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Sonntag, 12. Februar 2012
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Portugal Alles eine Frage der Haltung

07.08.2010 ·  Mit einem Surfbrett die Wellen des Atlantiks hinunterzugleiten, kann man auch noch lernen, wenn man kein Teenager mehr ist. In einem Surfcamp an der Algarve haben wir den Selbstversuch gewagt: Schmerzhaft sind die ersten zwei Tage, dann aber kommt das Glücksgefühl - und mit ihm die Sucht.

Von Karen Krüger
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Der erste Tag beginnt damit, dass die Surfanfängerin den Neoprenanzug falsch herum anzieht. Die andere Surfanfängerin weist sie freundlicherweise darauf hin, bevor die Sache Aufsehen erregen kann. Angeblich, so erfährt sie später, sammeln die Surflehrer Fotos von Surfanfängern, die am ersten Tag mit einem falsch herum angezogenen Neoprenanzug vor ihnen stehen. Lustig, denkt die Surfanfängerin. Und: wie gut, dass dieser Kelch an mir vorübergegangen ist. Dabei wäre es doch viel praktischer, den Reißverschluss vorne und nicht kompliziert am Rücken hochzuziehen. Dass das nur denken kann, wer sich noch nie bäuchlings in den Wellen auf ein hartes Surfbrett geworfen hat, erfährt sie später - am eigenen Leib.

Wir sind in Portugal, in Ponta Ruiva, einem Strand nahe von Lagos, und schmieren, wie man uns geraten hat, Gesicht, Füße, Hände - also alles, was aus dem Neoprenanzug herausguckt - dick mit Sonnenöl ein. Wir, das ist eine Gruppe von Männern und Frauen zwischen fünfunddreißig und sechsundfünfzig Jahren, die Gäste im Surfcamp The Surf Experience der Familie Lipke sind. Uns allen geht es ums Wellenreiten, manchen schon länger, anderen erst jetzt: Da ist eine Ärztin aus Norwegen - sie ist die Zweite im Bunde, die heute zum ersten Mal auf einem Surfbrett stehen wird; da ist eine Yogalehrerin aus der Schweiz, die auf 2400 Metern Höhe lebt und das Gekraxel in den Alpen immer häufiger gegen das Klettern auf Wellenbergen eintauscht. Wie die Schweizerin surfen auch der Ingenieur, der für die Kripo Spuren sichert, und die Psychologin aus Düsseldorf schon seit ein paar Jahren, genauso der Bundeswehr-Hauptmann und der Pharmazeutiker - mit Anfang fünfzig stand er das erste Mal auf einem Brett.

Kokon der Jugendkultur

Bis auf die beiden sind alle schon einmal im "grünen Wasser" gewesen?, fragt George, der britische Surflehrer, und deutet auf die Norwegerin und mich. Alle nicken, nur wir Surfanfängerinnen nicht. Den Begriff "grünes Wasser" hören wir zum ersten Mal. Es ist der Bereich, in dem die Wellen brechen, in dem man also richtig Wellenreiten kann. Natürlich wollen auch wir dort surfen. Am besten gleich, jetzt, sofort, er ist das Ziel. Doch für Surfanfängerinnen ist er eine verbotene Zone. Wenn es gut läuft, dann dürft ihr am Ende der Woche dorthin, sagt der Pharmazeut.

Ein guter Surfer zu werden kann Jahre dauern. Es ist ein äußerst schwieriger, ein knallharter Sport. Vor allem, wenn man es erst als Berufstätiger jenseits der dreißig oder vierzig zum ersten Mal mit den Wellen aufnimmt, tut man sich schwer. Nicht wegen des Alters, wie man vielleicht denken könnte, weil das Wellenreiten mit einem Kokon der Jugendkultur umsponnen ist, so dass manch älterer Mensch, der den Sport schon längst einmal ausprobieren wollte, nur zuschaut, anstatt selbst ins Wasser zu gehen. Das Problem ab einem gewissen Alter ist eher die fehlende Zeit für das regelmäßige, doch unbedingt notwendige Training. Wer wohnt schon am Meer und noch dazu an einem, an dem es richtige Wellen gibt? Wir beginnen mit Trockenübungen am Strand.

Take-Off am Strand

George hat uns beiden Anfängerinnen ein langes Board mitgebracht. Anders als die sogenannten Short-Boards haben sie mehr Auftrieb und kippen nicht so leicht. Er legt uns die Leash um die Fußknöchel, das ist eine am Ende des Bretts befestigte Gummileine, die verhindern soll, dass man es im Wasser verliert. Dann erklärt er, wie wir uns vor schmerzhaften Begegnungen mit dem Brett schützen können: Es darf sich niemals zwischen uns und der Welle befinden. Taucht man nach einem Sturz wieder aus dem Wasser auf, dann immer mit den Armen über dem Kopf, denn man weiß nie, wo das Brett ins Wasser fällt. Dann kommen wir zum angeblich schwierigsten Teil des Unternehmens: das Aufstehen auf dem Board, den sogenannten Take-off. Wir legen uns bäuchlings auf das Brett - nicht zu weit hinten, da man sonst wie ein Treibanker wirkt und im Wasser nicht von der Stelle kommt, aber auch nicht zu weit vorne, denn dann würde die Spitze des Bretts bei der ersten Welle ins Wasser eintauchen, und man geht baden.

Wir sollen uns vorstellen, schon im Wasser zu sein, also paddeln wir heftig mit den Armen. George hebt die Hand, es ist das Zeichen, dass die erste imaginierte Welle uns erreicht hat, uns gerade mit sanftem Schub in die Höhe hebt. Wie er uns erklärt hat, machen wir noch zwei, drei Paddelschläge, damit die Welle uns richtig fassen kann, legen dann die Hände unterhalb der Brust an beide Seiten des Boards, strecken die Arme durch, drücken den Rücken ins Hohlkreuz und springen auf die Füße. Der vordere muss dabei zwischen den Händen stehen; das Ganze soll eine schnelle und möglichst flüssige Bewegung sein. Wichtig ist, sagt George, dass man nach dem Take-off leicht in den Knien bleibt, da so der Körperschwerpunkt niedriger liegt und man besser Balance halten kann. Die Surfanfängerin steht richtig, auch ihre norwegische Kollegin. Beide federn in die Knie. Das ist ja kinderleicht, denkt die Surfanfängerin.

Poseidon aus dem Meer

Ihr müsst die Welle erwischen, wenn sie gerade gebrochen ist, aber noch genügend Kraft hat, euch zu tragen. Ihr müsst lernen, die Wellen zu lesen, sagt George. Paddelt nicht zu früh, paddelt nicht zu spät. Lernt zu paddeln im richtigen Moment. Wenn ihr eines Tages ins grüne Wasser wollt, dann müsst ihr gute Paddlerinnen sein. Dann braucht ihr Kraft. Habt ihr eure Füße auch gut eingecremt? Wir nicken. Staksen lässig über den Strand zum Meer, das Brett so unter den Arm geklemmt, wie wir es bei den Fortgeschrittenen gesehen haben. Wer unsere Trockenübungen eben nicht beobachtet hat, könnte uns in diesem Augenblick für zwei erfahrene Surferinnen halten. Souverän nicken wir einem schwarzgelockten Portugiesen zu, der mit seinem Brett poseidongleich vor uns den weiß-schäumenden Wellen entsteigt. Seine schwarzen Augen blitzen, wir meinen, Spott in ihnen zu sehen, ganz so, als lese er unsere Gedanken. Tatsächlich währt unser Selbstbewusstsein nur noch wenige Minuten lang. Das Meer wird es fortwaschen, es zermalmen, mit dem Gesicht ins Wasser drücken, bis der Sand zwischen den Zähnen knirscht. Das alles passiert schon bei der ersten Welle.

Jede Welle ist anders. Alle Wellen sind wunderschön. So schön, dass man einfach nur schauen möchte, den Blick nicht von ihnen losreißen kann und gleichzeitig ganz nah bei ihnen sein will. Nichts lockt so sehr wie das Meer. Die Sonne funkelt auf dem Wasser, es ist fast windstill, und dennoch lecken unaufhörlich Wellen den Strand. Sie kommen in einer endlosen Kette herangerollt, weichen kokett zurück, als könnten sie sich nicht entscheiden, ob sie lieber bleiben oder wieder gehen wollen, tasten neugierig nach allem, das ihnen begegnet, tragen manches in ihren nassen Fingern fort und manches wieder zurück, so dass man meinen könnte, weit draußen auf dem kalten, grünen Meeresgrund hauste irgendwo ein Gott, ein Geist, der seine Pranken in die Welt der Menschen streckt, um das, was ihm gefällt, hinabzuziehen in sein Reich der Fluten.

Hauptmann auf der Welle

Wir folgen dem Lockruf, bis uns das Wasser über den Bauchnabel schwappt - und gehen damit über den von George als ideal beschriebenen Standpunkt hinaus. Neben uns das Brett, blicken wir auf den Atlantik: Lernt die Wellen lesen, hat George gesagt. Also lesen wir. Die erste Welle ist zunächst nur als dunkler Schatten im Meeresteppich zu sehen, der sich aufrichtet, lautlos erhebt, breiter und runder wird, höher und höher und spitzer. Mit der Form verändert sich die Farbe. Dort, wo das Wasser steil zuläuft, wechselt das tiefe Blau in Dunkelgrün, wird dann eine türkis schimmernde Wasserwand, schließlich durchscheinend hell.

Es ist der Augenblick, in dem der dünn gewordene Saum des Wassers sein Gleichgewicht verliert. Mit einem Laut, der wie ein befreites Seufzen klingt, schießt er nach vorn und stürzt hinab in sein selbst gegrabenes Wellental. Dort steht noch immer die Anfängerin. Vom Strand her hört sie George auf zwei Fingern pfeifen, sieht aus den Augenwinkeln, wie weiter links der Hauptmann die Welle hinuntersaust. Dann ist da nur noch Rauschen. Lektion eins: Die Welle nur angucken ist falsch. Sie zu lesen bedeutet, auf sie zu reagieren. Stehenbleiben ist damit nicht gemeint.

Rugbyspieler im Wasser

Die Welle hat die Anfängerin voll erwischt, der eben noch träge Riese ist jetzt ein schäumendes Biest, das jedem Böses unterstellt, der ihm im Weg steht. Es wirft die Surfanfängerin einfach um, reißt ihr das Brett aus der Hand, lässt es wütend neben ihr ins Wasser krachen. Tonnen von Wasser stürzen auf die Anfängerin nieder, mit einer Wucht, dass sich ihr Körper überschlägt. Die Hände spüren Sand, dann auch wieder die Fußsohlen. Sie rappelt sich hoch, wartet auf den Schmerz. Nichts tut weh. Das Meer meint es eben doch gut mit mir, denkt sie, lächelt und zieht das Brett wieder heran. Im selben Moment wird sie wieder umgerissen. Diesmal hat sie eine Welle von der Seite erwischt. Es fühlt sich an, als werfe sich ein Rugbyspieler gegen ihre Rippen, der ihr dann auch noch das Surfbrett auf die Schulter haut.

Die Wellen wiederholen ihr Spiel, donnern jetzt in sehr kurzen Abständen heran: einmal, zweimal, viermal, siebenmal. Bei der achten Welle gelingt es der Surfanfängerin, sich rechtzeitig auf das Brett zu werfen und ein paar Paddelschläge zu tun - zu spät, zu langsam. Die Welle bricht auf ihr. Die neunte Welle ebenfalls. Bei der zehnten paddelt die Surfanfängerin, als ging es um ihr Leben - also viel zu früh und viel zu schnell, so dass die Welle sie nur noch in ihrem Ausläufer erreicht. Der elften und zwölften flucht sie laut entgegen und noch viel lauter hinterher. Der dreizehnten nur noch hinterher. Durch die vierzehnte taucht sie hindurch. Bei der fünfzehnten gibt sie auf. Das Surfbrett ist tonnenschwer. Die Arme schmerzen. Am Strand winkt George. Wir sollen sofort näher ans Ufer kommen, ins Weißwasser, wie man den Abschnitt nennt, in dem die gebrochenen Wellen sich schäumend verlaufen. Die Surfanfängerin schleppt sich lieber gleich aufs Trockene. Sie plumpst in den Sand. Sie ist erschöpft.

Jodeln von der Welle

Nicht aufgeben, das ist normal, ich bin auch nicht gleich am ersten Tag gestanden, sagt George und setzt sich neben die Anfängerin: Die besten Surfer sind nicht die, die sofort alles können, sondern die Lachen, egal was passiert. Aus salzverkrusteten Augen blinzelt die Angesprochene aufs Meer hinaus: Draußen, wo sich das Wasser zu smaragdgrünen Wänden türmt, gleiten Marlon und Melvin, die beiden Lipke-Söhne, elegant über Kämme und Täler. Etwas weiter vorne paddelt die Psychologin, die Schweizerin surft an einer Wellenwand entlang - man hört tatsächlich ein jodelähnliches Jauchzen. Vorne in der Gischt übt unermüdlich die Norwegerin, auch sie wäre soeben fast gestanden. Es ist ein schönes Bild, denn auf wenigen Metern Meer spielen hier Erfahrene, Könner und Anfänger mit den Wellen, und jeder scheint darin ganz aufzugehen.

Dem Meer scheint das zu gefallen. Fast ein wenig schuldbewusst, als täten ihnen die Attacken von eben leid, laufen die Wellen gleichmäßig und sanft den Strand hinauf, umspülen weich die Füße und prusten dabei Tröpfchen in die Luft, die für einen winzigen Augenblick dort stehenbleiben. Da durchströmt die Surfanfängerin eine tiefe Zufriedenheit. Lektion zwei: Surfen lernen erfordert Geduld. Es bedeutet - ganz altmodisch - üben, üben, üben. Schon am Nachmittag wird es einfacher sein, erst recht am nächsten Morgen.

Müde in die Vila Catarina

Er beginnt mit Schmerzen in den Armen, Schultern. Dann mit einem gemeinsamen Frühstück, mit Broteschmieren für den Nachmittag, dann die Boards auf die Jeeps geladen, und los geht's, zum Strand. Das Leben in der Vila Catarina der Familie Lipke bestimmt ein Rhythmus, dem man sich gerne überlässt: essen, surfen, essen, schlafen. An welchem Strand jeweils gesurft wird, entscheiden Wind und Wellen, heute wird es Cordoama sein, sagt Dago Lipke, der vor fünfzehn Jahren mit seiner Frau Conni das Surfcamp aufgebaut hat. Es war eines der ersten an der Algarve, Sohn Marlon reitet inzwischen an der Weltspitze der Surfer mit.

Doch das sind nicht die Gründe, warum das Camp gerade unter Surfanfängern älteren Semesters so etwas wie Kultstatus genießt: Anders als bei anderen Camps speist sich das Klientel der Lipkes nicht vorwiegend aus Schülern und Studenten, geht es nachts in dem schönen Gästehaus nicht zu wie auf einer Party-Meile, muss nicht gemeinsam eingekauft werden, damit die Küche dann doch nur jeden Tag Spaghetti mit Soße serviert. Kehrt man nach dem Surfen abends müde in die Vila Catarina zurück, ist schon der Tisch gedeckt. Man kann noch schnell duschen, dann wird gegessen. Jeden Tag kocht Conni etwas anderes. Es schmeckt vorzüglich.

Fahnen zur Sicherheit

George stellt die Musik im Auto an, durch die geöffneten Fenster weht warm der Duft der Macchia herein. Frauen sehen in Neoprenanzügen irgendwie schlechter aus als ohne, sagt der Hauptmann. Die Schweizerin lacht, streckt ihre Nase in den Wind. Der Pharmazeut reicht George einen Kaugummi. Die Psychologin und der Ingenieur tauschen sich über den letzten Herr-der-Ringe-Film aus. Der Alltag ist unendlich weit weg. Es geht durch Eukalyptuswäldchen und weiße Dörfer, in denen alte Männer im Schatten von noch älteren Bäumen sitzen und beobachten, dass auf der Straße nichts passiert. Das Land wird karger, felsiger, ist immer mehr von steilen Tälern zerfurcht. Die Straße macht eine Kurve, schlängelt sich steil die Klippen hinab. In einer Parkbucht sehen wir den Surf-Poseidon wieder. Er holt sein Brett vom Autodach. Dann liegt unter uns das Meer.

Als wir in der Bucht vor ihm stehen, sind alle ganz still. Kühler Wind pfeift über das Wasser. Es schimmert schmutzig grau, die Wellen sind meterhoch, schäumen böse. Das Meer wirkt, als habe es keine Lust auf uns. George steckt mit zwei Fahnen den Strand auf einer Länge von etwa fünfzig Meter ab, an ihnen sollen wir uns im Wasser orientieren, denn die Strömung ist heute sehr stark. Zu seiner Verstärkung ist heute ein portugiesischer Surflehrer mit dabei. Mit unergründlicher Miene blickt er uns entgegen.

Besuch aus der Militärakademie

Tapfer stapfen die Surfanfängerinnen ins Wasser. Die Leash haben sie heute selbst angelegt, das Board tragen sie diesmal ganz unprätentiös. Die Strömung zerrt an den Beinen, bringt das Brett in Schieflage, obwohl es gerade liegen soll. Die Füße krallen sich in den Sand, gehen einen Schritt vorwärts und zwei zurück, sobald einen eine Welle trifft. Rauf aufs Brett und paddeln! Paddeln! ruft George. Die Surfanfängerinnen paddeln, es geht schon besser, dennoch werden sie abgetrieben. Also raus aus dem Wasser und dorthin zurückgelaufen, wo die Fahnen stehen. Zweimal, viermal. Die Norwegerin schimpft auf Norwegisch, die Deutsche auf Deutsch. Endlich erwischt sie eine Welle richtig, denn richtig liegt sie heute auf dem Brett.

Es ist, als sei das Board in einen Bogen eingespannt gewesen, so schnell schießt es mit der Surfanfängerin in Richtung Strand. Es ist wunderbar und gelingt ihr gleich noch einmal - freilich ohne dabei aufzustehen. Großartig, denkt sie dennoch, das mache ich jetzt einfach den ganzen Tag, wozu weiter Tollkühnes in diesem Inferno wagen. Da steht auf einmal der portugiesische Surflehrer neben ihr: Du stehst jetzt mal auf, sagt er, packt das Brett, dreht es um und schiebt die Surfanfängerin auf den nächsten Wellenberg. Wenn ich sage paddeln, dann paddelst du, wenn ich sage aufstehen, dann stehst du auf, ruft er in einem Ton, als habe er sich aus einer Militärakademie hierher verirrt. Er dreht das Brett um hundertachtzig Grad, jetzt hat die Anfängerin die Wellen im Rücken. Beine zusammen! Paddeln, paddeln, paddeln! Aufstehen, los!, brüllt es neben ihr. Die Welle kommt, die Surfanfängerin kann sie spüren, sie gibt ihr Bestes, stemmt sich hoch - und rutscht ab. Wieder rauf aufs Brett! Paddeln! Schneller, schneller Schneller! Aufstehen! Diesmal bleibt das Knie hängen. Beim nächsten Versuch gleiten die Hände ab. Der Brustkorb fällt aufs Brett zurück. Der Körper der Surfanfängerin scheint auf einmal viel zu schwerer zu sein.

Ein Körpergefühl wie Godzilla

Dreiundsechzig Kilo bei einer Größe von 1,77 Metern sind normalerweise kein schlechtes Gewicht, um Sport zu treiben: Man kann sie auf einen Pferderücken schwingen, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren, trägt sie morgens joggend problemlos durch den Park, kann sie tanzend auf Highheels balancieren und im Freibad mühelos mit ihnen Bahnen ziehen. Doch jetzt fühlt die Surfanfängerin sich wie Godzilla. Und sehr alt. Haltung, Haltung! Das ist eine Frage der Einstellung! ruft der Portugiese, den die Surfanfängerin vor ihrem inneren Auge plötzlich mit ihrem Surfbrett im Gesicht kleben sieht. Der Typ ist bestimmt zehn Jahre jünger als ich, was bildet der sich eigentlich ein, denkt sie, spuckt einen Mundvoll Salzwasser aus und ist ihm in der nächsten Sekunde zutiefst dankbar. Denn sie steht.

Die Welle hat das Brett auf ihren Rücken genommen, trägt es mit sich fort, dem Strand entgegen, ungläubig blickt die Surfanfängerin auf ihren rechten Fuß. Sie kann ihn sehen, also muss sie stehen. Um sie herum schäumt das Wasser, doch dessen Kraft ist ihr nun zugewandt. Es fühlt sich an, als sei man ein Teil davon, als würde die Welle einen in den Himmel heben, nein, als fliege man - es ist das pure Glück. Das kollegiale Jubeln der Norwegerin und des Pharmazeuten holen die Surfanfängerin in die Welt der Anfänger zurück. Sie taumelt, stürzt vom Brett, verdreht sich das Knie. Es ist egal. Wer einmal auf einem Board gestanden hat, will es immer wieder tun. Man ist sofort süchtig.

Information: Eine Woche surfen mit Unterbringung, Verpflegung, Board, Wetsuit und Unterricht kostet im Surfcamp der Lipkes in den Monaten Juli bis Oktober 570 Euro, in der übrigen Zeit 520 Euro. Auskunft im Internet unter www.thesurfexperience.eu.

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