29.08.2007 · Nein, spektakulär ist hier nichts. Deshalb blieb Überlingen auch hinter Meersburg, Lindau oder Konstanz zurück, die immer mehr von sich reden gemacht haben. Aber das Unspektakuläre ist es ja gerade, was die heile Welt ausmacht.
Von Rainer HankDiesmal war Vancouver dran. Die schönste Stadt der Welt, wie Freunde uns versicherten. Mit dem Wagen von San Francisco nordwärts durch die Wälder, Zwischenstopp in Seattle und dann in die Vorzeigestadt an der kanadischen Westküste. Anschließend aufs Meer vor Vancouver Island, um Wale und Wellen zu bewundern.
Auf Google Earth, unzähligen Wander- und Autokarten und in diversen Reiseführern haben wir das alles mühelos gemacht. Aber dann sind wir doch wieder nach Überlingen am Bodensee gefahren. So geht das immer, fast jedes Jahr. Wo haben wir uns nicht überall schon hinversetzt? Entsprechend gut bestückt und unerforscht veraltet ist unsere Frankfurter Reisebibliothek. Dafür sind unsere Überlingen-Erfahrungen stets frisch.
Die dicken Bäuche vom Bodensee
Es ist noch immer ein bisschen Scham dabei zu erzählen, wir führen wieder einmal nach Überlingen. Nicht nur, weil es jedes Jahr dasselbe ist. Ein wenig ist es immer noch wie nach den großen Ferien, damals in den frühen sechziger Jahren, als die anderen von Bibione und Rimini schwärmten und wir wieder einmal nur im Nordschwarzwald oder im schwäbischen Oberland waren. Das Stichwort „Schwäbisches Oberland“ verrät freilich auch, dass der Bodensee uns vertraut ist seit der Kindheit und eine Schifffahrt mit dem Ausflugsdampfer von Friedrichshafen und mit einer Eistüte in der Hand zu den wenigen Fotos gehört (schwarzweiß und mit gezacktem Rand), die das noch von der Mutter angelegte Fotoalbum bewahrt. Wahrscheinlich erinnern Lieblingsorte immer an Orte der Kindheit.
Bodensee klingt gleichwohl bis heute nach grauen Haaren oder dicken Bäuchen. Ganz falsch ist das nicht. Damals, in den achtziger Jahren, fuhr die Vermieterin der kleinen Tübinger Einliegerwohnung, Witwe eines wenig bekannten Konzertpianisten, immer im September nach Überlingen, drei Wochen. Die Männer waren tot, und sie traf sich mit den Freundinnen am See.
Heute kommen regelmäßig die Männer im besten Manageralter, um in der Buchinger-Klinik mit viel Geld und dünnen Suppen ihre vom Stress des Machterhalts geweiteten Bäuche zu entspannen. Fasten, entschlacken und sich innerlich reinigen: Merkwürdig, dass ein Ort, an dem wie kaum anderswo die Fülle des Lebens wohnt, sich offenbar besonders gut zur Askese eignet. Ein wenig traurig ist, dass die meisten Menschen in Deutschland Überlingen erst zur Kenntnis nahmen, als vor fünf Jahren bei einem Zusammenstoß einer Boeing 757 des Paketdienstes DHL und einer Tupolew 154 der „Bashkirian Airlines“ einundsiebzig Menschen ums Leben kamen. Da hatten die Nachrichten wochenlang den „Flugzeugabsturz von Überlingen am Bodensee“ im Programm.
Im italienischen Eisparadies
Das alles ist wahr. Aber es hat mit meinem Überlingen nichts zu tun. Mein Überlingen ist die alte Blumenverkäuferin mit dem Strohhut, die immer mittwochs und samstags auf der Hofstatt neben dem achteckigen Brunnen mit der Heinrich-Seuse-Statue steht und dort Blumen aus dem eigenen Garten feilbietet, deren Namen kaum noch einer kennt. Akeleien könnten es sein und Zierschnittlauch oder Gräser, die man auf Malereien der frühen Impressionisten vermuten würde. Und Rosen, deren Herkommen zu identifizieren selbst geübte Züchter sich schwertäten. Aus all der Vielfalt flicht die Frau, die ein schönes Alemannisch spricht, üppige Sträuße, die in ihren pastelligen Grün- oder Blautönen an andere Zeiten erinnern.
Mein Überlingen ist der gigantische Eissalon gegenüber der Schiffslandestelle, der sich als einziger in der Welt zu Recht „Italienisches Eisparadies“ nennen darf, wo es allein sechs Sorten Schokoeis gibt und sich an Sonntagen die Schlange einmal um den Busbahnhof herumwindet. Später treffen sich alle mit ihren übervollen Fruchteisbechern auf der Uferpromenade wieder, wo halbwüchsige Burschen, in Jeans und T-Shirt bekleidet, von der Kaimauer in den See springen, um ihre Freundinnen zu beeindrucken. Und wenn ein Mädchen hinterherspringt, dann küssen sie sich im Wasser und klettern, die nassen Kleider an die Körper geklatscht, an den Eisensprossen der Hafenmauer wieder hoch, das Spiel unablässig wiederholend.
Wein vom Markgrafen
Mein Überlingen, das ist der Garten vor dem klassizistischen Badhotel, dessen Architektur in den vergangenen hundertachtzig Jahren zigmal verändert und umgebaut wurde, wo aber immer noch die Glyzinien üppig die Wände hochranken, Oliven- und Mandarinenbäumchen oder Bananenstauden gedeihen, die Kinder einander mit ihren Rollern jagen und auf dem großen Schachfeld die Männer konzentriert die Figuren hin- und herschieben. Und wenn der Gärtner auf seinem großen, lauten Rasenmäher kommt, dann kann es so intensiv nach frisch geschnittenem Gras riechen, als hätte man den Geruch noch nie im Leben durch die Nase gezogen. Im Hintergrund, wie von unsichtbarer Hand gesteuert, wechseln die weißen Segel der kleinen und großen Yachten von links nach rechts und von rechts nach links.
Nein, spektakulär ist das alles nicht. Aber das Unspektakuläre ist es ja gerade, was die heile Welt ausmacht. Irgendwie gibt es immer alles, was zum Leben nötig ist. Der Kiosk hat den „Guardian“, die „NZZ“ und am Samstag auch den „Economist“. Im katholischen Münster fängt der Sonntagsgottesdienst noch um zehn Uhr an, weil er es nicht nötig hat, auf Langschläfer Rücksicht zu nehmen. Und die Winzer - der Markgraf von Baden, die Genossenschaften und ein paar ehrgeizige individualistische Rebellen - bauen an den vom See aufsteigenden Hängen ihren Spätburgunder an, der sich vor denen vom Kaiserstuhl oder der Ahr nicht verstecken muss.
Der Traum von der zweiten Reihe
Kein Wunder, dass die derzeit modische Glücksforschung, die die Zufriedenheit der Menschen in ihren Regionen miteinander vergleicht, den Landkreis Bodensee-Oberschwaben, zu dem Überlingen zählt, seit Jahren auf den vorderen Plätzen führt. Wenn Glück die Chance ist, seinen Zielen gemäß den eigenen Maßstäben zu folgen, dann stellt die Welt von Überlingen dafür den idealen Raum bereit. Wir sollten das freilich nicht allzu laut weiter erzählen, sonst steigen die Immobilienpreise noch weiter ins Unermessliche. Aber den Traum, uns hier ein Grundstück, auch nur in der zweiten Reihe, leisten zu können, haben wir ohnedies längst aufgegeben.
An dieser Stelle ist ein Lob der zweiten Reihe fällig. Das sind jene Flecken hinter den Seebergen, wo die Birnen- und Apfelplantagen zuweilen arg industriell daherkommen und der ganze Charme des Sees auf einmal verschwunden ist. Doch es ist, als ob die Dörfer dort - sie heißen Lippertsreute, Owingen oder Bermatingen - spürten, dass sie sich besonders anstrengen müssen, um den Nachteil des Hinterlands gegenüber den seeverwöhnten Uferorten gutzumachen: Ihr Fachwerk ist schöner, in ihren Landgasthöfen wird der Gast freundlicher behandelt und besser bekocht. Und auf ihren Fahrradwegen kommt man immer heil ans Ziel, was auf den Radwegen am See nicht selbstverständlich ist, wo der Verkehr an manchen Tagen Autobahnverhältnissen gleicht.
Ritte über das schwäbische Meer
Man hat gesagt, der Bodensee sei etwas ab von der Welt. Das ist sein Vorteil, gewiss kein Nachteil, und Grund, warum wir den Eindruck haben, dass uns hier die Texte häufig besser gelingen als in Berlin und Frankfurt. Was gibt es Schöneres als die Distanz. Und doch ist alles nur eine Frage der Perspektive. „Peripherie ist etwas anderes als Provinz“, hat der Dichter Bruno Goetz über Überlingen gesagt. Die Lage am Rand ganz im Südwesten rückt durch eine kleine Blickveränderung rasch ins Zentrum Europas, an dem der Norden und der Süden sich treffen. Kein Wunder, dass die Schweiz, Österreich und Deutschland an seinen Ufern teilhaben wollen und allein die deutsche Seite Badener, Schwaben und Bayern sich teilen.
Der Historiker Arno Borst, der eines des schönsten Bücher über den See geschrieben hat, eröffnet diese „Ritte über den Bodensee“ mit einem Kupferstich einer Karte des Bistums Konstanz im frühen achtzehnten Jahrhundert, die gar keinen Zweifel daran lässt, dass der Nabel der Welt unser See sein müsse. Borst rückt bei dieser Gelegenheit übrigens auch die Volksetymologie zurecht, wonach der Bodensee seinen Namen nach dem tiefen Grund erhalten habe. In Wahrheit wird er wohl nach der Adelsfamilie Bodman und ihrem Schloss im Westen des Sees benannt worden sein.
Wenn hier irgendetwas anders ist als an den anderen Orten einer heilen Welt, dann ist es dieser See, der sich hier im Westen schüchtern verengt, der aber zugleich gen Osten sich zum Schwäbischen Meer weitet, um vor der Kulisse der Appenzeller Alpen die angemessen dimensionierte Bühne für das tägliche Schauspiel von Wind und Wetter zu bieten. Klar zu sehen ist das Spektakel freilich nur bei Föhn, dann aber so kitschig, dass man froh ist, dass solche Blicke die Ausnahme bleiben, würde doch niemand dauerhaft die Märchenhaftigkeit ertragen. An normalen Tagen aber ist der See meist diesig. Die Konturen des gegenüberliegenden Ufers verschwimmen im mehrfarbigen Licht.
Dramatische Inszenierungen
Überhaupt das Licht und die Farben des Sees. Es sorgt dafür, dass die Tage nie langweilig werden. Kein Tag ist wie sein Vorläufer, kein Mittag wie der Morgen und der Abend. Türkis, blau und milchiges Weiß mischen sich, bis, je länger der Tag, umso mehr Rot- und Blautöne dazwischen sich drängen dürfen. Dass der See binnen kürzester Zeit all seine Idyllenverfassung verlieren kann, gehört zum Standardwissen aller Bodenseefreunde. Nimmt der Wind zu und kommen Stürme, demonstriert die Natur, wie viel Schwarz, Grau und Anthrazit sie in ihrem Malkasten bereithält und welche dramatische Inszenierungsdynamik sie zur Verfügung hat.
Wenn aber die Unwetter verzogen sind und das Licht wieder mild wird, dann ist es das allergrößte Glück, in diesem See zu schwimmen. Schön altmodisch sind die Strandbäder, deren Kassenhäuser seit Jahren nicht renoviert wurden und deren Liegewiesen selbst an einem Augustsonntag für alle ausreichend Platz bieten. Luxuriös, aber nicht angeberisch indes ist die Bodenseetherme, die sich Überlingen leistet. Dort gleichen die Saunen Bootshäusern, von denen aus es nur wenige Schritte sind, um sich im See abzukühlen.
Der Ernst des Schwimmens
Aber im Grund sind weder Strandbad noch Therme nötig. Ein Weg ins Wasser findet sich fast überall. Denn die Privatisierung des Seeufers hält sich in Grenzen. Martin Walser, der in einem Überlingen-Text nicht fehlen darf, weil er hier, genauer gesagt, im Ortsteil Nußdorf, seit Jahrzehnten wohnt, nennt das Schwimmen die reinste Gegenwart: „Schwimmend sind wir vollkommen im Jetzt.“
Das ist eine nachvollziehbare Beobachtung, die der Dichter darauf zurückführt, dass das Schwimmen die grotesken Verrenkungen unseres aufrechten Gangs zurücknimmt. „Der See ist ein Versprechen. Jederzeit erlöst er uns aus unserer ungelenken Aufgerichtetheit und immer schwankenden Schwere.“ Der Gleichgewichtsverpflichtung enthoben! Was wollen wir mehr.
Vielen Dank!
Christina Walz (ChristinaWalz)
- 22.08.2007, 22:15 Uhr
Landkreis / Region
Daniel Rentzsch (dare3)
- 30.08.2007, 11:33 Uhr
Nichts spektakulär ???
Harald HEINZ (willer3)
- 30.08.2007, 23:08 Uhr
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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