18.11.2009 · Das „Museum of Communism“ in Prag wurde von einem Amerikaner gegründet und zeigt zähnefletschende Matrjoschka-Puppen oder strahlende Blauhemden-Demonstranten. Trivialisiert es deswegen die Geschichte?
Von Marko MartinNachdem 1984 der amerikanische Regisseur Philip Kaufman Milan Kunderas Prag-Roman "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" verfilmt hatte, distanzierte sich der Schriftsteller sogleich von der Adaption - sie sei klischeebeladen. Doch so, wie inzwischen Hunderttausende Kinozuschauer mit den großen, erschreckten Augen Juliette Binoches das Eindringen der sowjetischen Panzer in die Stadt gesehen haben und damit wohl zum ersten Mal eine Ahnung bekamen von der Tragödie des 21. August 1968, so wartet auch auf Museumsbesucher von heute eine Entdeckung: im "Museum of Communism". Gegründet wurde es, nahe dem Wenzelsplatz, von einem Amerikaner. Ihm ist der englische Name der Gedenkstätte ebenso zu verdanken wie die Plakate, die etwa eine zähnefletschende Matrjoschka-Puppe zeigen oder strahlende Blauhemden-Demonstranten - versehen mit der Bildzeile "But the shiniest were in the uranium mines".
Trivialisierung der Geschichte? Nicht unbedingt. Eher ist es so, dass in den düster anmutenden Ausstellungsräumen das Skandalon des kommunistischen Menschenversuchs entsprechend effektvoll präsentiert wird. Auf die historische Dimension wird dabei keineswegs verzichtet: Die Gründung der Tschechoslowakei im Jahre 1918 wird ebenso dokumentiert wie der westliche Verrat von München 1938 und Hitlers nachfolgender Einmarsch. Auch die Befreiung Prags durch die Rote Armee im Mai 1945 wird nicht unterschlagen. Dann aber, beginnend mit der kommunistischen Machtergreifung 1948, wartet auf den Besucher in den Räumen "Reality" und "Nightmare" eine bedrückende Exponatenschau: Originalgetreu nachgebaute Gefängniszellen aus der Zeit der stalinistischen Schauprozesse, Gänsehaut verursachende Radio-Aufnahmen bösartig fistelnder Staatsanwälte, dazu an den Wänden die Ölschinken des Sozialistischen Realismus, auf denen semmelblonde Bäuerinnen entschlossen dreinblickenden Soldaten rote Nelken zuwerfen oder Josef Stalin mahnend den Zeigefinger hebt.
Kafka, Marx und der Soldat Schwejk
Dass sich der Totalitarismus genau darin von traditionellen Diktaturen unterschied, dass er das Volk nicht plump unterdrückte, sondern zum gehirngewaschenen Komplizen seiner Herrschaftsausübung machte - es ist eine Lektion, die hier sinnlich nachvollziehbar und im Wortsinn ganz en passant vermittelt wird. Viele der jungen Touristen, die in nett-törichten "Czech it" oder Bierhumpen-Kafka-und-Schwejk-T-Shirts durch die Ausstellung gehen, bekommen hier wohl das erste Mal eine Ahnung davon, weshalb sich das kommunistische System so lange halten und für eine Weile sogar manch naive Westler in seinen Bann zu ziehen vermochte. Mag auch in den Erklärungstafeln etwa der Weg von Marx' Theorien zu den Verbrechen des Regimes etwas verkürzt dargestellt sein, hätte man das faszinierende intellektuelle Umfeld des Prager Frühlings auch etwas ausführlicher darstellen können: Wer die historischen Fernsehaufnahmen von den Demonstranten sieht, die sich am Wenzelsplatz todesmutig den Sowjet-Panzern mit dem roten Stern entgegenstellten, wird keineswegs emotional manipuliert, sondern erhascht einen Eindruck vom Wesentlichen.
So lässt sich das Museum auf zwei Arten besichtigen: mit den neugierigen Augen einer nachwachsenden Generation, die um das Jahr 1989 erst geboren wurde, wie auch mit dem Blick des Zeitzeugen, der durchaus kritisch betrachtet, ob man hier der komplexen Geschichte gerecht wurde. Lautet nicht eine Standardformel der Verdränger von Prag bis Ostberlin, in den letzten Jahren seiner Existenz habe sich das Partei-Regime doch gemäßigt und sei anschließend friedlich implodiert? Nun zeigt das Museum aber Bilder vormilitärischer Jugendausbildung aus den Achtzigern, zeigt - in Aufnahmen des Österreichischen Fernsehens - Bilder von einer der zahlreichen Verhaftungen Václav Havels und dazu Polizei, die noch im November 1989 auf die Demonstranten eindrosch und Studenten an den Haaren über das Pflaster schleifte - wiederum auf dem nahe beim Museum liegenden Wenzelsplatz.
Auf ein freies Wort
Selbst wer dies alles kennt, ist erschüttert und muss sich am Ende der Ausstellung seiner Ergriffenheit gewiss nicht schämen, wenn er auf den Schautafeln und Monitoren die Freiheit letztlich doch triumphieren sieht: Am 24. November 1989 stehen lachend und Arm in Arm Alexander Dubcek und Václav Havel auf dem Balkon des Verlagshauses Svobodné Slovo (Das freie Wort) und sprechen zu den Demonstranten, die nun endlich das sein können, was sie so lange erträumt haben: freie Bürger einer Stadt, die wieder zu atmen beginnt.