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Lauscha Am Anfang war der Apfel

23.12.2007 ·  Das Thüringer Städtchen Lauscha gilt als Geburtsort der klassischen Weihnachtskugel. Heute werden dort auch profanere Formen geblasen. Ein Blick auf die zerbrechliche Palette der begehbaren Glasmenagerie.

Von Daniel Brunner
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Wenn es ein Christkind gäbe, müsste es in Lauscha wohnen. Das graue Schieferstädtchen, eingebettet zwischen den Bergkuppen des Thüringer Waldes, strahlt und glitzert zur Weihnachtszeit wie kaum ein zweites. Tausendfach spiegelt sich das Geflacker der Kerzen im Glas dieser Stadt, in den mundgeblasenen Christbaumkugeln und formgegossenen Engeln, in filigranen Birnen, Nüssen und Trauben, in hauchzarten Glöckchen und Heerscharen federleichter Vögel. Alles leuchtet und funkelt in diesem wintertrüben Tal. Ein Christkind gibt es trotzdem nicht. Stattdessen rauscht eine Glasprinzessin mit Krone und Engelsgewand über den alljährlichen Weihnachtsmarkt, der hier allerdings Kugelmarkt heißt.

In der Adventszeit präsentiert sich das Zentrum des beschaulichen Orts als begehbare Glasmenagerie. Die Buden und Ateliers rund um den Hüttenplatz sind prall gefüllt mit zerbrechlicher Ware. Etwa fünfzig Glasgeschäfte und Schauwerkstätten zeigen den Gästen, warum man sich hier wie im „gläsernen Paradies“ wähnen darf. Neben Christbaumschmuck wird den Besuchern die gesamte Palette von Glasobjekten aus eigener Herstellung vor Augen geführt: angefangen von Murmeln und Glasperlen über Vasen und Schmuck bis zur neu aufgelegten Nostalgie-Kollektion aus jenem grünschimmernden Thüringer Waldglas, mit dem hier vor mehr als vierhundert Jahren alles seinen Anfang nahm.

Von einem armen Glasbläser

Im Jahr 1597 hatten der Schwabe Hans Greiner und der aus Böhmen stammende Christoph Müller im Lauschatal die erste Glashütte Thüringens errichtet und damit den Grundstein gelegt für die mittlerweile weltberühmte thüringische Glasindustrie. Zunächst widmeten sich die Glasmacher der Herstellung von luxuriösen Trinkgefäßen und Butzenscheiben, später kamen Murmeln und Schmuckperlen hinzu. Im Jahr 1835 gelang Ludwig Müller-Uri die erste naturgetreue Nachbildung eines Menschenauges; auch das hochspezialisierte Handwerk der Okularistik wird bis heute betrieben. Der gläserne Christbaumschmuck wurde 1847 erfunden. Ein armer Glasbläser, so wird es überliefert, schmückte seinen Tannenbaum statt mit echten Winterfrüchten - die damals rar und teuer waren - mit Äpfeln und Birnen aus Glas.

Daraus entwickelten sich die ersten Christbaumkugeln. Als „schillernde Phantasiesächelchen“ für den Weihnachtsbaum fanden sie schnell Absatz, das Sortiment verbreiterte sich rasch um Sonnen und Sterne, Trompeten und Glöckchen, Engel und Weihnachtsmänner. Die renommierten Spielzeughändler im benachbarten Sonnenberg - zu deren Kunden auch der Kaufhausmogul Franklin Winfried Woolworth gehörte - verschifften die Ware bis nach Amerika. Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts war der Lauschaer Baumschmuck weit über Deutschland hinaus zu einem Symbol für den festlich dekorierten Weihnachtsbaum geworden.

Spatzen und Schwalben, versilbert und dekoriert

Einer, der die Kunst des Kugelblasens noch heute beherrscht, ist Michael Haberland. Kurz vor der Wende noch zum Kunstglasbläser ausgebildet, musste er sich nach dem Ende der DDR erst einmal neu orientieren. Nach Auflösung der „VEB Glaskunst Lauscha“ gab es für die meisten Glasbläser im Lauschatal zunächst keine Arbeit und kein Auskommen mehr. Start in die neue Selbständigkeit war für Haberland ein Fund auf dem Dachboden. Dort stieß er auf einige alte Porzellanformen, aus denen sein Großvater einst wundervolle Glasvögel hervorzauberte: Spatzen und Schwalben, „vor der Lampe“ geblasen und anschließend versilbert und dekoriert mit Schwänzen aus Glasseide.

In der Werkstatt von Michael Haberland, in der es nach Lackfarbe riecht und einem Hauch Ammoniak, kann man Schritt für Schritt miterleben, wie aus farblosen Glasröhrchen anmutige Christbaumfiguren entstehen. Als Rohmaterial dient ihm eine bleistiftdicke Glasröhre, „Kolben“ genannt, die er über dem Bunsenbrenner so lange erhitzt, bis das Glas wie zäher Honig zu fließen beginnt. Dann geht alles ganz schnell: drehen, blasen, wieder drehen, formen. Nach dem Auskühlen wird die Figur von innen mit Silbernitrat verspiegelt und zum Austrocknen auf ein Nagelbrett gesteckt. Bis zu tausend Figuren entstehen so an einem Tag im Atelier von Michael Haberland; Figurenblasen ist Akkordarbeit. Von Glasmalerinnen werden die Silberrohlinge anschließend in Heimarbeit fein bepinselt, verziert und verpackt.

Alles was funkelt und glitzert

Die ästhetische Bandbreite beim gläsernen Baumschmuck ist enorm. Von der traditionellen Silberkugel bis zu Disneys Märchenfiguren wird fast alles an den Christbaum gehängt, was funkelt und glitzert. Pinocchio, Schneewittchen, Bambi, Elfen und Trolle verdrängen zusehends die christliche Symbolik. Wie in der Mode wechseln Farben, Formen und Dekor von Saison zu Saison. Mal gilt es als schick, den Tannenbaum nur in Blautönen zu dekorieren, mal sind bunte Zirkusfiguren gefragt, dann wieder grüne Gurken und Trauben.

Ein bisschen Stiltoleranz muss man deshalb schon mitbringen, wenn man sich in Haberlands Weihnachts-Werkstatt umschaut. Neben den klassischen Vögeln, die er in hundert Farbvarianten anbietet, findet sich auch etlicher Baumbehang, der die Grenzen zum Kitsch mühelos überschreitet. Weihnachtsmänner in Kiwi-Grün, Glitterkugeln mit handgepinselten Liebeswidmungen oder eine erotisch angehauchte Edition mit Bikinimädchen und herkulischen Männerkörpern.

Die Glasmanegerie

Überblick: Glasmuseum, Oberlandstraße 10, 98724 Lauscha, Telefon 036702/20724, Internet www.glasmuseum.lauscha.de

Detail: Werkstattbesuche bei Michael Haberland (Kreuzstraße 18, 98724 Lauscha) sind nach telefonischer Anmeldung möglich, Telefon 036702/21485, Internet www.haberland-baumschmuck.de

Auskunft: Tourist Information Lauscha, Hüttenplatz 6, 98724 Lauscha, Telefon 03670222944, Internet www.lauscha.de

Quelle: F.A.Z., 20.12.2007, Nr. 296 / Seite R3
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