sie fahren zum Großeinkauf nach Mettlach - selbst Paris ist mit dem TGV fast binnen eines Wimpernschlags zu erreichen. Noch kürzer war Angela Merkel da. Sie flog mit dem Hubschrauber ein und besuchte eine Konferenz, auch dafür ist die Anlage ausgestattet. Im eigenen Kirchlein des Linslerhofs kann man sogar heiraten.
Wir hatten das Hotel zu unserem Basislager für Ausflüge zur Völklinger Hütte und dem Dinosaurierpark Praehistorium in Schiffweiler gemacht. Aber am besten gefiel es den Kindern im Hotel. Die große Wiese vorm Hotel machten sie zu ihrem Fußballplatz, ohne dass sich jemand daran störte. Und im Zimmer richteten sie sich auf dem freiliegenden Dachgebälk mit Kissen eine Art Baumhaus ein. Dort saßen sie dann und erzählten sich Witze, die sie tagsüber im Stall und bei den Jägern aufgeschnappt hatten. Sie erzählen sie heute noch.
Zimmer im Linslerhof kosten ab 119 Euro für zwei Personen im Doppelzimmer einschließlich Frühstück. Arrangements reichen vom Krimi-Menü bis zu mehrtägigen Reitturnieren. Momentan wird das Pauschalpaket „Herbstliche Gourmet-Tage“ angeboten. Es kostet pro Person ab 299 Euro im Doppelzimmer und schließt neben drei Übernachtungen mit Frühstück drei Mehrgangmenüs im Gourmetrestaurant ein, unter anderem mit Wild aus heimischer Jagd. Pferde können auf dem Linslerhof für 30 Euro pro Tag untergestellt werden, einschließlich Misten und Verpflegung. Informationen und Buchung: Romantik Hotel Linslerhof, 66802 Überherrn, Tel.: 06836 / 8070, E-Mail: rezeption@linslerhof.de, www.linslerhof.de. Information zur Jagdschule unter derselben Adresse, Tel.: 06836 / 807300, E-Mail: info@jagen-lernen.de, www.jagen-lernen.de
Loos´Gegengift
Thorsten Krach (sanctum.praeputium)
- 12.10.2012, 13:20 Uhr