14.11.2008 · So ist es oft in Freiburg: Die Leute spinnen rum, denken das Undenkbare, begießen das zarte Ideenpflänzchen, das aus diesem Gedanken erwächst, und schwupps steht etwas da, was es nirgendwo sonst in Deutschland gibt.
Von Katrin HummelIch kenne nur einen einzigen Menschen, der Freiburg hasst: Einen ehemaligen Kommilitonen, der Chemie studierte und der Stadt im zweiten Semester den Rücken kehrte, weil ihn ihre Lieblichkeit in Gestalt von Bächle, Achtele und Schatzebobbele ebenso nervte wie das Enge, Angestrengte, leicht Verschwitzte - die kleinbürgerliche Variante von Öko. Er hat überreagiert und ist nach Bochum gezogen, wo sie damals die Uni mit der angeblich höchsten Selbstmordrate hatten.
Meine anderen Bekannten, die etwas über Freiburg zu sagen haben, sind auch ehemalige Studenten. Was kein Wunder ist, jeder Siebte Einwohner der Stadt ist an einer Hochschule eingeschrieben. Aber sie sind erst nach dem Examen weggezogen und fixieren mit feuchten Augen sehnsuchtsvoll einen Punkt irgendwo am Horizont, wenn die Rede auf jenen Ort kommt, an dem sie jung und ungebunden waren. Geht mir auch so. Je länger ich weg bin aus Freiburg, desto wehmütiger werde ich, wenn ich zurückkomme. Denn in keiner anderen deutschen Stadt gibt es, bezogen auf die Gesamtbevölkerung, so viele Menschen, die nie erwachsen geworden sind - was dazu führt, dass man sich dort selbst viel jünger fühlt, als man ist.
Zwischen Nüssen und Kohlköpfen
Es gibt verschiedene Orte, die man aufsuchen kann, wenn man spüren will, warum ich Freiburg so sehr mag. Der erste ist der Wochenmarkt auf dem Münsterplatz, genauer: Das, was sich in der Luft über diesem Markt befindet. Denn solange man nicht den Kopf hebt, sieht man in der Tat nur einen ganz gewöhnlichen Wochenmarkt, nur ein bisschen schöner, prachtvoller und malerischer als andere Märkte: Grüne Flaschenkürbisse recken schwanengleich ihre langen Hälse, Astern leuchten zwischen Nüssen und Kohlköpfen hervor, ein Maroniverkäufer mit Lederschürze steht hinter seinem dampfenden Holzkohleofen, wartet auf Kundschaft und stellt Messinggewichte auf die linke Schale seiner antiken Waage, so dass die rechte sich auffordernd emporhebt.
Wenn man aber nach oben guckt, ahnt man, was in den Köpfen der Freiburger vor sich geht, denn rund um das Münster hängt ein ziemliches Horrorkabinett von Wasserspeiern und spuckt und sabbert bei Regen auf die Menschen herab. So weit ist das in Ordnung, denn Wasserspeier sollten früher Dämonen vertreiben und daher selbst ziemlich scheußlich aussehen. Einer aber ist selbst unter den Dämonen etwas Besonderes, denn er - ein Mensch mit zwei Köpfen, der sich mit Armen und durchgestreckten Beinen gegen einen Pfeiler stemmt - speit das Wasser aus seinem weit herausgestreckten nackten Hintern!
Blecker grüßt Erzbischof
Ein Kunsthistoriker würde sagen: Kein Grund zur Aufregung. Das "Blecken" des Hinterteils wurde im Mittelalter häufiger praktiziert. Nicht so die Freiburger. Sie haben dem Blecker immer wieder die abenteuerlichsten Motive angedichtet, die zu der Vermutung Anlass geben, dass diejenigen, die sie erdacht und verbreitet haben, mit reichlich Phantasie und Übermut ausgestattet sein müssen. Die einen meinen, der zuständige Steinmetz sei schlichtweg durchgeknallt, andere behaupten, der Blecker habe den Erzbischof gegrüßt, der im neunzehnten Jahrhundert im gegenüberliegenden Gebäude residierte. Dabei vergessen sie, dass das Münster schon im Mittelalter erbaut wurde.
So ist es oft in Freiburg: Die Leute spinnen rum, aber auf hohem Niveau. Sie denken das Undenkbare, begießen das zarte Ideenpflänzchen, das aus diesem Gedanken erwächst, und schwupps, auf einmal steht etwas da, was es nirgends sonst in Deutschland gibt. Zum Beispiel das Holbeinpferd. Es steht vom Münsterplatz aus gesehen jenseits der Dreisam - jenes Flusses, der die Innenstadt von dem Stadtteil Wiehre trennt. In der Wiehre leben in Jugendstil- und Gründerzeitvillen mit schmiedeeisernen Gartenzäunen die Besitzer wandfüllender, deckenhoher Bücherregale. Man vermutet, dass sie einen Saab fahren und Urlaub in der Toskana machen, und in der Tat sind die meisten von ihnen entweder Studenten, die in Wohngemeinschaften leben, oder aber ehemalige Studenten - Juristen und Ärzte, oder Lehrer, die Geld geerbt haben -, die nach dem Examen nicht weggezogen sind. Man kann vermutlich sein ganzes Leben in der Wiehre verbringen und sich für die Menschen südlich der Sahara engagieren, ohne einem einzigen Hartz-IV-Empfänger über den Weg zu laufen; es ist eine Schon-reich-aber-noch-links-Ecke. Auf dem Weg zum Holbeinpferd komme ich an gefühlten fünfhundert Rechtsanwaltskanzleien und Bioläden vorbei, außerdem an einer der vier Waldorfschulen der Stadt.
Der Geist der Revolution
Das Holbeinpferd am Ende der Holbeinstraße ist eine 1936 geschaffene mannshohe Skulptur in Betonguss, die leicht störrisch die Vorderbeine in den Boden rammt. Seit den achtziger Jahren verändert sie nächtens in unregelmäßigen Schüben ihr Aussehen. Das muss man sich so vorstellen: An einem Tag ist das Pferdchen rot-grün gestreift, am nächsten lila-türkis gepunktet. Einfach so. Ungefähr hundert Farbschichten scheinen aktuell auf dem Pferd zu haften (durch ein handgroßes Loch an seiner Flanke sieht man mindestens fünfzig davon wie Zwiebelschalen übereinanderliegen), und an seinem Unterleib hat sich eine Art Euter mit Dutzenden Zitzen aus Farbresten gebildet, was darauf schließen lässt, dass hier nicht unbedingt Profis am Werk sind. Das ist wirklich so: Jeder, der sich berufen fühlt, kann dem Pferdchen nächtens eine neue Farbschicht verpassen, und die Freiburger tun das gern und oft, wobei sie so dermaßen über die Stränge schlagen, dass man bei den meisten Wandlungen entsetzt die Hand vor den Mund schlagen würde, wenn man nicht gleichzeitig so lachen müsste, dass man sie bräuchte, um sich den Bauch zu halten: Mal trägt das Pferdchen Strapse, mal verschwindet es als trojanisches Pferd in einem großen gezimmerten Holzkasten auf Rädern, man hat es sogar schon als Braut samt Schleier hergerichtet und ihm einen Pferde-Bräutigam zur Seite gestellt. Doch auch für politisches Engagement muss das Viech herhalten: Die Aufschrift "Non Chirac!" hat man ihm schon auf den Leib gepinselt, was man als Geißelung der Atomversuche in der Südsee verstanden wissen wollte. Und der Schriftzug "Shell to Hell" fand auf seinen mageren Flanken ebenso Platz wie ein Ozon- oder Heuschreckenverbotszeichen und ein Aufschrei wegen der neu eingeführten Studiengebühren.
Wenn man die Freiburger nicht für angenehm verrückt hält, dann muss man ihre Kreativität bewundern, ihren freien Geist, der sich bisweilen und insbesondere auf dem Gelände einer ehemaligen Bleifabrik hinter der Unibibliothek auch als Idealismus erweist. Dort nämlich logiert der ehemalige Piratensender Radio Dreyeckland, bei dem man auf ziemlich viel revolutionären Geist trifft. Eine blaue, efeuumrankte Holztür, dahinter ein dunkler Flur, von dem aus man durch ein Fenster einen Blick ins Studio werfen kann. Dort sitzen gerade drei Leute: Eine Studentin mit Rastalocken, ein freier Journalist um die fünfzig mit Nickelbrille und langen grauen Haaren und ein korpulenter Mann um die vierzig, der von Beruf Möbeltransporteur ist, allerdings per Fahrrad. Die drei bilden die Umweltgruppe des inzwischen "freien" Radios und damit eine der insgesamt achtzig Redaktionen: Es gibt eine "Schwule Welle", eine Linke Presseschau, einen Knastfunk, und geistig Behinderte machen hier ebenso eine eigene Sendung wie obdachlose Punks. Produziert wird zum Teil noch in Studios mit an die Wände geklebten Eierkartons. Beiträge liefern die etwa hundertfünfzig freien Mitarbeiter in vierzehn Sprachen, gesendet wird auf einer ewig rauschenden Frequenz, weshalb die zehn festangestellten Redakteure Verfassungsklage eingereicht haben: Sie möchten eine stärkere Frequenz und bekommen sie nicht. Im Redaktionsstatut aber sind die "Antis" festgelegt: Antisexismus, Antirassismus, Antifaschismus, Antinationalismus und so weiter.
Leben in der Parallelwelt
Es gibt in Freiburg auch einen ganzen Stadtteil, in dem die Leute ziemlich "Anti" sind: das "Quartier Vauban". Es steht auf dem Gelände einer ehemaligen französischen Kaserne, und hier leben Menschen, die sich innerhalb Freiburgs eine Parallelwelt erschaffen haben: Europas größte Solarsiedlung. Die meisten der langgestreckten Mehrfamilienhäuser mit ihren bunten Putz- oder Holzfassaden haben Sonnenkollektoren auf den Pultdächern, die Terrakottatöpfe auf den vielen Balkonen lugen hinter Bastmatten hervor, wilder Wein rankt sich an Geländern entlang und darüber hinaus. Es grünt ziemlich grün im Vauban, die Gartenwege sind feng-shui-mäßig geschwungen und die meisten Straßen für Autos gesperrt. Wer doch eins hat, muss es in einem der beiden Parkhäuser parken, die dem Gelände vorgelagert sind. Man kann mit dem Fahrrad hinfahren, das immerhin vor dem Wohnhaus in einem der Fahrradhäuschen mit begrünten Dächern untergestellt werden darf. Und an jedem ersten Samstag im Monat backen die Leute auf einem der vielen Spielplätze im gemauerten Backofen der "Backhaus-Initiative des Vauban" Flammkuchen oder eine Pizza.
Die Menschen im Vauban sind im "falschen" Sein, dem wohlstandsbürgerlichen nämlich, angekommen, ohne das "richtige" Bewusstsein zu verlieren. Sie haben ihre Ideale nicht verraten, sondern sind bloß ein bisschen ideeller geworden. SPD und Grüne kommen hier bei Bundestagswahlen auf mehr als achtzig Prozent, mehr als die Hälfte der Schüler in der Grundschule ist konfessionslos, und die etwa fünftausend Bewohner des Viertels sind zum größten Teil Akademiker, die nun mitten in der wahrgewordenen Vision von einer besseren Welt leben. Und wo es doch ums große Ganze geht, graust es den Leuten hier vor rein gar nichts: Es sollte zum Beispiel eine Biogasanlage dafür sorgen, dass die Fäkalien der Bewohner vergären und die entstehenden Gase zum Kochen verwendet werden können. Leider ist der Hersteller der Anlage pleitegegangen, bevor er sie liefern konnte - was ein weiterer Beweis dafür ist, wie ausnehmend visionär man in Freiburg sein kann.
Liebe und Hass
Ihre nähere Umgebung nehmen die Leute im Vauban daher kaum mehr zur Kenntnis, die Kindergärten sind zum Beispiel nicht besonders offen für Kinder aus anderen Stadtteilen. Und wenn es gar nicht anders geht, dann phantasiert man sich die Wirklichkeit, die über die Ränder des Viertels hereinzuwabern droht, eben einfach wieder weg. Und doch gibt es sie natürlich - diese Leute, die Freiburg weder lieben noch hassen, sondern die einfach in der Stadt leben und das ganz normal finden.
Sie bedauere ich. Denn sie wissen gar nicht, wie gut sie es haben.