15.10.2009 · Stadt oder Land? Das ist für immer mehr Norweger die Frage. Viele entscheiden sich für ein Leben jenseits von Lärm und Stress - zum Beispiel in der Region Nordland.
Von Andrea FreundKim liebt Marit. Nur deshalb hat er zugestimmt, mit ihr und ihren beiden Kindern Oslo zu verlassen und mehr als tausend Kilometer weiter nördlich auf der winzigen Insel Ylvingen ein Café zu eröffnen. Als herauskommt, dass sie kein Paar sind, umwirbt der gutaussehende Roland die blonde Marit, die sich prompt in ihn verliebt. Allerdings hat der Fischer eine On- und Off-Beziehung mit Karoline, die gerade off ist, als sich herausstellt, dass Karoline ein Kind von Roland erwartet. Eine typische Soap eben, würde man denken, was Seichtes für den Nachmittag. Von wegen.
Norwegen versammelt sich sonntagabends zu dreiundsechzig Prozent vor dem Fernseher, um dabei zu sein, wenn in "Himmelblau" Caffelatte trinkende Städter auf kauzige, aber warmherzige Insulaner treffen, die ihren Kaffee bisher immer schwarz getrunken haben. "Himmelblau" ist halb Drama, halb Komödie und die erfolgreichste norwegische Fernsehproduktion aller Zeiten. Sie erreicht mit 1,2 Millionen Zuschauern jeden vierten Einwohner des skandinavischen Landes. Das Ende der zweiten Staffel hat nicht nur eine Flut an Vermutungen ausgelöst, warum Kim bloß verschwunden ist. Norwegen fragt sich auch, was diese Wohlfühlserie so außerordentlich beliebt macht. "In uns allen steckt doch noch ein Fischer oder Bauer, wir selbst oder unsere Eltern haben noch auf dem Land gelebt", sagt Produzent Vegard Eriksen, "und wir alle wollen Teil einer solchen kleinen Gemeinschaft sein, in der man füreinander da ist." In der Stadt verliere man den Bezug zu sich selbst und den Sinn für wahre Werte, meint Schauspieler und Theaterregisseur Terje Skonseng Naudeer, der den Roland spielt und etwas weiter nördlich in Mo i Rana aufwuchs. Er weiß, wovon er redet. Er ist jetzt in der Hauptstadt Oslo zu Hause.
Genuss der Kleinigkeiten
Heimliche Sehnsucht Landleben? Norwegen hat sich im vergangenen Jahrhundert von einer Agrargesellschaft zu einem hochtechnisierten Land entwickelt. Die Einwohner aber wünschen sich offenbar weniger Hektik, mehr Besinnung, mehr Zeit in der Natur. Zu ihren Lieblingsvokabeln gehört "koselig", kuschelig, so soll das Leben idealerweise sein. Und das Adjektiv beschreibt auch die Fähigkeit, Kleinigkeiten genießen zu können.
Elisabeth Lund Johnston war sie abhandengekommen. Mit Anfang zwanzig zog sie nach Oslo, fort aus dem Kaff Tuv südlich von Bodö, der Verwaltungshauptstadt der Provinz Nordland, die sich fünfhundert Kilometer lang die Westküste Norwegens bis in den Polarkreis hinaufzieht. Die Inselgruppen der Lofoten und Vesteralen mit ihren schroff aufragenden Felsen und verschwiegenen Fjorden haben die Gegend berühmt gemacht. Ylvingen ganz im Süden der Provinz kannte bis zu "Himmelblau" kaum ein Mensch. Etwas mehr als zweihunderttausend Einwohner hat das gesamte Gebiet, in Oslo leben heute doppelt so viele. Zu viele für Elisabeth, sie wollte zurück nach Tuv. Hier ist fast alles noch so wie früher. Der Saltstraumen, der größte Gezeitenstrom der Welt, saugt und presst immer noch binnen sechs Stunden dreihundertachtzig Millionen Kubikmeter Wasser durch einen schmalen Schlund zwischen zwei Fjorden. Nur nehmen inzwischen High-Speed-Boote Touristen in neonfarbenen Schutzanzügen mit hinaus, um dem Wasser des Nordmeeres beim Rauschen zuzusehen, zwanzig Knoten sind sie schnell. Elisabeth hingegen hat das Tempo in ihrem Leben gedrosselt.
Zum Fest ein Fellkleid
"Ich wollte etwas machen, was eine tiefere Bedeutung hat", sagt die Siebenundvierzigjährige, sie wollte Weite spüren, Ursprünglichkeit, Freiheit. In Oslo hatte Elisabeth das, was man eine Karriere nennt. Das Leben war stressig, ihren Mann Jeffrey, einen früheren Finanzbroker aus London, sah sie kaum. Als ihr Sohn fünf Jahre alt war, beschlossen sie, zu ihren Wurzeln zurückzukehren - ganz zurück, bis in die Steinzeit. Erste Siedlungsspuren an der Küste des Nordlandes sind zehntausend Jahre alt. Elisabeth organisiert mit ihrem Familienunternehmen Tuvsjyen für Touristen inzwischen zwar auch Angelausflüge auf dem fischreichen Saltstraumen, Rafting oder Mountainbiking in den nahen Hügeln. Vor allem aber hat sie zusammen mit ihrem Mann und ihren Eltern vor sechs Jahren auf dem Gelände, das ihre Familie seit sechs Generationen bewohnt, eine runde Steinzeithütte errichtet. Die Wände wärmen pelzige Rentierhäute, darüber erhebt sich ein Dach aus Birkenstämmen. Drinnen sitzen Touristen und Manager beim Teambuilding behaglich am Lagerfeuer.
Im Feuer schmurgeln zwischen tausend Grad heißen, rotglühenden Felsbrocken deshalb auch keine in Rinde gewickelten Wurzeln, sondern Karotten in Alufolie. Statt Urgetreide gibt es Reis. Und natürlich Kabeljau aus dem Saltstraumen, der draußen am Anleger vorbeisaust, während der Rauch der Flammen gemächlich nach oben durch ein Loch in der Decke aufsteigt und den Blick auf die Sterne kurz verschleiert. Nur das Feuer und Kerzenschein erhellen den kleinen Raum, als Elisabeth im Fellkleid selbstgemachten Tee aus Honig, Cranberries und Birkenblättern einschenkt. Er schmeckt gesund und würzig und passt zu den crispen Stockfischbröckchen, die Elisabeth in Sonnenblumenöl frittiert und mit einem Hauch Estragon aromatisiert hat. Dagegen wirken die Rentier-Wursthappen auf dem Tisch eher fad, wie Salami ohne Gewürze. Der Fisch, den Elisabeth nach zwanzig Minuten aus dem Feuer holt, zerfällt zart und hat ein feines rauchiges Aroma. Dazu ein Schluck Honigwein, so ließ sich das Leben in der Steinzeit aushalten. Der Blick geht ins Feuer, einer beginnt immer zu erzählen. Elisabeth hat eigens Archäologiekurse belegt, um Kindern zeigen zu können, wie man steinzeitliche Bogen fertigt und ein Stück Holz an einem Faden befestigt, um es immer schneller im Kreis zu schleudern, bis es hoch und hypnotisch surrt. "Schamanen verwendeten dafür früher flache, längliche Steine", sagt Elisabeth, "sie versetzten sich damit in Trance." Ein befreundeter Musiker hält bei ihr Trommel-Sessions ab. Und so mancher Teilnehmer stellt sich die Frage, wie er wirklich leben will.
Lebertran im Glas
Nordland ist wildes Naturland. Die Eisenbahn kam in den sechziger Jahren bis Bodö, dort ist heute noch Schluss. Hurtigruten, die früheren Postschiffe, erschlossen von 1893 an als Erste die zerklüftete Küste mit ihren zigtausend Inseln zwischen Bergen und Kirkenes weit oben an der russischen Grenze. Heute befördern sie neben Einheimischen und Waren vor allem Touristen, die andächtig an Deck stehen, wenn die Felswände der Fjorde an ihnen vorbeiziehen. Grün, grau, schneebedeckt, übermächtig, schweigend. Von der Eiszeit in den Stein gefurcht, die mit ihrer Last auch die Berge des Festlandes zu Kuppeln gerundet hat. Wer mit einem Propellerflugzeug hinüber zu den Lofoten fliegt, sieht sie bei schönem Wetter im bläulichen Dunst des frühen Tages, unwirklich verblassend bis zum Horizont, wie die Landschaft eines fremden Planeten. Linker Hand wuchten sich die Lofoten zu steilen, spitzen Gebirgen empor. Den Menschen lassen sie manchmal nur einen Saum Platz, auf dem sich ihre Häuser festkrallen, um nicht ins Meer zu rutschen.
Diese Übermacht der Natur wollen immer mehr Touristen sehen. Vergangenes Jahr lag der Fremdenverkehr auf den Lofoten erstmals gleichauf mit dem Fischfang. Selbst Lebertran vom Kabeljau braucht inzwischen Werbung: Er kommt in den Geschmacksrichtungen Zitrone, Orange und Blaubeer in den Supermarkt. Generationen haben ihn pur getrunken, auf nüchternen Magen zum Frühstück. Es musste sein, denn in der fettigen, fischigen Flüssigkeit steckt viel Vitamin D, ein natürliches Antidepressivum für die dunkle Zeit, wenn im Winter nördlich des Polarkreises die Sonne wochenlang nur für wenige Stunden als Dämmerlicht über den Horizont kriecht.
Flucht nach Australien
Craig Colley ist nicht der Einzige, der dann flieht, der Sonne entgegen. Er fliegt bis nach Australien, wo er lange in der Millionenstadt Perth lebte. Der gebürtige Brite ist vor neun Jahren zum ersten Mal nach Norwegen gekommen, verliebte sich erst in die ursprüngliche, oft verregnete Landschaft, die ihn an seine Heimat erinnerte und einen so unvermittelt auf sich selbst zurückwirft - und dann in eine Französin. Das war in Tromsö, aber die nördlichste Stadt Norwegens war ihnen mit ihren sechsundsechzigtausend Einwohnern noch zu geschäftig. Sie entschieden sich für ein Leben in der rauhen Einsamkeit der Lofoten, in dem Örtchen Stamsund, in dem Craig als Tourguide arbeitet. "Pale Craig", wie sich der schwarz gewandete Zweimetermann zutreffend nennt, vereint den wachen Blick von außen mit dem trockenen Humor der Engländer. In wohlgesetztem Britisch erzählt er die Geschichte der Lofoten, und er kennt die Legenden, die vor langer Zeit in langen Nächten und dunklen Tagen entstanden sind. Sie handeln von Trollen, die im Sonnenlicht zu Fels werden, und von schönen Mädchen, denen dasselbe Schicksal blüht, wenn sie den Antrag eines Trolls abweisen. Sieht der Felsvorsprung dort drüben nicht wie ein zusammengekauerter, weil verschmähter Troll aus, und erinnern die Felsbrocken darunter nicht an Tränen? Als es noch kein Fernsehen und Internet auf den Lofoten gab, hatte die Phantasie viel Zeit, selbst Stein zu erweichen und zum Leben zu erwecken.
Oft sind es die Eigensinnigen, die Künstler und die Naturliebhaber, die in Nordland leben und die sich Gedanken machen, wie viel Substanz man der Natur entreißen darf, wenn man langfristig von ihr koexistieren will. Draußen vor den Lofoten und den Vesteralen liegt Öl. Und da die Vorräte in den erschlossenen Ölfeldern in absehbarer Zeit erschöpft sein werden, besteht großes Interesse, es zu bergen. Ein Moratorium, das dies verbietet, läuft nächstes Jahr aus. Kritiker warnen vor den Risiken, doch viele Norweger wissen auch, dass ihr Lebensstandard nur mit neuem Öl gehalten werden kann.
Unentschiedene Erde
Bis über diese Frage entschieden wird, ist es im nächsten Frühjahr zunächst von nationalem Interesse, was aus Kim geworden ist und ob Roland und Marit am Ende zusammenkommen. Die Insel Ylvingen gehört zum Archipel Vega mit seinen sechstausend größtenteils unbewohnten Inseln und einer einmaligen Pflanzen- und Tierwelt. Einige der Bewohner von Vega stellen noch in Handarbeit aus den Brustfedern von Eiderenten flauschige Daunendecken her. Auch dafür gab es vor vier Jahren den Unesco-Weltkulturerbestatus. Das hat das Selbstwertgefühl der Insulaner ebenso gestärkt wie die Tatsache, dass in den vergangenen Monaten dreißig Menschen auf die Insel gezogen sind. Zu wenig, um die Statistiken zu beeinflussen, aber vielleicht kündigt sich da ein Trend an. Die Region jedenfalls erlebt dank "Himmelblau" einen nie gekannten Besucheransturm, dieses Jahr reisten fast doppelt so viele Gäste wie sonst.
Ein schmaler Pfad führt zwischen Blaubeeren und Heide hinauf zu dem 258 Meter hohen Berg Torghatten, in dessen Flanke ein großes Loch klafft. Von dort geht der Blick auf lauter kleine Inseln. Manche sehen aus wie ausfransende Placken, als könnte die Erde sich nicht entscheiden, ob sie noch Land oder schon Wasser sein will. Auf manchen steht nur ein Haus. Weißer Strand trennt es von türkisblauem Wasser, das auch grau und grausam sein kann. Für hunderttausend Euro ist ein solches Haus zu haben, mit kleinem Anwesen und Internetanschluss und Bootsanlegestelle. Geld allein aber reicht nicht. Für eine solche Insel muss man reif sein.
Information: Scandinavian Airlines (SAS) fliegt mehrmals täglich von acht deutschen Flughäfen via Oslo oder Kopenhagen nach Bodö in Nordland. Ein Ticket kostet ab 311 Euro. Informationen unter www.flysas.de. Touristische Auskünfte erteilt das Norwegische Fremdenverkehrsamt, ABC-Straße 19, 20354 Hamburg, Telefon: 0180/ 5001548 (0,14 Euro/Minute), Internet: www.visitnorway.de.