„Memmingen München West“ heißt der Allgäu-Airport auf dem Memmingerberg in Bayern vollmundig bei Ryanair. Dass es anderthalb Stunden Busfahrt bis nach München sind, steht allerdings nirgendwo. Kein Wunder, allein die Erwähnung der Stadt München verspricht gute Geschäfte, mag sie noch so weit entfernt sein.
Vor allem als Einflugschneise für Oktoberfest-Touristen war Memmingen in diesem Jahr gefragt. „Die Leute kamen mit Ryanair aus England und Skandinavien und stiegen oft schon mit Lederhosen aus der Maschine“, sagt Ralf Schmid, der Flughafenchef von Memmingen. Und ein Hotelzimmer brauchten diese Billigflieger auch, weshalb Veranstalter aus Memmingen kurzerhand Pauschalreisen zur Wiesn anboten.
Den Großen ist das ein Dorn im Auge
Und noch eine ganz andere Zielgruppe steht derzeit bei den Memmingern im Fokus. Man wolle jungen, arbeitslosen Spaniern ein besonderes Programm anbieten: Sie sollen hier einen Job bekommen und einen freien Heimflug im Monat. „Denn die Unternehmer in der Region finden vor Ort keine Azubis“, sagt Schmid. Ryanair macht’s möglich, verbindet der Billigflieger doch Memmingen direkt mit Barcelona. Zu Preisen ab 24 Euro für eine Strecke, ohne Gebühren.
Einfallsreich muss man sein, wenn man Betreiber einer Provinzpiste ist. Davon gibt es in Deutschland überraschend viele. Die Konkurrenz unter den zweit- und drittrangigen Flugplätzen auf dem flachen Land ist groß, kommerzieller Erfolg stellt sich nirgendwo ein. Beinahe alle Kleinstflughäfen werden mit Subventionen und Steuermitteln erhalten und machen nicht selten Verluste in zweistelliger Millionenhöhe.
Den Großen ist das ein Dorn im Auge. Der Lufthansa etwa, mit ihrem ohnehin stark defizitären Inlandsverkehr, der jetzt weitgehend von Germanwings übernommen werden soll. „Das ist das Gegenteil einer sinnvollen Wirtschaftspolitik“, heißt es bei der Lufthansa. „Betriebsbeihilfen verzerren massiv den Wettbewerb, und im vergangenen Jahr sind die Passagierzahlen an Deutschlands Kleinstflughäfen dramatisch eingebrochen.“
Zunächst rosige Aussichten
Die Kommunen erhoffen sich durch die Airports vor ihrer Haustür wirtschaftliche und touristische Impulse. Doch oft machen sie die Rechnung ohne Billiganbieter wie Ryanair und deren beinhartes Geschäftsgebaren. „Wir sind regelmäßig erpresst worden und zum Spielball von Ryanair verkommen“, beschwerte sich etwa der Oberbürgermeister von Altenburg in Thüringen. Die Iren zogen flugs weiter, nach Magdeburg-Cochstedt in Sachsen-Anhalt. Dort gab es offenbar höhere Marketing-Zuwendungen, Altenburg steht seitdem gänzlich ohne Linienverkehr da.
Einige der Provinzpisten verzeichnen inzwischen Passagierzahlen um die zwei Millionen im Jahr. Hahn im Hunsrück etwa, Weeze oder Dortmund. Andere wie Erfurt, Rostock-Laage oder Kassel-Calden kämpfen um jeden Kunden oder müssen sich erst noch eine Nische im Markt sichern. Manche dieser kleinen Flugplätze sind, wie Memmingen, ehemalige Militärflughäfen. Bis 2003 starteten dort noch Tornados der Luftwaffe. Nachdem ein Flugzeughangar zum Terminal umgebaut worden war, konnte der nach München und Nürnberg dritte bayerische Verkehrsflughafen 2007 in seine neue Zukunft starten.
Die sah zunächst rosig aus. Tuifly stieg gleich mit zwölf Flugzielen ein und bediente erfolgreich Hamburg, Berlin und Köln/Bonn. Ryanair flog nach Bremen, 410.000 Passagiere allein im innerdeutschen Flugverkehr kamen so in der Hochphase jährlich auf den Allgäu-Airport. Doch dann übernahm Air Berlin die Routen von Tuifly und stellte sie wenig später ein. Hinzu kam die Luftverkehrssteuer, die bei innerdeutschen Flügen gleich doppelt zu Buche schlägt, dazu die Mehrwertsteuer. Ein Passagierrückgang war die Folge.
Lufthansa kritisiert dagegen die gezahlten Subventionen
Doch Memmingen gab nicht auf. Für den Verkehr nach Hamburg und Berlin schoben die privaten Investoren, die den Flughafen betreiben, auch eine eigene Fluglinie an, die unter dem Namen Flytouropa beide Großstädte anbindet. Inzwischen ist Ryanair auch in Memmingen mit etwa 75 Prozent Marktanteil größter Anbieter, gefolgt von der osteuropäischen Wizz Air. Flughafenchef Ralf Schmid legt aber Wert auf die Feststellung, dass die Iren ganz normale Gebühren bezahlen, wie bereits Tuifly. Zudem erhalte Memmingen keine öffentlichen Betriebskostenzuschüsse.
Lufthansa kritisiert dagegen die bereits 2007 gezahlten Subventionen von 6,5 Millionen Euro, die auch dem nur 80 Kilometer entfernten Flughafen Friedrichshafen schadeten. „Das ist immer noch besser als sinnlose Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Durch den Flughafen kommt für die Region etwas rüber“, sagt Schmid. Und die Passagiere mögen kleine Flughäfen sowieso.
Wo sonst kann man schon ab drei Euro am Tag sein Auto parken wie in Memmingen bei dreiwöchiger Abwesenheit? Sogar ein Business-Parkplatz 50 Meter vom Terminal entfernt kostet nur acht Euro am Tag, in Hamburg sind es 24 Euro. Und von Memmingen starten Ryanair und Germania direkt in den Urlaub - im Winterflugplan etwa auf das spanische und portugiesische Festland, nach Madeira und auf die Kanaren.
„Unser Problem ist die nicht vorhandene Planungssicherheit“
So weit sind sie am anderen Ende der Republik in Lübeck noch nicht. Immerhin gab es hier am Flughafen Blankensee im Sommer erstmals wieder einen Urlauber-Nonstopflug nach Antalya, Ryanair flog nach Gerona und Budapest. Dem Flughafen Lübeck, der dieses Jahr 350.000 Passagiere abfertigen wird, geht es schlecht - die Stadt will den chronisch defizitären Platz schließen, wenn sich nicht in den nächsten Wochen ein Investor findet. Fünf haben sich beworben, einer von ihnen ist Winfried Stöcker, Unternehmer aus Lübeck. „Einem Urlaubsreisenden mag es nicht viel ausmachen, erst nach Hamburg fahren zu müssen, um dort ins Flugzeug zu steigen. Für Unternehmen mit Kunden im In- und Ausland ist ein Flughafen mit Anschluss an das internationale Streckennetz immens wichtig“, sagt Stöcker.
Auch wenn Lübeck nicht die Zugkraft von Memmingen hat - in den nächsten Wochen werden viele Schweden hier landen: „Bei den Passagieren aus Stockholm-Skavsta kommen 80 Prozent hierher, um den Weihnachtsmarkt zu besuchen“, sagt Flughafenchef Jürgen Friedel. Auch Schweizern will er künftig die Ostsee inklusive Fährfahrt nach Skandinavien als Pauschalreise verkaufen. „Unser Problem ist derzeit aber die nicht vorhandene Planungssicherheit“, sagt Friedel. Bis zum 27. November will die Bürgerschaft entscheiden. „Es gibt ein Restrisiko, aber ich sehe eine gute Chance auf Offenhaltung des Flughafens“, so Friedel. Dann werden es die Lübecker sicher auch in Kauf nehmen, wie ihr Terminal aussieht. Es besteht seit Jahren aus einem Zelt.
Von deutschen Provinzflughäfen sind auch im Winter viele beliebte Ferienziele nonstop zu erreichen. Linienflüge von Ryanair starten von insgesamt elf deutschen Flughäfen. Direkt aus der Provinz geht es im Winter nach Spanien, Portugal, auf die Kanaren und nach Madeira. Ab Hahn im Hunsrück sind mehr als 60 Ziele erreichbar, ab Weeze am Niederrhein 50. Von Karlsruhe/Baden geht es zu zwanzig Destinationen, ab Memmingen zu 18, von Lübeck zu sechs und ab Cochstedt bei Magdeburg nach Mallorca.
Ferienflüge in Urlaubsregionen bieten Flughäfen wie Rostock-Laage, Zweibrücken, Kassel-Calden (Eröffnung im April 2013) und Erfurt an. Von dort fliegen zum Beispiel Germania und manchmal Tuifly auf die Kanaren (ab Memmingen auch im Winter), ab Kassel bietet XL Airways ab Mitte April Strecken nach Palma, Antalya, Fuerteventura und Teneriffa. Air Berlin ist ganzjährig in der Provinz präsent und fliegt etwa Saarbrücken, Friedrichshafen und Paderborn an.
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