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Mit der Bahn zur EM : Deutschland-Polen mit Verlängerung

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Übung macht den Meister: Warschau stimmt sich läuferisch und mit Lokomotiven auf die EM ein Bild: AFP

Vier Tage, vier Städte, vier Stadien. Wer mit der Bahn zur Fußball-Europameisterschaft fährt, braucht vor allem eines: Nachspiel-Zeit.

          Berlin Ostbahnhof kurz vor zehn Uhr morgens. Der Berlin-Warszawa-Express schließt die Türen, der Zug fährt zischend los und bewegt sich bald mit 160 Stundenkilometern in Richtung polnische Grenze. Die veloursbezogenen Sitze sind weich und sehr bequem.

          Am Freitag wird die Fußball-Europameisterschaft in Warschau angepfiffen. Danach werden Tausende Touristen zwischen den polnischen Stadien unterwegs sein, von Warschau nach Danzig reisen oder von Posen nach Breslau und von dort wieder an die Ostsee oder in die Hauptstadt. Mit der Bahn ist das ein Entschleunigungsprogramm mit Sitzfleischtraining.

          „Schau aus dem Fenster!“

          Als der Zug die Grenze bei Reppen/Rzepin überquert, drosselt die Lok das Tempo auf 130 Kilometer pro Stunde, und die Landschaft wechselt im Minutentakt ihren Charakter: Goldgelbe Felder folgen auf bunt bemalte Häuser, grasende Kühe auf äsende Rehe. Plötzlich rumst es im Abteil. Eine Frau lässt einen Stapel Zeitungen fallen und zeigt mit dem Finger auf eine gigantische Statue, die sich am Horizont in den Himmel erstreckt: „Schau aus dem Fenster!“, fordert sie ihre kleine Tochter auf. „Da ist er. Der größte Christus der Welt!“ Es ist die erste Attraktion, die man vom Zug aus sehen kann - eine 56 Meter große Jesus-Figur am Rand von Świebodzin. Grau und größer als der Cristo Rei in Rio de Janeiro.

          12:33 Uhr. Der Zug erreicht Posen, wo Iren, Italiener, Kroaten und Spanier gegeneinander antreten werden. Es hämmert, dröhnt und staubt. Wohin man auch blickt: Es wird gearbeitet - am Bahnsteig, um den Bahnhof herum, auf der Straßenkreuzung. Die Glasfassade des neuen Bahnhofs funkelt in der Sonne. Wird das Gebäude auch rechtzeitig fertig? „Ja klar“, sagt ein Handwerker und verschwindet schnell in der Kneipe. (Der Hauptbahnhof wurde übrigens vergangene Woche eröffnet, allerdings in provisorischem Zustand.)

          Wer in Posen zum Stadion will, sollte vor dem Bahnhof die Tram nehmen, hieß es. Doch die richtige unter den vielen verschiedenen zu finden, ist gar nicht so einfach, weil der Straßenbahnplan selbst mit besten polnischen Sprachkenntnissen schwer zu entschlüsseln ist. Erst eine nette junge Frau weiß zu berichten, dass bis auf unbestimmte Zeit ein Ersatzbus kursiert. Die aktuell im Bau befindliche Tram-Linie wird nicht rechtzeitig fertig. Und die Station? Heißt „ulica Bułgarska“. Der Bus rast los und führt an vielen Umleitungen und noch mehr Baustellen vorbei. Immerhin: Das Stadion steht. Nur das Gras vor dem Eingang muss noch wachsen.

          Geschenkt oder aufgezwungen?

          18:28 Uhr, zurück am Bahnhof. Der nächste Zug nach Warschau ist der IR81122. Es ist ein robuster, braun lackierter Zug, noch in Zeiten des Kommunismus erbaut, und nennt sich irritierenderweise Schnellzug. Es ist Sonntag, die Abteile sind brechend voll, und es gibt doppelt belegte Platzreservierungen. Ein Mann fordert mit der Fahrkarte fuchtelnd meinen Sitzplatz ein. Wir vergleichen und diskutieren, diskutieren und vergleichen, bis wir merken, dass der Platz 88 zwei Mal existiert. Erleichtert setzen wir uns, derweil sich der Zug in den Osten schiebt.

          21:55 Uhr. Wir treffen pünktlich in Warschau ein. Der unterirdische Bahnhof präsentiert sich herausgeputzt und modern. Die Boutiquen und Sandwich-Läden könnten auch in London oder Paris eröffnen. Wer aus dem Bahnhof auf den freigeräumten Vorplatz tritt, wird sogleich vom Kulturpalast überrumpelt, einem majestätischen Bau im Stil des sozialistischen Klassizismus. Josef Stalin hat ihn den Polen einst geschenkt - andere sagen: aufgezwungen. Daneben ragen neue Hochhäuser aus Glas und Stahl in den Himmel, als wollten sie den sperrigen Bau gemeinsam verdecken.

          Als die Trambahn zum Stadion die Weichsel überquert, taucht das in den Landesfarben rot und weiß gemusterte Stadion auf. Stolz und imposant thront es auf einem grünen Hügel. Alle Passagiere drehen sich beim Vorbeifahren um, so wie man in Polen einer schönen Frau hinterherschaut - langsam, unauffällig und leise. Nur die Haltestelle könnte man leicht verpassen, da sie nicht „Stadion“ heißt, sondern „Rondo Waszyngtona“. Warum, weiß hier niemand so genau.

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