29.04.2007 · „Aufs glücklichste Ernst und Scherz zu vereinigen“ - das haben sich die Spieleerfinder in Ravensburg schon vor hundert Jahren auf die Fahnen geschrieben. Unterhaltung und Belehrung sind denn auch stete Begleiter bei einem Besuch im Spieleland und in der selbsternannten Stadt der Spiele.
Von Andreas ObstGleich hinter dem Haupteingang des Ravensburger Spielelands steht Käpt'n Blaubär unter einem Sonnenschirm und begrüßt die Besucher mit Handschlag. Neben ihm hat sich sein Freund Hein Blöd aufgebaut und wackelt mit dem Kopf. Eine Angestellte des Parks, in Signalkleidung mit roter Hose, gelbem Pullover und blauem Käppchen, versucht, den Ansturm der Kinder zu ordnen. So ist es jeden Tag im Ravensburger Spieleland. Morgens, wenn die Anlage öffnet, postieren sich Blaubär und Blöd genau fünfundzwanzig Minuten lang als Empfangskomitee, am späten Nachmittag, wenn die Tore geschlossen werden, stehen sie wiederum zum Abschied bereit.
Fragen beantworten die beiden dabei allerdings nicht, sagt die Hüterin der Helden. Es sei anstrengend genug, Hunderten von Kindern am Tag die Hände zu reichen. Man hat ausgerechnet, dass Blaubär und Blöd über die Jahre fast anderthalb Millionen Hände geschüttelt haben. Jeden zweiten Parkbesucher begrüßten oder verabschiedeten sie persönlich. Demnächst wird der dreimillionste Besucher auf dem ehemaligen Maisfeld zwischen Ravensburg und dem Bodensee erwartet. Mit den Kindern reden können Käpt'n Blaubär und Hein Blöd beim Händeschütteln nicht auch noch, sagt die Angestellte. Sonst wären beide bald ohne Stimme.
Unvergessliche Begegnungen
An Ostern begann die zehnte Saison des Ravensburger Spielelands. Das schöne Wetter sorgte für einen Ansturm der Gäste. Er ist bis heute nicht abgerissen. Bereits am frühen Morgen stehen die Menschen in langen Schlangen vor den Kassen. Hein Blöd schiebt dem kleinen Mädchen, das sich zu ihm emporreckt, den Mützenschirm ins Gesicht. Das Mädchen lacht, ihr Vater fotografiert. Das sind Begegnungen, die im Gedächtnis bleiben.
Ihr Aplomb greift so unmittelbar, dass man sich die grundlegende Sinnfrage gar nicht stellt. Was haben die Helden der Weltmeere im südlichen Oberschwaben verloren? Wie sind Käpt'n Blaubär und Hein Blöd nach Ravensburg gekommen? Ihre Vita jedenfalls lässt keine Verbindung mit diesem Ort im tiefen Binnenland erkennen. Kein Hinweis darauf in der „Sendung mit der Maus“, durch die sie einst populär wurden, und auch nicht im Roman „Die 13½ Leben des Käpt'n Blaubär“, den Walter Moers, der Zeichner, Erzähler und Blaubär-Erfinder, seiner Figur als ironietrunkene Biographie hinterherschrieb.
Reiten auf Gänsen
Der Siebenjährige ist still geworden im Anblick der Helden. Am Vorabend noch hat er, der unverbrüchlich an Osterhase und Weihnachtsmann glaubt und der, seit er nachmittags einen katholischen Hort besucht, ernsthaft über das Christkind diskutiert, die Existenz des seefahrenden Lügenbolds und seines Rattenfreunds lauthals in Frage gestellt. Man solle ihm keine Märchen erzählen: Käpt'n Blaubär und Hein Blöd gebe es nur im Fernsehen.
Nun muss die Begegnung mit dem Seebären erst einmal verarbeitet werden. Vielleicht lässt sich der Siebenjährige deshalb ohne Widerstand von der kleinen Schwester zum Tierkarussell ziehen, das einige Schritte weiter seine Runden dreht. Die Kinder reiten auf Gänsen, Lämmern und Ziegen. Der Siebenjährige schwingt sich auf einen Stier mit drohend geschwungenen Hörnern. Das Karussell fährt an, die Eltern werden von der Angestellten in Rot-Gelb-Blau hinter die kniehohe Absperrung komplimentiert. Im Ravensburger Spieleland geht es auf allen Wegen und vor allen an allen Attraktionen stets sicher zu.
Platz frei für Käpt'n Blaubär
Der Faltplan, den man am Eingang erhält, zeigt die sieben Themenwelten des Parks mit unterschiedlichen Farben umrandet. Insgesamt achtzig Stationen sind verzeichnet. Dazu zählen allerdings auch die Plastik-Hüpfburg am Eingang, der Grill-Imbiss in der „Grünen Oase“ und der Duschtunnel in der „Kunterbunten Spielewelt“, der im glühend heißen Sommer 2003 errichtet wurde, damit sich erhitzte Besucher im Sprühnebel aus Wasserdüsen abkühlen können.
Den besten Überblick über das Gelände bietet eine Fahrt mit der Schwäbischen Eisenbahn, die Strecke berührt sämtliche Spieleland-Welten. Am frühen Morgen ist die Warteschlange noch kurz, der Miniaturzug fährt alle fünfzehn Minuten. An der Tür gleich hinter der grünen Lokomotive steht geschrieben: „Bitte für Rollstühle, Kinderwagen und Käpt'n Blaubär freihalten!“ Der Siebenjährige liest, stutzt einen Moment und steigt dann ein.
Flächendeckender Spaßbetrieb
Das Spieleland ist grün und landschaftsarchitektonisch entschieden gestaltet. Der Zug fährt entlang dichter Baumreihen, dahinter ragen Dächer auf, in der Ferne erheben sich aufgeschüttete und bepflanzte Hügel. Wiesenblumen blühen, Vögel zwitschern. Zweiunddreißig Arten wollen Ornithologen im Parkgelände ausgemacht haben. Anders als die achtzig Tiere, die der Streichelzoo auf engem Raum präsentiert, lassen sich die Vögel an diesem Vormittag nicht blicken. Doch man kann sie hören. Ihre Stimmen übertönen das Schnurren der Eisenbahn, das Surren der Karussells und auch die Laute der Menschen.
Dreitausend Besucher sind es an diesem sonnigen Samstag. Das ist Durchschnitt im Spieleland. Und doch gibt es immer wieder sekundenblitzende Momente, da man an diesem Ort des Miteinanders ganz für sich zu sein glaubt. Bei allem Buhlen um das Publikum trumpft das Spieleland, das leibhaftige Übergröße gewordene Verkaufsprogramm des Ravensburger Spieleverlags, nicht mit Sensationen um ihrer selbst willen auf wie andere Spiel-und-Spaß-Einrichtungen, mit denen Deutschland mittlerweile gepflastert scheint.
Oberschwäbisches Sinnbild
Sechsundsechzig Freizeitparks und Hallenspielplatzunternehmen verzeichnet der Verband Deutscher Freizeitparks und Freizeitunternehmen e.V., die Dachorganisation der jungen Branche, mittlerweile auf seiner Homepage. Alle Einrichtungen zusammen ziehen jährlich mehr als zwanzig Millionen Besucher an, die Hälfte von ihnen ist jünger als zwanzig Jahre. Spitzenreiter in der Gunst des Publikums ist der Europa-Park im badischen Rust. Vor dreißig Jahren eröffnet, ist er der Prototyp des Freizeitparks als Sensationsmaschine mit immer größeren, schnelleren, lauteren Fahrgeschäften - und damit ein Modell, das den Gegenentwurf unbedingt herausforderte. Auch die Idee, anders zu sein als die anderen, war ein Antrieb des Ravensburger Spielelands. Dafür wurde die Anlage, die sich durchaus als Sinnbild oberschwäbischer Beharrlichkeitsmentalität begreifen lässt, im Jahre 2001 als erster Freizeitpark mit dem Deutschen Städtebaupreis für Architektur und Landschaftsgestaltung ausgezeichnet.
Im vorigen Jahr zählte der Europa-Park, der wie das Ravensburger Spieleland nur in der warmen Jahreszeit geöffnet ist, vier Millionen Besucher - mehr als manches klassische europäische Urlaubsziel. Der Besuch eines Freizeitparks ersetzt inzwischen manche Reise. Gemeinsam ist allen Anlagen, dass sie kompakte Erlebnisse bieten, zeitliche und räumliche Verdichtung. Nicht zufällig reihen zahlreiche Parks ihre Attraktionen nach geographischen Schlüsselbegriffen. So wird in der Enge des umzäunten Areals grenzenlose Weltläufigkeit suggeriert.
Kinder ins Rathaus
Auch in Ravensburg will man in diesem Sommer Ländertage feiern - für Spanien, die Türkei, die Schweiz: Nur reisen sei schöner, lautet der Slogan dazu. Die gedankliche Verbindung mit der Idee von Ferne erscheint in Ravensburg freilich durch die Inszenierungen kaum gedeckt. Sie sind ganz hier und jetzt. So feiert das Spieleland zu Beginn der Jubiläumssaison als neue Attraktionen einen Pavillon mit Modelleisenbahnen, einen Heustadel in der „Grünen Oase“, in dem Kinder toben dürfen, nachdem sie alle spitzen Gegenstände aus ihrer Kleidung entfernt haben - wie ein Schild am Eingang mahnt -, und den Ruhebereich ebendort.
Die Bürgerverpflichtung zur Mäßigung trifft auch das Selbstverständnis der selbsternannten Stadt der Spiele Ravensburg, deren Zentrum einer aufgeräumten Puppenstube gleicht. Aus diesem Geist entstand das Spieleland. Ihren größten Schatz, das mittelalterliche Gebäude in der Altstadt, in dem Otto Maier 1883 den heute weltberühmten Buch- und Spieleverlag gründete, hütet die Stadt wie einen Reliquienschrein. Zugang gibt es nur stundenweise. Um das kleine Museum schlägt die eigens für Kinder veranstaltete Stadtführung eigenartigerweise einen weiten Bogen. Sie endet nach einem Spaziergang über die hübschen Plätze des Zentrums, über denen die zahlreichen Türme der Stadt aufragen, im Sitzungssaal des Rathauses unter einem dunklen Gemälde der Stadt aus dem siebzehnten Jahrhundert. Die Kinder werden ermahnt, die Mikrophone auf den Tischen der Stadtratsmitglieder nicht zu berühren.
Memory im Miniaturhubschrauber
Seit zwei Wochen darf sich das Ravensburger Spieleland mit dem Titel „Ausgewählter Ort 2007 im Land der Ideen“ schmücken. Den vorangegangenen Wettbewerb haben die Bundesregierung und der Bundesverband der Deutschen Industrie ausgelobt, denn längst sind die deutschen Freizeitparks als eigene Branche erkannt: Ihr Jahresumsatz erreicht eine halbe Milliarde Euro. In Ravensburg aber wurde neuerlich ausdrücklich das eher konservative Konzept hervorgehoben: der Austausch zwischen Eltern und Kindern beim gemeinsamen Spiel.
Im Spieleland zählen eben die ewigen Werte des Miteinanders, behutsam modern aufbereitet. So spielt man hier das Familienspiel „Memory“, den größten Verkaufserfolg der Ravensburger, zu dritt auf den engen Sitzen eines Miniaturhubschraubers. Jeweils vier der grellbunten Modelle stehen in einer Reihe, ihre Besatzungen spielen gegeneinander. Die Karten, die man auf dem Armaturenbrett aufdeckt, werden auf einer großen elektronischen Tafel abgebildet. Wer Paare findet, wird in seinem Hubschrauber so hoch in die Lüfte gehoben, wie es der Ausleger erlaubt, an dem das Fluggerät befestigt ist. Die anderen bleiben am Boden. Die Erde aufzuwühlen ist ein anderer Spaß einige Meter weiter. Im Fix-&-Foxi-Abenteuerland, das wie Käpt'n Blaubärs Reich von den Ravensburgern kurzerhand vereinnahmt wurde, stehen zahlreiche Kleinbaggermodelle, deren Schaufeln man mit einfachen Schaltbefehlen aus dem Fahrerhaus bewegen kann. So lässt sich Kies vom Boden heben und ausschütten. Dreißigtausend Kilogramm sollen auf diese Weise in den zurückliegenden Jahren bewegt worden sein.
Eine Geste unter Freunden
„Bei uns erleben Familien einen gemeinsamen Tag abseits des Alltags“, postuliert Carlo Horn, der Vorstand des Spielelands. Das stimmt, sofern man keinen Baggerführer in der Familie hat. Es ist wahrhaftig besonders in dieser Saison, da an jedem einzelnen Tag auf der Showbühne Geburtstag gefeiert wird. Der Park feiert sich selbst und die Geburtstagskinder unter seinen jungen Gästen, die sich von ihren Eltern für die Ehrung auf der Bühne anmelden lassen müssen. Dann werden sie von der Animateurin aufgerufen und erhalten ein kleines Geschenk. Danach bilden Käpt'n Blaubär und Hein Blöd mit allen Kindern eine Polonaise, die mehrfach über die Bühne tänzelt.
Der Tag im Spieleland endet, wie er begonnen hat. Gäste und Gastgeber schütteln einander am Ausgang die Hände. Der Siebenjährige hat die Scheu vor Käpt'n Blaubär verloren. Kein Wort mehr über Existenzfragen. Zum Abschied knufft er den Seebär ins blaue Fell. Eine Geste unter Freunden, wie er erklärt.
Das Ravensburger Spieleland auf halbem Weg zwischen Ravensburg und Bodensee bietet auf einem fünfundzwanzig Hektar großen Gelände mehr als fünfzig Attraktionen in sieben Themenwelten. Der Eintritt kostet zwanzig Euro für Erwachsene, achtzehn Euro für Kinder im Alter zwischen drei und vierzehn Jahren. Die Saisonkarte kostet 45 Euro, die laufende Saison dauert bis zum 21. Oktober. Informationen: Ravensburger Spieleland, Am Hangenwald 1, 88074 Meckenbeugen/Liebenau, Telefon: 07542/ 4000, im Internet: www.spieleland.de.
Das Ravensburger Verlagsmuseum befindet sich in der Marktstraße 26 und ist donnerstags von 14 bis 18 Uhr geöffnet, vom 29. Juni bis 7. September auch an den anderen Werktagen außer montags sowie am Wochenende. Der Eintritt ist frei. Informationen unter der Telefonnummer 0751/86-0 und im Internet: www.ravensburger-verlagsmuseum.de.
Kinderstadtführungen durch Ravensburg werden bis November jeweils am ersten Sonntag im Monat angeboten, sie dauern etwa eine Stunde und sind geeignet für Kinder, die mindestens sechs Jahre alt sind. Treffpunkt ist um 10 Uhr vor der Tourist Information in der Kirchstraße, die Teilnahme kostet zwei Euro. Informationen im Internet: www.kinder.ravensburg.de.
Kostenlose Übernachtungen für Kinder bis achtzehn Jahre, auf Wunsch und nach Verfügbarkeit auch im eigenen Zimmer, bieten acht Hotels der Stadt.
Informationen: Tourist Information Ravensburg, Kirchstraße 16, 88212 Ravensburg, Telefon: 0751/82800, Im Internet: www.ravensburg.de.