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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Österreich Ein Wein ist ein Orchester

16.09.2009 ·  Den Wiener Wein kennt man fast nur als namenlosen Heurigen, als ein Gemisch aus sechs oder sieben, manchmal sogar zehn oder elf Rebsorten. Seine Qualität ist den Trinkern weniger wichtig als das Dekolleté der Kellnerin. Doch das ändert sich jetzt.

Von Volker Mehnert
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Der Weinkenner zuckt zusammen: Ein Gemisch aus sechs oder sieben, manchmal sogar zehn oder elf Rebsorten - das mag ein schauriges Gesöff ergeben. Der klassische Wiener Weißwein aber besteht aus einer Vielzahl von Traubensorten, nennt sich Gemischter Satz und erlebt derzeit eine Renaissance in der österreichischen Weinszene. Neben Riesling, Grünem Veltliner, Weißburgunder und Chardonnay kann er auch so seltene Sorten wie Zierfandler, Neuburger oder Rotgipfler enthalten. Im Unterschied zur üblichen Cuvée, die erst im Keller verschnitten wird, wachsen die Reben des Gemischten Satzes in einem Weinberg gemeinsam und wild durcheinander. Die Trauben werden mit unterschiedlichem Reifegrad zur selben Zeit geerntet und dann gemeinsam gekeltert. Wie viel Prozent von welcher Sorte genau enthalten sind, wissen die Weinbauern nicht. Unkonventionell und schwer berechenbar ist deshalb diese Art der Winifizierung. "Es ist die Verwirklichung des Wienerischen im Wein", sagt der Stammersdorfer Winzer Fritz Wieninger.

Die Vorgehensweise ist keineswegs neu. Früher hat man auf diese Art frische, spritzige Sorten mit aromareichen und alkoholischeren harmonisch abgestimmt. Außerdem war das Wetterrisiko bei unterschiedlichen Blütezeiten geringer; schlechte Witterung führte immer nur bei einzelnen Sorten zu Einbußen. Anderswo hat man die Methode zugunsten des Ausbaus sortenreiner Weine längst aufgegeben, in Wien dagegen hat sie überlebt, weil es den Gästen beim Heurigenausschank jahrzehntelang nicht so sehr auf die Güte des Weines ankam. Gesang, Geselligkeit und das Dekolleté der Kellnerin waren wichtiger.

Tradition seit 1784

Wien ist nicht nur Hauptstadt, sondern immer schon eine Weinregion, die sich in den Außenbezirken von Stammersdorf und Strebersdorf über die Donau nach Nussdorf, Grinzing und im Süden bis nach Mauer und Oberlaa erstreckt. Siebenhundert Hektar sind innerhalb der Stadtgrenzen mit Reben bepflanzt. Mehr als dreihundert Winzer, die Hälfte davon im Hauptberuf, schenken ihren Wein vorwiegend als Heurigen aus, sechzehn Millionen "Achterl" kommen in einem durchschnittlichen Jahr zusammen. Der Heurige ist der Wein aus dem aktuellen Jahrgang, der genau zu Martini, dem 11.November des Folgejahres, als Altwein gilt, denn dann kommt der neue Jahrgang zum Ausschank. Die Tradition des Heurigen und der Buschenschanks geht auf eine Verfügung von Kaiser Josef II. aus dem Jahr 1784 zurück und ist in ihren Grundzügen bis heute gültig. Winzern ist es danach erlaubt, in den Gärten am Rande der Stadt ihre eigenen Weine auszuschenken und zusammen mit Schmankerln zu servieren.

"Es wiad a Wei sein / Und wia wean nimma sein", sangen einst Hans Moser und Paul Hörbiger weinselig beim Heurigen. Was aus dem Wiener Wein nach ihrem Tod noch werden würde, konnten die beiden nicht ahnen. Vier Winzer setzten im Jahr 2006 ein Zeichen: Rainer Christ, Richard Zahel, Fritz Wieninger und Michael Edlmoser formulierten unter dem Etikett "WienWein" ein vielbeachtetes Qualitätsbekenntnis. Vor allem den Gemischten Satz wollten sie neu beleben und betonten dessen kompositorischen Reichtum: "Eine Rebsorte ist ein Instrument, ein Gemischter Satz ist ein Orchester."

Extravagante Cuvées jenseits des Lehrbuchs

Zur neuen Weinkultur gehören auch die "Wiener Orchideen Winzer", eine Gruppe von vier Quereinsteigern, die jeweils kaum mehr als zwei Hektar Weinberge bearbeiten und den Weinbau weniger mit Erfahrung als mit Spontaneität und Leidenschaft betreiben. Für den Philharmonie-Geiger Peter Uhler zum Beispiel ist die Tätigkeit in Weinberg und Keller eine Art Ausgleichssport. Uhler und seine Kollegen beschränken sich nicht auf den Gemischten Satz, sondern erzeugen auch sortenreine Weine aus Riesling, Grünem Veltliner, Muskateller und Chardonnay. Und sogar an den in Wiener Weingärten wenig verbreiteten Rotwein wagen sie sich heran, wobei es nicht immer nach dem Lehrbuch zugeht und manchmal extravagante Cuvées aus Zweigelt, Cabernet Sauvignon und Merlot entstehen.

Seit die Winzer ihr Signal gesetzt haben, ist sich die Stadt ihrer Weinbautradition wieder stärker bewusst geworden. In Schönbrunn wurde neben der Orangerie des Barockschlosses vor kurzem ein Weingarten angelegt, eine Reminiszenz an die Zeit vor 1744, als dort in der Lage "Liesenpfennig" Trauben wuchsen. Der erste Jahrgang der neuen Schönbrunner Ära wird 2012 erwartet. Auch der schon lange bestehende Weingarten am Schwarzenbergplatz in der Innenstadt erlebt dank der Betreuung durch das Weingut Mayer am Pfarrplatz eine Aufwertung. Zur Weinlese in dieser winzigen Lage erscheint regelmäßig der Bürgermeister. Die fünfundsiebzig Rebstöcke erbrachten im vergangenen Jahr hundert Flaschen, die bei besonderen Gelegenheiten kredenzt werden.

Spitzenweine in der Minibar

Die Gastronomie nimmt den neuen Wiener Wein jetzt ebenfalls ernst. Die Weinbar Wieno am Rathaus widmet sich sogar voll und ganz dem Trend und schenkt Weine von zwanzig städtischen Winzern aus. Der Wirt des Restaurants Kulinarium 7 im siebten Bezirk schwärmt für die Weine der "Orchideen Winzer" und verwahrt sämtliche Tropfen dieser Weinidealisten in seinem aufwendig restaurierten Weinkeller. Das ehrwürdige Gourmet-Kaufhaus Meinl am Graben hat im Kellergeschoss eine Weinbar mit einer Nische für die neuen Weine eingerichtet. Die traditionsreichen Stadtheurigen Gigerl und Zwölf Apostelkeller offerieren inzwischen neben dem namenlosen Spritzer auch Wiener Qualitätsweine. Das Hotel Rathaus Wein & Design präsentiert in jedem seiner neununddreißig Zimmer einen Spitzenwinzer mit Fotos von dessen Weingut sowie einer Auswahl seiner Weine in der Minibar. In der Weinlounge im Erdgeschoss kann der Gast außerdem die Weine der Winzer probieren, die nicht in seinem Zimmer vorgestellt werden.

Auch in der Weinarchitektur geht Wien neue Wege: Wieninger hat einen ehemaligen Klosterkeller restauriert und ihn durch einen modernen Arbeitstrakt ergänzt. Das Weingut Wiltschko in Mauer leistet sich eine zeitgenössische Heurigen-Lounge mit Blick auf die Weingärten. Ein besonderes architektonisches Schmuckstück ist im Untergeschoss des Palais Coburg entstanden: Dort wurde in den Gewölben der alten Stadtmauer ein Weinarchiv eröffnet. Sechs Räume widmen sich in diesem Kellerlabyrinth unterschiedlichen Weinschwerpunkten, und mit einem Bestand von sechzigtausend Flaschen gehört der Weinkeller schon jetzt zu den am besten sortierten in Europa. Der Wein durchdringt also wieder die ganze Stadt, so wie er es früher schon getan hat, etwa im Jahr 1444. Damals konnten die Winzer wegen schlechter Witterung nur einen sauren Tropfen keltern, den sie am liebsten in die Gosse geschüttet hätten. Doch der Kaiser ordnete an, ihn zum Mischen des Mörtels beim Bau des Stephansdoms zu verwenden.

Anspruchsvolle Heurige: Mayer am Pfarrplatz, Pfarrplatz 2, Wien-Heiligenstadt; Christ, Amtsstraße 10-14, Wien- Jedlersdorf; Edlmoser, Maurer Lange Gasse 123, Wien-Mauer.

Stadtheurige: Gigerl, Rauhenstein- gasse 3; Zwölf Apostelkeller, Sonnenfels- gasse 3.

Weinbars: Kulinarium 7, Sigmunds-gasse 1; Wieno, Lichtenfelsgasse 3; Meinl am Graben, Graben 19.

Weingüter: Wieninger, Stammersdorferstraße 80, A-1210 Wien-Stammersdorf, www.wieninger.at; Zahel, Maurer Hauptplatz 9, A-1230 Wien-Mauer, www.zahel.at; Wiener Orchideen Winzer, Sobieskigasse 25/7, A-1090 Wien, www.wiener-orchideen-winzer.at.

Übernachtung mit Wein: Palais Coburg, Coburgbastei 4, A-1010 Wien, Telefon: 0043/1/51818, www.coburg.at; Hotel Rathaus Wein & Design, Lange Gasse 13, A-1080 Wien, Telefon: 0043/ 1/4001122, Internet: www.hotel-rathaus-wien.at.

Information: Wien Tourismus, Albertinaplatz/Ecke Maysedergasse, Telefon: 0043/1/24555, www.wien.info.

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