Es war systematische Planung, keine Krise. Ich wollte mich nicht krampfhaft ertüchtigen - ich wollte einfach nur machen, was ich vor Jahren schon mit Freunden gerne gemacht habe: eine mehrtägige Fahrradtour. Es fing an mit einer mit Bleistift schnell dahin gekritzelten Liste von Ortsnamen einer Strecke, die ich vor 25 Jahren nicht hätte machen können. Heute ist das anders, und eine Radfahrt von der Mitte Deutschlands schräg nach Nordosten scheitert nicht an politischen Grenzen.
Tag 1
Die historische Handelsroute von Frankfurt nach Leipzig ist schon vor langer Zeit als Königsstraße urkundlich erwähnt worden. Ein Glück, dass sie von Mainz über Höchst und quasi direkt an meiner Haustür vorbeiführt und mittlerweile vom Kutschen- zum Radweg ausgebaut worden ist. Ein guter Einstieg also, um ohne den Berufsverkehr an einem Montagmorgen die Stadt auf dem Höhenzug zwischen Main- und Niddatal zurückzulassen und in Ruhe Richtung Osten zu radeln, vorbei an Industriegebieten und Parkplätzen, Baumärkten und Großmöbelhäusern, bis nach Gelnhausen.
Die Reise in die Vergangenheit hat begonnen - und was das bedeutet, wird mir schneller klar als gedacht. Denn trotz akribischer Vorbereitung und modernster Ausrüstung fehlt mir eines: das Mobiltelefon. Und da ich schon um die Mittagszeit telefonieren muss, fahre ich quer durch Bad Orb und suche eine Telefonzelle. Im Zentrum finde ich schließlich eine der sehr an die achtziger Jahre erinnernden gelben Zellen, und mein Kleingeld verschwindet metallisch scheppernd im Münzschlitz. Die Tarife sind vorsichtshalber nicht angeschrieben. Telefonieren kann so billig sein - wenn man es nicht von einem Münzfernsprecher aus tut. Über die Wegscheide rollt mein Rad auf neuem Straßenbelag steil bergan: vom Jossa- ins Sinntal und weiter immer flussaufwärts entlang der Grenze zum Truppenübungsplatz Wildflecken an den Fuß des Kreuzbergs in der Rhön.
Tag 2
Im September ist ja bekanntlich kein Hochsommer mehr. Und deswegen kommt die Regenjacke leider schon auf der zweiten Etappe nach Osten zum Einsatz. Der Nieselregen setzt auf dem Weg zur bayerisch-thüringischen Grenze immer wieder ein. Die liegt nach einem Steilstück in einem lieblichen Tal zwischen Willmars und Stedtlingen. Wenn man nicht darauf achtet, fällt einem überhaupt nichts auf. Zu sehen ist von 45 Jahren deutscher Teilung hier gar nichts mehr. Nur der Straßenbelag wechselt, das war's. Trübes Wetter, tolle Landschaft, der Geruch von Gülle ist mein ständiger Begleiter. Dank der Neopren-Überschuhe bleiben die Füße trocken und warm.
Nach Meiningen und Zella-Mehlis fällt Nebel auf die kurvenreiche B 247. Von Rennsteig und Oberhof sehe ich fast nichts. Ich stelle mir ein hübsches Hotel mit Schwimmbad und Sauna vor. Doch die Realität ist kalt und nass und führt auf einer rasenden Abfahrt durch das Jonastal. Doch dann ist die Straße plötzlich wieder trocken, und ihre tänzelnden Windungen lassen den nassen Vormittag schon fast wieder vergessen. Sanfte Hügel, riesige Felder, irgendwo weiter, hinter vielen kleinen Dörfern mit ihren spitztürmigen Kirchen, liegt das Ilmtal. So schön ist der Osten. Dann beginnt es wieder zu nieseln.
Tag 3
Wer Bargeld braucht, geht zum Geldautomaten: Wohl dem, der seine Geheimnummer im Kopf hat. Die Eselsbrücke ist im Handy gespeichert. Aber das liegt ja zu Hause. Nach langem Grübeln geht es dann doch gut. So etwas wäre dem Geheimrat Goethe in Bad Berka nicht passiert. Ihm soll es hier ganz gut gefallen haben, im alten Schulhaus, beim Lehrer Schütz. Der Ilm-Radweg in Richtung Weimar ist noch nass, teilweise äußerst schmal und abschüssig. Rinder, Pferde, Schafe und Ziegen sind die einzigen Zeugen meiner schnellen Fahrt. Die Morgensonne blendet, die Ilm plätschert dahin, als ich die A4 unterquere und durch Mellingen, Vierzehnheiligen, Lehesten und dann auf die Saale-Platte radle. Nirgends fehlen die Hinweise auf die Schlachtfelder von 1806, als die Preußische Armee eine schwere Niederlage gegen Napoleons Truppen erlitt.
Der Saale-Rad-Wanderweg Richtung Naumburg ist gut ausgeschildert, mit unvermittelten und steilen Steigungen bis zu 15 Prozent, die in den Oberschenkeln brennen. Die Radwegkultur ist mittlerweile so ausgebildet, dass sogar Umleitungen ausgeschildert werden: sechs extra Kilometer und 180 zusätzliche Höhenmeter wegen einer Brückensanierung vor Bad Kösen! Nun wird die Tour auch körperlich zur Grenzerfahrung. Aber es gibt offenbar auch ausgleichende Gerechtigkeit auf dieser dritten Etappe: In Naumburg öffnet sich das Tal, und nordöstlicher Rückenwind treibt mich mit spielerischer Leichtigkeit über den EU-geförderten Straßenbelag nach Weißenfels und Lützen. Dieser Ort erweckt heute den Eindruck, dass sogar 1632 hier mehr los war. Nur Verkehrswege gibt es viele. In einem Gewirr aus Bundesstraßen und Autobahnen sowie ihren Zubringern wäre ich besser auf das linke Saale-Ufer gewechselt.
Tag 4
Ich habe noch die Soleluft der Bad Dürrenberger Gradieranlage in der Lunge, als ich am Morgen des vierten Tages Richtung Chemiedreieck fahre. Plaste und Elaste aus Schkopau gibt es nicht mehr, dennoch glaube ich, den Geruch des industriellen Ballungsraumes in der Nase zu haben. Ab hier ist es flach, die Felder scheinen endlos, am Horizont sehe ich Schornsteine und die Spitzen des Merseburger Doms. Ich muss mich östlicher halten. Westlich des Flughafens Leipzig-Halle, hinter der neugebauten Brücke über die A14 und A9, wünsche ich mir sehnlichst den Straßenbelag des Vortages zurück: Die Muur von Geraardsbergen ist ein Dreck gegen diese Kopfsteinpflasterstrecke. Wenn ich gewusst hätte, was mich besonders in Ortsdurchfahrten erwartet, ich hätte andere Reifen aufgezogen.
Die Lehre ist: Fahre in Orten auf dem Gehweg, der ist weniger hoppelig. Gut ist es auch, am äußersten Fahrbahnrand zu fahren, gefährlich wird es nur bei matschigem Bankett. Und nur Mobilat Schmerzsalbe hilft den geschundenen Handballen. Bei Glesien macht sich leichter Zwiebelgeruch bemerkbar. Die Region gehört zu den großen Zwiebelanbaugebieten, und die Ernte wird gerade verarbeitet. Über die gefluteten Seen des ehemaligen Braunkohlereviers pfeift der Wind in Böen heftig von der Seite. Ich passiere Orte namens Delitzsch und Goitzsche und sinniere auf den langen, wenig befahrenen Streckenpassagen über die Fülle der ständig wechselnden ostdeutschen Autokennzeichen: APD zu AP, DZ zu TDO, MQ zu SK, BTF zu ABI oder WSF zu BLK. Überall ist der Weg nach Ferropolis ausgewiesen. Der Boden wird sandiger, die Bäume werden einförmig. Es geht in Richtung Elbe.
Tag 5
In Wittenberg kreuzen sich der Europaradweg R1, der Elberadweg, der ist Deutschlands beliebtester, und der neu konzipierte Radweg Berlin-Leipzig. Der Schnittpunkt befindet sich direkt am historischen Markt in der Altstadt, und deswegen muss man hier genau wissen, in welche Richtung man will. Ich zum Beispiel verpasse den Einstieg zum Radweg elbeaufwärts und lande in der Sackgasse des Bahnhofs. Ein schöner Auftakt für die letzte Etappe meiner Tour. Nachdem ich den Ausweg aus Wittenberg dann endlich gefunden habe, führt mein Weg mich nach Norden. Der Abstand zwischen den eintönig grauen Dörfern wird immer größer. Ewig ziehen sie sich an der Straße entlang, und je weiter ich nach Norden komme, desto häufiger fahre ich an den gelbroten märkischen Klinkerbauten, an Dorfteichen mit Enten oder Gänsen und an meist am Ortsrand gelegenen Kleinstplattenbauten in vollendeter Hässlichkeit vorbei.
Über den brandenburgischen Platzregen freuen sich vielleicht die Pilzsammler, ich dagegen kauere unter einem dichten Alleebaum. In den Orten stehen jetzt Tische vor den Häusern. Neben einem Töpfchen für das Geld werden Pfifferlinge in kleinen Körben, herbstliche Asternsträuße und, umso näher man dem Berliner Speckgürtel kommt, Kürbisse in allen Formen, Farben und Größen angeboten. In Kleinmachnow beginnt schließlich ein Fahrradweg städtischer Ausprägung. In Zehlendorf passiere ich das Schild zur Deutschen Teilung am ehemaligen Mauerstreifen. Dann radle ich durch den chaotischen Stadtverkehr ins Zentrum.
Mit dem Fahrrad von Frankfurt nach Berlin
Die beschriebene Radtour von Frankfurt am Main bis nach Berlin führt an fünf Tagen über insgesamt 622 Kilometer und 3420 Höhenmeter.
Karten und Planung ADAC-Straßenkarte 1:200.000, Blatt 5, 6, 7 (je 4,95 Euro) oder BVA-Radtourenkarte 1:150.000, Blatt 8, 9, 13, 16 (je 6,80 Euro). Für die Streckenplanung hilfreich sind folgende Internetseiten: www.saale-radweg.com
www.ilmtal-radwanderweg.de
www.radroutenplaner.hessen.de
www.radroutenplaner.thüringen.de.
Strecke 1. Tag: Frankfurt, Bruchköbel, Gelnhausen, Bad Orb, Wegscheide, Jossa, Zeitlofs, Bad Brückenau, Riedenberg, Wildflecken, Oberweißenbrunn
2. Tag: Bischofsheim, Oberelsbach, Nordheim, Stedtlingen, Sülzfeld, Ellingshausen, Zella-Mehlis, Oberhof, Crawinkel, Arnstadt, Werningsleben
3. Tag: Bad Berka, Mellingen, Hohlstedt, Vierzehnheiligen, Dornburg, Camburg, Großheringen, Bad Kösen, Naumburg, Weißenfels, Großkorbetha
4. Tag: Bad Dürrenberg, Burgliebenau, Großkugel, Werlitsch, Glesien, Delitzsch, Löbnitz, Pouch, Gräfenhainichen, Radis, Schleesen
5. Tag: Wittenberg, Abtsdorf, Kurlipsdorf, Tiefenbrunen, Zülchendorf, Dobbrikow, Zauchwitz, Fresdorf, Saarmund, Güterfelde, Kleinmachnow, Berlin
Für die Rückreise mit der Bahn ist zu beachten: Fahrradmitnahme ist nicht im ICE, nur in Intercityzügen (IC/EC) und den Nachtzügen der Deutschen Bahn AG möglich. Die Stellplätze sind reservierungspflichtig. Die Fahrradkarte kostet neun Euro für eine einfache Fahrt, mit Bahncard sechs Euro.
Übernachtungsmöglichkeiten Einzelzimmer in Gasthöfen, Pensionen oder Hotels finden sich überall von 26 bis 67 Euro. Speziell für Radreisende empfiehlt sich das Übernachtungsverzeichnis „Bett & Bike“ des ADFC, mehr im Internet unter www.bettundbike.de.