Home
http://www.faz.net/-gxi-siby
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kieler Woche Mausgrau ist die Farbe der Saison

24.06.2006 ·  Jeder Hobby-Tennisspieler will einmal in Wimbledon aufschlagen, jeder Triathlet sehnt sich nach Hawaii. Doch Segler wollen alle nur nach Kiel, um auf den Regattabahnen zur Kieler Woche um Ruhm und Ehre zu kämpfen.

Von Peter Franke
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (0)

Jeder Hobby-Tennisspieler träumt davon, einmal in Wimbledon aufzuschlagen. Straßen-Kicker phantasieren von einem gekonnten Dribbling im Stadion von Real Madrid, und Triathleten sehnen sich nach Hawaii. Der Segler aber wünscht nichts so sehr, wie auf den Regattabahnen der Kieler Förde um Ruhm und Ehre zu kämpfen - auf jenem Gewässer, auf dem schon fast alle Größen des Segelsports gekreuzt sind. Mehr als fünftausend Sportler aus fünfzig Nationen kommen jedes Jahr im Juni nach Kiel. Für die Weltelite ist die Regatta ein Pflichttermin. "Wer olympisches Gold holen will, muß bei der Kieler Woche siegen können", heißt es in der Seglergemeinde.

Die Geschichte der Kieler Woche begann am 23. Juni 1882 mit einer Freundschaftsregatta zwischen Hamburger Kaufleuten und den Schiffsbauern der Kieler Werften. Zwanzig Yachten trafen sich damals zum Segelwettstreit. Die Wettfahrt gewann schnell an Bedeutung und wurde erstmals zum internationalen Ereignis, als 1889 Kaiser Wilhelm II. mit seiner berühmten Yacht "Meteor" nach Kiel kam. Der Monarch errang in den folgenden Jahren manchen Sieg, er versetzte dabei aber immer wieder seine Mannschaft in helle Aufregung, sobald er beschloß, das Ruder selbst in die Hand zu nehmen. Bei aller Liebe für den Segelsport soll Seine Majestät ein miserabler Steuermann gewesen sein. Zum Ausgleich für seine fehlenden nautischen Fähigkeiten griff der Kaiser gerne in die imperiale Trickkiste und nutzte seinen Rang als Staatsoberhaupt aus. So ließ er sich etwa beim Start des öfteren von Torpedobooten eskortieren, deren Schraubenwasser die Konkurrenz behinderte.

„Narrheit der Reichen und Satten“

Mit dem Kaiser wurde die Kieler Woche zum gesellschaftlichen Ereignis. Empfänge, Festessen, Damentees, Herrenabende und das Frühstück an Bord der kaiserlichen Yacht verlangten vor allem von Nichtseglern gute Kondition. Besonders begehrt war eine Einladung zum "Tee und Tanz" auf dem Schlachtschiff "SMS Weißenburg". Als Tanzfläche diente das Vordeck. Dort kreiste die Gesellschaft schwungvoll im Walzertakt. Dabei mußten die Paare immer darauf achten, nicht über Bord zu fallen, da das Deck, mit seiner Wölbung zu den Rändern, die Tänzer unweigerlich Richtung Reling driften ließ.

Der Sozialdemokratie freilich wurde das Kieler Frühsommertreiben bald zu bunt. Empört appellierte man an die Arbeiterklasse, der Kieler Woche fernzubleiben, handele es sich bei dieser Veranstaltung doch um eine "Narrheit der Reichen und Satten". Doch der Aufruf stieß auf taube Ohren.

Alle wollen mal in Kiel siegen

Fast jeder namhafte Segler war mindesten einmal bei der Kieler Woche am Start. America's-Cup-Legende Dennis Conner siegte dort 1977 im Starboot, Willi Kuhweide trieb mit zehn Siegen die Konkurrenz zur Verzweiflung. Aber auch Politik und Wirtschaft erliegen immer wieder der Anziehungskraft dieser Segelregatta. Im Jahre 1973 schnupperte Bundespräsident Heinemann an Bord der Yacht "Zukunft" Seeluft, während sich im vorigen Jahr der ehemalige SAP-Chef Hasso Plattner noch mit einundsechzig Jahren auf einer Jolle ins Regattagetümmel stürzte. Platz dreiundzwanzig im Feld von zweiundsechzig Teilnehmern zeigte, daß der Unternehmer auch an der Pinne Ehrgeiz entwickelte.

Die berühmten Yachten "Pinta" und "Rubin" waren ebenfalls regelmäßig unter den Teilnehmern der Kieler Woche. Sie holten später den Admiral's Cup, die inoffizielle Weltmeisterschaft der Seesegler, nach Deutschland. Heimathafen der Regatta ist der "Olympiahafen Schilksee", einige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt an der Förde. Entstanden war die Anlage für die Olympischen Spiele des Jahres 1972. Die kantige Betonarchitektur, einem Kliff im Norden von Schilksee nachempfunden, ist mittlerweile in die Jahre gekommen. Doch die Bootshallen dort, die Segelmacher, Restaurants, Geschäfte, das Schwimmbad, die vierhundert Appartements und das elfstöckige Hotel auf dem Gelände bieten alles, was für eine Großveranstaltung benötigt wird.

Für große Yachten attraktiver machen

Die Jollen und die kleineren Yachten segeln ihre Wettbewerbe in unmittelbarer Nähe des Hafens, die großen Yachten segeln auf dem welligen Stollergrund, fünf Seemeilen entfernt am Anfang der Kieler Förde. Bis zur Kieler Woche des vorigen Jahres war die "Aalregatta" traditionell die Auftaktveranstaltung der Seewettbewerbe. Vom Yacht-Club ging es hinaus in die Kieler Bucht. Das Ziel war vor dem Stadthafen von Eckernförde, dort bekam jedes Team einen Aal geschenkt.

In diesem Jahr wurde die "Aalregatta", deren Geschichte bis ins Jahr 1906 zurückreicht, von der Regattaleitung aus dem Programm gestrichen und auf das Pfingstwochenende vorgezogen. Grund für die Änderungen ist der Wunsch, die Kieler Woche für große Yachten attraktiver zu machen. Das bisherige Wettfahrtprogramm, das eine ganze Woche in Anspruch nahm, bereitete vielen Crews organisatorische Probleme. Die meisten sind Amateure, die Sport und Beruf unter einen Hut bekommen müssen. Bei der Kieler Woche in diesem Jahr konzentrieren sich die Regatten auf die beiden Wochenenden der Veranstaltung, neben ambitionierten Regattaseglern sollen auch wieder mehr Tourensegler angesprochen werden. Neuer Auftakt ist eine Langstrecke mit dem Ziel Laboe, direkt gegenüber von Schilksee. Den Abschluß des ersten Renntags bildete ein großes Hafenfest. Am Freitag beginnt der zweite Teil mit einem "After-Work-Race" um 17 Uhr. Am Samstag wird der Senatspreis ausgesegelt werden.

Mausgrau und Tiefschwarz sind segeltonangebend

Alle Seeregatten werden nach dem Vermessungssystem IMS gewertet. Das ist eine Formel, mit der sich vergleichbare Handicaps für ganz unterschiedliche Yachttypen errechnen lassen. Die IMS-Formel ist so präzise, daß besonders ambitionierte Segler nur in Unterhose zum Wiegen der Crew erscheinen, um sich einen kleinen Gewichtsvorteil zu verschaffen. Für Neueinsteiger und Fahrtensegler werden vier Regatten auch nach der einfacheren Formel ORC-Club gewertet. Dabei hat man auch ohne Karbonmast, Kevlarsegel und mit Normalgewicht Chancen auf den Sieg.

Meistens werden "Up and Downs" gesegelt. Ungefähr zwei Seemeilen gegen den Wind, dann mit Spinnaker zurück. Zwei- bis dreimal ist die Strecke abzusegeln. Manchmal macht es die Regattaleitung auch komplizierter. Dann muß die "Pommesgabel" gesegelt werden. An einem Ende der Regattabahn ist noch ein Slalomparcours festgelegt. Die Strecke sieht von oben aus wie das bunte Plastikbesteck, das in jeder Tüte Pommes frites steckt. Gestartet wird in verschiedenen Gruppen in Abständen von fünf Minuten. Die schnellsten Yachten starten zuerst. Alle an Bord stecken in schnittiger Teamkleidung. Dieses Jahr sind die Farben Mausgrau und Tiefschwarz segeltonangebend. Dazu dunkle Sonnenbrillen im XL-Format, die auch im Gesicht bleiben, wenn es schon ein wenig diesig ist. Viele der Großen haben eigene Schlauchboote im Einsatz, die Ersatzteile bereithalten oder auf dem Wasser nach Winddrehungen Ausschau halten.

Nervös wie junge Rennpferde

Eine Minute vor dem Start erfolgt ein letztes Schallsignal. Dann wird es langsam eng an der Startlinie. Es ist nicht einfach, seine Yacht auf die Sekunde genau mit Höchstgeschwindigkeit über eine gedachte Linie zwischen Startschiff und Startboje zu steuern. Nervös wie junge Rennpferde tanzen die Yachten oft schon zu früh an der Linie, was meist zum Massenfrühstart und zur Startwiederholung führt. Wenn das zweimal passiert ist, setzt die Regattaleitung das Signal "Black Flag". Wer beim nächsten Mal zu früh dran ist, wird sofort disqualifiziert. Die Flaggen-Drohung wirkt Wunder. Unmittelbar nach den Wettfahrten trifft sich die Seglergemeinde in dichtgedrängten Pulks vor dem Race Office. Dort werden die Listen mit den Tagesergebnissen studiert und oft erhitzt kommentiert.

Was die Vielfalt des Rahmenprogramms betrifft, kann die diesjährige Kieler Woche mit dem gesellschaftlichen Trubel zu Zeiten der Monarchie ohne weiteres mithalten. Eröffnet wurde die 124. Woche am vorigen Samstag auf dem Rathausplatz von Bundeskanzlerin Merkel. Im Programm findet sich neben Maritimem wie Führungen durch das Schiffahrtsmuseum mit anschließendem Segeltörn auf der Förde auch ein Vortrag im Institut für Weltwirtschaft: "Weniger Kinder - Weniger Rente?". Die Kunsthalle hinterfragt deutsche Jugendfreizeitkultur unter dem Motto "Ballermann - Die Ausstellung". Abschließender Höhepunkt der diesjährigen Kieler Woche ist die große Windjammerparade übermorgen, am Samstag. Die Segler draußen auf den Seebahnen bekommen von dem bunten Treiben allerdings nicht viel mit. Dort auf dem Wasser ist nur wichtig, woher der Wind weht. Wie 1882, bei der ersten Wettfahrt auf der Förde.

Quelle: F.A.Z., 22.06.2006, Nr. 142 / Seite R2
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen