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Sachsen Das immerwährende Weihnachten

 ·  Schneeberg kennt nur eine Jahreszeit, und diese hält den sächsischen Ort fest an der Hand, so wie eine Mutter ihr Kind. Ohne Weihnachten gäbe es das Städtchen vielleicht nicht mehr. Doch Schneeberg ist mehr als nur ein einziges Weihnachtsmuseum.

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Über Nacht hat es geschneit. Wie ein dünner Flaum liegt der Schnee auf den Dächern. Noch ist es still in dieser Morgenstunde. Nun kann Weihnachten kommen. Ein leichter Nebel hüllt die Häuser und Gassen ein.

Schneeberg ohne Schnee in dieser Zeit, das sei ein mittleres Unglück, sagt der alte Fotograf. Wir stehen mit ihm am Rathaus: Christoph Georgi, dreiundsiebzig Jahre alt, ist der Fotograf der Stadt. Seit fünfzig Jahren fotografiert er hier. Wie viele tausend Aufnahmen es sind, weiß er nicht. Jedes Jahr einen Kalender, ein Dutzend Bücher, Hefte, Prospekte. Ein Bilderleben. Immer sei die Stadt anders, sagt er, zu jeder Tageszeit, zu jeder Jahreszeit. Und so wartet er geduldig, bis die Sonne den Nebel vertreibt.

„Etwas Zertragenes in seiner Anlage“

Seine Bilder sind die bleibende Wirklichkeit der Stadt, nicht die Realität, die sich immer wieder verändert. Und das Vergangene wird scheinbar wieder zur Gegenwart. Wir erleben es, wenn wir in den Sucher blicken oder die Augen schließen: Hier also stand der berühmte Dichter, als sie in die Kutsche stieg, auf diesem Platz, und er sagte: „Bis bald, wir sehen uns dann in Weimar.“ Aber wenige Tage später, am 3.September l786, heißt es im Tagebuch: „Früh drei Uhr stahl ich mich aus Carlsbad, weil man mich sonst nicht fortgelassen hätte.“ So beginnt Goethes „Italienische Reise“, mit dem Abschied von Frau von Stein im erzgebirgischen Schneeberg, wo er Bergwerke besichtigte.

Am schönen Fürstenhaus von 1721, nur ein paar Schritte vom Marktplatz entfernt, hat Schneeberg seinen Mittelpunkt, der freilich die Spuren von Aufstieg und Verfall nicht verleugnen kann. Schon vor hundert Jahren schrieb der Erzgebirgswanderer E.O. Schmidt in seinen „Kursächsischen Streifzügen“: „Es hat, wie manche andere sächsische Bergstadt, infolge der Art seiner Entstehung und des Geländes etwas Zertragenes und Unregelmäßiges in seiner Anlage.“

Also wird Weihnachten erfunden

Daran hat sich kaum etwas geändert. Der Marktplatz, der eher einer breit anschwellenden Straße ähnelt, zieht sich hinauf zum höchsten Punkt der Stadt, an dem einst die Wolfgangszeche lag. Aber wohin wir in diesen Tagen auch schauen, in die Fenster, auf dem Platz, auf dem sich die Buden aneinanderreihen wie immer im Dezember: Überall ist Weihnachtsland. Aus den Läden dudelt ganztags Weihnachtsmusik, die Lichterpyramiden drehen sich von früh bis spät. Nur die Räuchermänner, die sich in den Regalen der Geschäfte stapeln, halten sich an das Rauchverbot.

Schneeberg lebt zu einem guten Teil von dieser Jahreszeit. Gäbe es dieses Weihnachtsinventar nicht, was sollte man machen? Das Jägerbataillon der Bundeswehr, der größte Arbeitgeber, zieht bald davon. Der Bergbau ist längst Vergangenheit. Also wird Weihnachten erfunden, das ganze Jahr über, vor allem in diesen letzten Wochen des Jahres. Dann dampfen die Bratwurststände, dann klingen die Ladenglocken, und die Menschen schieben sich zwischen den engen Budengängen hindurch. Bleibt da noch Platz für das arme Christuskind? Pfarrer Frank Meinel, den wir oben an der Sankt-Wolfgangs-Kirche treffen, lächelt ein bißchen: O ja, sagt er, da bleibe noch Raum, und nicht nur hier oben auf dem Berg in der wiedererstandenen Kirche.

Rotbackig wie ein Weihnachtsapfel

Weihnachten hat in dieser Stadt nie seinen christlichen Grundcharakter verloren. Als man zu DDR-Zeiten versuchte, mit dem „Fest des Lichtes und der Freude“ am zweiten Adventssonntag ein sozialistisches Weihnachtsspektakel zu inszenieren, da kamen die Leute wohl, denn es gab hier manches zu kaufen, was man sonst nicht bekam. Aber bald wurde aus dem offiziellen Festkonzept das „Lichtelfest“.

Und das ist es geblieben: ein Licht in der Adventszeit, das zwischen Tradition und Markt leuchtet. Denn ein Markt ist das Fest auch geblieben, vielleicht nicht so dominiert vom Tourismusmarketing wie die Märkte im osterzgebirgischen Seiffen und in der Bergbauschwester Annaberg. Schneeberg schnauft ein wenig hinterher in der Weihnachtsvermarktung, aber das schadet nicht. Pfarrer Meinel jedenfalls, ein kräftiger Mann, rotbackig wie ein Weihnachtsapfel und immer die Ruhe selbst, stört das nicht.

Berühmte Bewohner

Ein paar Schritte unterhalb des Pfarramtes steht ein leicht verfallener Bruchsteinbau, der noch nicht am Weihnachtsgeschäft partizipiert. Nur eine verwitterte Tafel erzählt, daß hier Carl Schumann mit seiner Frau Rosalie lebte, der Buchdrucker und Verleger, der Bruder des Komponisten. Robert besuchte ihn in Schneeberg des öfteren. Hat er in diesem Haus tatsächlich zum ersten Mal die „Kinderszenen“ gespielt?

Pfarrer Meinel führt uns in sein Gotteshaus. Für viele ist es die schönste unter den spätgotischen Hallenkirchen Sachsens. Ihre Schönheit kommt aus der Weite des Raumes, den wohlabgewogenen, eleganten Proportionen. Zwischen l516 und 1540 entstanden, wurde das Kirchendach am 19. April l945 durch amerikanische Tiefflieger zerschossen, so daß es Wochen später ganz einstürzte. Damals, sagt der alte Fotograf, habe er seine ersten Bilder von ihr gemacht und dann immer wieder.

Die Kirche ist angenommen

Ein langer Weg des Aufbaus, Jahrzehnte der Mühe, die l996 mit der Wiedereinweihung endeten. Nun leuchten die Altarbilder aus der Werkstatt Lukas Cranachs, die damals ebenso gerettet werden konnten wie der Taufstein von 1714. Dazugekommen ist die Jehmlich-Orgel, die sich ganz in die Westwand der Kirche zurückgezogen hat. Gerade erst wurde die Kanzel eingefügt, ein fast schmuckloser Bau aus Beton, ein schmaler Gang, der sich in den Raum hebt und das Pult trägt.

Noch ist das Gestühl vorläufig, noch fehlt die Heizung, aber schon ist die Kirche angenommen von den Schneebergern und ihren Gästen. Als wir wieder hinaustreten in die morgendliche Kühle dieses Tages, meint der Fotograf: „Wenn man einmal dabei war, am ersten Weihnachtstag, wird man es nie vergessen.“ Schon um drei Uhr morgens huschen die Sänger mit Blendlaternen über den dunklen Kirchplatz. Dann gibt es erst einmal Kaffee, und der neue Stollen, das Weihnachtsgebäck der Erzgebirgler, wird angeschnitten.

Ohren längst erfroren?

In jedem Jahr wagen knapp zweihundert Turmsänger den Aufstieg. Während die große Glocke und das Bergglöcklein läuten, drängen sie sich auf einer Plattform, der sogenannten Turmlaterne, zusammen. „Wer fünfzig Jahre lang dabei war, bekommt eine Pelzmütze“, sagt der Pfarrer lachend, das sei ein alter Brauch. Und der Fotograf fügt hinzu: wenn seine Ohren nicht längst erfroren sind.

Das Schneeberger Turmsingen gibt es seit 1675. Nach dem Gesang drängen die Menschen in die Kirche. Die Mettenschicht beginnt, ein Weihnachtsgottesdienst, der wie so viele andere Bräuche christliche Überlieferung mit Bergwerkstradition verknüpft. Vielleicht ist dies das Besondere der erzgebirgischen, der Schneeberger Weihnacht: Sie verliert sich nicht im Marktrausch, sondern hält ihre Wurzeln lebendig.

Museum über die Bergmannswelt

Wer wissen will, wohin sie führen, muß hinüber zum Topfmarkt gehen. Dort steht das schönste Haus Schneebergs, das Borthenreuther-Haus, ein Bau aus dem Jahre 1725 mit einer wunderbar gegliederten Fassade, das heutige Museum für bergmännische Volkskunst. Und ehe wir's uns versehen, hat der Fotograf schon seine Kamera auf das Stativ gesetzt und zieht die Stirn in Falten: Ach, wenn nur das Licht besser wäre und wenn man das Haus ein Stückchen zurückrücken könnte.

Das Museum zeigt die ganze Bergmannswelt. Im Jahr 1471 wurde Schneeberg gegründet, das „Berggeschrey“, Silberfunde von bisher unbekannten Ausmaßen, brachte Menschen aus allen deutschen Landen hierher an den Schneeberg. Herzog Albrecht kam 1477 auf die St.-Georgs-Zeche und speiste an einer Tafel aus Silber von zwei Meter Länge und einem Meter Höhe, die man aus einer noch viel größeren Erzstufe herausgehauen hatte. Die Erzstufe ergab dann vierhundert Zentner Silber. Da konnte man mit Appetit schmausen.

Einmalige mechanische Bergwerke

Das Einmalige dieser Schau aber sind die mechanischen Bergwerke und Weihnachtsberge. Es gibt keine reichere Sammlung dieser ebenso kunstvollen wie naiven Gestaltung des bergmännischen Lebens. Manchmal findet sich das Christuskind in der Krippe in einer erzgebirgischen Umgebung. Die Besucher staunen über die Mechanik des Ganzen. Da klopfen die Hammerwerke, da rollen die Hunte, die Bergleute marschieren zur Bergparade. Das Wasserrad dreht sich, und Jesus hebt unentwegt die hölzernen Arme und segnet das ganze Unternehmen. Wer die erzgebirgische Weihnacht in aller Stille genießen will, hat hier Gelegenheit dazu.

Dann drängt es uns wieder hinaus. Mittlerweile fallen Schneeflocken aus dem stumpfen Dezemberhimmel, und die Buden auf dem Markt haben ihre Schutzhüllen verloren, die ersten Bratwürste dampfen schon auf dem Grill. Oben am Kirchplatz haben sich Busse eingefunden. Vor den Läden stehen die Besucher, kaufen wir jetzt oder später? Die Bergmannskapelle probt an der Ecke für die Festivitäten, die nicht mehr enden bis in die ersten Tage des Januar, wenn an Hohneujahr die Lichter ausgehen.

Doch Schneeberg ist mehr als nur ein einziges Weihnachtsmuseum. Wenn man ein bißchen sucht, kommt man in eine andere Gegenwart jenseits von Bratwurst und Christstollen. Wir gehen in „Büttners Hotel“ am Markt. Hier hat der Fotograf eine ganze Palette von Küchenmeistern für ein Buch aufgenommen, ein Kochbuch. Über dem Restaurant des Hotels leuchtete für etliche Jahre ein Michelin-Stern, einer von zweien in Sachsen. Doch der Koch hat sich davongemacht. Nun versuchen seine Nachfolger, das Niveau von Küche und Hotel zu halten, und wie es uns scheint, gelingt dies nicht schlecht.

Dann sind wir wieder dort, wo wir am Anfang unseres Spaziergangs standen, am Fürstenhaus, und schauen zu, wie der Fotograf abermals versucht, ein Bild in die Kamera zu locken. Ein neues Bild? Oder ist es das hundertste der Erfindung der Weihnacht, die hier jährlich neu geprobt wird? Weihnachten ist nicht nur eine Jahreszeit, diese Jahreszeit hält Schneeberg an der Hand wie der Fotograf seine Kamera. Ohne sie gäbe es vielleicht diese Stadt nicht mehr.

„Der Bergsee, ein Naturwunder“

Als wir Schneeberg verlassen, besteht der Fotograf darauf, uns noch zum Filzteich zu führen. Einsam und verlassen liegt der See in dieser Jahreszeit da, ein Bergbaukind, ein Bergsee, der schon im fünfzehnten Jahrhundert entstand. Und hier begegnen wir wieder Goethe, unsichtbar seine Schritte auf dem weichen Moos: „Der Bergsee, ein Naturwunder, überwältigend schön im Anblick der herrlichen Wasserfläche, umgeben von tiefgrünen, stundenweiten Fichtenwäldern, liegt auf einer bewaldeten Hochebene bei der alten Bergstadt Schneeberg.“

Aber in diesen Tagen liegt der Nebel über dem Wasser, die Fichtenwälder haben sich in weiße Weihnachtsbäume verwandelt. Und von drüben, vom Schneeberg herüber klingen die Glocken, es klingt Musik.

Auskunft: Touristinformation, Markt l, 08289 Schneeberg, Telefon: 03772/20314; Museum für bergmännische Volkskunst, Obere Zobelgasse l, Telefon: 03772/22446; Hotel Büttner, Markt 3, Telefon: 03772/530.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.12.2005
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