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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Mit der Bahn zur EM Deutschland-Polen mit Verlängerung

 ·  Vier Tage, vier Städte, vier Stadien. Wer mit der Bahn zur Fußball-Europameisterschaft fährt, braucht vor allem eines: Nachspiel-Zeit.

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© AFP Übung macht den Meister: Warschau stimmt sich läuferisch und mit Lokomotiven auf die EM ein

Berlin Ostbahnhof kurz vor zehn Uhr morgens. Der Berlin-Warszawa-Express schließt die Türen, der Zug fährt zischend los und bewegt sich bald mit 160 Stundenkilometern in Richtung polnische Grenze. Die veloursbezogenen Sitze sind weich und sehr bequem.

Am Freitag wird die Fußball-Europameisterschaft in Warschau angepfiffen. Danach werden Tausende Touristen zwischen den polnischen Stadien unterwegs sein, von Warschau nach Danzig reisen oder von Posen nach Breslau und von dort wieder an die Ostsee oder in die Hauptstadt. Mit der Bahn ist das ein Entschleunigungsprogramm mit Sitzfleischtraining.

„Schau aus dem Fenster!“

Als der Zug die Grenze bei Reppen/Rzepin überquert, drosselt die Lok das Tempo auf 130 Kilometer pro Stunde, und die Landschaft wechselt im Minutentakt ihren Charakter: Goldgelbe Felder folgen auf bunt bemalte Häuser, grasende Kühe auf äsende Rehe. Plötzlich rumst es im Abteil. Eine Frau lässt einen Stapel Zeitungen fallen und zeigt mit dem Finger auf eine gigantische Statue, die sich am Horizont in den Himmel erstreckt: „Schau aus dem Fenster!“, fordert sie ihre kleine Tochter auf. „Da ist er. Der größte Christus der Welt!“ Es ist die erste Attraktion, die man vom Zug aus sehen kann - eine 56 Meter große Jesus-Figur am Rand von Świebodzin. Grau und größer als der Cristo Rei in Rio de Janeiro.

12:33 Uhr. Der Zug erreicht Posen, wo Iren, Italiener, Kroaten und Spanier gegeneinander antreten werden. Es hämmert, dröhnt und staubt. Wohin man auch blickt: Es wird gearbeitet - am Bahnsteig, um den Bahnhof herum, auf der Straßenkreuzung. Die Glasfassade des neuen Bahnhofs funkelt in der Sonne. Wird das Gebäude auch rechtzeitig fertig? „Ja klar“, sagt ein Handwerker und verschwindet schnell in der Kneipe. (Der Hauptbahnhof wurde übrigens vergangene Woche eröffnet, allerdings in provisorischem Zustand.)

Wer in Posen zum Stadion will, sollte vor dem Bahnhof die Tram nehmen, hieß es. Doch die richtige unter den vielen verschiedenen zu finden, ist gar nicht so einfach, weil der Straßenbahnplan selbst mit besten polnischen Sprachkenntnissen schwer zu entschlüsseln ist. Erst eine nette junge Frau weiß zu berichten, dass bis auf unbestimmte Zeit ein Ersatzbus kursiert. Die aktuell im Bau befindliche Tram-Linie wird nicht rechtzeitig fertig. Und die Station? Heißt „ulica Bułgarska“. Der Bus rast los und führt an vielen Umleitungen und noch mehr Baustellen vorbei. Immerhin: Das Stadion steht. Nur das Gras vor dem Eingang muss noch wachsen.

Geschenkt oder aufgezwungen?

18:28 Uhr, zurück am Bahnhof. Der nächste Zug nach Warschau ist der IR81122. Es ist ein robuster, braun lackierter Zug, noch in Zeiten des Kommunismus erbaut, und nennt sich irritierenderweise Schnellzug. Es ist Sonntag, die Abteile sind brechend voll, und es gibt doppelt belegte Platzreservierungen. Ein Mann fordert mit der Fahrkarte fuchtelnd meinen Sitzplatz ein. Wir vergleichen und diskutieren, diskutieren und vergleichen, bis wir merken, dass der Platz 88 zwei Mal existiert. Erleichtert setzen wir uns, derweil sich der Zug in den Osten schiebt.

21:55 Uhr. Wir treffen pünktlich in Warschau ein. Der unterirdische Bahnhof präsentiert sich herausgeputzt und modern. Die Boutiquen und Sandwich-Läden könnten auch in London oder Paris eröffnen. Wer aus dem Bahnhof auf den freigeräumten Vorplatz tritt, wird sogleich vom Kulturpalast überrumpelt, einem majestätischen Bau im Stil des sozialistischen Klassizismus. Josef Stalin hat ihn den Polen einst geschenkt - andere sagen: aufgezwungen. Daneben ragen neue Hochhäuser aus Glas und Stahl in den Himmel, als wollten sie den sperrigen Bau gemeinsam verdecken.

Als die Trambahn zum Stadion die Weichsel überquert, taucht das in den Landesfarben rot und weiß gemusterte Stadion auf. Stolz und imposant thront es auf einem grünen Hügel. Alle Passagiere drehen sich beim Vorbeifahren um, so wie man in Polen einer schönen Frau hinterherschaut - langsam, unauffällig und leise. Nur die Haltestelle könnte man leicht verpassen, da sie nicht „Stadion“ heißt, sondern „Rondo Waszyngtona“. Warum, weiß hier niemand so genau.

Sechs Stunden für 344 Kilometer

Tag 2, 12:55 Uhr, Hauptbahnhof. Der Zug nach Danzig hat Verspätung. Nach einer knappen Viertelstunde kommt er ins Gleisbett gefahren und ist im Vergleich zu dem am Vortag angenehm leer. Das ältere Pärchen im Abteil liest Zeitung, die polnische Schlagzeile lautet: „Polen ist deutscher Meister“. Ein Verweis auf Borussia Dortmund, dem Bundesligachampion dieser Saison, in dessen Stammkader drei stürmisch gefeierte Polen spielen.

Während ich lese, zieht der Nachmittag vorüber und mit ihm Baustelle um Baustelle. Dann, eine halbe Stunde vor Danzig, beginnt die Lok völlig unerwartet ihr Tempo zu drosseln. Bei den Passagieren wächst die Ungeduld, die langsam in Sarkasmus umschlägt. „Vielleicht sollten wir helfen und anschieben“, schlägt ein Mädchen vor, das bei jedem Ruckeln und Quietschen zermürbt mit den Augen rollt. Eigentlich müsste der Zug schon am Ziel sein. Es ist 19:08. Sechs Stunden Fahrtzeit für 344 Kilometer. Vor dem Fenster, auf einem Feld, hüpft eine Katze kokett im Gras und überholt uns glücklich. Auf Mäusejagd läuft sie dem Schnellzug davon und verschwindet aus dem Blickfeld, als das Tempo des Zuges allmählich wieder anzieht. 40 Minuten später kommt der Zug im Danziger Bahnhof an. Die Luft riecht angenehm kühl nach Meerwasser.

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Das Nationalstadion in Warschau © ddp images/AP/Alik Keplicz Das Nationalstadion in Warschau

Tag 3, 9 Uhr. Vor dem backsteinroten Bahnhof stellt sich die Suche nach der Tram zum Stadion als unkomplizierte Aufgabe heraus. Der Linienplan ist übersichtlich, kein Labyrinth wie in Posen. Selbst das Stadion ist eingezeichnet, mit einem runden Symbol und dem korrekten Namen „PGE Arena“. Die Tram-Fahrt führt an dem Hauptgebäude der Gewerkschaft Solidarność vorbei. Ein Plattenbau, in dem jene Köpfe konspirierten, die den Kommunismus in Polen, manche würden sagen: in ganz Europa, zum Einsturz brachten. Dann, am Horizont, auf einer freien Fläche stehend, erscheint das Stadion und zieht den Betrachter in den Bann. Es ist ein umwerfendes Symbol für das moderne und sich gleichzeitig seiner Geschichte bewusst werdende Danzig. Bernsteinfarben und elegant erinnert es an das beinahe mythisch verehrte versteinerte Harz, dessen Fundorte an den Gestaden der Ostsee liegen.

Eine Fahrt von Breslau nach Danzig: 15 Euro

Breslau ist die letzte Station der Stadion-Reise und die Fahrt dorthin zugleich die längste: sieben elende Stunden und drei Minuten braucht der Zug für 440 Kilometer.

16:05 Uhr. Zwei Mädchen sitzen im Abteil. Sie lesen. Wenn man sieben Stunden im Zug verbringt, gibt es in Polen kaum eine Alternative zum Buch. Der Empfang des Handys ist mies und der Smartphone-Wahn noch nicht ausgebrochen. Auch ich krame meine Lektüre heraus und lese, bis die Neonröhre im Abteil zu flackern beginnt. Als die Kontrolleurin ins Abteil kommt, kann ich mir nicht verkneifen, nach dem Grund dieser quälend langen Fahrt zu fragen. „Nun, für die Euro 2012 bauen wir das Schienennetz neu“, lautet die Antwort. Wird es fertig? „Nein!“ Nächstes Jahr vielleicht? „Vielleicht.“

Immerhin wurden wegen der verlängerten Fahrtzeiten die Ticketpreise gesenkt. Billig ist die Reise auf jeden Fall: Eine Fahrt von Danzig nach Breslau kostet umgerechnet 15 Euro. Die Kontrolleurin schiebt die Verantwortung auf die Vorstandsvorsitzenden der Bahn. „Die da oben sind schuld. Sie kassieren Millionen und tun nichts, um das Schienennetz zu verbessern. Und die Politiker pumpen das ganze Geld in die Autobahnen. Es ist furchtbar!“ Nach einiger Zeit kommt sie mit einer Boulevardzeitung zurück, wo die ganze Wahrheit drinzustehen scheint: „Polnische Züge langsamer als vor dem Zweiten Weltkrieg“, heißt es dort. Die Frau bestätigt: „1939 hat die Fahrt von Kattowitz nach Krakau eine Stunde und 15 Minuten gedauert, heute dauert die gleiche Fahrt eine Stunde länger.“

Tag 4, 10 Uhr. Weil eine Tram vor meinen Augen entgleist ist, muss ich vor dem neu restaurierten Bahnhof in Breslau ein Taxi zum Stadion nehmen. Der Fahrer düst los und hält für sieben Euro vor dem verabredeten Ziel. „Schreiben Sie nur Gutes. Das wird ein tolles Fest!“, sagt er, während im Radio ein Klavierkonzert von Mozart läuft. Ich bin zu müde, um zu antworten, sehe, dass das Stadion rechtzeitig fertig geworden ist, und bitte den Mann, mich zurück zum Bahnhof zu bringen. Da wartet um 11:59 Uhr mein Zug nach Berlin, der EC 248 „Wawel“. Es dauert keine zehn Minuten, und ich schlafe ein. Zugfahren in Polen ist schön, aber eben auch ein bisschen anstrengend.

Der Schienenweg zur EM

Vom 8. bis zum 19. Juni setzt die Polnische Bahn PKP 54 Sonderzüge ein, die zwischen Warschau, Danzig, Breslau, Posen und Krakau pendeln. Die Züge sind reservierungspflichtig. Bis zum Ende der EM gilt das Flatrate-Ticket „ICKarnet“ für beliebig viele Fahrten an drei aufeinander folgenden Tagen. Es kostet 65 Euro und ist unter www.intercity.pl oder am Schalter erhältlich. Nach Warschau und Posen fährt der Berlin-Warszawa-Express fünf Mal täglich. Außerdem kursiert ab dem 6. Juni täglich ein Direktzug zwischen Berlin und Danzig. Zwischen Breslau und Hamburg pendelt der EC „Wawel“ (www.bahn.de). Die mautpflichtigen Autobahnen können zur EM kostenlos benutzt werden. Zwischen den EM-Städten verkehren auch Busse. Sie halten an speziellen Busbahnhöfen (Dworzec PKS) und sind oft schneller und günstiger als die Bahn (www.pks.pl).

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