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Portugal : Der letzte Fado

  • -Aktualisiert am

Ein Tor aus besseren Zeiten, als man Eindringlinge in Portugal noch fürchtete. Inzwischen ruft man nach ihnen, denn das Land braucht Geld. Bild: Oliver Jungen

In Portugal begegnet einem derzeit ein Bild der Trauer: "Vende-se" - "Zu verkaufen" steht an vielen der einst prächtigen Häuser geschrieben. Portugal steht zum Verkauf, und trösten kann da nur der Fado.

          Eine Reise nach Portugal ist immer ein Gewinn. Das darf man derzeit ganz wörtlich nehmen, schließlich zahlen wir die Krisenkosten ohnehin. Da überbringt man die Hilfsgelder doch lieber persönlich und schlägt dabei noch einen Urlaub raus. Denn welch ein großartiges Land ist Portugal! Lissabon, die romantischste Stadt Europas, Porto, ein Gedicht aus Dächern und Brücken, die paradiesische Algarve, das verträumte Alentejo, der aufgeregte Atlantik, die vorwitzige Serra da Estrela. Erhabenheit allenthalben.

          Von einer lausigen Wirtschaftskrise - Portugals Gesamtschulden belaufen sich auf mehr als zweihundertdreißig Prozent des Bruttoinlandprodukts - lässt man sich hier nicht unterkriegen. Im Gegenteil, die Krise befeuert die herausragendste Kulturleistung des stolzen, kleinen Landes, nämlich die voller Inbrunst in den blauen Himmel geschmetterte Fundamentaldepression namens Fado. Was waren wir einst bedeutsam, singt man in noch mehr Variationen, als es Rezepte für den vertrockneten Bacalhau gibt. Dass die goldene Zeit mehr als ein halbes Jahrtausend zurückliegt, tut der Trauer keinen Abbruch. Man knabbert am Schicksal, wie man am Stockfisch knabbert: klagend zufrieden. Auch Christian Ronaldo lieben die Portugiesen noch mehr, seit er keine Tore mehr schießt.

          Findigkeit der Portugiesen

          Doch etwas ist faul im Staate Portugal. Nicht unbedingt der Portugiese an sich, auch wenn der Verleger Michael Müller ebendies in seinem Reiseführer andeutet. Als "Ursprünge von Portugals wirtschaftlicher Unterentwicklung" nämlich macht er koloniale Ausbeutermentalität aus: "Bald waren sie nicht einmal mehr in der Lage, ihren Bedarf an Nahrungsmitteln selbst zu decken." Dem aber können wir mit Jean Paul getrost die Findigkeit der Portugiesen auf dem Service-Sektor entgegenhalten. Nur in diesem Land nämlich würden "Paviane zu Stunden vermietet, um - was von Menschen schwer zu erhalten wäre - eben auf Letzten sorgsam Läuse zu suchen und zu tilgen".

          Im schönsten Kleid wartet diese Behausung auf Freier.
          Im schönsten Kleid wartet diese Behausung auf Freier. : Bild: Oliver Jungen

          Was hingegen tatsächlich faul ist, ist des Portugiesen klassische Behausung. Von Braga bis Faro überall dasselbe Bild: Die Orte zerfallen von den Zentren her. Die zehn Millionen Einwohner Portugals fliehen nach wie vor aus den Altstädten in trostlose Betonriegel, die seit den Siebzigern die Stadtränder verunstalten. Besonders die Wohnsilos von Lissabon und Porto besitzen höchste Anziehungskraft. Ein morbider Charme umgibt dagegen viele der teilweise noch aus dem sechzehnten und siebzehnten, vor allem aber aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert stammenden Ortskerne, die inzwischen durch ein erstklassiges, mit EU-Subventionen ausgebautes, aber die meiste Zeit geisterhaft leeres Autobahnnetz verbunden sind.

          Sparpläne der Regierung

          Sogar in den Touristenorten führen drei Schritte vom liebevoll restaurierten Markt in Nebenstraßen voller Ruinen. In manchen Gegenden trägt jedes zweite Haus seine Haut zu Markte, ein einziger Fado aus Stein ist das: "Vende-se" steht auf Schildern oder ist auf die Mauern gepinselt. Verkauft sich aber eben nicht! Teure Kernsanierungen wären notwendig, denn oft sind nur die Fassaden zu retten. Dennoch nimmt das Angebot täglich zu, werfen immer mehr Hausbesitzer ihre Immobilie auf den Markt. Und dabei hat man bisher noch über die Verhältnisse gelebt. Wie soll es erst werden, wenn die Sparpläne der Regierung greifen? Bleibt irgendwann nur noch der Abriss der baufälligen Viertel?

          Schuld an der ganzen Misere sind natürlich moderne Entlausungschemikalien. Könnte man die seither arbeitslosen Paviane denn nicht das Massieren lehren? Und außerdem vielleicht die Landwirtschaft? Und dann noch das Börsengeschäft und die Lobbypolitik? Da ließe es sich doch dann gut in der Sonne sitzen und goldenen Zeiten nachtrauern, während die Affen den Laden schmeißen - ganz wie im übrigen Europa eben.

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