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Salzburg Ist denn schon wieder Mozart?

02.01.2006 ·  Am Mozarteum mit Mozart-Archiv und Mozart-Bibliothek vorbei zum Mozart-Wohnhaus über den Mozartsteg hinüber zum Mozart-Denkmal am Mozartplatz: Im Mozart-Jahr vermozartet die Mozart-Stadt Salzburg schlichtweg alles.

Von Andreas Lesti
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An der Mozart-Stiftung Mozarteum mit dem Mozart-Archiv und der Mozart-Bibliothek vorbei zum Mozart-Wohnhaus über den Mozartsteg hinüber zum Mozart-Denkmal am Mozartplatz durch die Mozart-Passage zur Mozart-Filiale und der Mozart-Drogerie zum Mozart-Geburtshaus. Die Mozart-Stadt Salzburg feiert zum 250. Mozart-Geburtstag das Mozart-Jahr und vermozartet deswegen alles.

Als Mozart-Stadt verkauft sich Salzburg schon lange. In der Touristenbroschüre ist zu lesen: „Die Mozart-Stadt Salzburg hat die größte Dichte an authentischen und wissenschaftlichen Mozart-Stätten.“ Doch ab dem 27. Januar 2006, dem 250. Geburtstag ihres größten Sohnes und dem offiziellen Beginn des Mozart-Jahres, wird Salzburg der Mozart-Verehrung noch mal eine ganz neue Dimension geben. Die Gäste aus Japan, Amerika und aus dem Rest der Welt werden im Amadeus-Fieber durch die Stadt dämmern, und zu dem ohnehin schon sehr großen Angebot an Mozart-Veranstaltungen, -Konzerten und -Ausstellungen kommen im Jubiläumsjahr noch mal fünfhundert Extratermine dazu. Dr. Erich Marx, der Direktor des Salzburger Museums Carolino Augusteum, sagt: „Man kann das Jahr wunderbar füllen. Mozart ist am 27. Januar geboren und am 5. Dezember gestorben!“ Dem Wunderkinde hätte dieser Geburtstagshype wahrscheinlich gefallen.

Dagegen ist nicht jeder Besucher so viel Mozart gewachsen, und so munkelt man an manch Salzburger Mozart-Ecken nun von der Mozart-Flucht. Also hinauf auf den Mönchsberg und erst das Festspielhaus hinter sich und dann, wenn man Richtung Festung Hohensalzburg marschiert, den ganzen Mozart-Dunst unter sich lassen. Nach ungefähr zehn Minuten auf dem schmalen Weg passiert man erst ein Schild mit der Aufschrift: „Werfen Sie bitte keine Gegenstände hinunter. Sie gefährden ein Leben.“ Das kann man schon als ersten Hinweis darauf, daß es ein anderes Salzburg, ein Salzburg jenseits von Mozart gibt, sehen.

Tatsächlich erreicht man wenig später die Adresse Mönchsberg 32, Salzburgs Museum der Moderne. Von der Terrasse schweift der Blick über die barocke Altstadt sechzig Meter weiter unten. Wie in einer Spielzeugwelt kurven die Oberleitungsbusse durch die Straßen, und die Menschenmengen drängen durch die Gassen. Hin und wieder rollt ein winziges Pferdegespann über den Herbert-von-Karajan-Platz. Der Autor Wolf Haas ließ in seinem Buch „Silentium“ einen Selbstmörder dort hinunterspringen und stellt fest: „Weil natürlich Ironie des Schicksals, daß sich Selbstmörder immer die schönsten Abgründe aussuchen. Das ist genau wie mit dem Eiffelturm, wo die Franzosen oft ein paar hundert Kilometer reisen, nur damit sie sich hinunterstürzen können.“

Das Salzburger Museum der Moderne hat im Oktober 2004 eröffnet. Zusammen mit dem Restaurant „m32“ wollte man damals einen Gegensatz zur etablierten Kunstszene in Salzburg setzen. Auf den Stühlen der Terrassen sitzen junge Menschen, essen Rucolasalat oder trinken Latte Macchiato, und das Bild, das sie abgeben, wirkt eher wie aus Berlin-Mitte als Salzburg-Mönchsberg. Es ist also ein guter Platz, um Mozart für eine Weile zu vergessen. „Vergiß Mozart“, so heißt auch das Projekt des Foto- und Videokünstlers Robert F. Hammerstiel, das er für das Museum der Moderne inszeniert. Ab dem 6. Mai wird im Rupertinum das „Cafe Mozart“ eingerichtet: eine Internetplattform, die den Besuch in weltweit allen Cafes mit dem Namen Mozart gestattet.

Mönchsberglift, Museumsplatz: In wenigen Sekunden bringt ein Aufzug die Besucher wieder hinunter in die Stadt, und nur hundert Meter weiter beginnt die berühmte Getreidegasse, sozusagen das historische Zentrum der historischen Altstadt. Hausnummer 9, wie immer umschart von filmenden Asiaten: Mozarts Geburtshaus mit dem Mozart-Museum; und Hausnummer 7: das Wachsfigurenkabinett „next to mozart“. Mozart ist wieder voll da. Allerdings nicht in Hausnummer 50: dort befindet sich seit einem halben Jahr das „Carpe Diem“, Restaurant, Cafe, Bar und Lounge zugleich. Auf dessen Terrasse stehen Lorbeerstöcke, Heizstrahler, rote Sofas, und das Publikum gleicht jenem im „m32“. Man hört Kruder-und-Dorfmeister, trinkt Prosecco und ißt Cones, die aussehen wie kleine Eiswaffeln. Cones sind die Erfindung von Jörg Wörther, der 1990 als „Koch des Jahrzehnts“ ausgezeichnet wurde und nach wie vor als Österreichs bester Koch gilt. Er hatte die Idee zu „Fingerfood vom Feinsten“ und hat sie mit finanzieller Unterstützung von Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz umgesetzt.

Wörther, der bereits „Mozart der Küche“ genannt wurde, interessiert sich nicht besonders fürs Mozart-Jahr. „Salzburg putzt sich ganz gut heraus“, sagt er, „aber mir ist das zuviel des übertriebenen Touristenkults.“ Er hat das junge Publikum im Visier, das nach Salzburg kommt und weder ins Festspielhaus geht noch den Geldbeutel für ein Haubenrestaurant hat. „Wenn ein Menü 140 Euro kostet und dann noch die Weine dazukommen, dann finde ich das zu teuer.“ Das war auch die Idee für „Carpe Diem“. Wörther, der „im Prinzip alles erreicht“ hat, entwickelte eine kostengünstige und kreative Küche. Auf der Karte stehen Dinge wie „Gebeizter Zander mit Artischocken und Spargelspitzen im Polenta-Cone“, „Beef Tartare mit Erdäpfelpüree & Rucola im Kartoffel-Cone“ für nur wenige Euro. Der Touristenstrom, der im Mozart-Jahr durch die Getreidegasse zieht, interessiert Wörther aber doch. Denn: „Im August 2006 ziehen wir Bilanz. Und dann entscheiden wir, ob wir aus ,Carpe Diem' eine Kette machen.“ Er spricht von London, Barcelona, vielleicht auch Berlin.

Getreidegasse 41, schräg gegenüber des „Carpe Diems“, das „Älteste Wirtshaus Salzburgs“. Dort steht das Arthotel „Blaue Gans“, Schnittstelle zwischen dem alten und dem neuen Salzburg. Auf Direktor Andreas Gfrerers Initiative wurde das Gebäude 2002 zum Arthotel umgebaut - mit einer Glaskonstruktion im historischem Innenhof. Das alte Stammpublikum mischt sich nun mit jungen Gästen und Künstlern, die bevorzugt in der „Blauen Gans“ wohnen. „Salzburg ist dynamischer geworden“, sagt Gfrerer zufrieden und blickt zugleich ein wenig skeptisch ins Mozart-Jahr. Denn wäre es nach ihm gegangen, dann würde 2006 der „Sinn mit dem Umgang mit Mozart“ grundsätzlich hinterfragt. „Das Mozart-Jahr wäre ein guter Anlaß für Salzburg gewesen, auf die billige Mozart-Vermarktung zu verzichten und sich von den Klischees zu lösen.“

Getreidegasse 46, ein Souvenier-Shop. Nur wenige Schritte vom Arthotel verhallen Gfreres Worte in der pulsierenden Mozart-Welt. Touristen drängen sich in den Shop. Hinein, heraus, wieder hinein. Sie kaufen Mozart-Kugeln, Mozart-Weizengläser und Amadeus-Likör, Mozart-Seidentücher, Mozart-Bieröffner und Miniaturgeigen, Mozart-Servietten, Mozart-Schlüsselanhänger und Best-of-CDs. Später betrachten sie den Wunderkindkram, lange und ergriffen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 01.01.2006, Nr. 52 / Seite V3
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