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Ötzi : Sie hatten ihn eiskalt erwischt

Die Mumie kehrt zurück: Vor mehr als 5300 Jahren wurde Ötzi auf dem Tisenjoch hinterrücks erschossen. Und trotzdem ist er heute eine der wichtigsten Werbefiguren Tirols und Südtirols. Bild: Tourismusverein Schnalstal

Im Jahr 20 nach seiner Entdeckung und mehr als 5300 nach seinem Tod steht der prominenteste aller Südtiroler wieder im Rampenlicht: Ötzi - Steinzeitmann und King of Pop unter den Feuchtmumien dieser Welt.

          Wir befinden uns im Jahr 20, das kleine Dorf liegt friedlich am Waldrand, umgeben von steilen Bergen, deren Gipfel in den Wolken verschwinden. Auf einer Wiese fläzen sich Auerochsen mit gewaltigen Hörnern, dazu Bergziegen und Wollhaarschweine. Sommerregen prasselt auf die Holzhütten, aus einer steigt Rauch auf, es riecht nach Feuersteinen und Zunderschwamm. Aus der Hütte des Schamanen dringen seltsam röhrende Laute, und nebenan, in einem Steinhaus, ist eine Handvoll Menschen zusammengekommen. Sie tragen blau-rote Brillen und starren auf verschwommene Bilder, von denen ihnen eine verschrumpelte Leiche ihre dreckigen Fingernägel entgegenstreckt.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Fast schon ehrfürchtig halten die Besucher vor den Abbildern des toten Mannes inne, ihm zu Ehren haben sie das kleine Dorf errichtet, das „Ötzi-Dorf“. Der schmächtige Kerl war schließlich nicht weit von hier, am oberen Ende des Ötztals, hinterrücks ermordet worden. Auf dem Tisenjoch, in 3210 Metern Höhe, hatte er gerade Brotzeit gemacht, windgeschützt in einer Felsmulde, als ihn ein Pfeil mit steinerner Spitze traf. Er verblutete in wenigen Minuten, seine Mörder ließen ihn achtlos liegen, irgendwann schneite es, und der kleine Steinzeitmann verschwand unter Schnee und Eis. Gefriergetrocknet für die Ewigkeit.

          Doch dann, an einem heißen Septembertag, 5300 Jahre später, führte eine Verkettung von Zufällen zu einem wundersamen Comeback. Es war ein ungewöhnlich heißer Sommer, außerdem hatte ein Sturm in der Sahara viel Sand aufgewirbelt und bis in die Alpen getragen, eine rötliche Staubschicht, die das Eis auf dem Tisenjoch besonders schnell schmelzen ließ. Ein deutsches Bergsteiger-Ehepaar verließ an diesem 19. September 1991 beim Abstieg von der Fineilspitze den markierten Weg, die beiden stiefelten querfeldein, mussten immer wieder Schmelzwasserpfützen ausweichen, bis sie plötzlich in einer Mulde eine Leiche entdeckten.

          Schafskälte: In den Bergen unweit der Ötzi-Fundstelle

          Ein Werbeträger, wie ihn sich niemand hätte ausdenken können

          Hinterkopf und Schultern ragten dunkelbraun aus dem Eis, mehr war nicht zu sehen. Ein verunglückter Bergsteiger, vermuteten die Deutschen. Auf der Similaunhütte, gut eine Stunde vom Tisenjoch, meldeten sie ihren Fund dem Wirt, und der verständigte die Gendarmerie in Sölden und die Carabinieri auf der anderen Seite in Südtirol. Weil das Wetter immer schlechter wurde, konnte der Tote aber nicht geborgen werden, er verschwand wieder unter einer dichten Schneedecke. Erst vier Tage später wurde der Körper dann, wenig zimperlich mit Eispickeln und Skistöcken, aus dem Eis geschlagen, in einen Leichensack gesteckt und nach Innsbruck ins Institut für Gerichtsmedizin gebracht. Die Staatsanwaltschaft dort hatte bereits ein Verfahren eröffnet, Akte Nummer ST 13 UT 6407/91, zur Ermittlung der Identität des Toten und zur Feststellung der Todesursache.

          Am Morgen des fünften Tages schließlich wurde ein Archäologe in die Gerichtsmedizin geladen, der konnte den Toten zwar auch nicht identifizieren, aber bei einem war er sich schnell sicher: Vor ihm auf dem Obduktionstisch lag kein verunglückter Bergsteiger, sondern ein mumifizierter Neolithiker, mehrere Tausend Jahre alt und damit der älteste vollständig erhaltene Vorfahre unserer Art. Tut-ench-Amun ist 2000 Jahre jünger. Anstelle der Staatsanwaltschaft übernahmen Wissenschaftler aus aller Welt den Fall, Archäologen, Archäobotaniker, Archäotechniker, Anthropologen, Anatomen, Gletscherforscher, Genforscher, Kriminaltechniker, Klimatologen, Mykologen, Pathologen, Radiologen, Zoologen und andere. Doch nicht nur die Forschung, auch die Öffentlichkeit war wie hypnotisiert von den vielen Details, die nach und nach aus dem Privatleben (er war Mitte vierzig, trug sein Haar offen, hatte Flöhe, ein wertvolles Kupferbeil und mehr als fünfzig Tattoos) und über die letzten Stunden des Steinzeitmannes bekannt wurden. Und so stieg er 5300 Jahre nach seinem Tod zum Medienstar auf, zum King of Pop unter den Feuchtmumien dieser Welt.

          Was fehlte, war ein werbewirksamer Name, und so dachten sich Wissenschaftler und Journalisten mehr als 500 Vorschläge aus, „Mann aus dem Eis“, „Iceman“, „Homo tirolensis“ und „Frozen Fritz“, der Tourismusverband Schnalstal, auf der Südtiroler Seite des Tisenjochs, versuchte es mit „Schnalsi“, doch am Ende setzte sich ein Reporter der Wiener „Arbeiterzeitung“ mit seiner Namensschöpfung durch: Ötzi.

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