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Niederlande Jenseits von Apeldoorn

Irritierende Landschaften: Der Hoge-Veluwe-Nationalpark wirkt wie ein Stück Afrika in den Niederlanden.

© Eva Berendsen Vergrößern Camouflage-Menschen mit beeindruckenden Kameras: Ein Teil der Afrikasimulation im Nationalpark Hoge Veluwe in den Niederlande

Zwischen Arnheim und Apeldoorn liegt Afrika. Die Luft ist feucht, der Wagen biegt in den Park, die Heide schimmert dunkellila, und dann reckt sich in der Ferne eine gelbe Sanddüne empor. Schon vermutet man Beduinen ihres Weges kommen, doch sind es bloß Menschen auf weißen Fahrrädern, die durch den Nationalpark Hoge Veluwe fahren.

Das Verwirrspiel muss gleich hinter dem Eingangstor zum Park begonnen haben. Auf der Fahrt war alles noch so eindeutig, enge Straßen mit schmalen Backsteinhäusern, die sich wie hagere Schwestern aneinanderschmiegen, und spätestens der Blick auf die überproportionierten Fensterscheiben versichert, dass man sich in den Niederlanden befindet.

Die Kunstsammlerin Helene Kröller-Müller muss die Uneindeutigkeit der Landschaft geliebt haben. Mit ihrem Mann Anton erwarb sie das Gebiet nahe Otterlo Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Eine geographische Zumutung aus Flugsand, der gegen Kiefern peitscht, und Wacholderwäldchen zwischen der Savanne Zimbabwes. Aus dem Gras ragen abgeknickte Bäume, die in verknöcherter Einsamkeit darauf warten, jemand möge ihnen das „Lied vom Tod“ auf der Mundharmonika vorspielen. Die Natur präsentiert sich hier als Spiel der Formen und - mit Blick auf die windschiefen Schwarzkiefern - der Formverzerrungen.

All das schätzte die Tochter des Stahlindustriellen Müller aus Essen an moderner Kunst. So temporeich, wie Anton Kröller im Unternehmen ihres Vaters Gewinne anhäufte, kaufte die Gattin Gemälde. Arbeiten damals aufstrebender Künstler hatten es Helene Kröller-Müller angetan, Picasso, Braque, Gries, Mondrian, aber vor allem: van Gogh, den sie für seinen idealistischen Blick auf die Wirklichkeit bewunderte. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1939 sollte sie 90 Bilder des Holländers erwerben. Heute würde man wohl von einem Fimmel sprechen.

Kröller-Müller hatte ambitionierte Pläne für ihre Sammlung. In der Veluwe wollte sie ein Museum errichten lassen, mit beleuchteten Sälen und großzügigen Fluren, die zum Herzstück des Gebäudes führen sollten, einem Ausstellungssaal für ihren Lieblingsmaler. Die Wirtschaftskrise der zwanziger Jahre ließ ihr Lebensprojekt, von dem heute nur noch ein paar Natursteine im Park zeugen, platzen. Und die Kollektion wurde der eigens gegründeten Kröller-Müller-Stiftung übergeben, die sie Mitte der dreißiger Jahre dem niederländischen Staat übertrug.

Ein Jahr vor dem Tod der Sammlerin wurde eine bescheidenere Museumsvariante in der Hoge Veluwe eröffnet, entworfen vom Belgier Henry van de Velde, den Kröller-Müller schon für ihr Großprojekt engagiert hatte. Er hat einen Bau mit klaren Linien geschaffen, der viel Licht hineinlässt. Ein schlichtes Schmuckstück in der verrückten Landschaft, aus der man gerade kommt.

So eklektisch wie das Außen mutet Kröller-Müllers im Museum ausgestelltes Kaufverhalten an, hier ein paar alte Meister, ein bisschen Symbolismus, und natürlich ganz viel van Gogh. Dabei ist die Sammlung eher ein Spiegel von Verbandelungen: Weil van Gogh den Maler Millet bewunderte, kaufte Kröller-Müller vier seiner Bilder. Zu Mondrian kam sie wiederum, weil ihr Berater H. P. Bremmer den niederländischen Maler finanziell unterstützte und im Tausch über seine Bilder verfügte. Ihre Hingabe galt der abstrakten Kunst. Weil die Kunstbeflissene aber davon überzeugt war, dass diese kein Geniestreich der Moderne war, erwarb sie auch Stücke von Lucas Cranach oder Hans Baldung. Aus ihrer Sicht hatten die alten Meister schon Ansätze der Formverzerrungen geliefert, die sie an der modernen Malerei und auch an der Landschaft vor ihrer Haustüre so liebte.

Die vibrierende Tanne etwa, die van Gogh im „Landweg in der Provence bei Nacht“ in den gestrichelten Himmel tanzen lässt. Und wenn man sich umdreht, sieht man Natur in ihrer Flächigkeit, wie sie die Young British Artists Gilbert & George mit „The Paintings (With Us in the Nature)“ in Öl legten. Die späteren Museumsdirektoren sahen in der neuen Avantgarde eine kommode Antwort auf die Vorlieben der Helene Kröller-Müller. Die Bedingung: Die Arbeiten sollten sich mit dem Verhältnis von Kultur und Natur auseinandersetzen. Die Eröffnung eines Skulpturengartens Anfang der sechziger Jahre erschien ihnen wohl nur konsequent.

Ist Marta Pans geschwungene Plastik denn nicht ein weißer Schwan, der auf dem künstlich angelegten Teich schwimmt? Und wer zwischen den schmalen Säulen des Pavillons von Gerrit Rietveld wandelt, mag sich wundern, wo er sich überhaupt befindet: drinnen, draußen oder irgendwo dazwischen?

Die Zweifel begleiten den Besucher weiter, wenn er das Museum und seinen Garten verlässt, eine Spazierfahrt durch den Park unternimmt und an einen Streifen neben der Straße kommt. Unzählbar viele Autos sind hier geparkt. Männer und Frauen in grün-ocker-getupften Anzügen werfen dem Fahrer des vorbeituckernden Wagens böse Blicke zu. Natur oder Kultur? Oder beides?

Man sollte besser den Motor abstellen und die Herrschaften nicht aufschrecken. Oder die Hirsche, die zu dieser Jahreszeit ihre Geweihe aneinanderreiben, um dann eine ganze Reihe Hirschkühe zu beglücken. Die Camouflage-Menschen blicken durch die Rohre ihrer beeindruckenden Kameras. Ist man nicht wie ein Wildspezialfotograf ausgerüstet, bleibt einem nur das Ohr und ein wenig Glück. Warten, horchen und sich bloß nicht irritieren lassen. Denn plötzlich röhrt ein Hirsch, lang und kehlig, und ein anderer antwortet, der leider etwas erkältet klingt. Es nieselt, in Afrika.

Der Weg zu den Hirschen Anreise In den Nationalpark Hoge Veluwe gelangt man mit dem Auto über die A1, A50 und A12. Die Eingänge befinden sich in Hoenderloo, Schaarsbergen und Otterlo. Der Hoge-Veluwe-Nationalpark ist ganzjährig sieben Tage die Woche geöffnet, das Museum montags und am 1. Januar geschlossen. Der Eintritt kostet 8,20 Euro pro Person und 6 Euro je Auto. Museumsbesucher zahlen 16,40 Euro (inklusive Park). Fahrräder (auch Rollstuhlfahrräder und Kinderfahrräder) werden gratis verliehen, Tandems kosten extra. Weitere Informationen unter www.hogeveluwe.nl

Quelle: F.A.S.

 
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