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Luftfahrt : Die kühnen Schwestern des Ikarus

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Marga von Etzdorf flog 1928 mit einer Junkers F13 Bild: Lufthansa

"Eher wird eine Frau Boxweltmeisterin im Schwergewicht als Lufthansa-Pilotin." Diese eherne Regel der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa in Bremen gilt längst nicht mehr. Dennoch gibt es in ganz Deutschland überhaupt nur vierhundert Pilotinnen.

          "Eher wird eine Frau Boxweltmeisterin im Schwergewicht als Lufthansa-Pilotin." Diese eherne Regel der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa in Bremen gilt längst nicht mehr. Doch vor zwanzig Jahren war es eine Revolution, als Nicola Lunemann und Evi Lausmann als erste Frauen ihre Ausbildung als Berufspilotinnen bei der Lufthansa begannen und zwei Jahre später als zweite Offiziere im Cockpit einer Boeing 737 Platz nahmen.

          An diesem Tag im April 1988 war es sechzig Jahre her, daß schon einmal eine Frau als erste und bis dahin einzige Berufspilotin in Deutschland die Kanzel eines Lufthansa-Flugzeugs erobert hatte: Marga von Etzdorf, die als Zwanzigjährige 1928 einen kurzfristigen Vertrag von der damaligen Deutschen Luft Hansa als Kopilotin erhielt und in einer Junkers F13 die Strecken Berlin-Breslau sowie Berlin-Stuttgart-Basel beflog. Über ihr Engagement schrieb sie: "Da bis jetzt bei Luft Hansa noch niemals eine Frau als (Flugzeug-)Führerin eingestellt worden war, begegnete ich zunächst etwas erstaunten Gesichtern bei den Herren, denen ich meine Bitte vortrug. Aber als zweiter Führer konnte ja selbst eine Frau kein Unheil anrichten. Dieser Überlegung verschloß man sich nicht und ich bekam die Erlaubnis."

          Drei Kontinente in 24 Stunden

          Marga von Etzdorf gehörte zu jenem halben Dutzend deutscher Frauen, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts wegen ihres fliegerischen Könnens weltweit Aufsehen erregten und alle Vorurteile über weibliche "Unterrockpiloten" widerlegten. Marga von Etzdorfs Langstreckenflug von Berlin nach Tokio in elf Flugtagen beispielsweise war vor fünfundsiebzig Jahren eine Meisterleistung, ebenso wie der erste Afrikaflug ihrer heute neunundneunzig Jahre alten Kollegin Elly Beinhorn, die vor siebzig Jahren zudem mit ihrem Rekordflug "Drei Kontinente in 24 Stunden" brillierte. Und die vor fünf Jahren gestorbene Beate Uhse war nicht nur Deutschlands führende Unternehmerin im erotischen Zubehörhandel, sondern auch die erste Stuntfliegerin Deutschlands, die zum Beispiel in dem Nazifilm "Achtung, Feind hört mit!" mitwirkte und am Ende des Zweiten Weltkriegs die Jagdflugzeuge Messerschmitt Bf 109, Focke-Wulf Fw 190 und den von Legenden umwaberten ersten Düsenjäger der Welt, die Messerschmitt Me 262, fliegen durfte. Ihre Flucht aus Berlin mit ihrem Söhnchen in einer fünfsitzigen Siebel Fh 104 ist legendär.

          Die Geschichte der deutschen Pilotinnen hatte vor fast einem Jahrhundert mit Melli Beese begonnen, die als erste Frau in Deutschland in einer fliegenden Kiste in die Luft ging und 1911 ihre Flugzeugführerlizenz erhielt. Vorausgegangen waren unsägliche Versuche von männlichen Kollegen, ihre Karriere als Pilotin zu verhindern. Das schloß auch lebensbedrohende Sabotageakte nicht aus, wie Melli Beese in ihrer Biographie schrieb. Zu den berühmtesten "Schwestern des Ikarus", wie einmal der Titel einer Ausstellung zum Thema Pilotinnen hieß, zählt auch die vor 35 Jahren in Essen gestorbene Thea Rasche, die als "The flying Fraulein" eine unvergleichliche Karriere machte - wenn auch nur mit dem Sportfliegerschein in der Tasche, da zwischen den Weltkriegen eine kommerzielle Nutzung des fliegerischen weiblichen Könnens verboten war. Ein Paradox, wie Thea Rasche meinte: "Es ist ... der deutschen Fliegerin wohl erlaubt, Passagiere in ihrer Maschine mitzunehmen - man vertraut ihr also zwar das Leben von Passagieren an -, aber sie darf dafür kein Geld nehmen, wie es dem männlichen Sportflieger ohne weiteres erlaubt wird."

          Damen in Männeruniform

          Heute besitzen in Deutschland rund vierhundert Frauen, Berufs- und Privatpilotinnen, eine Lizenz zum Führen eines fliegenden Geräts. Etwa dreihundert sind in der "Vereinigung deutscher Pilotinnen" organisiert, kaum mehr als ein Dutzend in einer eigenen Arbeitsgruppe in der Pilotengewerkschaft "Vereinigung Cockpit", dem "Verband der Verkehrsflugzeugführer und Flugingenieure in Deutschland".

          Im Gegensatz zu früher, meint heute Lufthansa-Kapitänin Nicola Lisy, geborene Lunemann, müsse man für den Pilotenberuf keine geschlechtsspezifischen Eigenschaften erfüllen. Das moderne Fliegen sei eher eine Managementaufgabe. Typisch weibliche Eigenschaften wie integratives Arbeiten, Fingerspitzengefühl und Diplomatie seien sehr hilfreich.

          Bei der Lufthansa, wo die ersten Pilotinnen bis 1991 in umgeschneiderten Männeruniformen ihren Dienst taten, befinden sich gegenwärtig 56 Frauen in der Ausbildung, 234 sind als Pilotinnen beschäftigt, von denen wiederum 62 den offiziellen Titel "Kapitänin" tragen. Diese geringe Zahl liege nicht an der mangelnden Leistung der Frauen, betont die Lufthansa, sondern daran, "daß auch Verkehrsflugzeugführerinnen Anspruch auf eine Babypause haben". Doch trotz aller Vergünstigungen und Rücksichtnahme - betrieblicher Zusatzurlaub zum dreijährigen Erziehungsurlaub und Teilzeitarbeit beispielsweise -, es bewerben sich zu wenige für den Beruf der Pilotin. Und es ist auch anzunehmen, daß keine der modernen Fliegerinnen sich jenem Spruch verpflichtet fühlt, der den Grabstein der Marga von Etzdorf auf dem Berliner Invalidenfriedhof ziert: "Der Flug ist das Leben wert". Sie hatte sich 1933 im syrischen Aleppo wegen einer von ihr selbst verschuldeten Bruchlandung erschossen. Nicht weniger tragisch endete ihre Kollegin Melli Beese. Nach einem Flugzeugabsturz, den sie unverletzt überlebte, erschoß sie sich in einer Berliner Pension. Auf einem Zettel hatte sie, so die Legende, noch die Botschaft gekritzelt: "Fliegen ist notwendig. Leben nicht."

          Quelle: F.A.Z., 03.08.2006, Nr. 178 / Seite R2

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