Über Kultur kann man mit Neil nicht reden. Der Eindunddreißigjährige Ire ist bereits zum fünften Mal in Prag - die historische Altstadt, die Prager Burg oder auch die Karlsbrücke kennt der Mann aus Belfast nur von Ansichtskarten. "Leider", wie er selber zugibt, doch wenn er in der tschechischen Hauptstadt ist, habe er nun einmal anderes zu tun. "Bier trinken zum Beispiel. Und feiern", sagt Neil und nimmt einen großen Schluck aus seinem Halbliterglas. Zehn davon hat er nach eigenen Angaben heute schon getrunken.
Seit knapp sieben Stunden hängt Neil, der ansonsten gutbürgerlich als Manager einer IT-Firma arbeitet, mit neun Freunden in einem Irish Pub in der Nähe des Wenzelsplatzes herum und feiert ausgiebig den Junggesellenabschied seines Kumpels Steven. Im Juni will der Eindunddreißigjährige Steven seine langjährige Freundin Rachel heiraten, in der tschechischen Hauptstadt soll mit seinen engsten Freunden noch einmal richtig gefeiert werden.
Feuchter Polterabend im Ausland
Auch Steven war, wie fast jeder aus der Gruppe, schon mehrfach in Prag - und jedesmal ging es dabei um eine sogenannte Stagparty, mit der für junge britische Männer auf traditionelle und exzessiv alkoholische Weise das Junggesellenleben endet. Und immer häufiger geht es dafür ins Ausland: Nach Angaben des britischen Auswärtigen Amts feiern mehr als zwei Drittel aller heiratswilligen Briten ihren ganz speziellen Polterabend außerhalb des Königreichs. Als Hochburg gilt dabei Mittelosteuropa, speziell Prag und Budapest.
Zu einem regelrechten Boom ist es mit dem Siegeszug der Billigflieger gekommen. Mittlerweile steuern fast alle namhaften Low-Cost-Airlines den Prager Flughafen Ruzyni an: Von den knapp 3,75 Millionen Prag-Touristen im letzten Jahr kamen etwa zwei Millionen mit einem der insgesamt 15 Billigflieger, die mittlerweile mehrere Ziele in Großbritannien ansteuern. Touristen von der Insel sind daher auch in Prag die stärkste Besuchergruppe, darunter - so schätzt die Tschechische Fremdenverkehrszentrale - über dreißigtausend trinkfeste Ehegatten in spe, die jährlich mit ihren Freunden im Schlepptau nach Prag kommen.
Es geht um Bier und Mädchen
Rund um die Stagpartys hat sich in den vergangenen Jahren eine eigene Industrie entwickelt: Diverse Unternehmen bieten im Internet die Organisation des Junggesellenabschieds an. Das Programmangebot reicht dabei von der Brauerei-Führung mit Freibier bis zur sogenannten "Tootie Tour", die die Männergruppe in mehrere Cabarets und Nachtclubs führt. Führend in der Branche des Partytourismus ist das Internet-Reisebüro www.praguepissup.com: Allein im letzten Jahr hat das Unternehmen nach eigenen Angaben mehr als fünfzehntausend Kunden in die Goldene Stadt gelockt und erreicht damit einen Marktanteil von über dreißig Prozent. Seit 2003 bietet die Agentur die organisierten Vergnügungsabende mit eigenem Guide an und arbeitet mit mehr als hundert Hotels zusammen. Andere Städte wie neuerdings Bratislava oder auch Tallinn gehören zwar auch zu den möglichen Partyzielen - die Stadt an der Moldau ist aber für Stagpartys weiterhin am beliebtesten.
Die Hauptgründe für die jungen Männer, in Prag zu feiern, sind dabei die immer noch verhältnismäßig geringen Preise fürs Vergnügen. "Es geht vorwiegend um Bier und Mädchen", räumt Tom Kenyon, der Mitbegründer von Prague-Piss-Up ("Prag betrunken"), ein. Ins Extreme geht dies bei den Stagpartys, die im Gegensatz zu den weiblichen Vergnügungsgruppen deutlich häufiger in Prag anzutreffen sind - die sogenannten Henpartys bevorzugen eher Ziele am Strand, beispielsweise in Spanien. Von den kulturellen Reichtümern Prags bekommen die vergnügungswilligen Junggesellen nur selten etwas mit. Andere Attraktionen fesseln sie mehr.
Die saufenden Touristen haben einen schlechten Ruf
So auch die Gruppe um den Steven aus Belfast. Drei Tage dauert der Aufenthalt der Männer zwischen siebenundzwanzig und vierunddreißig Jahren, die alle mit dem Billigflieger Jet2 nach Prag gekommen sind. Knapp hundertfünfzig Euro hat jeder für Hin- und Rückflug und die dreitägige Hotelunterkunft bezahlt. Vor Ort investieren sie für ihr tägliches Vergnügen aus Bier und nackter Haut täglich etwa die gleiche Summe. Genau wissen sie das nicht, ihr Tagesablauf konzentriert sich aufs Trinken und Spaß haben. "Das Pint ist hier sechsmal billiger als in Dublin - und es schmeckt großartig", schwärmt Neil, der den Junggesellenabschied organisiert hat.
Mit ihrem identischen Look, weiße Poloshirts mit dem Aufdruck "Steves Stag Party, Prague 2006", fallen die jungen Männer schnell als vergnügungswillige Gruppe auf - obwohl sie damit noch vergleichsweise zurückhaltend auftreten: Andere Junggesellenabschiede laufen in Prag in Affenkostümen oder als Comic-Superhelden herum. Manchmal steht auch das sogenannte "Flitzen" auf dem Programm, bei dem ein vom Alkoholrausch Ermutigter die Kleider ablegt und dann nackt durch einen Club rennt. Dementsprechend ramponiert ist mittlerweile der Ruf, der Stagpartys in Prag anhängt. Aufgrund solcher Auftritte und anderer Eskapaden haben einige Restaurants und Klubs der gehobenen Qualität damit begonnen, Stagpartys den Eintritt zu verwehren.
Schleuser warten auf die zahlungskräftigen Trinker
Auch die Sportbars, einer der beliebtesten Aufenthaltsorte der durstigen Jungmänner, schauen sich ihre Gäste mittlerweile genauer an. "Bei uns sind grundsätzlich alle willkommen - aber bei kostümierten Stags hört unsere Toleranz auf, die lassen wir nicht rein", sagt ein Mitarbeiter der Legends Sportsbar in der Nähe des Altstädter Rings. Entsprechendes Security-Personal, das im Konfliktfall das Hausrecht durchsetzt, gehört bei zahlreichen größeren Clubs und Kneipen zum Standard. Andere Einrichtungen haben sich dagegen auf die Vorlieben der Männergruppen spezialisiert, insbesondere rund um den Wenzelsplatz. In den Abendstunden sind professionelle Schleusergruppen regelrecht auf der Jagd nach Gästen für die mit greller Neonreklame und extravaganten Limousinen werbenden Striptease-Cabarets und Nachtclubs - denn die Gruppen gelten als extrem zahlungsfreudig, wie Tom Kenyon von Prague-Piss-Up erklärt. "Stags geben im Durchschnitt pro Person über 100 Euro am Tag aus - damit sind sie in Prag diejenigen, die am meisten Geld ausgeben."
Auch Stevens Gruppe wird nach Verlassen des Pubs - und zu ihrem offensichtlichen Vergnügen - gleich von fünf Schleusern angesprochen. Der Besuch eines Sexklubs, direkt am Wenzelsplatz, stellt jedes Jahr den allabendlichen Höhepunkt dar. "Alle reden davon, daß Amsterdam so liberal und die Sexhauptstadt Europas sei. Das stimmt nicht - Prag ist viel geiler und vor allem billiger", lallt Neil mit immer schwerer werdender Zunge. Daß sich die Preise in den Rotlichtetablissements schon längst auf westeuropäischem Niveau bewegen, bemerkt er in seinem jetzigen Zustand nicht mehr.
Polizei bekämpft Auswüchse des Party-Tourismus
Angebot und Nachfrage haben in den letzten Jahren dafür gesorgt, daß sich rund um den Prager Wenzelsplatz immer mehr speziell auf die Wünsche junger Männer ausgerichtete Klubs angesiedelt haben. Aufgrund der hohen Konkurrenz unter den Anbietern haben sich die Umgangsformen in den letzten Jahren dabei verschärft: Neben aggressiv werbenden Schleusergruppen konnte sich an diesem zentralen Ort zudem ein Straßenstrich ansiedeln.
Die schlimmsten Auswüchse des Party-Tourismus werden von der Stadt Prag seit knapp einem Jahr bekämpft. Eine Anti-Schleuser-Verordnung wurde erlassen, zudem die Präsenz der Polizei auf dem Wenzelsplatz drastisch erhöht: Regelmäßige Patrouillengänge sollen vor allem den Straßenstrich eindämmen. Die Mittel der Stadt sind aber begrenzt. Während sich das Verbot der offensiven Werbung zu einem Teilerfolg entwickelt hat, tritt die Polizei bei der Bekämpfung des Straßenstrichs auf der Stelle. "Wenn wir auf Streife sind, verhalten sich die Prostituierten völlig normal. Sobald wir außer Sichtweite sind, treten sie an ihre möglichen Kunden heran", erzählt ein frustrierter Streifenpolizist. Die im November vergangenen Jahres gestartete und zunächst nur bis Januar geplante Polizeiaktion wurde mittlerweile auf unbestimmte Zeit verlängert.
Billig niedersaufen
Zentral gelegene Hotel- und Gastronomiebetriebe leiden unter dem Sittenverfall: "Der Billigtourismus hat in Prag eine häßliche Steigerung erfahren", sagt der Österreicher Heinz Reigl. Der Einundsechzigjährige ist freier Berater des Reisebüros EHR und kennt die internationale Hotelszene genau. Dank seiner Unabhängigkeit ist er einer der wenigen aus der Prager Hotel- und Gastronomieszene, der es sich erlaubt, offen Kritik auszusprechen. Sechs Jahre wohnte Reigl direkt am Wenzelsplatz und hat dort einige Eskapaden trinkfreudiger Junggesellenabschiede erlebt. "Ich bin schockiert über das Ausmaß, das dieses Treiben der Sauftouristen mittlerweile angenommen hat", sagt Reigl, der seit knapp zehn Jahren in der tschechischen Hauptstadt lebt.
Zuvor arbeitete er als Generaldirektor in den Hotelketten Hilton und im Holiday Inn, unter anderem in London. Nach Prag kommen seiner Meinung nach vorwiegend Männer aus den unteren Schichten, die sich "billig niedersaufen wollen und scheinbar nur das Wort ,fucking' kennen. Das ist genau das Publikum, das wir nicht brauchen." Reigl spricht von einem Imageproblem, das der Stadt drohe, gerade im Hinblick auf die Besucher, die wegen der kulturellen Sehenswürdigkeiten und dem mittelalterlichen Flair nach Prag kommen - und dann mit grölenden, halbnackten Männerhorden konfrontiert werden.
„Normale Gäste“ abgeschreckt
"Es ist Unsinn, von einem negativen Image zu sprechen", wehrt sich dagegen der Prager Stadtrat Bohumil Eerny vehement gegen diese Vorwürfe. "Der sogenannte Biertourismus repräsentiert lediglich einige wenige Prozent der Prag- Besucher", so Eerny, der seine Aussagen mit von der Stadt beauftragten Umfragen untermauert und auf die stetig steigenden Besucherzahlen verweist, allein zwölf Millionen Übernachtungen werden für das laufende Jahr erwartet. Die negative Außenwirkung der wenigen, aber dafür gut sichtbaren Stagpartys spielt der Politiker dagegen herunter und versucht sogar langfristige Vorteile in dem Phänomen zu entdecken. "Es handelt sich um eine kleine, altersspezifischeo Schicht, die höchstwahrscheinlich in ein paar Jahren mit ihren Familien als konservative Touristen nach Prag zurückkehren", sagt Eerny.
Von den möglichen positiven Folgen auf längere Dauer haben die Hoteliers in Prag momentan allerdings nichts. "Gerade dann, wenn die Stadt rappelvoll ist, rennen diese Leute betrunken und kostümiert durch die Stadt oder kotzen von der Karlsbrücke. Mit solchen Unannehmlichkeiten schrecken sie die anderen, normalen Touristen - und damit auch meine Gäste - ab", sagt Guido Friedl, Direktor eines Fünf-Sterne-Hotels. Billigtourismus - mit der Stagparty als extremer Variante - sei ein zweischneidiges Schwert, so der sechsunddreißigjährige Familienvater, der seit elf Jahren im Prager Hotelgewerbe tätig ist. "Es bringt zwar kurzfristig Geld in die Stadt, sorgt aber auch für eine völlig überfüllte Stadt."
Neue Ziele weiter östlich
Ihre Hoffnung setzen Luxushoteliers und auch die Verantwortlichen der Stadt darein, daß die Karawane partywilliger Briten in den nächsten Jahren mit den Billigfliegern weiter nach Osteuropa zieht. Die Prognosen sind freilich widersprüchlich: Einige Hoteliers und Gastronomen sprechen bereits von einem leichten Rückgang des Stag-Tourismus, private Anbieter wie Piss Up verweisen dagegen auf ihrer Homepage auf anhaltend steigende Zahlen. "Das Problem mit den Stagpartys wird sich in Prag von selber lösen, weil für diese Klientel andere Orte weiter ostwärts immer beliebter werden", hofft der Leiter der Agentur CzechTourism, Rostislav Vondruska. Noch ist das aber Zukunftsmusik: Die von Reiseanbietern kürzlich ins Programm aufgenommenen Städte wie Tallinn oder Bratislava haben noch nicht den Partylevel von Prag erreicht.
Für Stevens Stagparty kam ein neues Ziel des fast schon traditionellen Zielortes jedenfalls nicht in Frage - obwohl Prag teurer geworden ist. "Die Bierpreise sind zwar gleich geblieben, aber für den Striptanz auf dem Tisch müssen wir gegenüber dem Vorjahr doppelt soviel bezahlen", sagt John, der hier bereits in den letzten beiden Jahren gefeiert hat. Wiederkommen will er trotz der gestiegenen Preise. Einerseits zum Feiern, andererseits aber auch, um endlich mal die berühmte Prager Burg zu besuchen, die er bislang nur von Fotos kennt. "Irgendwann werde ich mal mit meiner Freundin wiederkommen, um mir die Stadt anzusehen. Mit den Kumpels kannst du so was nicht machen", sagt John und bestellt noch ein Bier. Sein zwölftes.