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Mitfahr-Plattformen : Nur noch 20 Stunden

Zwei Tage wach: Das Radio spielt tschechische Folkloremusik Bild: Sebastian Eder

Anhalter aus dem Internet: Eine Mitfahrgelegenheit organisiert man heute online - und kommt dabei bis nach Sofia. Eine Erfahrung.

          Serbien, Sonntag 21.00 Uhr. Auf der Autobahn wenige Kilometer hinter Belgrad steht der Verkehr. Eigentlich sollten wir in drei Stunden in Sofia sein, vor 16 Stunden sind wir in Berlin losgefahren. Stattdessen sehen wir Warnblinker und quer stehende Autos. Auf dem Rand der Autobahn versammeln sich rauchende Männer und versuchen, einen Blick auf den Unfallort zu erhaschen.

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          In unserem Auto liegen leere Kaffeebecher herum, die Euphorie des Aufbruchs ist verflogen. Neben mir seufzt Jan Jakob, ein Mann, der mich von Berlin bis nach Sofia fahren soll. Ich kenne ihn kaum. Jakob hat auf der Internet-Plattform Mitfahrgelegenheit.de eine Anzeige geschaltet: „Mitfahrer gesucht, für 100 Euro von Berlin nach Bulgarien.“

          Die Plattform gibt es seit 2001, sie hat das Reiseverhalten einer ganzen Generation geprägt. Wer mit dem Auto unterwegs ist, bietet leere Sitzplätze im Netz an, die Benzinkosten werden geteilt. Jeden Monat sind nach Angaben der Betreiber eine Million Menschen über Mitfahrgelegenheit.de und neun weitere Plattformen in Europa unterwegs. 750 000 Fahrten sind abrufbar, sie führen in mehr als 5000 Städte in 45 Ländern.

          Zwei Millionen „Unique Users“ klicken sich jeden Monat durch die Angebote, vor allem junge Leute, Studenten. Jakob, Angestellter bei einem großen Konzern, gehört mit seinen 51 Jahren eigentlich nicht zur Zielgruppe. Er kannte die Seite von seinem Sohn Steffen, der Jahre lang zwischen seinem Wohnort im Spreewald und Dresden pendelte, wo er studierte.

          Das Navigationssystem gibt auf

          Serbien, Sonntag 23.34 Uhr. Der Stau hat sich aufgelöst. Wir fahren über eine Brücke, ein kleines Dorf taucht hinter einem Hügel auf. Die Fenster sind dunkel, Straßenlaternen gibt es nicht. Das Navigationssystem, das uns quer durch Europa lotste, hat aufgegeben. Die Karte ist grau, der Pfeil, der anzeigt, wo wir sind, schwirrt durchs Nichts. Das letzte Straßenschild, das uns die bulgarische Hauptstadt Sofia ankündigt, haben wir vor einer halben Stunde gesehen. Die Ortsnamen, die seitdem in kyrillischen Buchstaben auf den Schildern stehen, tauchen auf unserer Karte nicht auf. Immerhin wissen wir die Himmelsrichtung, mein Smartphone hat einen Kompass.

          Draußen ist es hügelig, dunkel und menschenleer. Wir fahren an einer verwaisten Tankstelle vorbei. 1700 Kilometer liegen hinter uns, Jakob sitzt seit fast 18 Stunden am Steuer. Er nimmt einen Schluck Energydrink aus der Dose. Ich schreibe für ihn eine SMS an seine bulgarische Ehefrau, die vor einer Woche mit dem Kind voraus geflogen ist, Jakob will zehn Tage Urlaub bei ihrer Familie machen. Ich tippe also: „Sind hoffentlich bald in Sofia, love you“.

          Auf dem Weg durch Tschechien: Noch 1500 Kilometer

          Mit einer Reise zu einer Frau beginnt die Geschichte von Mitfahrgelegenheit.de. Der Gründer Stefan Weber studierte 2001 Wirtschaftsinformatik in Würzburg, seine Freundin lebte in Düsseldorf. Irgendwann war er es leid, immer auf dem Schwarzen Brett nach einer Mitfahrgelegenheit zu suchen. Zusammen mit zwei Kommilitonen gründete er die Plattform. Markus Barnikel ist heute Geschäftsführer von Carpooling, die drei Freunde stellten den Manager 2011 ein. Barnikel hat große Ziele: „Wir wollen die leeren Sitzplätze in Autos auf der ganzen Welt füllen.“ Überall gebe es Probleme wegen Umweltverschmutzung, Parkplatzmangel und Staus. „Man muss die bestehende Infrastruktur effizienter nutzen“, sagt Barnikel.

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