30.12.2010 · Wer klug ist, stellt sich auf einer Schiffspassage am Besten gut mit dem Koch, lautet eine alte Weisheit. Doch wie folgenreich diese Verbandelung sein kann, wenn man einem Ausnahmetalent wie Koch Alberto in die Hände fällt, musste unser Autor am eigenen Leib erfahren
Von Markus FlohrVon der besten Woche des Jahres will ich erzählen. Anfang April saß ich in Tel Aviv in meinem Zimmer und zermarterte mir den Kopf darüber, wie um alles in der Welt ich Israel wieder verlassen sollte. Mein Visum lief ab. Dazu muss ich sagen: Ich hasse Flugzeuge. Das Flugzeug ist jedoch der allgemein anerkannte Weg, Israel zu betreten und zu verlassen; die Reisebranche hat sich darauf eingestellt und die Grenzpolizei auch. Angst vor dem Fliegen ist zudem etwas Irrationales, das weiß ich wohl. Wenn ich ernsthaft Angst hätte, dass gerade mein Flugzeug abstürzt, dann könnte ich mich genauso gut vor Vulkanausbrüchen fürchten. Auch diese Dinge passieren, sagte ich mir, in meinem Zimmer in Tel Aviv, von dem aus ich das Meer sehen konnte, und buchte also eine Schiffspassage.
Fast alle Fährlinien nach Israel wurden in den vergangenen zehn Jahren eingestellt: Die erste Hälfte während der Intifada; die zweite, als die Flugtickets immer billiger wurden. Traurig und allein dümpeln in den verwaisten Häfen nur noch Containerschiffe vor sich hin. Ich buchte eine Kabine auf dem Frachter "Spes", der für die Reederei Grimaldi von Israel aus nach Italien fährt. Eine Woche auf See, dann wollte ich mit dem Zug weiterfahren.
Philippinische Smutjes
Eine freundliche Frau Kaiser von einem Reisebüro in München erklärte mir am Telefon, die "Spes" komme "in der Woche zwischen dem 11. und dem 18. April", oder früher. Oder später. Sie würde mich anrufen. Ich erzählte meinem Kumpel David aus Jerusalem davon, er lachte lange und laut und buchte einen Flug von Tel Aviv nach Berlin für den 16. April - weil er mich ärgern wollte. Er sagte: "Ich warte im Tiergarten auf dich und esse ein Eis."
Am 11. April packte ich meine Sachen in Kartons und schickte sie nach Deutschland. Einen Rucksack behielt ich bei mir. Ich stopfte ihn voll mit Zwieback, Äpfeln, Trockenobst, Nüssen. Man kennt ja diese Schauergeschichten: Matrosen, die an Skorbut verenden, denen vom verdrießlichen Fraß aus der Kombüse speiübel wird. Philippinische Smutjes, die holländisch kochen. Essen, das nur nach Salz schmeckt. Stockfisch, Dörrfisch, Pökelfleisch. Am Sonntag Filet von der Schiffsratte. Fürch-terlich! Ich steckte noch eine Tüte Gummibärchen in den Rucksack. Ich wartete.
Am 12. April passierte nichts.
Am 13. April passierte gar nichts.
Ich ging an den Strand von Jaffa und döste im Sand. Vor meinem geistigen Auge sah ich mich auf dem Meer, an Bord der "Spes", mit knurrendem Magen, weil kurz vor Zypern meine Vorräte aufgebraucht sein würden. Ich sah mich kraftlos über den Frachter torkeln, abgemagert, hungrig, seekrank, voll Heimweh und Fernweh zugleich. Einen Vorteil hätte die Sache: Der kleine Bauch, der sich unter meinem T-Shirt wölbte, wäre sicher schnell weg.
Schiff ohne Essen
Am 14. April rief ich Frau Kaiser in München an. Sie sagte: "Ihr Schiff nähert sich Israel. Melden Sie sich in Aschdod beim Hafenagenten." Ich verabschiedete mich von David, buchte ein Hotelzimmer in Aschdod und einen Tisch im besten Restaurant der Stadt. Am Abend fiel ich nach sechs Gängen und zwei Flaschen Wein glücklich ins Bett. Mein Bauch war aufgepumpt wie ein Ballon.
Am Morgen fuhr ich mit einem Taxi zum Hafen. Das Frühstück hatte ich appetitlos in mich hineingezwungen. Hunger, dachte ich, habe ich jetzt zwei Wochen lang nicht mehr. Ich stellte ich mich vor eine Art Zollstation mit einer Durchfahrt, vor mir wartete ein Lastwagen, hinter mir noch ein paar Lastwägen. Eine Grenzpolizistin fragte: "Wer bist du? Wo ist dein Lastwagen?"
Als sie meinen Rucksack durchsuchte, hielt sie jeden Apfel einzeln in die Luft und schüttelte den Kopf: "You are kind of crazy, no?" Sie bat mich, in einen der Äpfel zu beißen. Ich biss. Sie fragte, ob ich ein Schiff ohne Essen gebucht hätte? Ich kaute und zuckte mit den Schultern. Sie sprach auf Hebräisch in ihr Funkgerät, lachte kurz, dann kam ein Mann in einem Auto, hielt vor uns und sagte zu mir: "Eh, you are-e il passagero? Buongiorno, Alberto." Zum Abschied schenkte ich der Polizistin einen Apfel. Keine leichte Entscheidung.
Alberto, der Koch
Alberto trug die Haare bis zur Schulter, und er hatte eine entfernte Ähnlichkeit mit Luca Toni. Er überschüttete mich mit einem Schwall aus Wörtern, die meisten italienisch, aber er mischte ein paar englische und auch deutsche Vokabeln dazu; aus seinem Munde klangen sie alle wie italienische Nachspeisen. Überhaupt, das Essen. Alberto sagte, er sei der "Koch-e" und gleich, an Bord, gäbe es erst einmal "mangiare". Das, so viel Italienisch konnte ich noch, hieß "Essen". Essen?
Über eine Rampe rollten wir in den Bauch der imposanten "Spes": ein prachtvoller Koloss, 180 Meter lang, dreißig Meter breit, 33900 Bruttoregistertonnen schwer, acht Lagerdecks und eines mit Schlafräumen, Kombüse und Brücke. Alberto nahm meinen Rucksack und führte mich zu meiner Kajüte. Ich hatte kaum meinen Wecker ausgepackt, einen Blick auf meine Vorräte im Rucksack geworfen, und einmal aus dem Bullauge gesehen, da klopfte Alberto an der Tür. Er trug einen Anzug, wie ihn Ober in feinen Cafés tragen, schwarz-silber-grau, leicht ins Violett, mit Weste. Er lachte und lockte mich mit seinem rechten Zeigefinger wie eine Hexe: "Mangiare, Marco, mangiare."
Marco, das war jetzt ich.
Im Speisesaal hing an der Wand eine Karte Europas, auf der man sehen konnte, wann welches Land der EU beigetreten war. Außerdem gab es Bilder aus Palermo und Neapel. Daneben eine Uhr, es war halb zwölf. Auf dem Tisch lag eine gestärkte, weiß schimmernde Decke und auf der Decke ein Zettel:
- Menù' Giovedi 15/04/10 -
Colazione: Focaccia, Affettati, Caffè', Pane, Latte, Marmellata, Burro, Cereali
Pranzo: Antipasto Assortito, Pasta Al Forno , Milanese Con Insalata
- Menù' Cena -
Minestra Di Piselli, Pollo Arrosto, Patate Al Forno, Formaggi Misti, Gelato, Frutta - Caffè'
* Buon Appetito
Fress-Delirium in der Kajüte
Ich konnte kaum zu Ende lesen, da bog Alberto mit einem Tablett um die Ecke, über dem Arm ein weißes Tuch, er deckte den Tisch mit Tellern ein, mit Gläsern, allerlei Löffeln und Gabeln und Messern. Er fragte: "Coke? Vino? Aqua?" Da war er schon wieder weg. Es wurde Vino.
Zuerst musste ich das Frühstück nachessen. Beim Frühstück hatte ich ja noch mit der Grenzpolizistin über Äpfel verhandelt. Foccacia mit italienischer Salami, Schinken, Brötchen, Marmelade, Kaffee. Dann die Antipasti. Alle zwei Minuten stand Alberto neben meinem Tisch und fragte: "Va bene?" Va bene.
Hatte ich den Teller leer gegessen, riss er ihn weg und fragte: "Va bene?" Ich nickte. Er füllte den Teller wieder mit Antipasti. Bei der Pasta Al Forno das gleiche Spiel. Sie war wirklich lecker. Und die Milanese erst, da hätte ich auch noch eine dritte Portion... ach was, "hätte", ich aß noch eine dritte Portion. Mein Bauch schob mich langsam vom Tisch weg. Ich dachte an die Äpfel und den Zwieback in meinem Rucksack und fühlte mich schuldig. In der Kabine fiel ich aufs Bett und schlief. Mein Bauch zog alle Energie aus dem Rest des Körpers, denn er arbeitete so hart wie die Matrosen, die ich unter Deck irgendwelche Autos hin- und herfahren hörte.
Zur Strafe Nachschlag
Pünktlich um 19 Uhr klopfte es an der Tür. "Marco, mangiare!" Ich dämmerte langsam zurück aus dem Fress-Delirium. Vor dem Bullauge versank die Sonne im Mittelmeer und ich stellte mir vor, diese Sonne, dieses große, rote, runde Ding, sei mein Bauch, der mir langsam in die Kniekehlen plumpste. Ich schlurfte zum Speisesaal, wo mich der Kapitän der "Spes" begrüßte. Er konnte ein wenig Deutsch. "Allo Marco. Morgen führe ich-e dich über die "Spes". Jetzt essen erst einmal. Buon Appettito."
Die Erbsensuppe löffelte ich sehr langsam aus, damit Alberto nicht die Möglichkeit hatte, mir Nachschlag zu geben. Jedes Mal, wenn er um den Tisch huschte, hielt ich die Hand über die Schale. Der erste Offizier fragte mich etwas, das ich nicht verstand, ich war einen Moment lang unvorsichtig, Alberto zog mir die Schale weg, rief "va bene?", rannte in die Küche und bog mit einer neuen Schale Erbsensuppe um die Ecke. Sie schmeckte gut. Genauso wie danach das Huhn, die Ofenkartoffeln, die Käseplatte, das Eis und die Früchte.
- Menù' Venerdi 16/04/10 -
Colazione: Focaccia, Affettati, Caffè', Pane, Marmellata
Pranzo: Pasta Con Melenzane, Sgombro Al Limone, Amburghese Con Insalata
- Menù' Cena -
Pasta E Fagioli, Sgombro Al Limone, Girello Carotonato, Pomodoro con Insalata
Frutta - Caffè'
*Buon Appetito
Vulkanausbruch auf Island
Ich versuchte, das Frühstück zu schwänzen und rauchte auf dem Sonnendeck eine Zigarette: Zigaretten zügeln den Appetit. Leider kam Alberto dazu, zog einmal an meiner Zigarette, packte mich, schleifte mich in den Speisesaal und verabreichte mir das Frühstück. "Va bene? Marco?" Seine blauen Augen funkelten gefährlich.
Am Nachmittag erreichten wir die Küste von Rhodos und mein Telefon piepte. SMS von David: "Du Glückspilz! Vulkanausbruch auf Island, Lava-Wolke über Europa, alle Flughäfen gesperrt, kein Flieger geht raus. Schlau gemacht!" Ich dachte: Jetzt, da ich auf einem Schiff bin und abgeschnitten von allem, glaubst du, dass du mir alles erzählen kannst. Nur mit Mühe überstand ich Mittag- und Abendessen. Ich zog den Gürtel aus der Hose.
- Menù' Sabato 17/04/10 -
Colazione: Focaccia, Caffè', Pane, Marmellata, Burro
Pranzo: Spaghetti Al Pomodoro, Cacciuco, Costine Di Maiale Alla Giglia
- Menù' Cena -
Manzo Alla Giardiniera, Gateau Di Patate, Gelato, Frutta - Caffè'
*Buon Appetito
Doppelte Portion zum Abendessen
Um Fett loszuwerden und mal wieder richtig Hunger zu haben, joggte ich vor dem Frühstück ein wenig über das Schiff, von einer Reling zur anderen. Ich lief die Lagerdecks hinunter zu den Autos, wieder hinauf, vom Bug bis zum Heck. Zurück in meiner Kajüte versuchte ich, Sit-Ups zu machen. Ich blieb ich auf dem Rücken liegen wie ein Käfer, unfähig, mich aufzurichten. Mit letzter Kraft rollte ich zur Dusche. Als ich mich anzog, merkte ich, dass es in der Kabine merkwürdig roch. Ich sah in den Rucksack. Einige der Äpfel hatten begonnen zu faulen. Ich nahm sie, schlich mich an Deck, bis zur Reling, sah mich um, hoffte, dass keiner da war, und warf sie ins Meer.
"Marco!"
Alberto.
"Che cosa fai?"
Er war sauer. Er dachte, es wären seine Äpfel gewesen. Mir wurden Frühstück und Mittagessen gestrichen. Welch' Erlösung! Beim Abendessen, dachte ich, würde ich nur eine Kleinigkeit zu mir nehmen. Aber Alberto setzte sich an meinen Tisch, statt mir Essen darauf zu stellen, und redete in einem Italienisch-Englisch-Deutsch-Kauderwelsch auf mich ein, das in einsprachiger Notübersetzug wie folgt lautete: "Das war böse von dir. Ich verzeihe aber. Du bekommst die doppelte Portion zum Abendessen. Va bene?"
Beim Dessert knarrte mein Stuhl bedenklich unter meinem Gewicht. Nachts lag ich stundenlang wach, um eine Strategie zu entwickeln, wie ich Alberto und dem Essen entkommen könnte.
- Menù' Domenica 18/04/10 -
Colazione: Focaccia, Caffè', Pane, Marmellata
Pranzo: Antipasto Assortito, Gnocchi Alla Bolognese, Teneroni Di Muscolo
- Menù' Cena -
Spaghetti Aglio E Olio, Spezzatino Di Pollo, Formaggi Misti, Dolce, Frutta, Caffè'
*Buon Appetito
Die restlichen Äpfel faulten. Ich warf sie heimlich in den Küchenabfall. David schrieb: "Komme am 21. nach Berlin. Wir müssen ein großes Schokoladeneis im Tiergarten essen." Schokoladeneis? Igitt!
- Menù' Lunedi 19/04/10 -
Colazione: Caffè', Pane, Marmellata, Burro
Pranzo: Penne Con Melenzane, Sgombri Al Forno, Fiorentina Con Insalata
- Menù' Cena -
Riso E Patate, Peperoni Ripieni, Girello Arrosto, Pomodoro All'Insalata, Frutta - Caffè'
*Buon Appetito
Neptun und Poseidon
Wir umrundeten die Peloponnes. Während des Mittagessens sprang der Fernseher an. In den Nachrichten zeigten sie Bilder von einem Vulkan, der infernalisch rauchte. Man sah das Rollfeld des Flughafen Heathrow, auf dem die Flugzeuge wie auf einem Supermarktparkplatz nach freien Plätzen suchten. Eine Aschewolke aus einem Vulkan auf Island hatte alle europäischen Flughäfen lahm gelegt.
Beim Abendessen kam mir eine Idee. Alberto wollte mir gerade die zweite Portion gefüllte Paprika aufdrängen, er säuselte schon wieder: "Va bene?" Aber ich sagte: "No."
Oh, warum nicht - warum das? Wie konnte ich das sagen? War sie zu heiß oder zu kalt, zu weich oder zu hart, zu scharf oder zu mild? Alberto fasste sich an die Stirn, legte die Hand aufs Herz, machte Bewegungen wie ein Opernsänger, wedelte mit dem Serviertuch, es wurde ganz still, die Offiziere sahen mich an. Alberto sagte zu ihnen, auf Italienisch: "Hat il passagero Marco nicht geschmeckt-e!"
"Ohhhhhh, No No No!"
Alberto grapschte nach meinem Arm, zog mich vom Stuhl, was nicht so leicht war, da ich recht viel wog. Er schleifte mich Richtung Küche, ich hielt meinen Bauch fest, damit wir nicht unter dem Gewicht umkippten wie Dominosteine. In der Küche zeigte mir Alberto Herd, Ofen, Vorratsschränke; er deutete hierhin, redete in einem fort und sah mich an, als hätte ich ihm gerade mitgeteilt, dass es Neptun und Poseidon nicht gibt. Er drückte mir einen Teller in die Hand, und ehe ich etwas sagen konnte, füllte er ihn mit einer doppelten Portion Braten, legte noch Pasta und Tomaten dazu und faselte irgendetwas von "compensazione". Es war der Augenblick, in dem ich endgültig gegen Alberto verloren hatte.
- Menù' Martedi 20/04/10 -
Colazione: Caffè', Pane, Burro
Pranzo: Spaghetti Con Cozze, Savoiarda Di Polipo, Scaloppe, Insalata Mista
- Menù' Cena -
Minestra Di Lenticchie, Melenzane Ripiene, Bistecca Ai Ferri, Insalata Di Pomodoro, Frutta - Caffè' Buon Appetito
Rollend auf den Kai
Um die Prozedur zu vereinfachen, verließ ich meinen Tisch tagsüber nicht mehr und wartete nur, dass Alberto die Decke austauschte. Beim Kaffee entdeckte ich, dass ich die Tasse auf meinem Bauch abstellen konnte wie auf einem Tischchen.
- Menù' Mercoledi 21/04/10 -
Colazione: Caffè'.
Pranzo: Pasta Al Sugo, Dentice Al Forno, Salti In Bocca Alla Romana, Insalata
- Menù' Cena -
Pasta E Fagioli, Zucchine A Peperoni Ripieni, Arisa Di Maiale, Insalata Di Pomodoro, Frutta - Caffè'
Ravenna. Die beste Woche des Jahres war zu Ende. Alberto packte meine Sachen und entdeckte die restlichen Vorräte. Er lachte. Lange, laut und grausam. Auf den Kai musste er mich rollen.
Von Markus Flohr erscheint im Januar im Verlag Kindler das Buch "Wo samstags immer Sonntag ist. Ein deutscher Student in Israel".