http://www.faz.net/-gxh-13iq1

Portugal : Naschsucht ist keine Sünde

  • -Aktualisiert am

Nach dem Mittagessen ein Tässchen Kaffee: Für Bewegung ist es nachmittags in Alentejo sowieso zu heiß. Bild: Rob Kieffer

Auch arme Menschen können eine hervorragende Küche haben. Im Alentejo im Süden Portugals ist der Boden karg, doch die Bäuche sind gut gefüllt.

          Niemand hat es eilig in den Gassen von Moreanes. Im Schatten weißgekalkter Fassaden sitzen zahnlose alte Männer und raffen sich zu keiner anderen Bewegung auf, als mit dem Zeigefinger grüßend an die Schiebermütze zu tippen, wenn ein Bekannter vorbeischlendert. Die Katzen werden von den dösenden Hunden in Ruhe gelassen. Und selbst den Störchen in ihren Nestern oben auf den Telefonmasten scheint jeder Flügelschlag zu viel. Ein Sprichwort behauptet, im Alentejo kenne man nur drei Geschwindigkeiten: langsam, sehr langsam und Stillstand. In Moreanes hat man daran keinen Zweifel.

          Das Leben ohne Hetze hat vor allem mit dem Klima des Alentejo zu tun, der größten, am dünnsten besiedelten Region Portugals, die sich vom Atlantik zur spanischen Grenze, von den Ufern des Tejo bis zu den Hügeln der Algarve zieht. Könnte die von Korkeichen, Eukalyptusbäumen, Olivenhainen und Getreidefeldern geprägte Landschaft im Frühling von Monet oder van Gogh gemalt sein mit ihrer Farbenpracht aus weißen Zistrosen-Teppichen, rotgesprenkelten Klatschmohn-Wiesen und blühenden Orangenbäumen, so gewinnt spätestens im Juni die Hitze die Überhand. Vierzig Grad und mehr dörren das Land aus, lassen Farben wie Gelb und Braun dominieren und jeden Regentropfen zum Segen werden.

          Ermattete Gäste

          In Nestern wie Moreanes, in denen die geduckten Häuser keine Klimaanlage, dafür aber winzige Fenster und dicke Mauern haben, wartet man geduldig auf die Abendkühle. Nur im Restaurant "Alentejo", das vor der Tür auf Weinfässern für seine Regionalküche wirbt, hört man das Scheppern von Geschirr. Schließlich müssen die Gerichte für die Abendkarte vorbereitet werden, und da Essen im Alentejo das Elixier aller sozialen Kontakte ist, kann selbst sengende Hitze die Köche nicht in ihrem Eifer bremsen. Die Köchinnen des "Alentejo" bereiten zwei typische Bauerngerichte vor, einen Lammeintopf und eine mit Schweinefleisch zubereitete, sämige Suppe. In beiden Spezialitäten wird viel Weißbrot und noch viel mehr Olivenöl, Knoblauch und Zwiebeln verarbeitet. In den Töpfen brutzeln Fleischstücke, die mit Lorbeer und frischen Kräutern wie Koriander, Bachminze, Bohnenkraut und Oregano bestreut und mit Weißwein begossen werden. Die fertigen Mahlzeiten kommen in gargantuesken Portionen auf die Tische des Restaurants, dessen Wände mit Wollwesten der Hirten dekoriert sind und Bergwerkslampen, die einst die Arbeiter der stillgelegten Kupferminen des benachbarten Ortes Mina de São Domingos benutzten. Amüsiert betrachtet der Wirt die ermatteten Gäste vor ihren nur halb leer gegessenen Tellern und scherzt: "Man merkt, dass ihr nicht von hier seid. Es ist noch nicht lange her, da aßen die Landwirte morgens im Winter Schweinerippchen und im Sommer Gazpacho, ehe sie aufs Feld gingen."

          "Die Küche ist aus der Armut des Alentejo entstanden", sagt Clàudio Torres. "In dieser Ecke Portugals waren Kartoffeln Luxus, dafür gab es Getreide, so dass noch heute olivengetränkter Brotbrei die Grundlage vieler Speisen ist. Da die Hitze den Gemüseanbau erschwerte, half man sich mit wilden Kräutern." Clàudio Torres ist eigentlich Archäologe, und es ist sein Verdienst, dass der unter römischen und maurischen Händlern blühende Binnenhafen Mértola am Rio Guadiana aus seiner jahrhundertealten Siesta wachgerüttelt wurde. Die 1983 unter Torres' Leitung in Angriff genommenen Ausgrabungen haben so viele römische Münzen und Bronzen, mit Berbermotiven gemusterte Fliesen sowie Skelette aus dem Mittelalter zutage gebracht, dass man mit den Funden acht Museen ausstatten konnte. Sie sind in den buckligen, wie in einer Medina verflochtenen Gassen zwischen Burgruine, alter Moschee und dem Flussufer verstreut.

          Kalamare, Schinken und Oliven

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wunderkind : Der Überflieger in Berlins Start-up-Szene

          Abitur mit 12, Studium mit 15, dazu zwei Doktortitel: Der Georgier Tamaz Georgadze ist ein Ausnahmetalent – und sammelt Milliarden von deutschen Sparern ein.
          Karamba Diaby mit seinem Wahlkampfplakat in Halle

          Interview mit Karamba Diaby : „Ostbashing kann ich nicht nachvollziehen“

          Im neuen deutschen Bundestag sitzt genau ein schwarzer Parlamentarier, und der kommt ausgerechnet aus dem ostdeutschen Halle. Im Gespräch mit FAZ.NET erklärt Karamba Diaby (SPD), was die Westdeutschen am Osten nicht so recht verstehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.