08.03.2006 · Geschüttelt von Terroranschlägen und Naturkatastrophen zieht die Reisebranche auf der internationalen Tourismus-Börse in Berlin Bilanz - und präsentiert die neuen Urlaubstrends. Gastland ist in diesem Jahr Griechenland.
Die Reisebranche will in diesem Jahr die Folgen der Terroranschläge vom 11. September 2001 endgültig hinter sich lassen und an die zuvor erreichten Umsatz-Spitzenwerte anknüpfen. Nach den Verlustjahren 2002 und 2003 erzielten die Reiseveranstalter 2005 zum zweiten Mal in Folge wieder positive Ergebnisse und steigerten ihren Gesamtumsatz um fünf Prozent auf 19,4 Milliarden Euro. Das berichtete der Deutsche Reiseverband (DRV) am Eröffnungstag der Internationalen Tourismus-Börse ITB.
Für 2006 werde ein Wachstum in gleicher Höhe erwartet. Der Markt für Veranstalterreisen habe sich erfreulich entwickelt, sagte DRV-Präsident Klaus Laepple. „Die Reisebranche wächst stärker als die Wirtschaft insgesamt.“ Den „überragenden Anteil“ des Urlaubsgeschäftes mache dabei nach wie vor die klassische Pauschalreise aus. Ein deutliches Plus hätten die Veranstalter mit scharf kalkulierten Angeboten gemacht. Aber auch Fernreisen und Kreuzfahrten seien Triebfedern des Wachstums. Und in diesen Segmenten spiele nicht der Preis die wichtigste Rolle, sondern das Erlebnis, die Qualität und die Zuverlässigkeit des Veranstalters.
„Geiz ist geil“ gilt nicht beim Reisen
Der „Geiz ist geil“ - Slogan lasse sich auf die Reisebranche insgesamt nicht übertragen. Die Deutschen hätten 2005 insgesamt fast 80 Millionen Urlaubsreisen von mehr als fünf Tagen Dauer unternommen, sagte Laepple. Reiseziel Nummer eins war dabei erneut das eigene Land: 36 Prozent aller Urlaubsreisen blieben in den deutschen Grenzen. Die Nummer eins unter den Auslandszielen ist nach wie vor Spanien. Aber auch die Türkei habe sich als langfristiges Trendziel fest etabliert, auch wenn es zur Zeit wegen der Vogelgrippe bei den Buchungen etwas hapere. Dies habe eine „Delle“ verursacht. Hier müsse Aufklärung dazu beitragen, unbegründete Ängste zu zerstreuen. Laepple: „Es sind nicht objektive Gefahren, sondern Ängste, die die Reisenden beschäftigen.“
Nach Ansicht des Berliner Messechefs Raimund Hosch wird vor allem China in den nächsten zehn Jahren einen Tourismus-Boom erleben. „Dann werden wir mehr Chinesen als Amerikaner am Brandenburger Tor sehen“, sagte Hosch am Mittwoch in einem dpa-Gespräch auf der ITB. In dem sich stark öffnenden und wandelnden Land würden zahlreiche Hotels gebaut und Regionen touristisch erschlossen. Insgesamt nehme der Asien-Tourismus stark zu. Macao sei bei den Deutschen derzeit besonders beliebt.
Auch Kultur steht auf dem Urlaubsplan
Die von der Tsunami-Katastrophe Ende 2004 verwüsteten Gebiete Südostasiens, allen voran Thailand, brauchten aber noch Jahre, um das Vertrauen und den einstigen Zuspruch wieder zu erlangen. Auch die Erholung der Natur an der Meeresküste brauche ihre Zeit. „Aber die Regionen haben aus dem Unglück gelernt und bauen häufig nicht wieder an die gefährdeten Stellen sondern suchen neue Gebiete für den Tourismus“, sagte Hosch. Der Reisetrend gehe zunehmend weg von Pauschalreisen und hin zum Individualtourismus. „Wer Urlaub macht, will nicht mehr billige Massenreisen an den Strand, sondern seinen ganz eigenen Mythos, seine einzigartige Feriengeschichte erleben“, sagte Messe-Geschäftsführer Hosch. „Schnell mit dem Billigflieger hin und dann Land und Leute erleben - das wird immer stärker nachgefragt.“
ITB-Gastland Griechenland mache diesen Trend vor. „Seit den olympischen Sommerspielen boome der Tourismus des Landes - auch mit neuen Angeboten rund um den Sport, wie Golfurlaub.“ Auch Kultur und Historie würde zunehmend Platz im Urlaubszeitplan vieler Europäer einnehmen, die dafür manchen Badetag preisgeben.
Entführungen und Anschläge schrecken ab
Wachsendes Interesse erfahren auch die arabischen und osteuropäischen Länder. „Ob Dubai oder Bulgarien: Die Länder investieren seit Jahren kräftig in den Tourismus und ernten nun den Lohn“, sagte Hosch. Allerdings müsse die Sicherheit und Stabilität der Länder noch verbessert werden. „Entführungen, Anschläge und Korruption schrecken vor allem Westeuropäer ab.“ Darunter würden auch die Länder im Nahen Osten leiden. „Israel hat ein Stück Weltgeschichte zu erzählen, aber die Krise lähmt den Tourismus.“ Wer als Reiseland weiter wachsen wolle, müsse Sicherheit mit individueller Freiheit verknüpfen. Dies beginne bei Einreiseregelungen und reiche bis zu bargeldloser Bezahlung.