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Perspektiven der Stadt (7): Bergisch Gladbach : Die ganze Wahrheit kennt nur der Wurstseppel

Crème de la Crème der Haute Cuisine oder auch der George Clooney und der Brad Pitt der deutschen Spitzenküche: Nils Henkel (links) und Joachim Wissler. Bild:

In Bergisch Gladbach gibt es mehr Drei-Sterne- Restaurants als in Berlin, Hamburg, München und Frankfurt zusammen. Deswegen ist die Stadt in Feinschmeckerkreisen weltberühmt. Doch wie verkraftet sie diesen Ruhm? Oder weiß sie überhaupt um ihn? Ein Testbesuch mit Festessen.

          Lügen ist Sünde, deswegen die brutale Wahrheit zuallererst: Der deutsche Sündenfall heißt Bergisch Gladbach. In dieser unschuldigen Stadt am Rand der Rheinischen Tiefebene wurden alle architektonischen, urbanistischen und ästhetischen Verbrechen der Nachkriegszeit mit solcher Kaltblütigkeit begangen, dass man die Geschundene am liebsten ganz vorsichtig in den Arm nehmen und tröstend über den Kopf streicheln möchte. Erschüttert, fassungslos, zorngepeinigt stehen wir in der Fußgängerzone und ballen die Faust: Wo sind die Schuldigen für all diese Schandtaten - für Eternitexzesse, Flachdachfiaskos, Waschbetonwahn, Mietskasernenmonster, Klinkerfratzenfassaden, Kreissparkassentyrannei. Uns wird schwindelig. Wir müssen uns setzen. Und sitzen jetzt mit hängenden Schultern zwischen melancholischen Bierflaschen, depressiven Bäumen, freudlosen Tauben und der auch nicht eben vergnügt dreinschauenden Bronzeskulptur "Bergische Bäuerin im neunzehnten Jahrhundert". Sie wurde vom örtlichen Verschönerungsverein gestiftet, eine Verzweiflungstat, ein Schrei nach Gerechtigkeit. Verschönerungsverein! Allein die Existenz dieses Wortes sagt mehr als tausend Worte.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Man kann auf Bergisch Gladbach nicht mit Häme, sondern nur mit Mitgefühl schauen. Denn diese Stadt hat alle Sünden für uns auf sich genommen. Sie ist kein Aschenputtel, und kein Prinz wird jemals in einer goldenen Kutsche auf dem Marktplatz vorfahren, der öd und leer ist wie die Welt am ersten Schöpfungstag - bis auf ein tapfer historisierendes Rathaus, eine düstere neoromanische Kirche und einen eigenartigen Brunnen in Form einer wippenden Platte aus ineinandergesteckten Quadraten. Sie wird im Volksmund "Waffeleisen" genannt, soll aber ein stilisiertes Schöpfsieb aus der Papierindustrie darstellen. Das waren die großen Zeiten von Bergisch Gladbach, als die Papiermühlen im Dutzend am rauschenden Bach ratterten und der Zellulose-Tycoon Zanders in seiner Fabrik mitten im Ort Tausenden Arbeit gab. Die Belegschaft ist längst auf ein paar Hundertschaften geschrumpft, die Fabrik gehört inzwischen einem humorlosen Konzern aus Finnland, und im Rathaus regiert seit Jahren der Nothaushalt. Geld sei nur noch für das Nötigste da, heißt es in der Stadtverwaltung, man komme so mit Ach und Krach bis ans Monatsende und müsse sich alles Schöne vom Mund absparen. Und das mache langsam keinen Spaß mehr.

          Die Küchengötter steigen auf die Erde herab

          Doch genug des Trübsinns, schließlich sind wir nicht zum Fasten, sondern aus purem Vergnügen an der stilvollen Völlerei in Bergisch Gladbach - jener Stadt, deren Namen alle Feinschmecker zwischen Tokio und New York mit Gänsehaut und Ehrfurcht aussprechen, jenem Ort, an dem die dreifach michelinbesternten Küchengötter Joachim Wissler und Nils Henkel und vor ihnen schon der unvergleichliche Dieter Müller, der Zeus am deutschen Feinschmeckerfirmament, von ihrem Olymp auf die Erde niedergestiegen sind. Die Treppe dafür hat allen dreien der Hotelier Thomas H. Althoff gezimmert, der zwei Schlosshotels in der Stadt betreibt und als fanatischer Gourmet allergrößten Wert auf allerbeste Küche legt. Das muss die Menschen hier doch enorm beglücken, so wie diese Mütter dort mit ihren Kindern, die in der Fußgängerzone an einem gemauerten Brunnen in Schneckenform herumtollen. Das Artefaktum sieht zwar eher aus wie eine Beule im Straßenbelag, und die Blätter treiben oben auf der Brunnenpfütze, als seien sie gerade ersoffen, doch hier nimmt man so etwas gelassen. Wie hatte man es uns gerade im Rathaus gesagt: "Wir haben das Pittoreske in Bergisch Gladbach ein bisschen vernachlässigt." Wunderbar, diese Lakonie.

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