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Provencialisches Mittelalter : Durchs wilde Kelgurien

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Die kelgurischste aller provencialischen Kirchen: St. Sixte bei Eygalieres. Bild: Walter Hönigsberger

Der Roman „Die Kinder der Finsternis“ von Wolf von Niebelschütz führt die Leser einmal ins Mittelalter und zurück. Wer seinen Spuren folgt, landet in der Provence.

          Petrarca lebte hier, von 1341 an, also kurz vor und während der großen Pest, die seine Laura dahinraffte; dichtend und träumend und wandernd im Vallis Clausis, dem heutigen Fontaine de Vaucluse. Bis hinauf zum Mont Ventoux ist er marschiert, danach hatte das Natur- und Landschaftserleben eine ganz neue Stimme. Vermutlich ist er auch an den Ufern der Sorgue spazieren gegangen, die später, in gewisser Hinsicht aber auch früher Kelmarinbach heißen sollte und hier einer Höhlung unter der Stirn jenes Bergmassivs entspringt, ganz plötzlich aus einem dunklen Quelltopf. Nach schweren Regengüssen füllte der Topf sich an und stürzte brausende Kaskaden den Tobel nieder, die Fluten grünend von Kresse - wie man es heute noch sehen kann, das grünlich schimmernde Pflanzenwerk im silbrig sprudelnden Fluss, sei es nun Kresse oder was auch immer.

          Nach Westen wendet sie sich zunächst, die Sorgue, wie es sich gehört, denn dort wartet die Rhône. Der Süden wäre noch eine Option, dort fließt die Durance, und zwar von Ost nach West, bei Avignon vereinigt sie sich mit der Nord-Süd-Rhône. Die Sorgue aber macht es um einiges anspruchsvoller: Schon fünf Kilometer nach der Quelle biegt sie plötzlich ab. Nach Norden. Und teilt sich, verästelt sich, hier ein Lauf, dort ein Arm, man weiß gar nicht mehr, was man da alles Sorgue nennen soll in der Ebene zwischen Rhône und Mont Ventoux.

          Staunen über Steilwehre und Schöpfräder

          Seltsam. Als ob der Mensch eingegriffen, als ob irgendwann einer beschlossen habe: Ich weiß, wohin der Bach will. Nach Nordwesten statt nach Süden. Über neunzehn Meilen statt über sieben. Einen Kilometer vor dem Ort L’Isle-sur-la-Sorgue, drei Meilen westlich von Fontaine de Vaucluse, kommt man der Sache näher. Der Avenue Le Partage des Eaux folgend, weniger eine Avenue als ein ruhiger Spazierweg, schlendert man am Ufer der Sorgue entlang flussaufwärts zur Wasserscheide, dorthin, wo alles begann. Man gelangt an eine Mauer, eine leicht gerundete Barriere, die dem Wasser die Stirn bietet. Rechts ein Fluss, links ein Fluss. Mitte der fünfziger Jahre berichtet eine Reisende: „Von der Stirnmauer aus, im Hintergrund von Bäumen und Gebüschen flankiert, erstreckte sich wie ein Spiegel eine breite unbewegte Wassermasse, von der Sonne beschienen, wunderbar klar und durchsichtig. Das Wasser schien zu stehen, und doch teilte es sich hier: auf voller Breite durch leichte Wölbungen nach rechts und links in tiefer gelegene Flussläufe gelenkt, floss es in zwei entgegengesetzten Richtungen davon.“

          Ilse von Niebelschütz hat das aufgeschrieben, die Frau des Schriftstellers Wolf von Niebelschütz, und es ist anzunehmen, dass an dieser Stelle, an diesem Ort bei ihrem Mann, der am 13. Januar 2013 hundert Jahre alt geworden wäre, die Idee zu seinem Roman „Die Kinder der Finsternis“ genauere Gestalt anzunehmen begann. Das Wehr aus dem neunzehnten Jahrhundert, erbaut unter Napoleon dem Neffen, das die Sorgue fein säuberlich im Verhältnis sieben zu fünf teilt, erregte unendliches Staunen. Der breite Kanal stieß gegen eine Stirnmauer. Von ihr stürzten die Silbersträhnen beidseits über flache Landwehre: enge Steilwehre wässerten durch doppeltmannshohe Schöpfräder den Hügel. Der Hügel, war eine Insel, hinter der sich die Arme des Kelmarinbaches wieder schlossen und auf der heute noch der alte Kern des Städtchens L’Isle-sur-la-Sorgue mit seinen Antiquitätenläden, den Mühlrädern und den gut frequentierten Ufercafés steht.

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