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Königliche Sommerfrische Für Luise

28.05.2010 ·  In Paretz richteten sich Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise von Preußen ihr Schloss Still-im-Land ein, das als vorbildliches Landgut sogar Geld abwarf.

Von Gundula Werger
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Für die Berliner ist Paretz ein Biotop. Pferde grasen auf den Havelwiesen. Wildenten dümpeln in schilfgesäumten Sümpfen. In weitläufigen Parks, unter alten Bäumen, kann man sich von der Großstadt erholen und den Anblick des restaurierten klassizistischen Schlosses genießen. Als wir den Ort erreichen, schreiten zwei Pferde samt Reiter und großen Hunden gemächlich die Dorfstraße entlang, die mit schönem neuen Pflaster befestigt ist. Für einen Moment unterbricht das Hufeklacken die Stille des Sonntagnachmittags.

Etliche Reiterhöfe haben sich im Dorf niedergelassen, erzählt Herr Keil, der seit fast fünfzig Jahren in Paretz lebt. Sechzig Pferde gebe es mittlerweile, das seien zu viele für die Weiden, die nun "verbinsen" würden. Und die Parkanlagen, die verwilderten zusehends; die Schlösserstiftung schicke zwar ab und zu ein paar Gärtner, die aber seien mit den Potsdamer Anlagen schon überfordert. In der DDR hatte man eine eigene Pflegetechnik für die drei englischen Landschaftsparks entwickelt, die das ehemalige königliche Musterdorf Paretz umschließen. Für die Liegenschaften waren nicht nur die siebzig Landarbeiter des Volkseigenen Gutes zuständig, sondern auch die vierhundert Mitarbeiter der Tierzuchtleitstelle, die im Schloss saß: Vom Hausmeister bis zum Direktor musste jeder fünfundzwanzig Stunden jeweils im Frühjahr und im Herbst in den Parks arbeiten: rechen, harken, mähen.

Verwaltete Schweine

Die Berliner kommen für ein paar Stunden und sind am Abend wieder fort. Für Einheimische, sagt Herr Keil, sei der Zustand der Grünanlagen dagegen nichts anderes als eine "verwahrloste Wirtschaft". Zwanzig Jahre sind seit der Wende vergangen. Es werde wohl noch einmal so lange dauern, bis das Dorf seinen eigenen Rhythmus gefunden habe.

Hans-Wolfgang Keil ist in einem Pfarrhaus aufgewachsen, hat Landwirtschaft und Bauwesen studiert und von 1964 bis 1990 in der VVB Tierzucht gearbeitet. Die Buchstabenkombination steht für Vereinigung Volkseigener Betriebe. Sie unterhielt etwa Betriebe zur Vatertierhaltung und Besamungsstationen, und sie kontrollierte die Auftragsabwicklung von biotechnischen Verfahren, die in Spezialbetrieben erprobt wurden - sowie deren Im- und Export. Da er nie der SED angehört habe, sei er kaum geklettert, sagt Herr Keil und meint seine Karriere. Immerhin leitete er schließlich die Abteilung Schweinezucht, die, was die Zyklussteuerung der Tiere von der Ovulation bis zur Schlachtreife angegangen sei, zur Weltspitze gehört habe. Weil in Bonn das westdeutsche Pendant saß, aber nur eine einzige Tierzuchtleitung gebraucht wurde, löste die Treuhand die VVB auf. Die von der Treuhand gegründete Agromax zog ins Schloss, um die Volkseigenen Güter, die an der VVB gehangen hatten, abzuwickeln. Zuletzt löste Agromax sich selbst auf.

Fontane war mehrmals nach Paretz gewandert. Im Frühjahr 1861. Im August und im November 1869 sowie im Mai 1870. Über Nauen, über Uetz. Als er von einem Gewitter überrascht wurde, übernachtete er im Planteur-Haus. Der Hofgärtner war für Führungen zuständig. Am Morgen öffnete er die Fenster des Schlosses: "Das Dunstige und Trübselige, das sonst in solchen Räumen zu Hause ist, es war wie ausgefegt; Licht macht wohnlich, alles schien bereit; es war, als solle das schöne königliche Paar, das hier vor siebzig Jahren lebte und lachte, jeden Augenblick wieder seinen Einzug halten." Friedrich Wilhelm III. hatte verfügt, dass in den Räumen, in denen er mit seiner mit Mitte dreißig viel zu früh verstorbenen Luise unbeschwerte Sommertage verlebt hatte, nichts verändert werden dürfe. Seine Nachkommen besuchten den Landsitz selten; nur Prinz Heinrich, der Bruder Kaiser Wilhelms II., hielt sich zeitweise darin auf.

Begeisterter Fontane

Bis zur Wende hatte außer den Mitarbeitern der VVB niemand Zutritt zum weiträumig umzäunten Schloss und dem dahinter liegenden Park. Durch grauen Putz entstellt und mit einem breiten Eingang aus Holz und Glas versehen, wodurch der Mittelrisalit unkenntlich wurde, erinnerte das ehemalige Hohenzollernschloss an Kulturhausbauten der frühen DDR. Heute kommt die Fassade wieder in den originalen Sand- und Ockerfarben daher; Treppe und Portal werden wieder von einem bogenförmigen Fenster überwölbt und auf jeder Seite von einer Steinbank und einer Pappel flankiert. Das nur anderthalb Stockwerke hohe Gebäude ist vollkommen symmetrisch. Den tiefen Fenstern im Gartengeschoss sitzen jeweils kleine Fensterquader im Obergeschoss auf. Weitere Schmuckelemente fehlen, was die Außengestaltung betrifft. "Nur immer denken, dass Sie für einen armen Gutsherrn bauen", soll der König seinen Oberbaurat David Gilly angewiesen haben, der Schloss und Dorf als frühklassizistische Anlage von 1797 an gemeinsam mit seinem Sohn Friedrich ausführen ließ.

Auf dem Vorplatz umkreisen wieder Pappeln ein "Bowling Green"; ein flotter Ausdruck Fontanes. Von gegenüber grüßt die anmutige, von ihrem Ursprung her romanische und von David Gilly neugotisch überformte Kirche - ein Staffagebau, wie er in englischen Gärten üblich war, der in einer neogotischen Schmiede, heute Gaststätte, seine Entsprechung fand. Aber die Kirche lebt, sie ist von morgens bis abends geöffnet. Herr Keil zieht eigenhändig das Seil, wenn alle zwei, drei Wochen zur Andacht geläutet wird oder ein Gastpfarrer predigt. Zwanzig Jahre lang hat er im Auftrag des Gemeindekirchenrates die Wiederherstellung der Kirche überwacht, die immer vom Schloss unabhängig gewesen ist und zur Gemeinde Ketzin gehört. Aufträge wurden an Handwerker aus der Umgebung vergeben. Am Ende ist ein Meisterwerk der Restaurierung zu bewundern: Die Gilly'sche Ausmalung, reine Illusionskunst, wurde freigelegt und ergänzt: Säulen, Bögen, Lisenen sind nichts als Malerei. Frau Keil schmückt Altar und Kanzel mit Blumen aus dem eigenen Garten.

Fontane beschrieb das Verhältnis von Kirche und Schloss so: "Wieviel Anheimelndes in dieser gotischen Formenfülle, in diesem Reichtum von Details, und wieviel Erkältendes in dieser bloß durchfensterten Fläche, die sich nirgends zu einem Ornament erhebt! Eine indifferente Alltagsschönheit, die den Dünkel hat, keinen Schmuck tragen zu wollen. Erst die Phantasie, die geschichtskundig das Schloss mit Leben und Gestalten füllt, macht es uns lieb und wert, hebt über den ersten Eindruck der Nüchternheit hinweg."

Verehrte Königin

Im Schloss wurden Besucher für eine Führung erwartet. Zwei Hofdamen in Kostümen der Luisenzeit würden die Kleider der Königin und ihr Klavier sowie ihr ständiges Zuspätkommen kommentieren. Allzumenschliches eben. Hofmarschall von Massow, der die Gestaltung der Paretzer Anlage beaufsichtigt und zuvor schon für sich selbst ein ähnliches Mustergut aufgezogen hatte, hatte das Klavier in London gekauft. 1945 war es als Beutegut in die Sowjetunion verfrachtet, aber schon 1958 zurückerstattet worden; es landete im Potsdamer Depot und steht nun wieder im Wohnzimmer der Königin. Wir steigen hinauf ins Mezzanin, über die elegante Holztreppe, die als einziger Teil der Inneneinrichtung immer am gleichen Platz geblieben ist. Allzweckmöbel signalisieren, dass man im Verwaltungstrakt ist.

Kastellan Matthias Marr, Pfarrerssohn und Buchhändler aus Thüringen, der sich seit der Wende mit Leib und Seele dem Projekt Paretz widmet, diktierte streng, was er sagen wollte. Anfang der achtziger Jahre war er zum ersten Mal nach Paretz gekommen, war vom legendären Ruhestandspfarrer Koch empfangen worden, einem Balten, der bereit war, denen, die sich ins Dorf verirrten, vom Schloss zu erzählen. Die Hohenzollern wurden im Ort totgeschwiegen. Nur einige alte Damen, die dem Bund Königin Luise angehört hatten, dem weiblichen Pendant zum Stahlhelm, trafen sich gelegentlich zum Kaffeekränzchen und trugen dabei heimlich ihre Broschen mit dem Bildnis der Königin.

Königin Luise, die ihre Kinder liebte wie ihren Mann und die Napoleon vergeblich um milde Friedensbedingungen gebeten hatte, verkörperte in der DDR das Böse schlechthin. Luises ältester Sohn, der spätere König Friedrich Wilhelm IV., hatte die ihm von den Abgeordneten der Paulskirche angetragene Kaiserkrone abgelehnt; Luises Zweitältester Wilhelm, ihr Enkel und ihr Urenkel stellten die Kaiser des Zweiten Deutschen Reiches. Wilhelm I. förderte die madonnengleiche Verehrung seiner Mutter. Zugleich wurde die Erinnerung an Luise, wie schon während der Befreiungskriege, für antifranzösische Ressentiments instrumentalisiert.

Gerettete Tapeten

Matthias Marr hatte 1990 den Verein historisches Paretz ins Leben gerufen und allerlei Prominenz aus West-Berlin und der alten Bundesrepublik für das klassizistische Gesamtkunstwerk zu begeistern gewusst. Aber es sei "ein Kampf" gewesen, sagt Marr, ein jahrelanger Kampf, aus dem völlig verbauten Behördenbau wieder ein Schloss zu machen. Bevor die VVB eingezogen war, saß im Schloss eine Bauernhochschule. Türen, Fenster, Fußböden hatte man ausgetauscht, die Möbel waren ohnehin in den Nachkriegswirren verlorengegangen. Nach jahrelangem Hin und Her kaufte das Land Brandenburg das Gebäude und unterstellte es der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Der Rückbau des Landsitzes zog sich bis zum Herbst 2001 hin. Die nach Gillys Skizzenbuch - es wurde im Archiv der VVB gefunden - wieder maßstabgetreu eingezogenen Salons sind seitdem für jedermann zugänglich. Möbel wurden aus anderen Schlössern besorgt. Bewundert werden können außerdem eine Reihe von Prunkkutschen, Sänften und Rennschlitten sowie die Gartenkalesche Friedrichs II. und ein Orangerietransportwagen, was nicht zuletzt der schönen Begriffe wegen erwähnt sei.

Die Tapeten sind der Schatz von Paretz. Wer sich ihrer Malerei anvertraut, kann im Landschaftszimmer sitzen wie in einem Pavillon, kann auf die Pfaueninsel schauen oder auf den Heiligen See. Im Gartensaal wuchern Vogelbeeren, Lilien und Farne, zwischen denen allerlei Vögel flattern. Oder sind die zu groß geratenen Singvögel der Phantasie entsprungen? Bei den Plünderungen des Schlosses hatte man die Tapeten nicht beachtet. Als das Schloss Bauernhochschule wurde, löste man sie vorsichtig ab und lagerte sie in Sanssouci ein. Eine Stiftung finanzierte die Restaurierung. Tiefe Fenster gehen hinaus auf den Schlossgarten, den ein kaum sichtbarer Graben von den Weiden trennt, die bis zur Havel reichen, so dass sich der Eindruck einer natürlichen und dennoch durch Schloss und Dorf geprägten Landschaft ergibt.

Lustige Tänze

Sechs, manchmal acht Sommerwochen verlebten Friedrich Wilhelm und Luise zwischen 1799 und 1805 in Schloss Still- im-Land, wie Eingeweihte den Landsitz nannten und dessen Abgeschiedenheit mit Bedacht gewählt war. Nach dem Tod Luises am 19. Juli 1810 in Hohenzieritz reiste der König allein an. "Die Familie und die Stille waren der Zauber von Paretz", schreibt Fontane. Die Kinder waren selten dabei, korrigiert Marr. Sie wurden, anders als die Legende es will, von Erziehern und nicht von der Königin betreut.

Das Königspaar verbrachte die Vormittage nach eigenem Gusto, um an den späten Nachmittagen Gäste zu empfangen. Bedienstete wurden in den Giebelstuben der Bauernhäuser untergebracht. Ein Amtmann, der das Gut verwaltete, hatte sein eigenes Wohnhaus; es versteckt sich noch unter grauem Putz.

Vater und Sohn Gilly setzten die von der Aufklärung geprägte neue Landbaukunst in Preußen um. Paretz war ein Musterdorf, das nicht nur dem Vergnügen diente, sondern auch Erträge abwarf. Die Häuser der Bauern waren sorgfältig geplant; selbst an den Scheunen finden sich verblendete Rundfenster und Fledermausgauben. Am Ende eines Sommers wurde das Erntefest gefeiert. General von Köckritz berichtete: "Die Königin mischte sich in die lustigen Tänze. Hier waren Freiheit und Gleichheit; ich selbst, trotz meiner fünfundfünfzig Jahre, tanzte mit." Der Geschichtsverein hat für eine Wiederbelebung des Volksfestes gesorgt.

Königliche Kleider

Zum hochadligen Lebensstil um 1800 gehörte es, mehrere Wohnsitze nebeneinander zu nutzen. Die Vorgänger hatten dem militärisch eher nicht auftrumpfen wollenden Friedrich Wilhelm III. eine Reihe von Schlössern in Berlin, in Charlottenburg, in Potsdam hinterlassen. Paretz bricht mit der barocken Tradition; es trägt am deutlichsten die Handschrift des Königs. Dieser setzte sich vom verschwenderischen Lebensstil des Vaters der Beziehungen zu vielen Frauen gepflegt hatte, ab und schöpfte aus einem intakten Familienleben Kraft. Diese Absetzbewegung sollte man jedoch nicht als bürgerlichen Lebensstil missverstehen, wie er gern der Schlichtheit von Paretz unterstellt wird. In Paretz bündeln sich Einflüsse der Aufklärung, der Revolutionszeit und der Romantik. Das Bürgertum griff die vom Adel erprobte Art zu wohnen auf, um sie auf die eigenen Bedürfnisse herunterzubrechen.

Wir erklimmen den aufgeschütteten Hügel im Schlosspark. Marr deutet auf einen Mauerzug, der sich im Gras abzeichnete. Das sei die Oberkante des kleinen Tempels, der in den Hügel eingeschnitten gewesen war. König Friedrich Wilhelm hatte den Staffagebau mit einer Gedenktafel für Luise versehen lassen. In seinem Testament hatte er angeordnet, dass künftig auch seiner dort gedacht werde. Seine Kinder sollen sich daran gehalten haben. Aber in den sechziger Jahren hat man mit einem Bulldozer das Tempelchen, eine Grotte, in der Luise ihren Mann erwartet hatte, wenn der aus Potsdam zurückkehrte, sowie ein japanisches Teehaus niedergewalzt.

Fontanes Feuilleton erschien 1871 und im Jahr darauf als Buchkapitel in den "Wanderungen durch die Mark Brandenburg". Danach machten sich Touristen auf den Weg. Der stetig anschwellende Besucherstrom ging nur während des Ersten Weltkriegs zurück. In den zwanziger und dreißiger Jahren liefen an Sonntagen bis zu sechs Dampfer die Anlegestelle an der Havel an, wogegen es heute höchstens einer pro Woche ist. Zehn Gastwirtschaften wurden zeitweise von Ausflüglern bevölkert; heute hat eine einzige geöffnet. Fontane konnte in der Kirche noch das blaugrundige, mit Silberfäden durchwirkte Tuch betrachten, das Luise bei ihrem letzten Besuch, am 10. Mai 1810, getragen hatte und das der König nach ihrem Tod auf den Altar der Kirche auflegen ließ, bis es mürbe geworden war und in einem italienischen Reliquienkasten aufbewahrt wurde. Kasten und Tuch werden Bestandteil der Ausstellung "Die Kleider der Königin" sein, die Ende Juli im Schloss inszeniert wird. Nicht nur hochadliges Wohnen kann dann in Paretz nachvollzogen werden; man wird auch - im Luisenjahr, zweihundert Jahre nach dem Tod der Königin - Luises Modebewusstsein und das anderer Königinnen und Prinzessinnen in Europa um 1800 studieren können.

Der Protestant Fontane hatte sich unbehaglich gefühlt, als er Schadows Luisen- Apotheose - die Königin entschwebt in einem Empirekleid - in der Kirche sah. "Kunstmengerei und Religionsmengerei", befand er. Das Planteur-Haus, in dem er übernachtet hatte, wurde vorbildlich restauriert. Es gehört dem Mühlenverband, der eine Dependance suchte, als die Bonner nach Berlin gingen.

Information: Schloss Paretz, Parkring 1, 14665 Ketzin, Telefon: 033233/73611. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Die Ausstellung „Luise. Die Kleider der Königin“ ist vom 31. Juli bis 31. Oktober 2010 zu sehen. Information im Internet unter: www.spsg.de/LUISE. Anfahrt ab Potsdam Hauptbahnhof mit der Havelbuslinie 614 bis Paretz. Für den Unterhalt der Kirche werden noch Zustifter gesucht, die sich der Prinzessin Elisabeth von Sachsen-Altenburg-Stiftung anschließen können. Sie ist unter dem Dach der Deutschen Stiftung Denkmalschutz angesiedelt.

Quelle: F.A.Z.
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