Petrarca lebte hier, von 1341 an, also kurz vor und während der großen Pest, die seine Laura dahinraffte; dichtend und träumend und wandernd im Vallis Clausis, dem heutigen Fontaine de Vaucluse. Bis hinauf zum Mont Ventoux ist er marschiert, danach hatte das Natur- und Landschaftserleben eine ganz neue Stimme. Vermutlich ist er auch an den Ufern der Sorgue spazieren gegangen, die später, in gewisser Hinsicht aber auch früher Kelmarinbach heißen sollte und hier einer Höhlung unter der Stirn jenes Bergmassivs entspringt, ganz plötzlich aus einem dunklen Quelltopf. Nach schweren Regengüssen füllte der Topf sich an und stürzte brausende Kaskaden den Tobel nieder, die Fluten grünend von Kresse - wie man es heute noch sehen kann, das grünlich schimmernde Pflanzenwerk im silbrig sprudelnden Fluss, sei es nun Kresse oder was auch immer.
Nach Westen wendet sie sich zunächst, die Sorgue, wie es sich gehört, denn dort wartet die Rhône. Der Süden wäre noch eine Option, dort fließt die Durance, und zwar von Ost nach West, bei Avignon vereinigt sie sich mit der Nord-Süd-Rhône. Die Sorgue aber macht es um einiges anspruchsvoller: Schon fünf Kilometer nach der Quelle biegt sie plötzlich ab. Nach Norden. Und teilt sich, verästelt sich, hier ein Lauf, dort ein Arm, man weiß gar nicht mehr, was man da alles Sorgue nennen soll in der Ebene zwischen Rhône und Mont Ventoux.
Staunen über Steilwehre und Schöpfräder
Seltsam. Als ob der Mensch eingegriffen, als ob irgendwann einer beschlossen habe: Ich weiß, wohin der Bach will. Nach Nordwesten statt nach Süden. Über neunzehn Meilen statt über sieben. Einen Kilometer vor dem Ort L’Isle-sur-la-Sorgue, drei Meilen westlich von Fontaine de Vaucluse, kommt man der Sache näher. Der Avenue Le Partage des Eaux folgend, weniger eine Avenue als ein ruhiger Spazierweg, schlendert man am Ufer der Sorgue entlang flussaufwärts zur Wasserscheide, dorthin, wo alles begann. Man gelangt an eine Mauer, eine leicht gerundete Barriere, die dem Wasser die Stirn bietet. Rechts ein Fluss, links ein Fluss. Mitte der fünfziger Jahre berichtet eine Reisende: „Von der Stirnmauer aus, im Hintergrund von Bäumen und Gebüschen flankiert, erstreckte sich wie ein Spiegel eine breite unbewegte Wassermasse, von der Sonne beschienen, wunderbar klar und durchsichtig. Das Wasser schien zu stehen, und doch teilte es sich hier: auf voller Breite durch leichte Wölbungen nach rechts und links in tiefer gelegene Flussläufe gelenkt, floss es in zwei entgegengesetzten Richtungen davon.“
Ilse von Niebelschütz hat das aufgeschrieben, die Frau des Schriftstellers Wolf von Niebelschütz, und es ist anzunehmen, dass an dieser Stelle, an diesem Ort bei ihrem Mann, der am 13. Januar 2013 hundert Jahre alt geworden wäre, die Idee zu seinem Roman „Die Kinder der Finsternis“ genauere Gestalt anzunehmen begann. Das Wehr aus dem neunzehnten Jahrhundert, erbaut unter Napoleon dem Neffen, das die Sorgue fein säuberlich im Verhältnis sieben zu fünf teilt, erregte unendliches Staunen. Der breite Kanal stieß gegen eine Stirnmauer. Von ihr stürzten die Silbersträhnen beidseits über flache Landwehre: enge Steilwehre wässerten durch doppeltmannshohe Schöpfräder den Hügel. Der Hügel, war eine Insel, hinter der sich die Arme des Kelmarinbaches wieder schlossen und auf der heute noch der alte Kern des Städtchens L’Isle-sur-la-Sorgue mit seinen Antiquitätenläden, den Mühlrädern und den gut frequentierten Ufercafés steht.
Ein irrwitziges System von geteilten Wassern
Die Hydrographie des Kelmarinbaches oder der Sorgue, je nachdem, ist nicht nur eine geteilte und geknickte und eine seit Jahrhunderten nachweislich von Menschen geschaffene, sie funktioniert sogar verkehrt herum, une rivière à l’enfers, sagen die Einheimischen. Nicht wie sonst formen viele Bergbäche den einen Flusslauf, vielmehr speist eine Quelle ein irrwitziges System von geteilten Wassern, kanalisierten Bachläufen, schmalen Kanälen, insgesamt fünfhundert Kilometer lang, gepflegt und betreut vom „Syndicat Mixte du Bassin des Sorgues“. Wo einst Moor und Sumpf, Karst und Geröll war, sollten blühende Landschaften entstehen. Irgendwann im zwölften Jahrhundert, möglicherweise einem wirklichen, einem ausgedachten aber allemal, war es so weit. Nach tagelangen Regen spendete der Quell Wasser im Übermaß. Hin und her wie junge Jagdhunde auf der Fährte, bahnten die Kelmarinläufe neue Wege durch die Ödnis, verwandelten Senken in Seen, umspülten Hänge, schossen voran, schlugen Haken und eilten um die Wette dem Tec entgegen. Einer der Kanäle - der südlichste mit Namen Canal de Vaucluse-, er soll stolze tausend Jahre alt sein, erreicht an der Porte Limbert das päpstliche Avignon und versorgte, wiederum mehrfach geteilt, die Stadt. Eine wunderbare Vorstellung, geistesgeschichtlich und wasserbaukundlich, die Schutzherren Petrarcas jenes Nass trinken zu sehen, wohinein er jeden Morgen gestiegen sein mag.
Eine jede Landschaft hat ihr Buch, und die mittelalterliche Provence hat „Die Kinder der Finsternis“. Wir befinden uns in der Mark Kelgurien in einem halbfiktiven zwölften Jahrhundert, und wie in allen guten Romanen sind die Landschaft, die Schauplätze, der ganze literarische Raum nicht einfach eine beliebige Staffage. Das, was uns hier an elementarer Schroffheit und Unbarmherzigkeit der Natur geboten wird, ist vor allem dazu da, dem Helden für seinen Bezähmungswillen ein Betätigungsfeld zu entfalten.
Der Wassermann schaut den Elefanten zu
Dieser Held heißt Barral, er ist vieles in diesem Buch - Bastard und Schafhirte, Herzog und Ratgeber des Kaisers, Freund der Sarazenen und Liebender ungezählter Frauenfiguren -, und er hat viel zu tun: Die Räte trugen vor. Im Wasser liegend, entschied er. War, was er Kram nannte, überstanden, pflügte er Unkraut, grub Steine aus künftigen Feldern, badete wieder, focht, schaute den Elefanten beim Roden zu, spielte den Ball gegen die Lehmwand oder jagte. In erster Linie aber ist er, ganz faustisch, Wasserbauer, Wasserlenker, Wassermann. Und das hat wiederum seine tiefere kelgurische Logik, denn Wasser ist das Element, von dem die Provenzalen noch heute immer viel zu wenig oder viel zu viel haben.
Schwarz wuchs die Wolke über dem Tec. Ein malvenfarbener Schimmer überdunstete die umliegenden Hügel. Das Land verfinsterte sich in einer Minute. Die Vögel verstummten. Beidseits der Stadt gleißte ein doppelter Blitz hinab. Dann wurde es doppelt dunkel. Die Donner rollten und rollten. Gleichmäßig rauschend, schüttete der Himmel unendliches Grauschwarz hinab; die Äcker tranken wie im Juni 2010, als sich über Draguignan innerhalb weniger Stunden dreihundertfünfzig Liter Wasser pro Quadratmeter ergießen, eine Halbjahresmenge. Zwanzig Menschen sterben, Boote und Hubschrauber evakuieren Krankenhäuser, Altenheime und ein Gefängnis. 1988 rauschen in Nîmes aus einer gigantischen Wolke die Fluten herab, in einem ausgedörrten Flussbett finden die Wassermassen ihren Weg und schlagen eine Schneise der Zerstörung durch die Stadt. Das Desaster wurde verstärkt durch einen geborstenen Kanal, genau wie damals, als bei einem ersten Versuch, den Kelmarinbach zu zähmen, nicht einmal zwanzig Elefanten als Deich im Bachbett die Katastrophe verhindern können. Die Tiere streckten den Rüssel hoch. Bei Sonnenaufgang brach der Fluß durch die Enge, zerriß den Hügel und besträhnte die Wälder. Von einer Anhöhe herab, zwei Meilen weiter, sah Barral den Wildstrom durch Gehöfte schäumen, ertrunkenes Vieh und ertrunkene Menschen mit sich wirbelnd.
Wenn Schlammfresser und Töter wehen
Wasser also, Wasser von oben, Wasser von unten, Wasser, das gezähmt werden will. Wie der Wind, der fast immer weht und die Landschaft nach seinem Willen formt. Geviert nach Geviert in hohen Umzäunungen, mit Schilfrohr verflochtenen Zypressen, deren Wurzeln mit Steinen beschwert waren, während die Kronen sich unter dem Wind bogen. Alle Hecken und Pflugfurchen liefen quer zum Wind - wehte es doch oft in Kelgurien, oft eine Woche so, die nächste umgekehrt. Alles tat man im Windschatten, heute des Schlammfressers, morgen des Töters.
“Mangefange“ sagen die Provenzalen zum Mistral, ihrem Schicksalsnordwind, dem man begegnet mit fensterlosen, mauerdicken Nordfassaden, mit geduckter Bauweise, mit Ergebenheit und der Hoffnung, dass er drei, sechs oder neun Tage wehe, dabei alles Nass so schnell auftrocknet, dass die Erde zerrissen zurückbleibt, Mangefange, was wörtlich Schlammfresser bedeutet. Und dann der Töter: Der Töter brachte die Mohren. Schlug er um in den Nordsturm, standen sie plötzlich im Feldgeviert; zwei Minuten, und die zerschnittenen Kehlen leerten ihr Blut in den Boden. Derlei passiert heutzutage eher selten, unangenehm stramm ist es dennoch, dieses steife, warme Gebläse aus Südost.
Im Kelmarinbach ruht noch der Brautfelsen
Niebelschütz hat der Erstausgabe eine eigenhändige Zeichnung seiner Mauretanischen Mark Kelgurien beigefügt. So bekommt man hinten kartographisch beeidet, was vorne kaum zu glauben ist. Die Karte ersetzt dem Provence-Reisenden für gewisse Zeit den Michelin Maßstab 1:250000, denn was interessiert ihn eine Brücke über die Durance, hat er doch einen weiten Blick auf die fruchtbaren Auen, auf die dreißig Arme der Gallamassafurt.
Wie immer ist alles allein eine Frage des Kopfes. Zum Beweis gehen wir die paar Kilometer von Fontaine de Vaucluse hinauf zum maurischen Hof und treffen hier im stillen Bergnest Saumane de Vaucluse auf einen erstaunlich wohnlichen Burgbau aus dem zwölften Jahrhundert - aus welchem auch sonst? -, der der Familie de Sade gehörte, was Niebelschütz natürlich wusste, so dass es nur folgerichtig ist, der Kopf des reisenden Niebelschütz-Lesers spinnt jetzt weiter, hier oben Fastrada, eine der vielen Frauen Barrals, eine von zwei bigamistisch angetrauten, anzusiedeln, während unten im Seehof Roanna, die andere, die schönste und wildeste, wärmste und köstlichste seiner Frauen, der Gipfel seines Glücks, ein Brunnen des Staunens, auf ihn wartet. Im Kelmarinbach, nur wenige Meter nachdem er aus dem Fels tritt, an dem heute Buden am Ufer der Sorgue stehen, die Zuckerwatte, Ansichtskarten und Petrarca-Devotionalien feilbieten, muss irgendwo Roannas Brautfelsen noch ruhen, bauchig und bemoost, gekerbt mit Stufen, ein gewaltiges Brautbett unter dem Dämmer dichtschattenden Laubes.
Dem Fürsten der Finsternis dient ein Weib als Fußbank
Wenn wir uns dann südwärts wenden, auf der kurvigen D843 durch den Luberon nach Lourmarin, wo Albert Camus seine letzten Jahre verbrachte, bewegen wir uns auf der alten Heerstraße durch die Schluchten des Zederngebirges nach Lourmarin, von wo und wie auch immer es nicht mehr weit ist zu den Ufern jener Felsgestein transportierenden Durance, die im Roman den viel treffenderen Namen Gallamassa trägt.
Überhaupt diese Orts-, Fluss- und Flurnamen! Den Tec hatten wir schon, das ist die Rhône, die Sorgue wird wie gehört zum Kelmarinbach, Cézannes Montagne Sainte-Victoire zum Stuhl Gottes und Marseille zu Mirsalon, wo die Mauren sitzen. Das berühmte provenzalische Triple-A aus Avignon/Aix/Arles heißt jetzt Lorda, Cormons und Rodin und hier in der alten Römerstadt machen wir kurz halt und überlassen uns vor der Kirche St-Trophime der Betrachtung des fast fertigen Haupteinganges mit der gemeißelten Bilderbibel. Auf grausamen Löwen, deren Pranken Menschen zerfetzen, stehen in erhabener Ruhe Propheten. Über ihnen ziehen links die Erlösten in den Schoß Abrahams, rechts die Verdammten, aneinandergekettet auf wabernden Flammen bis zu dem Fürsten der Finsternis, dem ein verkrümmtes Weib als Fußbank dient. Den Kreuzgang, nur wenige Schritte über die Place de la République durch den Palast des Erzbischofs, Eintritt 7 Euro 50, imaginieren wir als Werkplatz: Notdächer, Schuppen, Steinreihen, wechselnd drei Doppelsäulen und massige Vierkantpfeiler, halb ausgehauen. Ein Säulenkopf zeigt das himmlische Jerusalem; ein anderer die Christgeburt. Und da wir wissen, oder besser: zu wissen glauben, dass hier gleich nebenan christliche Ritter im Kettenhemd nackte Mohren schlachten, wird unser Nacken allmählich steif beim Suchen und Betrachten und Entdecken und Staunen.
Der Oberschurke beginnt seinen Weg an der Schulter des Satans
Arles hinter uns lassend, reiten wir weiter auf der D17 über die Cormonitische Heerstraße durch das Schilfmeer, am Kloster St. Michael zum Berge vorbei, wo die Benediktiner das einzige kleine Hügelchen weit und breit sich aussuchten, um ihr Kloster Montmajour zu gründen, und dann sehen wir es vor uns, das gar nicht mal hohe, aber vielfach gebuckelte, vielfach gestaffelte, schrundige Felsgebirge Les Alpilles, das - man wird bei all diesen klingenden Schöpfungen auch Favoriten haben dürfen - den mirakulösen Namen Schulter des Satans bekommt.
Dass der Weg des Oberschurken Walo Sartena von hier seinen Ausgang nehmen musste, spürt man sofort. Vor uns liegt Ortaffa. Grau silbrig, eine meilenlange Steinwand, lag es wie schwimmender Dunst über dem Horizont auf der Schulter des Satans. Wir sind in Les Beaux angekommen, der berühmten Bergfeste am Südhang der Alpilles, die einst den Grimaldis gehörte und heute den Touristen. Unschwer erkennen die Letzteren, dass die Burgtafel als Zunge mit Spitze und Kante über dem tragenden Fels hängt und keiner Befestigung bedarf. Und ist es nicht so, dass die Hauptgebäude wie Zähne im Kiefer vornan einzeln auf durch gehendem Felsstock sitzen? Wir treten näher und erblicken fünf steinerne Festungen mit steinernen Dächern, steinernen Schlagläden, glatten gemeißelten Wänden auf senkrechtem Sturz. Schulklassen lärmen, Reisegruppen knipsen, Familien rasten auf bloßem Stein, und alle könnten, wenn sie wollten, den bitterbösen genius loci erahnen: Aus dem Burginnern ragte der Grundfels bis zu sechsfacher Mannshöhe. Fünf uneben gebuckelte Höfe unterbrechen die Bergfläche viermal mit doppelter Mauer, Stachelgraben, Zugbrücke, Fallgatter und Turmbastion, die Tore verschränkt übereck, so dass der Angreifer, wenn er stürmte, die Flanke zeigen musste.
Mauren, Minnesang und heillos versippte Geschlechter
Es wird viel angegriffen und verteidigt in diesem Roman, gestorben und geboren, geliebt und gehasst und vieles Weiteres erzählt, so ziemlich alles, was das zwölfte Jahrhundert zu bieten hat. Man muss die Gelassenheit bewundern, mit der Niebelschütz Maurenangriffe, Minnesang, Kreuzzüge, Ketzerausrottung, Kirchenschisma und sogar den Kaiser Friedrich Barbarossa nebst Kanzler Rainald in sein Geschehen hineinwebt, von den heillos versippten Geschlechtern der Edlen und weniger Edlen, den Bauern, Schäfern, Schmieden und den starken Frauen ganz zu schweigen. Kelgurien, zwischen christlicher Kirchenfrömmigkeit und heidnischem Volksglauben, wird zum epischen Epizentrum der mittelalterlichen Welt, dargeboten in einer Sprache, die jede Verwandtschaft mit bestsellernden History-Schinken ausschließt.
Niebelschütz schreibt ein so sperriges wie farbiges Deutsch, knapp und lakonisch, opulent und verstörend. Vor allem ist diese Sprache in ihrer kantig-archaisierenden Schwere und ihrer abgründigen Rhythmisierung, der Sache, der provenzalischen Natur nämlich, in einer selten gewordenen Weise angemessen. Dem Mittelalter möglicherweise auch, sicher aber unseren Vorstellungen vom Mittelalter. Das hat dem Buch schon im Erscheinungsjahr 1959, genau wie die „Blechtrommel“ übrigens, nicht nur Freunde eingebracht. Es hat nie so richtig dazugehört zum Kanon der westdeutschen Nachkriegsmoderne, es ist aber genauso wenig jemals richtig vergessen worden, hat zahlreiche Wiederauflagen erlebt, so dass man nicht einmal von einem echten Geheimtipp reden sollte. Marketingleute würden es einen „hidden Champion“ nennen.
Auf der Suche nach des Helden erstem Lehen
Der hidden Champion im Buch ist das Dorf Ghissi. Dort erlebt und überlebt der achtjährige Barral sein erstes Maurengemetzel - was ihn im Übrigen nicht daran hindert, bei den Sarazenen einen seiner treuesten Freunde zu finden und Anregungen für die Wasserbaukunst; so ambiguös ist der Niebelschütz in ideologischen Fragen eigentlich immer. In Ghissi rettet er eine Monstranz, vergräbt sie unter einer Zypresse und schließt einen Pakt: Erst wenn Zypresse und Wurzelerde die Monstranz wieder freigeben, könne er sterben. Ghissi ist Barrals erstes Lehen, Ghissi bebaut, begrünt, beackert und bevölkert er mit eigener Hand und eigenem Samen. Die alles entscheidende Frage für den Leser Niebelschützscher Spuren lautet daher: Wo liegt Ghissi? Die Karte des Autors ist zu ungenau, die Beschreibungen zu vage. Buoux wurde vorgeschlagen, tief im Luberon gelegen mit mittelalterlicher Festung.
Hier jedoch soll Eygalières ins Spiel gebracht werden - in dessen Nähe Angelina Jolie und Brad Pitt ihr Anwesen haben, was kurz die Frage aufwirft, warum in all den Jahren eigentlich noch niemand, Bernd Eichinger eingeschlossen, die „Kinder der Finsternis“ verfilmt hat, Originalschauplätze gäbe es zur Genüge - Eygalières also, nördlich der Schulter des Satans gelegen wie Ghissi auf der Karte, mit verlassener Oberstadt nebst malerisch verfallener Kirche und herrenlosem Herrenhaus, vor allem aber in unmittelbarer Nähe des einsamen Kirchleins St-Sixte, das zwar nicht explizit vorkommt in den „Kindern der Finsternis“, aber die kelgurischste unter allen provenzalischen Kirchen ist. Schlicht, wuchtig, klar und hart, abweisend und einladend zugleich auf einem mit vereinzelten Zypressen bestandenen, karstigen Hügel. Hier also könnte die Reise zu Ende gehen und zu Ende gegangen sein: Der Mittag glühte. Die Kirche war leer und kalt. Er bekreuzigte sich und ging. In der Vorhalle schlug er den Arm hoch, taumelte zurück, drehte sich und fiel der Länge nach um, die Füße auf den geweihten Steinen, den Kopf draußen auf der Erde, die lavendelblauen Augen offen im tiefblauen Himmel.
Danke für diese Anregung
Edgar Gärtner (Edsches)
- 27.11.2012, 23:52 Uhr
Lohnende Lektüre
Thomas Lindenmeyer (ThLindenmeyer)
- 24.11.2012, 01:44 Uhr