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Schöne Tage Ornament muss keine Sünde sein

 ·  Am Anfang des heutigen Linslerhofs standen zerfallende Häuser, am Ende entstand eine Welt wie der Zeitschrift „Jagd, Pferd und Mode“ entsprungen, oder wie immer Magazine heißen, die nicht Landlust vermitteln, sondern Landadellust.

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© Freddy Langer Vergrößern Sehr gediegen: die Bar im Hotel Linslerhof

Man vergisst ja als Großstadt-Jogger viel zu schnell, wie schön Laufen ist, wenn man seine Runden einmal nicht im Park vor der Haustür dreht, auf gleichmäßig verteiltem Kies unter akkurat gepflanzten Bäumen, in Kolonne mit einem Dutzend weiterer Großstadt-Jogger, und man stattdessen früh am Morgen ganz allein durch den Wald und über Wiesen rennt. Wenn der Nebel noch zart über Pferdekoppeln schwebt, Tau von den Gräsern tropft und unter den Füßen das erste Herbstlaub raschelt. An einer Kapelle vorüber, an einem Bach entlang, über einen Steg hinweg, mal unter Bäumen, dann zwischen mannshohen Stauden hindurch auf Trampelpfaden, Forstwegen und Straßen nur für den landwirtschaftlichen Verkehr. Kein Laut ist zu hören, außer dann und wann dem Schnauben eines jungen Pferdes, das sich übermütig auf der Weide wälzt, oder dem Schrei einer Eule aus der nahen Falknerei. Der Wendalinusweg ist eine solche Strecke. Im großen Bogen führt er durch die Ländereien des Linslerhofs, mit dreihundertdreißig Hektar das angeblich größte Landgut des Saarlands. Zwar verliert man in dieser hügeligen Landschaft das Gutshaus, die Jagdschule und die Ställe der Anlage nur selten ganz aus dem Blick, dennoch fühlt man sich weit weg vom Rest der Welt.

Zweieinhalb Kilometer ist der Wendalinusweg lang. So steht es auf einem Schild. Wenn das richtig gemessen ist, bin ich die beste Zeit meines Lebens gelaufen. Und wer weiß schon, was eine solche Umgebung nicht alles an Energie freisetzt? Aber vermutlich ist die Angabe absichtlich falsch und nur ein weiteres der vielen Details, mit denen man dem Gast auf dem Linslerhof das Gefühl vermittelt, am genau richtigen Ort zu sein.

Gesamtkunstwerk der Behaglichkeit

Verantwortlich für diese Details ist Brigitte von Boch. Ihre Möbel, Mode und Accessoires verkauft sie deutschlandweit in mittlerweile mehr als einem Dutzend Geschäften. Mit dem Linslerhof aber hat sie gleichsam ein Gesamtkunstwerk geschaffen, in dem von der Tischlampe und dem Bettbezug über die tiefen Sofas am offenen Kamin bis zu den Schreibtischen in den Zimmern alles dadurch aufeinander abgestimmt ist, dass diese Dinge den Eindruck vermitteln, jeweils für sich zu stehen. Lauter Einzelstücke, möchte man fast sagen, erkennte man nicht hier einen Sessel, dort eine Tischlampe von anderswo im Haus wieder.

Mit ihrer Linie gelingt Brigitte von Boch, was sonst nur mit viel Aufwand zu haben ist: Jedes Teil wirkt wie lange gesucht und endlich gefunden für genau den Platz, an dem es nun steht. Stammen könnte es aus Afrika oder dem Orient, vom Dachboden eines französischen Schlosses oder aus dem Herrenzimmer eines englischen Landhauses. Dunkles Holz und schwere Stoffe, dazwischen Tupfer von fast schwereloser Leichtigkeit mit Vasen aus feinem Porzellan und Tischchen mit solch zarten Beinen, dass man fürchtet, sie knickten im nächsten Augenblick unter der Last gusseiserner Skulpturen ein. Darüber Geweihe und bunte Stiche, darunter dicke Teppiche oder helles Parkett. Und hier noch eine Stalllaterne, dort ein silberner Kerzenständer und da zwei Füllhörner, aus denen Kresse sprießt. Wer behauptet, Ornament sei Sünde, der ist noch nie auf dem Linslerhof gewesen.

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10.10.2012, 17:20 Uhr

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