02.09.2011 · Man sieht dem harmlosen Weinstädtchen Oppenheim nicht an, was es unter seiner Oberfläche verbirgt. Die Keller waren lange Zeit Privatsache, nun werden sie zur touristischen Attraktion.
Von Andrea DienerDie Altstadt von Oppenheim ist eine ziemlich übersichtliche Angelegenheit. Weinbaumuseum, enge Gassen, Fachwerkhäuser im Zustand liebevoller Renoviertheit, über allem thronend die Katharinenkirche mit spätgotischem Westchor und Ossarium sowie, ein paar Weinberge weiter, die Burgruine Landskron, einst abgefackelt vom Heer des französischen Sonnenkönigs. So verwinkelt klein ist hier alles, dass man sich auch nach extensiver Weinprobe kaum verirren kann. Es geht nur hangauf- oder hangabwärts. Radfahrer in bunten Funktionsjacken machen Abstecher, die Dorfjugend hockt vor der Eisdiele, ältere Damen sitzen vor Tortenstücken im dunkelplüschigen Altstadtcafé mit eigener Konditorei. Über dem Marktplatz flattern bunte Fähnchen, Zeichen kleinstädtischer Ausschweifung. Es ist gerade Weinfest, aber am Sonntagmittag nicht viel los.
Sehr viel größer und verwirrender als das oberirdische Oppenheim ist die unterirdische Stadt und sehr viel älter zudem. Während über dem Erdboden Spanier plünderten, Schweden okkupierten und Franzosen brandschatzten, verlagerte sich Handel und Wandel in den Untergrund, in die Keller, die die Stadt untertunneln. "Das ist hier wie ein Sieb", sagt Salvatore Albino, seines Zeichens sizilianischer Oppenheimer und Wirt der alteingesessenen Pizzeria Paperino. Gleich neben den Holzbänken vor dem Eingang seines Restaurants geht es durch eine niedrige Tür hinunter in die Katakomben, zunächst in einen großen Gewölbekeller. Es riecht nach abgestandenem Alkohol, auf den Tischen sammeln sich leere Gläser und Flaschen, Spuren einer langen Nacht. Bis um sieben Uhr morgens sei gefeiert worden, es sei ja gerade Weinfest, da könne es auch einmal früh werden, sagt Albino.
Fünfundzwanzig große Container voll Erde
Hinter der Bar stapelt sein Bruder Mario leere Getränkekästen. Mit einer Aufräumaktion vor fünf oder sechs Jahren habe es angefangen, erzählt Mario, nämlich mit altem Sperrmüll, der entrümpelt werden musste. Doch hinter dem Müll, der gleich dort drüben in der Ecke lag, fand sich ein gemauerter Gang, bis oben hin voll mit Erde, die habe er herausgekratzt, und dann sei es immer weitergegangen. Ein weiterer Gang, ein weiterer Keller, eine Abzweigung, alles voller Erde. Da erwachte in den Brüdern der Ehrgeiz. Immer im Winter ging es in den Keller hinunter, Erde wegkratzen und Eimer schleppen, fünfundzwanzig große Container voll, Wände befestigen, Boden glätten, Stufen mauern. Der halbe Freundeskreis wurde eingespannt. Die Albinos gruben sich unter der Straße hindurch bis unter das Haus des Nachbarn, der nichts dagegen hatte, und entdeckten immer neue Gänge. "Wenn du irgendwo anfängst, möchtest du auch mal wo landen", sagt Salvatore Albino. "Aber hier ist kein Ende." Bis jetzt gehören etwa fünfhundert Meter Gang zu dem Labyrinth unter der Pizzeria Paperino. Fast alle Stollen werden genutzt, sind mit Kerzen, Weinflaschen und Nippes dekoriert, ein Raum mit Abluftschacht dient als Rauchergrotte. Momentan gönnen sich die Albinos eine selbstverordnete Pause, denn das sei ja wie eine Sucht. Und da drüben gehe es auch noch weiter, da wisse man nicht, was dahinter sei, ein Brunnen vermutlich, auf jeden Fall gehe etwas in die Tiefe.
Der Kupferstecher Matthäus Merian konstatierte 1645 in seiner "Topographia Palatinatus Rheni" lapidar: "Zu Oppenheim gibt es tiefe Keller." Das war schon damals eine spektakuläre Untertreibung, denn es gibt dort einzigartig tiefe Keller und einzigartig viele, insgesamt um die fünfundvierzig Kilometer Gangsystem auf sieben Etagen, etwa sechshundert Keller allein unter der kleinen Altstadt. Ein Querschnitt des Hanges sähe aus wie ein Schweizer Käse. Seit fünf Jahren sei das hier in Mode, meint Albino, seitdem nutzen die örtlichen Gastwirte ihre Keller als Schankraum, und die Stadt hat einen Rundweg zur Besichtigung erschlossen. "Aber die touristische Nutzung ist eher ein positives Beiwerk", sagt Holger Hessmann, gelernter Bergbauingenieur, unüberhörbar aus Sachsen stammend und bei der Stadt seit elf Jahren Leiter der eigens gegründeten Abteilung für Untergrundsanierung. Eine große Abteilung ist das, denn es gibt viel Untergrund.
Alle gruben ohne Plan und Richtung
Hessmann ist der Herr der Unterwelt, koordiniert die Arbeiten und führt Besuchergruppen. Mit Lampe in der einen und Schlüsselbund in der anderen Hand geht er voran in den Urigen Keller, in dem die Tour beginnt. "Man hat jeden Tag andere Arbeiten und neue Überraschungen", sagt er. "Unten bei der Beräumung von diesen Gängen war ich der Erste nach vier- oder fünfhundert Jahren, der da reingegangen ist."
Aber einige der Keller sind noch deutlich älter. Alles begann vor tausend Jahren, anno 1008 genaugenommen, als die Stadt Oppenheim das Marktrecht sowie das Stapelrecht erhielt, das durchreisende Händler verpflichtete, ihre Waren zwei Wochen lang in der Stadt zum Verkauf anzubieten. Die Waren mussten gelagert werden, aber die Stadt war mittelalterlich eng, und die Häuser waren klein. Dafür bot der Lößboden geradezu ideale Bedingungen für den Bau tiefer Lagerkeller, er war leicht zu bearbeiten und dennoch stabil, solange er trocken und gut durchlüftet blieb. Der Erdaushub ließ sich weiterverwerten, um die Zwischenräume von Fachwerkhäusern zu verschmieren. Und so grub jeder Hausbesitzer ohne Plan und Richtung nach Bedarf immer weiter und tiefer.
Häuser und Keller führten zunehmend ein Eigenleben
An vielen Oppenheimer Häusern kann man Sprüche lesen, die die gute Nachbarschaft beschwören: "Wünsche mir jeder, was er will, ich wünsche ihm 100× so viel", steht an einem Altstadthaus. Es mag in der oberirdischen Welt so zugehen, die unterirdische folgt ihren eigenen Regeln, dort gibt es keine Nachbarschaft. Ursprünglich waren die Keller nicht verbunden, und wenn, dann nur temporär oder aus Versehen. Albinos Keller ist bislang die größte zusammenhängende Anlage. Niemand wollte, dass andere wissen, wo man seine Waren lagert, daher wurde nie etwas kartiert. Man tunnelte über- und untereinander hinweg, brach mitunter ein, mauerte wieder zu. Und baute in unregelmäßigen Abständen Nischen in die Gangwand, um den Besitzstand eines Tunnelabschnitts zu markieren. "Jeder, der einen Gang gegraben hat, hat sich eine eigene Form von Nische zugelegt", sagt Hessmann. Es gibt spitze Nischen, abgerundete, manchmal sind Steine eingefügt. Man konnte in diese sogenannten Gerechtigkeitshäuschen Laternen hineinstellen, aber viel wichtiger war, dass man damit sein Gangrevier markierte. Sonst hätte es vorkommen können, dass einem der Nachbar ein Stück Gang abmauert, niemand etwas davon mitbekommt und sich nichts beweisen lässt. Man kommt in der Kellerwelt zwar ohne Nachbarschaft aus, aber nicht völlig ohne Regeln zur Verteidigung des Eigentums.
So ungefähr im elften Jahrhundert begann das große Graben, und bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert hinein wurden neue Keller angelegt. "Im Prinzip sind das alles Vermutungen, die wir hier anstellen", sagt Hessmann. Geschichtliche Aufzeichnungen gibt es keine mehr, denn 1689 wurde Oppenheim komplett niedergebrannt. Wenn es je Pläne der Keller gegeben haben sollte, was unwahrscheinlich ist, wurden sie im Feuer vernichtet. Und als die Stadt wieder aufgebaut wurde, hielt man sich nicht unbedingt an die alten Grundrisse. Manchmal entstand statt mehrerer kleinerer Häuser ein großes, andere versetzten die Außenmauer einen Meter zu ihrem Vorteil. Häuser und Keller begannen zunehmend ein Eigenleben zu führen, das nur noch bedingt miteinander zu tun hatte. Der Brand hatte auch zur Folge, dass die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt rapide sank und die Lagerräume nicht mehr in diesem Umfang benötigt wurden. Viele Hauseigentümer nutzten die Gänge fortan als Müllhalde oder zur Entsorgung von Bauschutt. Und wenn ein Gang voll war, wurde er einfach zugemauert.
Die kollektive Kellerverdrängung rächt sich
An den Kriegen, die über die Stadt hinwegfegten, lag es, dass die Gänge im Laufe der Zeit eine Nebenfunktion als Schutzraum und Fluchtweg bekamen: der Dreißigjährige Krieg, der Pfälzische Erbfolgekrieg, Erster und Zweiter Weltkrieg. Besonders Letzterer trieb die Bevölkerung immer wieder hinunter in die Tiefe des Hanges, man richtete sich mit Möbeln und Matratzen im Gangsystem ein oder beherbergte ausgebombte Verwandtschaft. Nach dem Krieg schloss man die Kellertüren, ließ die Todesangst im Erdreich zurück und freute sich des wirtschaftswundervollen Lebens am Tageslicht. Die Oppenheimer renovierten ihre Fachwerkstadt zu einem hübschen Ausflugsörtchen zurecht, das mit seiner harmlosen Rheinromantik Wanderer und Weintrinker gleichermaßen anzog. Gleichzeitig setzte die kollektive Kellerverdrängung ein. Stieß man bei Kanalbauarbeiten auf einen Gang, wurde der entsprechende Abschnitt einfach verfüllt. Auf, Beton rein, zu, fertig. "Es hat einfach niemanden mehr interessiert", sagt Hessmann. Die Keller waren den Bewohnern über Generationen hinweg egal bis lästig.
Doch der Oppenheimer Untergrund ließ sich nicht so einfach ignorieren. Immer wieder brach er ein, es taten sich unversehens Löcher auf, und am 4. November 1986 versank mitten in der Altstadt ein Streifenwagen der Polizei bis Unterkante Wagenfenster. Das war der Moment, in dem den Oppenheimern klarwurde, dass sie nicht so tun konnten, als gäbe es ihre Keller nicht. Solange sich feuchte Hohlräume unter der Stadt befinden, besteht die Gefahr, dass sie eines Tages einsacken und Häuser und Autos mit ihnen. "Das Wasser sucht sich seinen Weg", sagt Hessmann. Es staut sich, wo es kann, macht den Lößboden matschig und instabil und sorgt für Tagesbrüche. Die Stadtverwaltung, die für die Sicherheit der Straßen verantwortlich ist, musste handeln.
Nur langsam setzte das Umdenken ein
"Von den privaten Kellern aus haben wir die bestehenden Gänge freigeräumt", sagt Hessmann. "Dann kam das Bergbaumuseum Bochum hierher, hat diese ganzen Gänge mit Laser vermessen und hat es auf eine Karte gebracht." Doch vor den Arbeiten musste die Stadt mit den Bürgern verhandeln. Formal waren die Keller Privatsache, und in den Köpfen der Oppenheimer erst recht. Jahrhundertelang verschwiegen sie, was sie unter ihrem Haus verbargen, und ließen niemanden hinein. Lange Zeit hatte sich dieses System auch bewährt und verhieß Sicherheit für Menschen und Besitztümer, doch im Zeitalter des Schwerlastverkehrs wurde der Untergrund zum Risikofaktor.
Nur langsam setzte das Umdenken ein, dass der Untergrund keine Privatsache mehr war, sondern ein gemeinsames Problem, das sich nur gemeinsam lösen ließ. Dreizehn Jahre dauerte es, bis alle Eigentümer der Stadt erlaubten, die Gänge zu betreten. „Viele wussten selbst nicht, was sich in ihrem Keller hinter der Abmauerung befindet. Die waren dann natürlich auch interessiert, und es ging ja auch um die Standsicherheit des eigenen Hauses“, sagt Hessmann. „Hätte das der Hauseigentümer finanziell alles selbst tragen müssen, wären wahrscheinlich viele arm geworden.“
Das Gefühl für Richtung, Entfernung und Zeit verschwindet
Inzwischen ist der touristische Kellerrundgang eine wichtige Sehenswürdigkeit der Stadt. Mit roten, grünen und blauen Sicherheitshelmen auf dem Kopf werden die Besuchergruppen durch die Gänge geführt, die unter der Stadt mäandern und eigens zu diesem Zweck zu einem vierhundert Meter langen Rundgang verbunden wurden. Mal verbreitern sie sich unversehens, mal weisen sie Stufen und Türen auf, mal sind sie gemauert, mal in den rohen Löß gegraben, mal führen sie nach oben oder unten. Nach ein paar Metern verliert man sofort die Orientierung. Wo um Himmels willen sind wir?
„Wir sind jetzt hier aus dem Rathaus rausgegangen“, sagt Hessmann, „unterm Marktplatz durchgelaufen, hier oben drüber ist die Straße am Markt, da ungefähr steht das Hotel Zur Krone.“ Oberirdisch nur ein paar Meter geradeaus, hier unten eine unübersichtliche Angelegenheit. Jegliches Gefühl für Richtung, Entfernung und Zeit verschwindet vollständig hinter der dritten Kurve. Man achtet lieber auf die Kalkbrocken, die ab und zu aus der Decke ragen und die man vor Erfindung des Presslufthammers nicht beseitigen konnte. Also Kopf einziehen. Gelbe Plastikstreifen markieren Bohrpunkte. Ab und zu zweigt ein privater Keller ab oder der Schankraum einer Gastwirtschaft, immer mit Gittertüren versehen, der besseren Durchlüftung wegen.
Weitere Tunnelstücke harren ihrer Entdeckung
Das Umdenken hat sich gelohnt, seit dem Beginn der Sanierungen kam es zu keinem weiteren Einsturz. Stadt und Keller, scheint es, haben sich endlich miteinander ausgesöhnt. Die Oppenheimer achten nun auf ihren Untergrund: Wenn Straßen erneuert werden, dürfen die Baufirmen erst dann mit schwerem Gerät anrücken, wenn die Ganganlage darunter gesichert ist - mit Holzausbauten, wie Kohleminen vergangener Jahrhunderte. Im Herbst wird ein zweiter Rundgang zur Besichtigung geöffnet.
Es ist längst nicht alles ergraben, viele weitere bislang abgemauerte Tunnelstücke harren ihrer Entdeckung. Holger Hessmann wird noch manches Mal vierhundert Jahre alte Luft atmen. Und Paperino-Wirt Salvatore Albino wird noch viele Eimer Erde schleppen und Platz schaffen für seine Gäste, für lange Nächte und alkoholreiche Ausschweifungen. Denn auch heutzutage gibt es noch Dinge, die die Nachbarn nichts angehen und die besser im Untergrund bleiben.
Informationen zu den Kellerführungen gibt die Stadt Oppenheim unter der Telefonnummer 06133/490914 oder per Mail unter info@stadt-oppenheim.de, dort ist auch eine individuelle Buchung für größere Gruppen möglich. Regelmäßige Führungen finden samstags um 12 Uhr und um 13.30 Uhr statt, sonn- und feiertags um 11.30, 13.30, 14.30 und 15.45 Uhr, Kosten: 7,50 Euro.