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Kreuzfahrt Auen vor Flußlandschaft

08.08.2005 ·  Die Donau ist ein grausamer Flußgott. Sie gibt und sie nimmt, sie fließt nicht, sie rinnt: Eine zauberhafte Kreuzfahrt von Passau nach Budapest, auf der man nicht weniger als die Langsamkeit entdecken kann.

Von Ilona Lehnart
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Im nachhinein verlaufen die Gedächtnisströme gerade so wie die Donau zwischen Passau und Wien, wo sie allerdings ordentlich begradigt und eigentlich etwas langweilig wird. Gespeichert sind vor allem die Landschaftsbilder, wie sie am weit geöffneten Kabinenfenster bilderbogenartig vorüberfliegen: Berge, Täler, Dörfer, Burgen, Schlösser. Dann und wann, zwischen den Hügeln, ein Friedhof für die Namenlosen, die der Strom am nahen Wehr freigegeben hat. Bei Dunkelheit das gespenstische Notturno künstlich beleuchteter Schleusengiganten und Kraftwerke.

„Zauberisch“ nannte der neunzehnjährige Donaureisende Joseph von Eichendorff um 1807 die Flußlandschaft bei Linz. Heute ist Linz vornehmlich bei Nacht zauberisch, wenn die illuminierten Kräne, Schlote und Gasometer der Voest-Werke ein filigranes Netzwerk von Linien und Zeichen bilden.

Sieben Staustufen bis Wien

So innig, wie sich zwischen Passau und Budapest Kunst und Natur verbinden, so innig verbindet sich - über 577 Flußkilometer - das Schöne mit dem Nützlichen. Immer da, wo sich der Strom zu einem See weitet, dessen Wellen spielerisch gegen die Uferböschung schlagen, ist die nächste Staustufe nicht fern. Sieben sind es bis Wien. Sie stauen das Wasser über dreißig bis vierzig Kilometer hinweg auf und verringern die Fließgeschwindigkeit des Stromes.

Denn was auch immer in der Donau treibt: in einer Stunde hat die Strömung es zehn Kilometer weit mit sich gerissen. Richtung Südosten. Ins alte kakanische Imperium und ins noch ältere Pannonien, wo die Römer vor zweitausend Jahren ihre Grenzpfosten frech in die Flußauen Illyriens setzten.

Ein wenig füllig um den Schiffsbauch

Aber noch hat unser Schiff nicht einmal abgelegt. Noch liegt die „A-Rosa Donna“ in der Mittagssonne am Passauer Donaukai. Den schlanken Bug, dem man einen erotisch geschürzten Kußmund samt roter Rose aufgemalt hat, richtet sie flußaufwärts, Richtung Regensburg, als sei sie auf „Bergfahrt“. Trotz ihrer Länge von 124,5 Metern wirkt sie mit 14,4 Meter Breite um den Schiffsbauch herum ein wenig füllig.

Das mag daran liegen, daß sie mit ihren vier Decks nur knapp sieben Meter aus dem Wasser ragt. Ein beruhigender Gedanke, denn die Donau ist nur sechs Meter tief, und das Sonnendeck mit der Sektbar und dem „Erlebnispool“ wäre nicht die unangenehmste Rettungsinsel.

Reisestaub und Müdigkeit

Immer wieder sonntags wartet die „A-Rosa Donna“ auf die Ankunft des ICE 91 aus Hamburg. Auf dem Weg nach Wien lädt der Zug pünktlich um 14.35 Uhr in Passau all jene Reisenden ab, die sich mit dem Schildchen der Reederei am Handgepäck als vorübergehende Schicksalsgemeinschaft fühlen dürfen. Auf ihren Gesichtern liegen noch Reisestaub und Müdigkeit.

Hastig wühlen sie sich durch das Gedränge auf dem Bahnsteig. Erst im klimatisierten Bus entspannen sich die erhitzten Gesichter. Auf der kurzen Fahrt zur Anlegestelle kommt Stimmung auf. Man begreift, daß sogar die Witze des Busfahrers im Kalkül des „Rundum-sorglos-Programms“ ihren Platz haben.

Der „Wohlfühl-Urlaub“ beginnt am Anlegesteg

Zum Vorspiel einer Kreuzfahrt gehört ja die Suggestion von streßfreier Alltagsentrücktheit. Eine Illusion vom Glück, der seitens des Reiseveranstalters - der in Rostock ansässigen Arkona AG - mit akribisch ausgefeilter Logistik Vorschub geleistet wird. Der „Wohlfühl-Urlaub“ beginnt nicht etwa erst am Buffet, sondern unmittelbar am Anlegesteg, wo ein Offizier in elegantem Marineblau bella figura macht und jedem Ankommenden eine rote Rose überreicht.

Von der Seniorin - die älteste ist eine quicklebendige Dreiundneunzigjährige - bis zum Hochzeitspärchen. Und siehe da: In der Kabine, die uns mit warmen Ocker- und Karmesintönen in einen mediterranen Farbrausch versetzt, finden wir die passende Vase auf dem Tischchen direkt vor dem „französischen Balkon“. An alles ist gedacht. Die Rose muß nicht in den Zahnbecher.

Entdeckung der Langsamkeit

Von einer Schiffsreise heißt es, man entdecke die Langsamkeit. Als sei Geschwindigkeit nicht eine relative Kategorie. Mit 24 Stundenkilometern scheint die „A-Rosa Donna“ bei der Talfahrt - der Donauschiffer sagt „Naufahrt“ - mehr über die Donauwellen zu fliegen als zu schwimmen. Lautlos, bis auf das Rauschen der Bugwellen. Insgesamt 2174 Pferdestärken treiben die Bugstrahlruder an.

In umgekehrter Richtung, bergauf, gegen die Strömung, verliert die „A-Rosa Donna“ freilich an Fahrt und schafft nur sechzehn Kilometer in der Stunde. Wer möchte auch schon, daß die schönen Augenblicke an Bord so schnell vergehen?

Schwarze Wellen

Früher einmal, bevor die Dampfschiffahrt in Mode kam, mußten Treidelrösser die Schiffe bergauf ziehen. Bis zu sechzig Pferde schwitzten im Gespann, um ein schwer beladenes Lastschiff bei der „Hohenau“, so heißt die Bergfahrt, gegen die Strömung von der Stelle zu bewegen. Schneller schon kam man um 1835 mit dem Dampfschiff voran: „Die Räder rollen und schaufeln“, schrieb damals der Meininger Bibliothekar und Märchensammler Ludwig Bechstein, „die Landschaft bewegt sich, die Gefilde fliegen vorbei. Haben wir das Auge erst gewöhnt an das Ungewohnte des raschen Vorüberflutens, dann gelingt trotz aller Schnelle ein wohlgefälliges Betrachten.“

Wir aber schauen erst einmal vom Sonnendeck aus dem kapriziösen Ablegemanöver unseres Schiffes am Passauer Donaukai zu. Wie es rückwärts, mit dem Achterdeck, der Mitte des Stromes zuschnürt und uns mit einem „Rondo“ überrascht, einer Wendung um 180 Grad, exakt an dem Punkt, wo die gletschergrünen Wellen des Inn und die schwarzen Wellen der Ilz in die Donau münden und sie braun färben. Ein Schicksalsfluß nicht nur der Nibelungen und der k. u. k. Monarchie. Auch das Städtchen Braunau liegt nahebei, im Innviertel.

K. u. K der Lustreisen

Im Passauer Tal frischt der Wind auf, und noch bevor die Donau nach fünfzehn Flußkilometern österreichisch wird, überlassen wir sie ihren Schlingen und Schleifen und betrachten die bewaldete Höhenlandschaft vom Panoramafenster des Speisesaals aus. Schnell lernen wir, daß an Bord der „A-Rosa Donna“ das „k. u. k.“ der Doppelmonarchie groß geschrieben wird, gleichsam mit Kunst und Kulinarik zum „K. u. K“ der Lustreisen wird.

Die Kunst als geschmacksnervenanregendes Hors d'OEuvre, das der Donauraum zwischen Passau und Budapest freizügig auf dem Silbertablett serviert; die Kulinarik aber als verführerische Vollstreckerin des „Verwöhn-Urlaubs“. Mit zarten Bodenseefelchen an Dill-Zitronen-Buttersoße, Kalbsfleischpflanzerln mit cremigem Gurkensalat, Steirischer Kürbiscremesuppe oder Carpaccio mit Trüffelöl und Parmesan reklamiert sie auf charmant-subversive Weise ihre artistische Gleichrangigkeit.

Um halb sechs auf dem Sonnendeck

Nein, mehr als zwei Gläser vom Grünen Veltliner sollten es am ersten Abend nicht sein. Ein bißchen Bingo noch in der Lounge, ein paar Oldies, getanzt in der Disco, dann lockt das französische Bett in der Kabine. Wer die Wachau sehen will, wer erleben will, wie am rechten, dem südlichen Ufer, Stift Melk aus den Morgennebeln steigt und auf dem sonnenverwöhnten linken Ufer die Weinberge sanft gegen den Horizont ausschwingen, muß halb sechs auf dem Sonnendeck sein.

Ohnehin werden wir es bald wieder räumen müssen. Verdächtige Betriebsamkeit der Nautiker unter den 49 Besatzungsmitgliedern kündigt die nächste Donaubrücke an. Alles, was nur irgendwie beweglich ist, wird in die Horizontale gelegt, alle Deckaufbauten, von der Reling, den Sonnenschirmen und Liegestühlen bis zur hydraulisch versenkbaren Kommandobrücke, duckt sich unter den filigranen Bögen eines eisernen Viadukts hindurch.

Gleich drei Tücken

Gegen Mittag legen wir in Wien an. Aber Wien kehrt uns den Rücken zu, ganz anders als Bratislava oder Budapest, die ihre schönen Seiten großzügig am Flußufer auffächern. In der Nacht hat unser Schiff die „Schlögener Schlinge“ passiert, wo die Donau zu einem eleganten Doppelbogen ansetzt. Danach die „Linzer Pforte“ und den „Strudengau“ mit dem Städtchen Grein - eine der schönsten Landschaftspartien überhaupt.

Früher, bevor die Staustufe Ybbs kilometerweit das Wasser staute, eine böse verrufene Flußstrecke, lauerten doch bei Grein gleich drei Tücken auf den Schiffer: der „Strudel“, der „Wirbel“ und der „Schwall“. Am Haustein-Felsen soll schon Maria-Theresia gezittert haben, und beinahe wäre an ihm die kaiserliche Yacht zerschellt, auf der die junge „Sissi“ 1854 auf Brautfahrt nach Wien reiste. Ihr fürsorglicher Gemahl ließ den Felsen sprengen.

Grausamer Flußgott

Mehr dieser anekdotischen Einsprengsel kann man der amüsanten „Literarischen Donaureise“ (Verlag Klett-Cotta) von Bernhard Setzwein entnehmen. Der schmale Band wird an Bord zum unentbehrlichen Vademecum, belebt er doch die Donau-Szenerie mit bekanntem Personal, von Hans Carossa über Adalbert Stifter, Rainer Kunze, Gertrud Fussenegger, August Strindberg, Alfred Kubin und Egon Schiele bis hin zu Peter Eszterhazy. Unglückliche Käuze darunter. Stifter brachte sich in Linz um. Strindberg haßte die bildschöne Gegend um Dornbach so sehr, daß er ohne Frau und Kind Hals über Kopf nach Paris flüchtete.

Die Donau interessiert sich nicht für Schicksale. Sie ist ein grausamer Flußgott: Sie gibt und sie nimmt. Sie fließt nicht, sie rinnt, sagt der Schiffer. Ihre Mimikry ist perfekt. Sie paßt sich der Natur an, was Stifter und Strindberg wohl nicht konnten. Wenn der Himmel grau ist, wie in Wien, färbt sie sich grau. Und wenn er blau ist, wie in Budapest, wird sie halt blau. Und wenn die Leute singen: „Es wird ein Wein sein, und wir werden nimmer sein“, rinnt sie trotzdem weiter. Von Wien aus über fünfzig waldumsäumte Flußkilometer der slowakischen Grenze entgegen, Richtung Bratislava zu, dem früheren Preßburg.

Richtung Schwarzes Meer

Heute ist es die junge Hauptstadt der Slowakei, mit der Burg hoch über dem Fluß und den schön restaurierten Adelspalästen in der Altstadt, wo man sich in Verona glaubt. Glückliche Zeitläufte: Lautlos schnürt die „A-Rosa Donna“ über Grenzen. Erst die slowakische, dann die ungarische. Kein Stacheldraht mehr an den Ausläufern der Karpaten. In Esztergom, wo unser Schiff frühmorgens anlegt, ist der Himmel über dem riesigen Kuppeldom ungarisch - ungeteilt und einfach nur schön.

Am Frühstücksbuffet gleiten wir in das Reich Attilas hinüber. Sportiv, wie der Dresscode an Bord es für den „Wohlfühl-Urlaub“ empfiehlt. Über Würsteln und Rührei fällt uns Hölderlin ein. Der hatte den alten Dualismus vom „germanischen Rhein“ und der „asiatischen“ Donau im Sinn. Gewiß ist: Vom sanft gewundenen „Donauknie“ ab, wo sich der ostwärts fließende Strom entschließt, in die Breite zu gehen und nach Süden zu „rinnen“, Richtung Schwarzes Meer, beginnt etwas Neues.

Halb Buda, halb Pest

Was auch immer es sei, kümmert in Budapest keinen. Die „Perle“ der Donau empfängt die deutschen Landgänger mit der Gleichgültigkeit einer Metropole, die nichts dagegen hat, ihre Schönheiten vor fremden Digitalkameras auszubreiten. Schiffe kommen und gehen. Die Stadt bleibt, was sie ist: halb Buda, halb Pest. Oder, wenn man so will, halb Wien, halb Paris, und in verblassenden Spuren moskowitisch.

Und die Budapester, die uns von den Brücken herunter zuwinken, wissen: Für uns beginnt jetzt die „Bergfahrt“, zurück nach Passau. Die Donau aber rinnt weiter, rinnt und rinnt, durch den Balkan, bis zum Schwarzen Meer.

Unterwegs auf der Donau

Mit der „A-Rosa Donna“ von Arosa kann man im November und Dezember die Donau erkunden, etwa auf einer viertägigen Reise von Passau nach Linz und Wien und zurück (ab 299 Euro pro Person in der Doppelkabine, auch über die Advents- und Weihnachtstage).

Die siebentägige Silvesterreise führt von Passau über Wien und Bratislava nach Budapest und zurück (ab 1099 Euro).

Informationen über diese und aktuelle Reisen im Reisebüro, unter der Hotline 01803/527672 (9 Cent/Min.) oder www.arosa.de.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 07.08.2005, Nr. 31 / Seite V1
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