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Niederbayern Kirche aus Schnee

Eine kleine bayerische Gemeinde hat sich Großes vorgenommen: Aus 1600 Kubikmeter Eis und Schnee baut sie ein Gotteshaus. Der Wille ist stark. Es fehlt aber an Geld.

© dapd Vergrößern Eisige Pracht: die noch nicht ganz fertiggestellte Schneekirche von Mitterfirmiansreut

Kurz vor Weihnachten ist in Mitterfirmiansreut Hektik ausgebrochen. Mit einem Mal habe alles ganz schnell gehen sollen, erzählt der Architekt Alfons Döringer. Wäre doch schön, habe der Mann vom Fernsehen gesagt, der mit seinem Team in dem niederbayerischen Ort aufgekreuzt war, wenn sie zu Weihnachten eine Liveübertragung aus der Schneekirche senden könnten. Spätestens da habe eine gewisse Ungeduld um sich gegriffen.

Dass sich auf die Schnelle nicht alles erzwingen lässt, weiß Bernd Stiefvater. Nervös und ein bisschen angespannt ist der Vorsitzende des Fördervereins „100 Jahre Schneekirche Mitterfirmiansreut“ trotzdem in diesen Tagen. Der Bau eines Gotteshauses aus 1600 Kubikmeter Eis und Schnee ist kein Kinderspiel: 26 Meter lang soll die Kirche werden, das begehbare Schiff eine Bogenhöhe von 6 Metern haben, der Glockenturm mindestens 16 Meter Höhe erreichen.

Auf dass die Kirche Formen annimmt

Fieberhaft haben die freiwilligen Helfer in den vergangenen Wochen auf der Baustelle gearbeitet, damit der eisige Sakralbau in den Himmel wächst. Eisklotz auf Eisklotz haben sie geschichtet, Schnee von den Feldern geerntet, gefräst und modelliert, auf dass die Kirche Formen annimmt - und dabei immer gehofft, dass ihre Arbeit nicht wieder dahinschmilzt.

Schnee ist nun mal vergänglich. Architekt Döringer schwärmt aber von dem in unseren Breiten ungewöhnlichen Baumaterial. Zum einen, weil es eine hohe Tragfähigkeit besitzt. Zum anderen, weil es erlaubt, aus der Natur bekannte Formen nachzubilden, wie sie zum Beispiel durch Schneeverwehungen entstehen. Anfangs habe er gedacht, dass ein Gerüst aus Holz nötig sei, erzählt der Passauer Planer. Doch Prüfstatiker Hans Bulicek habe abgewinkt: Wenn der Schnee druckfest sei, dann gehe das auch ohne.

Eine Kirche aus Schnee Initiator des Schneekirchen-Projekts: Bernd Stiefvater mit dem Entwurf der Kirche © dapd Bilderstrecke 

Bulicek und seine Kollegen haben Pionierarbeit geleistet. Zwar sind Eishotels aus dem hohen Norden bekannt. Für Schnee als Baumaterial gibt es aber hierzulande keine Berechnungsnormen. Die Statiker haben eigens Computerprogramme geschrieben und Modellrechnungen angefertigt, um das Projekt voranzutreiben. Schließlich soll das Bauwerk nicht nur wie eine Kirche aussehen, sondern im Innenraum Platz für Gottesdienste und kulturelle Veranstaltungen bieten.

Um Aufmerksamkeit und Unterstützer zu finden, hatten die Initiatoren eine Agentur engagiert, die die Werbetrommel rührte. Offenbar mit Erfolg: „Das Medienecho auf das Vorhaben hat uns überrannt“, sagt Vereinschef Stiefvater. Seine Worte erinnern an die Klage jenes Zauberlehrlings, der die Geister rief und nicht mehr loswurde.

Verein ohne Fördergelder

Der Gastronom ist aber auch deshalb unruhig, weil ihn dieser Tage die Nachricht erreichte, dass sein Verein ohne Fördergelder auskommen muss. Ein Schlag sei das, gesteht der Frontmann der Initiative, die längst eine Vollzeitkraft engagiert hat, um dem Anfrageansturm Herr zu werden. Die Kosten für den Kirchenbau selbst schätzt Stiefvater auf rund 100.000 Euro. „Das ist gesichert“, sagt er. Wie jedoch das Kulturprogramm gestemmt werden soll, steht in den Sternen.

Dabei hatten sich die gut 110 Unterstützer des Vorhabens zuletzt durchaus Hoffnungen auf finanzielle Hilfe gemacht. Um die 142.000 Euro aus einem EU-Förderprogramm hatte der Verein über das Bayerische Wirtschaftsministerium beantragt - und zumindest auf ein Drittel der Summe gehofft. Denn der Bau sei im Ministerium durchaus auf positive Resonanz gestoßen.

Das Bild ging um die Welt

Anfangs war die Idee noch belächelt worden, mit einer neuen Schneekirche an den spektakulären Vorgängerbau zu erinnern, den die Mitterfirmiansreuter vor 100 Jahren errichtet hatten. Der Winter 1911 war so schneereich, dass die Gläubigen des Ortes nicht an den Gottesdiensten in Mauth teilnehmen konnten. Um den Passauer Bischof dazu zu bewegen, ihnen ein eigenes Gotteshaus zu finanzieren, wollten sie mit dem Bau einer Schneekirche auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Aus großen Schneequadern errichteten die Dörfler eine Kirchenskulptur. Das Bild ging um die Welt.

Die heutigen Mitterfirmiansreuter wollen ihren Vorfahren nun nacheifern. Zwar haben sie längst eine Kirche im Dorf. Doch dem Wintersportort im Dreiländereck Deutschland, Österreich, Tschechien könnte ein bisschen mehr Aufmerksamkeit nicht schaden. Etwas Besonderes sollte sich wieder im Dorf ereignen, fanden einige Bewohner wie Gastwirt Stiefvater. „Jedoch nicht irgendetwas, sondern was mit der Geschichte unserer Gemeinde zu tun hat“, erläutert er den 2010 gefassten Beschluss, einen Förderverein zum Bau einer neuen Schneekirche zu gründen. Wer darin einen Marketing-Gag sehe, der irre sich, beteuert er.

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Im Wirtschaftsministerium habe die Schneekirche als „touristisches Highlight unmittelbar an der Staatsgrenze“ gegolten. Doch nun sei die Förderung mangels „Nachhaltigkeit“ abgelehnt worden, klagen die Akteure. Wenigsten wird die Kirche dem Sakralbau aus Schnee zur Eröffnung am kommenden Mittwoch ihren Segen nicht versagen.

Quelle: F.A.S.

 
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