Home
http://www.faz.net/-gxi-yf1v
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Österreich Weg vom Fluss, hin zum Fluss

15.10.2010 ·  Der Fernwanderweg Donausteig führt von Passau quer durch Oberösterreich - auf wunderschönen Pfaden.

Von Volker Mehnert
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Manchmal drei, manchmal dreißig Meter oberhalb der Wasserfläche schlingt sich der Pfad durch dichten Wald und ein chaotisches Felsengewirr. Zwischen Uferböschung auf der einen Seite und steil aufragender Felswand auf der anderen bleiben mitunter nur zwei Fuß breit Platz. Ein grüner Vorhang aus Buchenlaub schirmt den Fluss ab, dahinter tuckern leise und mit regelmäßigem Takt die Binnenschiffe. Hin und wieder gibt der Wald für ein paar Schritte den Blick auf die Donau frei, die hier mit voller Kraft dahinfließt. Zwischendurch verwandelt sich der Wanderweg in einen leichten Kletterpfad: mit Steilstücken und rutschigen Bachüberquerungen, gesichert von Halteseilen, mit eingepassten Holzbohlen und Metalltreppen.

Die Donauschlinge zwischen Schlögen und Obermühl ist der spannendste Abschnitt des im vergangenen Sommer eröffneten neuen Fernwanderweges Donausteig, denn hier wälzt sich der Fluss nicht nur fotogen mit zwei abrupten Kehren durchs Gebirge, er hat dabei auch ein schwer zugängliches Ufer geschaffen, an dem eine seltene Flora und Fauna überleben konnte. Ausschließlich Wanderer sind auf dieser Strecke unterwegs, denn der Weg ist nur von Fußgängern begehbar - sogar Mountainbiker haben beim besten Willen keine Chance und schon gar nicht die Genuss-Radfahrer, die auf dem gegenüberliegenden Ufer den Donauradweg entlangrollen.

Unaufdringliche Beschilderung

Das Wandern musste an der Donau nicht neu erfunden werden. Doch die Schaffung eines vierhundertfünfzig Kilometer langen Premium-Wanderweges erfordert mehr als nur die einfache Addition bestehender Pfade. Deshalb haben sich die Planer des Donausteigs erst einmal auf bekannten Langstreckenwegen umgesehen. Rheinsteig und Rothaarsteig boten sich als Erfolgsmodelle an, und dort hat man manches abgeschaut. Aber die Donau ist nicht der Rhein, und die schroffen und felsigen Böschungen der Donauleiten unterscheiden sich von den sanften Hängen des hessisch-westfälischen Mittelgebirges. So ist eine Route entstanden, die bewährte Elemente moderner Wanderkonzepte an örtliche Gegebenheiten anpasst und dabei ihrerseits neue Maßstäbe setzt.

Neben dem Donausteig selbst stehen für Tagestouren, Sternwanderungen und kürzere Ausflüge vierzig sogenannte Donaurunden zur Verfügung: Rundkurse, die nur streckenweise mit dem Hauptweg übereinstimmen und dem Wanderer deshalb zumeist im Hinterland höchst unterschiedliche Landschaften erschließen. Die Beschilderung ist spärlich und angenehm unaufdringlich, dennoch klar erkennbar und bei etwas Aufmerksamkeit auch ohne Karte für die Orientierung vollkommen ausreichend.

Sitzgelegenheiten im Gelände

Hundertfünfunddreißig Start-, Rast- und Panoramaplätze sind ausgestattet mit Informationstafeln, originellen Tischen, Bänken und Theken aus Donaukieseln und Lärchenholz. Auf den Bänken mit ihren hochgesetzten Sockeln und massiven Rückenlehnen ruht der müde Donaupilger bequemer als auf den üblichen Sitzgelegenheiten im Gelände. Wer sich nicht mit einem Picknick im Freien zufriedengeben möchte, hat überdies die Wahl zwischen mehr als sechzig qualifizierten Donausteigwirten, die sich mit ihren Angeboten auf die Bedürfnisse der Wanderer einrichten.

Es ist nicht zu übersehen, dass Wanderprofis aus Deutschland und Österreich an der vier Jahre dauernden Vorbereitung des Donausteigs mitgewirkt haben. Die Erfahrungen, die man in der Region mit der Einrichtung des inzwischen schon legendären Donauradwegs gesammelt hat, haben sicherlich auch nicht geschadet. Dennoch wollte man auf keinen Fall einfach nur eine Fußgänger-Version des Radweges inszenieren. Der Donausteig orientiert sich deshalb am Fluss, folgt ihm aber nicht sklavisch. Weg vom Fluss, zurück zum Fluss - so heißt das sich wiederholende Motto. Mal ist der Wanderer direkt am Ufer unterwegs, mal etwas oberhalb, dann wieder führt der Steig ihn lange außer Sichtweite des Flusses. Über Stunden sieht er die Donau manchmal überhaupt nicht, vergisst sie gar völlig, nur um sie dann von einem Aussichtspunkt plötzlich wieder zu erblicken oder nach einem steilen Abstieg wieder an ihr Ufer zurückzukehren.

Sträßchen zu einem Aussichtspunkt

Zwischendurch passiert der Wanderer Naturschutzgebiete, Viehweiden, Sportplätze, Gutshöfe, Tante-Emma-Läden in den Dörfern, hochkarätige Museen in den Städten, Burgruinen, Kirchen, Friedhöfe und ein Kloster. Er marschiert quer über Wiesen und durchs Unterholz, durch wildromantische Täler mit verwitterten Felsformationen und entlang alpin anmutender Gebirgsbäche. Auf schweißtreibenden Steilstrecken erklimmt man famose Aussichtspunkte über die bewaldeten Kuppen und die gerodeten Hänge des Mühlviertels, das sich im sanften Auf und Ab bis zur tschechischen Grenze hin erstreckt. Immer wieder schnuppert der Wanderer die ländlich duftende Atmosphäre der herrschaftlichen Gutshöfe, an deren aufwendig hergerichteten Wohntrakten, Heuschobern und Stallungen der Weg unmittelbar entlangführt.

Nicht zu leugnen sind die zahlreichen, wenn auch meist kurzen Asphaltstrecken, die dem puristischen Anspruch der Gelenke an eine Fernwanderung auf Dauer nur schwer genügen. Aber gerade diese verbindenden Teilstücke ermöglichen die besonderen Überraschungseffekte und das Wechselspiel von Fluss und hügeliger Kulturlandschaft, die den Donausteig auszeichnen. Da ist man gerade von einem betonierten Wirtschaftsweg auf eine Streuobstwiese abgezweigt, marschiert nun mitten durch einen Bauernhof, und wenige Schritte später dringt der Pfad abrupt in einen dunklen Nadelwald ein. Der verliert sich langsam an einen Laubwald, an dessen Ende ein Sträßchen zu einem Aussichtspunkt auf eine malerische Flussschleife führt.

Der Wanderer hat die Wahl

Der Donaukorridor, das wird unterwegs schnell deutlich, ist eben kein abgelegenes Waldviertel und schon gar keine Wildnis, sondern eine jahrtausendealte Siedlungszone und ein europäischer Verkehrsweg erster Ordnung - was wiederum einen besonderen Vorteil mit sich bringt: Denn zweimal pro Tag verkehrt zwischen Passau und Linz in beiden Richtungen ein Linienschiff auf der Donau, das von den Wanderern für Teilstrecken genutzt werden kann. Wer also nicht über die asphaltierten Wege aus Passau herausoder nach Linz hineinmarschieren möchte, oder wen der Muskelkater plagt, der hat mit der Donauschifffahrt eine reizvolle Alternative.

Ein wenig Verwirrung stiftet freilich die über weite Teile parallele Streckenführung des Donausteiges sowohl auf dem Nord- als auch auf dem Südufer des Flusses. Der Wanderer hat die Wahl, aber eigentlich findet er von den landschaftlichen Attraktionen und den Schwierigkeitsgraden her kein rechtes Entscheidungskriterium. Selbst wenn er dann den gesamten Weg auf dem Nordufer gewandert ist, hat er den Donausteig dennoch nicht komplett erlebt; für manchen Fernwanderer ist das vielleicht ein etwas unbefriedigendes Resultat. Weniger doppelte Wegführung wäre hier klarer und einsichtiger gewesen.

Arkadengänge im Renaissance-Hof von Schloss Greinburg

Gegen Ende läuft der Donausteig noch einmal zu großer Form auf. Der Weg durch die Stillensteinklamm bei St. Nikola ist einer der Höhepunkte der Fernwanderung. Rechtwinklig zweigt das Tal des Gießbaches von der Donau ab und verengt sich rasch. An den Stromschnellen und Wasserfällen den Bach entlang, unter Felsnasen und überhängenden Felsendächern hindurch klettert der Pfad steil bergauf. An der engsten Stelle muss der Wanderer die Klamm über eine Holztreppe überwinden, während sich der Bach darunter mit Getöse durch die Felsen frisst. Der Endpunkt dieser famosen Etappe, wieder unten an der Donau in St. Nikola, wäre ein würdiger Abschluss des Donausteigs.

Doch nun macht der Pfad auf dem Nordufer noch eine überflüssige Rolle rückwärts durch die Berge, berührt eine Reihe von Gemeinden, die unbedingt auch am Projekt Donausteig beteiligt sein wollten und sollten, und endet offiziell wieder einige Kilometer flussaufwärts in Grein. Die lokalen Tourismuspolitiker mögen mit dieser Lösung zufrieden sein, der Donauwanderer jedoch hätte diese beiden letzten, etwas abseitigen Tagesetappen nicht gebraucht. Aber gut: Auch Grein hat als Schlusspunkt des Donausteigs seine Meriten. Die umlaufenden, zweistöckigen Arkadengänge im Renaissance-Hof von Schloss Greinburg sind ein seltenes architektonisches Juwel. Und die Konditorei Schörgi, die von Gault-Millau als beste in Oberösterreich ausgezeichnet worden ist, hat zahlreiche kulinarische Verführungen zu bieten: Sie serviert als Lohn für alle Anstrengung fabelhafte Mühlviertler Mehlspeisen und die leckersten Eisbecher weit und breit - der Donaublick von der Sonnenterrasse aus ist selbstverständlich inklusive.

Donausagen: „Einfach sagenhaft“ ist das Motto des Donausteigs. Es bezieht sich nicht nur auf die Landschaft, sondern auch auf hundertzwanzig Sagen aus der Region, die modern aufbereitet auf
Infotafeln an den Start- und Rastplätzen vorgestellt werden.
Literatur: In den vergangenen Monaten sind Wanderführer zum Donausteig in den Verlagen Rother, Kompass und Esterbauer erschienen.
Familien: Eine leichte Bergabwanderung von Neustift nach Engelhartszell lässt sich verbinden mit einer Fährüberfahrt und dem Besuch der „Mini-Donau“, wo der Fluss von der Quelle bis
zur Mündung im Kleinformat spielerisch und interaktiv zu erleben ist.
Informationen: Donau Tourismus, Lindengasse 9, A-4040 Linz, Telefon: 0043/732/7277800, im Internet unter www.donausteig.com.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen