Home
http://www.faz.net/-gxi-pjpq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Oktoberfest Die Maß aller Dinge

03.10.2004 ·  Das Oktoberfest: Bier, Brei und beschlagene Brillen. Eine Jungfernfahrt nach München birgt Offenbarungen über den bayrischen Exzeß in der blitzblanken Stadt, der am Sonntag zu Ende ging.

Von Tobias Rüther
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Es war eigentlich eine Schnapsidee, auch wenn es um Bier ging: Mit der Bahn durch die Nacht nach München zu fahren, zum ersten Mal im Leben auf die Wiesn zu gehen und abends gleich im Schlafwagen wieder zurück. Ein minutiös geplanter Zug, Ankunft 6.43 Uhr am Hauptbahnhof (noch sehr dunkel), Abfahrt 23.04 Uhr (noch sehr viel dunkler).

Es geht natürlich auch härter: Die anderen Deppen, die sich das Oktoberfest ebenfalls als Druckbetankung antun, meist sind es Australier, legen sich zum Beispiel ein paar Meter von den Festzelten entfernt in gepflegte Vorgärten zum Schlafen - oder gleich in die eigenen Körpersäfte. Oder sie kommen im Wohnwagen, wie die Italiener. Mit dem Nachtzug anzureisen wirkte dagegen geradezu weltmännisch: Egal in welchem Zustand, man kommt ja gut gebettet heim, der Schlafwagenschaffner paßt schon auf.

München trägt Seidentüchlein - auf dem Fest hat jeder eine Fahne

München ist eigentlich die Antithese seines Oktoberfests. Hier die gebürstete, geschniegelte und parfümierte Residenz, dort der Dunst, der Krach und der Mief. In München trägt man Seidentüchlein, auf dem Oktoberfest hat jeder eine Fahne. Aber dann, beim Gang durch die erwachende Stadt, leuchtete es einem doch ein, weil dieses München eben seine spezielle krachlederne Eleganz an den Tag legt. So wie sich Hamburg immer samstags in der Früh auf dem Fischmarkt benimmt, als führen hier alle zur See.

In München liefen an diesem Morgen selbst Schülerinnen im Dirndl umher, und Männer mit Dackel und Trachtenjanker. Das ist angeblich immer so zum Oktoberfest. Kaum vorstellbar aber, daß Hamburger Kaufleute mit Südwester auf dem Kopf an der Binnenalster entlangstromern und wie der blonde Hans in "Große Freiheit Nummer 7" ab und an den schönen Satz "Ick bün'n Wrack!" ausstoßen. In München kann das am Morgen nach einem Wiesnbesuch dagegen sehr wohl passieren. Wracks gehören hier für zwei Wochen im Herbst ausnahmsweise mal zum Straßenbild.

Kontraste in der blitzblanken Stadt

Schon nachmittags umwehte einen in der Unterführung am Stachus ein deutlicher Bierdunst. Undefinierbares Geschmier dann auf dem Boden der U-Bahn, die sich gerammelt voll auf den Weg zur Theresienwiese machte. All das fühlte sich in einer sonst so blitzblanken und gutgelüfteten Stadt wie München seltsam an.

Wie überhaupt der plötzliche Andrang (verbunden mit dem noch plötzlicheren Harndrang, dessen Ausflüsse sich je stärker bemerkbar machten, je weiter man auf der Festwiese vorankam) so gar nicht paßte zu den beschaulichen Stunden zuvor im neuerdings wieder gefragten Viertel um den Gärtnerplatz. Wo sich schick getrimmte Herrenrunden auf den Bänken vor dem Theater entspannen. Wo ein Hund mit edlem Loafer im Maul aus einem Schuhgeschäft in der Reichenbachstraße entwischte, Besitzer und Verkäuferin hinterdrein. Wo, je weiter man Richtung Isar spazierte, die Straßenzüge immer einsamer wurden. Ein stiller Septembertag war es, während etwas weiter westlich Dantes Inferno in vierzehn Zelten aufgeführt wurde, jeden Tag von neuem.

Ein Wärmekraftwerk, eine Menschenmaschine

Auf dem U-Bahnhof Theresienwiese herrschte einen aus den Lautsprechern ein sogenanntes Münchner Original an, doch nicht am Anfang und Ende des Bahnsteigs stehenzubleiben, Herrschaften, sondern schleunigst zur Mitte vorzulaufen. Das gehört offenbar zum Programm, sich hier als Bierdimpfel beschimpfen zu lassen, alle freuten sich, es war gemütlich stickig und feuchtfröhlich eng.

Die Rolltreppe hinauf zur Festwiese blieb plötzlich stehen, und alle Rolltreppenfahrer mit ihr. Als gäben sie schon hier die Verantwortung dafür ab, was ab jetzt und in den nächsten Stunden mit ihnen geschieht: Lemminge auf dem Weg zur Schlachteplatte.
Einmal durchgeatmet, sich kurz besonnen und dann hinein in die Ochsenbraterei. In diesem sehr bayrischen Zelt wird sich der Abend schließlich abspielen, trotz aller guten Vorsätze, wenigstens ein paar der dreizehn anderen zu inspizieren. Aber ist das hier überhaupt ein Zelt?

Es ist eher ein Wärmekraftwerk, eine Menschenmaschine, die gut geölt auf Hochtouren orgelt. Sie dampft und schwitzt, sie säuft und singt, die Leute stehen auf den Bänken und jubeln, und wären sie etwas größer, verschwänden ihre hochroten Köpfe wohl im rauchigen Dunst, der unter dem Zeltdach hängt.

Es ist der reine Wahnsinn, wirklich und wahrhaftig. Er macht sprachlos, wehrlos, und sofort will man dazugehören, Angriff ist die beste Verteidigung, um nicht zwischen die Räder dieser Maschine zu geraten, die einen aber dann am Ende doch zermalmt.
Wir kämpfen uns durch die Massen. Durst, Hunger, schlagartig. Die Kellnerinnen rammen einem Maßkrüge in die Rippen, wenn man nicht schnell genug beiseite springt.

Wann reißt der Riemen wohl, fragt man sich bang

Die Band spielt Fetenhits mit Bläsersatz. Es ist noch nicht entschieden, wer das Rennen zum Wiesnhit 2004 macht: "Dragostea Din Tei" oder "Lebt denn dr alte Holzmichl noch". Sämtliche Bands des Oktoberfests folgen einem ausgearbeiteten Programm zur Deeskalation: Eine Zeitlang jagen sie den Puls hoch und die Leute auf die Bänke, dann kommt "Country Roads" und Schunkelmusik, und dann wieder "Hey Baby".

Eine gute Idee, aber so ganz geheuer ist es einem nicht, dabei zuzuschauen, wie anderer Leute Nerven gespannt und gelockert werden, gespannt und gelockert, wieder und wieder. Wann reißt der Riemen wohl, fragt man sich bang, und wo bin ich am besten, wenn das passiert?

Der Spillerige und sein Kumpel

Platz ist in der engsten Box. Da sitzen schon vier Herren vor ihren Maßkrügen, einige Maßkrüge später sind wir alle bestens befreundet. Nebendran sitzen vier Münchner, darunter ein schlaksiger Blonder mit Strähnchen im halblangen Haar, Lederhose, Einstecktüchlein und Fahne: bißchen spillerig, würde Hans Albers sagen.

Der Spillerige bestellt Ochsenbraten mit Kartoffelbrei, und wenn er nicht gerade ißt oder trinkt, springt er auf die Bank und reißt zu AC/DC die Arme hoch. Speis und Tanz ist aber schwer unter einen Hut zu bringen, und als er seinem Kumpel einmal alle fünfe geben will, weil's so eine Gaudi ist, hat er seine rechte Hand mit Kartoffelbrei zugeschmiert. Sein Kumpel schlägt trotzdem ein. Die Kellnerin bringt die nächste Runde Spatenbräu. Ungefragt, aber nicht ungebeten.

Skandal, Moral, um Rosi

Uns bedient eine Legende, Anita Schwarz: 18 Maßkrüge hat sie gestemmt, das war am 18. September 2002 im Hofbräuzelt. Und damit ist sie ins Guinnessbuch der Rekorde eingegangen. Anita Schwarz zückt aus den Rüschen ihres Dirndls eine Visitenkarte: "Weltmeisterin im Biermaßkrugtragen, www.anita-schwarz.com" steht darauf.

Kurz darauf tritt Hermann Haberl an den Tisch, der Festwirt der Ochsenbraterei, ebenfalls eine Legende. Was er beim Händeschütteln wünscht, geht leider im Gebrüll unter. Denn die Band spielt jetzt "Skandal im Sperrbezirk", und alle, alle singen mit, nur leider einen Takt zu spät, aber wer hält hier überhaupt noch den Takt? Die Band hat den längeren Atem. Einem kräftigen Mädchen am Eingang zur Box beschlägt es die Brillengläser, sie schüttelt die verklebten Haare und zerrt am Blusenkragen: Skandal, Moral, um Rosi.

„Da sollten sie mal am Wochenende kommen“

Irgendwann fährt einem der Schreck in die Glieder: Der Nachtzug geht schon in einer Stunde! Schnell von den neuen Freunden verabschiedet und hinaus vor das Zelt. Es regnet in die Pißrinnen, das Blinklicht der Fahrgeschäfte spiegelt sich in den riesigen Pfützen. Der Sauerstoff schlägt einem fast die Beine weg. Also wieder hinein ins Hofbräuzelt, zu den Australiern und Italienern.

Hier sitzt keiner mehr gerade, zwei knutschen und rutschen fast unter den Tisch. Wieder hinaus, zu Käfer, aber wo ist der überhaupt? Wie die Geisterfahrer geht es über den Rummelplatz, die Leute kommen einem in Scharen entgegen, der Ausschank ist jetzt vorbei. Bei Käfer, der länger ausschenken darf, ist geschlossene Gesellschaft: Und so eine Journaille, sagt der Türsteher, kommt hier garantiert nicht ohne Anmeldung rein. (Es könnten wohl sonst wieder heiße Details in die Zeitung gelangen, und der Festwirt wäre verschnupft.)

Es ist sowieso viel zu spät, also schnell zum Taxistand, quer durch den Stau und die Massen. Das ist doch gar nichts, sagt der Taxifahrer, da sollten sie mal am Wochenende kommen. Er bremst, die Tür springt auf, Schlußspurt zum Bahnsteig. Der Schaffner steht schon mit einem Bein in der Wagentür. Wann wollen Sie denn geweckt werden, fragt er, als er das Ticket entwertet. Nächstes Jahr zur selben Zeit. Bevor der Vorhang sich schließt, leuchtet kurz noch München auf. Dann wird es endlich dunkel.

Das nächste Oktoberfest findet vom 17. September bis 2. Oktober 2005 statt. Informationen unter www.oktoberfest.de oder bei Bayern Tourismus, Leopoldstraße 146, 80804 München, Telefon 089/2123970, im Netz unter www.bayern.by. Der DB Nachtzug verkehrt europaweit ganzjährig mit "SparNight"-Tarifen: ab 29 Euro im Sitzwagen, ab 39 Euro im Liegewagen und ab 59 Euro im Schlafwagen. Information und Buchung unter www.nachtzugreise.de oder Telefon 01805/141514.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.10.2004, Nr. 40 / Seite V3
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1973, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Jüngste Beiträge