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Kunstreise Die geformte Stadt

20.04.2005 ·  Capillaros Leidenschaft ist das Fotografieren. Oft streifte er nach einem Arbeitstag als Arzt bis tief in die Nacht durch Hamburg, um an besonderes Bildmaterial zu gelangen, aus dem er seine Kompositionen schuf.

Von Thomas Speckmann
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Schiller war studierter Mediziner. Sein Debüt "Die Räuber" schuf er neben dem Studium in Nachtarbeit. Auf Goethes Empfehlung hin hatte er sich später ohne spezifische Ausbildung auf dem Lehrstuhl für Geschichte an der Universität Jena zu bewähren. In seiner Antrittsvorlesung im Mai 1789 setzte er sich denn auch kritisch mit den Brotgelehrten auseinander, denen durch die Beengung auf das fachlich Wesentliche das wahre Vergnügen an der Wissenschaft verborgen bliebe. Schiller zufolge sind es vielfach die Seiteneinsteiger, die, unbelastet vom lähmenden Detailwissen, zu neuen Ufern aufbrechen können.

Ein Seiteneinsteiger im Sinne Schillers ist Capillaro. Wie der Dichter ist auch er Mediziner. Doch seine Leidenschaft ist nicht das Schreiben, sondern das Fotografieren. Neben seinem Studium hat er sich selbst den Umgang mit Kamera und elektronischer Bildverarbeitung beigebracht. Oft streifte er nach einem Arbeitstag als Arzt bis tief in die Nacht durch Hamburg, um an besonderes Bildmaterial zu gelangen, aus dem er seine Kompositionen schuf. Die Hansestadt ist für den 1972 in Baden-Baden Geborenen zur zweiten Heimat geworden. Hier hat er einen Teil seiner Kindheit verbracht; hier studierte er auch - neben Studienaufenthalten in Nizza, Paris, Marseille und Kamerun; hier schloß er seine Medizinausbildung mit Staatsexamen und Promotion ab; hier lebt er und betreibt die fotografische Tätigkeit unter dem Pseudonym "Capillaro".

Das Ergebnis von Capillaros Leidenschaft ist derzeit in der Hamburger Poster Galerie zu sehen. Aufnahmen aus der Hansestadt, aus Paris und New York vereinen sich unter dem Motto "Wie Capillaro diese Städte sieht". Einen ersten Eindruck von der besonderen Präsentation erlebten die Besucher bei einer Vernissage Anfang April: Die großen Glastüren und die anschließenden Glasflächen in der Passage zur Galerie im "Kaufmannshaus" waren innen und außen mit jeweils vier Bildern abgedeckt, wobei es sich aber nur um zwei Motive handelte, die in Normalsicht und im Spiegelbild dargestellt waren.

Niemals ohne Sonnenschein

Paris, neben Hamburg die zweite Stadt seiner fotografischen Studien, kennt und liebt Capillaro seit seiner Studentenzeit. Von New York schließlich ließ er sich bei mehrwöchigen Aufenthalten inspirieren.

Im Gegensatz zu seiner Pariser Zeit, in der ihn die Sonne innerhalb von zweieinhalb Monaten nur an fünf Tagen anblinzelte, kamen ihm hier die meteorologischen Verhältnisse entgegen: entweder Sonne bei wolkenfreiem Foto oder zwei Tage Schneesturm. Ohne Sonnenschein und die daraus entstehenden starken Kontraste, von denen Capillaros Fotografie lebt, kann er nicht die Resultate hervorbringen, die ihm vorschweben.

Und in New York erhielt seine Kamera Motive auf Schritt und Tritt: Reflexe an den Glasfassaden, gleißendes Weiß, daneben die schattigen Schluchten im Häuserwald buntgemischter Architektur und Baustile. Gußeisern verzierte Balkone neben Art-deco-Gebäuden und verkommenen Häusern der Jahrhundertwende. Verlassene, dunkle Nebenstraßen neben gotischen Fassaden - eine Stadt, die neben Paris zu den meistfotografierten Metropolen der Welt zählt. Daher Capillaros Maxime: "Hier dürfen nur Bilder entstehen, wie sie vorher nicht sichtbar waren. Jedes Foto muß wirklich neuartig, anders sein." Nun ist es ebendieses schwer definierbare "andere", das ein Kunstwerk vom guten handwerklichen Schaffen unterscheidet; dies gilt wie in jeder Kunstform auch bei der Fotografie. Die von den Brüdern Claude und Joseph Niepce konzipierte Fotografie hatte ihre Grundlage in der Lichtempfindlichkeit der Silbersalze, die 1727 der deutsche Arzt Johann Heinrich Schulze entdeckte, und war zunächst ein Verfahren, um ohne Beauftragung eines Malers ein gutes und wirklichkeitsgetreues Abbild eines Gegenstandes oder einer Person herzustellen. Im Verlauf ihrer rund zweihundertjährigen Entwicklungsgeschichte haben sich die Auffassungen, was Fotografie sei, immer wieder gewandelt, wozu auch der technologische Fortschritt beigetragen hat.

Gesellschaftsfähig: Paris, Hamburg, New York

Mit der zunehmenden Verbreitung der Fotografie unterlag die schöpferische Freiheit banalisierenden Konsumentenwünschen und wurde so zu einer Massenware, die jedermann anfertigen konnte. Dieser sich entwickelnden Stereotypie traten 1894 der "Photo-Club de Paris" und einige Amerikaner entgegen, deren Galionsfigur Alfred Stieglitz war, der 1902 die Bewegung "Photo Secession" gründete. Stieglitz stand für die "Pictural Photography", eine Stilrichtung, die unter dem Begriff "Kunstfotografie" durch ihre weichzeichnende und malerische Wirkung beeindruckte. Seither haben sich in der Fotografie verschiedene Stilrichtungen entwickelt, die immer wieder durch neue Technologien beeinflußt wurden und werden. Gegenwärtig bereichern neue Formate, Darstellungsmaterialien und -verfahren wie die Digitaltechnik mit ihren Nachbearbeitungsmöglichkeiten oder die einem Scan-Verfahren vergleichbare Rotationskamera das Repertoire der Fotografie. Von der Anwendung dieser Techniken ist die Ausstellung in der Hamburger Poster Galerie geprägt.

Die Auswahl der präsentierten Städte New York, Paris und Hamburg erscheint insofern als glücklich, als die ersten beiden Städte als die Orte bezeichnet werden, in denen sich die Fotografie entwickelt und immer wieder neue Impulse erfahren hat. Zwar ist Paris nicht die Wiege der Fotografie, doch wurde sie dort gesellschaftsfähig. Durch den Physiker Francois Arago sowie durch Joseph Niepce und Louis Jacques Mande Daguerre, aus deren Zusammenarbeit die Daguerreotypie, das erste echte fotografische Verfahren, hervorging, wurde sie zu einem Spiegel, der ein Gedächtnis besitzt.

Wie bereits in Hamburg und Paris hat Capillaro auch in New York nur sehr wenige Aufnahmen gemacht. Seine Strategie: ein Schuß, ein Foto. "Ich will nicht Hunderte von Aufnahmen, aus tausend verschiedenen Winkeln, mit Belichtungsreihen, um dann aus einer Vielzahl auszuwählen. Die Belichtung und die Bildkomposition müssen stimmen." Deshalb wird zuvor gerechnet, beobachtet und so lange überlegt, bis die Entscheidung fällt. "Ich habe eine Vorstellung davon, was ich ausdrücken will, wenn mich ein Motiv anzieht. Habe ich vor Ort kein exaktes Bild vor Augen, wie es werden wird, dann wird daraus auch kein Foto."

Jede Bildkomposition entsteht in seiner Imagination. Die Belichtung, was wird hell, was wird dunkel, das gesamte Blickfeld wird mit dem Auge abgetastet, was häufig für einen Beobachter amüsant und verwirrend anmutet, denn dieses Gesichtsfeld ist nicht selten ein vertikaler oder diagonaler 330-Grad-Kreisausschnitt. Capillaro analysiert mit seiner Kamera dieses Kreissegment, um den Bildausschnitt zu bestimmen, wobei er jeden Winkel prüft.

Mit dem Küster im Turm

Vertikale und diagonale Aufnahmen mit großem Blickwinkel sind für den Fotografen enorme Herausforderungen, da sich bei ihm das Vorstellungsvermögen für solche Kompositionen erst langsam herausbilden muß. "Wenn es in die Vertikale geht, schauen Passanten häufig ungläubig. Denn was gibt es dort oben schon zu Fotografieren? Oft ist dort nur der Himmel." Mit dieser Konzeption wurden die drei Städte bisher nicht fotografiert. Kompositionen in dieser Technik nennt Capillaro Diagonalo- oder Vertikalografien.

Oft sind es auch zufällige Ideen oder Gegebenheiten, die seinen Aufnahmen Pate standen. Die Perspektive beispielsweise eines Pariser Bildes, aufgenommen aus einem Hinterhof, mit Eiffelturm und Laubblättern im Vordergrund, wurde von einem französischen Freund durch Zufall entdeckt, als ihm sein Portemonnaie entwendet wurde. In einer Bank in der Nähe dieses Hinterhofs hatte der Dieb mit der ebenfalls gestohlenen Kreditkarte Geld abgehoben. Als sich Capillaros Freund beim Personal der Bank erkundigte, wie dies ohne Angabe der Personalien möglich sei, entdeckte er den Ort.

Für eine Nachtaufnahme des Hamburger Hafenpanoramas mußte er einen Küster überreden, von seinem Kirchturm aus Bilder machen zu dürfen. In der Turmspitze einer anderen Hamburger Kirche hat er mit dem Küster zu später Stunde sogar Wein getrunken - die Kunst fordert ihre Opfer!

Um mit seiner teuren Ausrüstung nicht ausgeraubt zu werden, packt Capillaro die Kamerautensilien in die ältesten Sporttaschen und Rucksäcke, die daheim auffindbar sind. Das Stativ findet in einem Seesack Platz. Bekleidet mit alten Marine- oder Pelzmänteln, behangen mit seltsam häßlichen Taschen sowie Ruck- und Seesäcken, fühlt er sich nicht selten wie ein Clochard - eine Strategie, die aufgeht.

Nur die Zeit verstreicht

Capillaros Bilder präsentieren sich auf ungewohnten Lang- und Querformaten von ein bis fünf Metern Länge und stellen gleichsam einen zu einem Bild komponierten Filmabschnitt dar. Man hat nun in einem Blickfeld, was man in natura nur in vielen verschiedenen Blickrichtungen sehen kann. Daraus entwickelt sich eine eigene Betrachtungsdynamik: Man geht nicht nur an diesen Bildern vorbei und schaut auf sie, sondern man verweilt lange, ohne zu merken, wie die Zeit verstreicht, in dem Bestreben, das Bild, den Entstehungsprozeß und den Blickwinkel der Aufnahme zu verstehen. Nach einiger Betrachtung stellt sich nicht selten die Frage, ob das Bild, gedreht um neunzig oder einhundertachtzig Grad, nicht in sich stimmiger wäre.

Capillaro vermag seine eigene Sicht der ihn umgebenden Wirklichkeit in eine neue und ungewohnte Darstellung umzusetzen und anderen diese Betrachtungsweise zu vermitteln. "Manchmal begreife ich den Ort und die Gegenstände, die ich fotografiere, als eine formbare Masse, aus der ich mit meiner Kamera und besonderen Einstellungen gleichsam eine eigene Skulptur forme." Das fesselnde Element in Capillaros Bildern besteht nicht zuletzt darin, daß Perspektiven fotografiert werden, die so eigentlich gar nicht festzuhalten sind, und dies ohne den Einsatz von digitaler Technik: Eine auf einem Motor montierte analoge Kamera ermöglicht diese Art der Fotografie.

Durch eine angepaßte Blende, eine lange Belichtungszeit und die kontinuierliche Rotation der Kamera entstehen Bilder mit einem Blickwinkel von teilweise über dreihundertsechzig Grad. Es sind Fotografien, bei denen oben und unten, rechts und links, nah und fern auf einer Leinwand dargestellt werden. Häufig ist sich der Betrachter nicht sicher, ob er vor einer Fotografie oder vor einem Gemälde steht. Denn Capillaro möchte seine Werke nicht wie hinter Glas ausstellen, da ihm diese Art der Darstellung den Bildern nicht angemessen erscheint. Fotografie, gedruckt auf Leinwand, ist sein Konzept.

Ein Künstler stellt in seinen Werken auch immer ein wenig sich selbst und sein Gefühlsleben dar. Capillaro ist viel gereist und hat in verschiedenen Städten gelebt. Ein derartiges Leben bringt viele innere Schwankungen mit sich. Diese und die mit ihnen verbundene Zerrissenheit zwischen den verschiedenen Lebenswelten spiegeln sich in der Vielfalt seiner Bilder wider: Mal sieht der Betrachter sehr stimmungsvolle, romantische Bilder, in denen er sich verlieren kann und die ihn in eine andere, weit zurückliegende Zeit versetzen. Mal läuft einem ein Schauer über den Rücken, da man eine Geisterstadt vor sich sieht. Diesen Aufnahmen stehen wiederum futuristisch wirkende Bilder wie aus einer fernen Zukunft gegenüber, die zum Nachdenken anregen.

Hamburger Poster Galerie in den Großen Bleichen, bis zum 8. Mai 2005. Eintritt frei. Nähere Informationen unter www.capillaro.de

Quelle: F.A.Z., 21.04.2005, Nr. 92 / Seite R12
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