05.09.2010 · Klettersteige erleben seit einigen Jahren einen Boom, jedes Jahr werden neue Eisenwege in den Fels gedrillt. Doch gefahrlos ist das Komfortklettern nicht: Bei Stürzen in Klettersteigen wirken höhere Kräfte als bei solchen in Kletterrouten.
Von Stephanie GeigerWenn sich im Sporthaus Schuster, inmitten der Münchner Innenstadt, eine Gruppe auf den Weg macht über Leitern und Brücken vom Keller sechs Stockwerke hinauf ins Dachgeschoss, dann sind ihnen die bewundernden Blicke der Schaulustigen sicher. Klettersteige erleben seit einigen Jahren einen Boom. „Vor allem ambitionierte Wanderer, die sich in spannenderes Gelände vorwagen wollen, sich aber das freie Klettern am Fels nicht zutrauen, zieht es in Klettersteige“, erklärt Thomas Bucher vom Deutschen Alpenverein (DAV) die Entwicklung.
Der Vorteil: Im Klettersteig sind die Risiken übersichtlich. Verlaufen kann sich dort niemand. Ein Stahlseil gibt die Route vor. Mit den modernen Klettersteigsets, die nur in den Klettergurt eingefädelt werden müssen, kann praktisch nichts mehr falsch gemacht werden. Und weil die neuen Steige meist in Talnähe entstehen, locken schnelle Felstouren nach der Arbeit.
„Begehung nur auf eigene Gefahr!“
Von Bergbahnbetreibern, Tourismusverbänden, Herstellern von Bergsportausrüstung, alpinen Vereinen und selbst von der Europäischen Union finanziert, werden in den Alpen jedes Jahr neue Eisenwege in den Fels gedrillt. Im vergangenen Jahr waren es allein in Österreich zwanzig neue. Die Dachsteinregion protzt seit Mitte Juli mit einem Rekordklettersteig über 1200 Höhenmeter. Der größte Höhenunterschied in den nördlichen Alpen.
In Garmisch-Partenkirchen investierte die Bayerische Zugspitz-bahn (BZB) im vergangenen Jahr 50.000 Euro in den Mauerläufersteig. „Schwierigkeitsgrad D. Achtung Steinschlaggefahr! Begehung nur auf eigene Gefahr!“ steht am Fuß der Bernadeinwand auf einer Tafel zu lesen. Die Warnung ist ernst gemeint. Der Mauerläufersteig ist einer der schwierigsten Klettersteige in Deutschland.
Das Ziel ist der Klettersteig selbst
Dass er für erfahrene Klettersteiggeher gebaut wurde, zeigen schon die ersten Meter. Senkrecht weist das Seil nach oben. Viel technisches Können braucht es dazu nicht. Sich mit den Händen am Stahlseil festklammern, die Beine gegen die Felsen drücken und sich so Schritt für Schritt nach oben vorarbeiten, das genügt an dieser Stelle. Vor allem braucht man Kraft in den Armen. 250 Meter führt der Mauerläufer meist senkrecht die Wand hinauf. 400 Meter ist der Steig insgesamt lang. Regelmäßig wird eine kurze Pause eingelegt, an den Stahlankern, die das Seil halten. Dort muss die Klettersteigselbstsicherung umgehängt werden. Der Rekord liegt bei vierzig Minuten. Wer ein normales Tempo anlegt, sollte mit drei Stunden rechnen. Dabei ist nicht ein Gipfel das Ziel. Das Ziel ist der Klettersteig selbst.
Das war früher anders. Seit es Menschen in die Berge zieht, bauen sie auch Klettersteige. Als Friedrich Simony am 8. September 1842 zum ersten Mal auf dem Gipfel des Hohen Dachstein stand, war er so verärgert über die schwierigen Kletterpassagen, dass er, kaum zurück im Tal, nach Geldgebern suchte, um den Weg mit Eisenzapfen, Handhaken, eingemeißelten Tritten und einem Schiffstau zu sichern. Am 27. August 1843 war der, wenn man so will, erste Klettersteig fertig. 1869 folgte eine Seilsicherung am Großglockner, 1893 der erste Klettersteig auf die Zugspitze und 1894 südlich von Wien der noch heute äußerst beliebte Teufelsbadstubensteig auf die Rax.
„Fun-Klettersteig“
Doch warum soll man heute noch auf einen Gipfel klettern, wenn der „Fun-Klettersteig“ selbst den Nervenkitzel auf die Spitze treibt - mit spektakulären Seilbrücken, extrem ausgesetzten Passagen, unterirdischen Abschnitten, Seilrutschen und sogar Flutlicht. Der DAV fand das zunächst nicht lustig sondern nervig und widersetzte sich bis 2007 den neuen Superferratas.
Fast zehn Jahre hatte denn auch Sebastian Buchwieser, Bergführer und stellvertretender Vorsitzender der Alpenvereinssektion Garmisch-Partenkirchen, mit seiner Klettersteigidee nur geliebäugelt. 2008 begannen die konkreten Planungen für den Mauerläufersteig samt umfangreicher Abstimmung mit dem Naturschutz. Im Frühsommer 2009 liefen die Aggregate am Fuß der Bernadeinwand. Wegebauer Florian Dörfler und Bergführer Buchwieser verankerten vierhundert Meter Stahlseil an mehreren hundert Metallstiften im Fels. Während in den siebziger Jahren noch so viele Eisenstreben in die Senkrechte gerammt wurden, dass man auf seinem Weg nach Oben kaum mehr auf Fels treten muss, bestand der Ehrgeiz von Buchwieser darin, das natürliche Gelände möglichst gut zu nutzen.
Möglichst wenig Eisen, möglichst viel Fels
Ein abschreckendes Beispiel war Buchwieser die Ferrata auf die Alpspitze, gleich neben dem Bernadeinkopf. 1978 ließ die BZB in die Nordwand des markanten Gipfels einen Klettersteig bauen, den an schönen Wochenenden Heerscharen zum Aufstieg auf die Alpspitze nutzen. Bei der Alpspitz-Ferrata ist der Name Programm. Ein Weg aus Eisen wurde damals in den Fels geklopft. Das galt als schick.
Am Bernadeinkopf hat Sebastian Buchwieser mit dem Mauerläufersteig das Gegenprogramm entworfen. Möglichst wenig Eisen, möglichst viel Fels. Keine Klammern und Tritthilfen. Anhand eines Fotos hat Buchwieser über Bänder und Risse die optimale Route in die Felswand gelegt. „Gerade rauf kann jeder“, sagt er.
Verbot für den Bau weiterer Klettersteige gefordert
Was man bei so einem Fun-Klettersteig ohne Tritthilfen braucht, ist Klettertechnik. Die Alpenvereinssektionen, aber auch Bergsteigerschulen haben immer mehr Klettersteigangebote im Programm. In Berchtesgaden gibt es seit kurzem die erste Klettersteigschule Europas. „Die ständige Verbindung zum festen Stahlseil schenkt auf den ersten Blick Vertrauen. Vertrauen, das nicht selten dazu führt, dass Begeher von Klettersteigen sich überschätzen“, sagt Michael Grassl, der Präsident des Verbands deutscher Berg- und Skiführer und Initiator der Klettersteigschule. Und auch die ersten Kletterhallen reagieren auf die Nachfrage. In den Kursen lernen die Klettersteigaspiranten, wie sie mit der Ausrüstung umgehen müssen und wie sie sich und andere bei einem Sturz retten können.
Denn ganz ungefährlich sind auch Klettersteige nicht. Bei der rasanten Fahrt mit der Seilrutsche haben sich Freizeitkletterer schon oft das Sprunggelenk gebrochen. Und selbst der kurze Sturz ins Sicherungsseil kann schlimme Folgen haben. Bei Stürzen in Klettersteigen wirken höhere Kräfte als bei solchen in Kletterrouten. Weil sich Kletterseile bis zu vierzig Prozent dehnen, fangen sie den Gestürzten sanft auf. Klettersteigbegeher dagegen hängen mittels kurzer Seilverbindung an einem statischen Drahtseil.
Bergrettung in die Routenplanung einbezogen
Spezielle Klettersteigsets reduzieren den Fangstoß bei einem Sturz auf ein für Material und Körper erträgliches Maß. Selbstgebastelte Sicherungen aus Bandschlingen können dagegen wegen Verletzungen der Wirbelsäule oder Materialbruchs tödliche Folgen haben. Die vermeintliche Sicherheit durch das Stahlseil führt Bergsteiger teilweise in Routen, bei denen sie sich vollends überfordern. Unfälle kommen immer häufiger vor. Bei einigen Klettersteigen wurde deshalb die Bergrettung schon in die Routenplanung einbezogen.
Es gibt immer mehr Kritik an dem großen Trend zu immer mehr und immer schwereren Klettersteigen. In der Steiermark wird schon ein Verbot für den Bau weiterer Klettersteige gefordert. Am Fuß der Alpspitze überlegt man derzeit, ob man den Mauerläufer nicht als E klassifizieren soll. Der zweithöchste Schwierigkeitsgrad. Verdient hätte er es.