02.10.2011 · Flach, windig und voller Wassergeflügel: Am Neusiedler See, der nicht einmal eine Stunde von der Hauptstadt entfernt liegt, ist Österreich so gar nicht alpin. Dafür überzeugt der hinterste Winkel Österreichs mit einzigartigen Natur- und Kulturschauspielen.
Von Dirk SchümerEin rotweiß geringelter Leuchtturm, dramatisch-schwarze Wolken am Himmel und ein Sturm, der grauschlammige Wellen vor sich her an die Küste treibt. Das kann doch nur die Nordsee sein. Ist es aber nicht. Am winzigen Segelhafen von Podersdorf stemmen sich an diesem Gewitterabend Spaziergänger in Regenjacken gegen den pannonischen Sturm, Kiter fliegen an ihren Schirmen auf den Wellen die Brandung entlang, der Wind heult.
Doch der Neusiedler See ist kein Meer, er ist für ein Binnengewässer zwar nicht gerade klein, aber eigentlich ist er nicht einmal ein richtiger See, sondern eine Pfütze. „Lacke“ sagen die Einheimischen zu den oft nur anderthalb Meter tiefen Teichen, die hier am östlichsten Rand Österreichs ohne rechte Abflüsse in eiszeitlichen Bodenmulden übriggeblieben sind, meist nur von Regenwasser aufgefüllt werden und schlicht zu tief liegen, um sich irgendwohin zu entleeren. Der Neusiedler See – zu vier Fünfteln in Österreich, der Rest gehört zu Ungarn – ist die allergrößte dieser Lacken. „Das Meer der Wiener“ nennt ihn eine Ausstellung dieses Sommers – notabene in Wien.
Stolz, etwas Besonderes zu sein
Die Einheimischen aus wenig spektakulären Orten wie Illmitz, Rust, Weiden, Mörbisch hören das gar nicht so gern. Die Wiener, das sind für sie seit Generationen die verwöhnten, gerne etwas hochnäsigen Großstädter, die für einen Sonntagnachmittag zum Tretbootfahren oder Kuchenessen hier herüberfahren. Auch viele Segler sind darunter, denn die Untiefen des Sees und die weite Ebene sorgen für gute Wellen und Böen.
Aber wer lässt sich hier, schon gar im Seewinkel auf der Rückseite des Gewässers und fast völlig eingekeilt von Ungarn, in Wintern blicken, wenn eisige Stürme ohne Hürden übers Land brausen und es bei minus fünfzehn, zwanzig Grad draußen nicht mehr auszuhalten ist? Der österreichische Teil des Sees gehört zum Burgenland, war bis zur Volksabstimmung 1920 ungarisch. Die Burgenländer werden in unzähligen Witzen gerne von Restösterreich als randständige Deppen verulkt, ähnlich wie die Ostfriesen in Deutschland. Doch einen Steppensee, dessen Fauna und Flora eher in der Ukraine oder in Kasachstan Ähnliches findet als im Tiroler Hochgebirge – das gibt es nur hier. Und man ist zu Recht stolz darauf, etwas Besonderes zu sein.
Einöde mit Seltenheitswert
Auch das Licht, die Weite, die Luft, die kein deutscher Bergfex in Österreich erwarten würde, sind hier ganz anders, irgendwie pannonisch, östlich, fast schon asiatisch. Hinweisschilder an den Landstraßen führen zu wenig atemberaubenden Sehenswürdigkeiten wie dem tiefsten Punkt des Landes; Silobauten und ein paar Kirchtürme sieht man schon kilometerweit, als wäre man in Friesland. Hinter Andau, wo die Grenze zu Ungarn einen Neunzig-Grad-Winkel bildet und über Jahrzehnte die Welt zu Ende war, haben Spender einen Aussichtsturm hinüber ins Nachbarland aufgebaut. Was man von hier sieht? Gleich nebenan die kleine Holzbrücke über den Einser-Kanal, wo 1956 Weltgeschichte geschrieben wurde. Über Tage war dieser öde Winkel der letzte Punkt, an dem viele tausend Aufständische nach der sowjetischen Intervention das Land verlassen konnten und von den Einheimischen heroisch versorgt wurden. Heute ist die Brücke offen, und alles liegt – mit weiten Riesenfeldern und systematisch gepflanzten Gehölzen – wieder so verlassen wie je.
Nur im Frühjahr ist es hier etwas anders. Da fahren über die Feldwege hinter Andau auffällig viele Wagen im Schritttempo hin und her, zuweilen Caravans mit Dauerbewohnern, zuweilen Dienstwagen von Naturschützern. Mit Fernrohr und ganz viel Geduld sind die Birdwatcher auf der Suche nach einem der seltensten und merkwürdigsten Tiere Europas. Ausgerechnet im Seewinkel haben rund vierhundert Exemplare der Großtrappe überlebt. Und das ist nicht irgendein kurioser Piepmatz, sondern einer der schwersten flugfähigen Vögel unseres Planeten.
Ein Paradies für Tiere
Nach auch nur einer Stunde im strammen, überraschend kühlen Pannonienwind hat man hier im Hinterwinkel des Seewinkels Brehms halbes Tierleben vor die Linse bekommen: Gemütliche Hasen, die neben entspannten Rehböcken und Damhirschen auf den Feldern grasen. Fasane krähen im Minutentakt und strecken den roten Kehlfleck allerorten aus dem hohen Gras, sie haben keine Angst vor den Füchsen, die hier auch tagsüber gut auszumachen sind. Der Himmel über den Mäuseäckern ist voller Raubvögel – Weihen, Falken, Milane –, die neben Krähenschwärmen und Staren fast eine Hitchcock-Atmosphäre aufkommen lassen.
Vor zehn Jahren, erzählt Alois Lang im Nationalparkzentrum in Illmitz, gab es hier nurmehr hundert Exemplare, die im Winter in einen Riesenraum über Mähren, Niederösterreich, die westliche Slowakei und Westungarn ausschwärmten. Wahrscheinlich hat nur der Eiserne Vorhang die Population gerettet. Durch rigiden Schutz der Aufzuchträume hat der Großvogel, den es sonst nur noch in Spanien und der Türkei gibt, nun tatsächlich wieder eine Überlebensmöglichkeit.
Birdwatching lockt Touristen
Bei einem kleinen Gang zu einem der diversen Lackenseen, kann hier jeder Passant im Handumdrehen mit dem Birdwatching loslegen; Aussichtstürme stehen fast entlang der Landstraßen, und von hier aus zeigen sich dann Wasservögel in Hülle und Fülle: Gänse, seltene Entenarten, Säbelschnäbler, Sichler, Strandläufer, Regenpfeifer, Kiebitze, aber auch Raritäten wie Große Brachvögel oder Flussuferläufer. Kommt gar ein seltener Seeadler vorbeigeflogen, um seine Speisekarte zu inspizieren, gerät das Vogelparadies in sichtliche Unruhe.
Dass man am Neusiedler See großartig die flügge Natur beobachten kann, hat sich herumgesprochen. Übers Jahr – mit Ausnahme des Hochsommers und des eisigen Winters – finden sich Liebhaber des Birdwatching hier ein; Mitte April gibt es in Illmitz gar eine der wichtigsten Spezialmessen zum Thema: Pannonian Bird Experience. Da können sich dann Tausende passionierte Vogelfreunde mit sündteuren Spezialferngläsern, Fotoausrüstung oder auch nur mit den guten alten Bestimmungsbüchern ausstatten.
Massige Trappen im Gruppenflug
Die Großtrappe lässt das Interesse freilich eher kalt; sie will nichts als ihre Ruhe haben. Die unscheinbar braunen Weibchen leben ohnehin nahezu unsichtbar an Gehölzrändern und müssen ihre Brut allenfalls gegen Füchse verteidigen. Mit einem ausgewachsenen Trappenhahn und seinem scharfen Schnabel legt sich hingegen kein vernünftiger Vierbeiner unserer Breiten an - wie gesagt: ein Riesenvogel. Zumindest in der Theorie. Und die Praxis?
Durchgefroren und triefäugig kommt einem auf einem der Aussichtstürme bei Andau kein Vogel in Sicht, aber alles in den Sinn, was man bereits über die „Flagship-Species“ gelesen hat: massige Trappen im Gruppenflug mit geräuschvollem Flügelflappen; im Gras versteckte Küken; braunschillerndes, aufgeplustertes Gefieder der eitlen Männchen.
Ganz nah an Joseph Haydn
Im Nationalparkhaus oder im Thermalhotel „St. Martins“ stehen solche imponierenden Trappenhähne sogar ausgestopft herum, denn bis in die sechziger Jahre sind die raren Vögel als Trophäen tatsächlich gejagt worden. Doch wo treiben sich nur die lebendigen Trappen herum? Irgendwann dann am späten Nachmittag zeigen sich, gar nicht weit von der Straße, doch genügend fern für Augenschmerzen, merkwürdige braune Knäuel am Feldrain. Sie drehen sich auf der Stelle und zeigen dabei das grellweiße Hinterteil. Doch um Details auszumachen, sind die drei, vier Tiere viel zu weit entfernt. Dann sind sie plötzlich weg. Dem Triumphgefühl des Trappentrappers tut das keinen Abbruch. Wer hat den größten Flieger der Erde schon jemals mit eigenen - zugegeben: verstärkten - Augen gesehen?
Am Neusiedler See selbst, ein paar Kilometer westwärts lassen sich die wasserscheuen Trappen dagegen so gut wie nie sehen. Vor allem auf der Westseite ist es schnell vorbei mit der Wildnis. Rund um die kleine Landeshauptstadt Eisenstadt gibt das Seegebiet ein Musterbeispiel alteuropäischen Kulturlandes ab. Hier hatten über Jahrhunderte die Magnaten der ungarischen Adelsfamilie Esterházy das Sagen. Ihr Riesenschloss passt so gar nicht zum Kleinstädtchen Eisenstadt, das an seiner Bürde als Landesmetropole schwer genug trägt. Doch nährte sich das habsburgische Feudalwesen eben aus riesigen Ländereien, die im eigenen Hofstaat auch das Geld für einen Hauskomponisten wie Joseph Haydn abwarfen. Haydns bescheidenes Wohnhaus, in dem er vor seinem finalen Umzug in bessere Lagen nach Wien über Jahrzehnte brav sein Notenpapier beschrieb, ist unweit vom blockhaften Schloss zum Museum ausgebaut worden.
Einzigartige Kostbarkeiten im „Esterházy-Tresor“
Das Schloss selbst kehrte nach einer Generation in der Hand des Burgenlandes erst vor ein paar Jahren wieder in die Esterházy-Familienstiftung zurück. Zwar gibt es, hinter einer Tapetentür neben dem Rundgang für Touristen, hier auch noch das alte Büro des Landeshauptmanns samt dunkel gefliestem Duschbad im Stil der Siebziger. Doch nun wird der ganze Prunkbau mit seinem berühmten Konzertsaal sukzessive auf Vordermann gebracht und als Museum österreichisch-ungarischer Lebensart offengehalten. Die Bestände sind riesig und umfassen unterm Dach auch die verstaubten hunderttausend Bände der Familienbibliothek, die nur für Forscher, nicht aber für Touristen zugänglich ist.
Wer meint, mit einem Schloss und einem ebenfalls gerade renovierten Gegenstück im ungarischen Fertd hätte die feudale Herrlichkeit ihr Pulver verschossen, muss nur ein paar Kilometer auf den Hügel von Forchtenstein steigen. Dort unterhalten die Esterházy ihren „Tresor“, eine einzigartige Schatzkammer adliger Sammelleidenschaft - oder auch nur der Nonchalance im Schubladieren und Bewahren dessen, was anderswo längst weggeworfen wurde. Die endlosen Säle der Hochburg enthalten immer noch eine Silbersammlung von Weltrang, eine witzige Ausstellung zur Jagdhistorie und eine Gemäldegalerie, obgleich die eigentlichen Familienschätze seit dem Ersten Weltkrieg die weltberühmte ungarische Nationalgalerie in Budapest ausmachen.
Kulturhochburg im Hinterwinkel Österreichs
In der Wunderkammer von Forchtenstein - der letzten vollständigen ihrer Art in Europa - haben dafür mitunter so kuriose Dinge wie ausgestopfte Kugelfische und Sägezähne, ein Gürteltier und ein Walpenis, aber auch kostbare Spieluhren, Schnitzereien aus Schildpatt und Koralle überlebt. Stefan Körner, der als deutscher Kurator die Belebung von Forchtenstein maßgeblich mitbestimmte, erzählt von Wagenladungen Taubenmist, die man hier herausfahren musste. Mit antiken Futteralen, heute sorgsam restauriert, hatte man versucht, das Dach zu dämmen. „Und mit den Uniformen und Waffen“, so erzählt der Kurator versonnen, „die heute aufgeputzt ganze Säle dominieren, könnten wir mühelos ein habsburgisches Regiment ausstatten.“
Ob das österreichische Bundesheer, das an der burgenländischen Grenze immer noch wählerwirksam Wehrpflichtige auf illegale Einwanderer ansetzt, mit den Hinterladern und Bajonetten, Trommeln und Zelten etwas anfangen könnte? Doch das haben Kultur und Natur in diesem Hinterwinkel von Österreich eben gemein: Im Dornröschenschlaf des Seewinkels blieben die Hinterlassenschaften der Vormoderne einfach länger unangetastet. Ob es sich nun um die ausgestopften Robben, Krokodile und Tropenvögel in der Wunderkammer der Esterházy handelt - oder um die quicklebendigen Großtrappen.
Der Weg zum Neusiedler See
Anreise
Den Neusiedler See kann man von Wien aus gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen. Bis Neusiedl/See verkehren stündlich Bahnen (Fahrtdauer etwa 40 Minuten). Von dort fahren Busse und Bahnen in alle Orte (genaue Verbindungen unter www.vor.at oder bei der ÖBB-Auskunft unter 0043/5/1717).
Unterkunft
In der „St. Martins Therme & Lodge“ in Frauenkirchen kann man übernachten und Vögel beobachten: Drei Übernachtungen im DZ mit Birdwatching kosten etwa 390 Euro (www.stmartins.at). Gut essen kann man beim „Seewirt“ in Podersdorf (www.seewirtkarner.at, DZ mit Frühstück ab 43,50 Euro).
Die Ausstellung
„Neusiedler See - Das Meer der Wiener“ im Wien-Museum, bis zum 23. Oktober 2011 (www.wienmuseum.at, Tel. 0043/1/50587470)
Der Nationalpark Neusiedler See (www.nationalpark-neusiedlersee-seewinkel.at) bietet Exkursionen in verschiedene Teilgebiete an. Anmeldung im Informationszentrum in Illmitz (Tel. 0043/2175/3442)
Die Esterházy-Burgen und Schlösser in Eisenstadt und Forchtenstein findet man im Internet auf www.esterhazy.at.
Weitere Informationenüber die Region gibt es im Internet unter www.neusiedlersee.com oder unter Tel. 0043/2167/8600