05.08.2011 · Nach Italien fahren kann jeder. Aber nur wer sich im August rund um Ferragosto an einen Campingplatz direkt am Strand traut, hat wirklich italienischen Urlaub gemacht. Ein Plädoyer für die Hochsaison.
Von Petra PutzDas Kreuz am Goldkettchen funkelt in der Rivierasonne. Darunter lockt sich ein beeindruckender Brusthaarteppich. Pferdeschwanz, Bizeps-Tattoo und ganz viel nackte braungebratene Haut - so sieht er aus, der italienische Strandhallodri. Oder so stellt man ihn sich zumindest vor. Und es kann ja auch sein, dass das Bild früher zutraf. Damals trug er zu engen Designer-Badeshorts wohl in der rechten Hand eine Zigarette und in der linken einen Autoschlüssel. Heute sind es ein Miss-Kitty-Plastikeimer und eine rosa Gießkanne. Und das weibliche Wesen, dem er jetzt schwitzend nachläuft, heißt Flavia, ist zwei Jahre alt, und ihre Kurven macht sie selbst - auf dem Weg ins Wasser, wo sie viel lieber hinwill, als bei Papa unterm Sonnenschirm zu bleiben.
Wer je etwas über die bedrohlich sinkenden Geburtenraten in Italien gelesen hat, die niedrigsten Europas, traut am Strand des PuntAla Camping Resorts an der toskanischen Riviera seinen Augen nicht: Tausende Familien bevölkern im August den nicht einmal hundert Meter breiten Sandstreifen zwischen Pinienwald und Meer. Und noch mehr kommen rund um den italienischen Strandfeiertag "Ferragosto" am 15. August zusammen. Dicht an dicht knien Väter, Opas und Onkels im Sand und graben für die Kleinsten Sandburgen und Kugelbahnen. Fußbälle, Bocciakugeln und Beachvolleybälle fliegen tief, während Mamas, Omas und Tanten belegte Brote aus Alufolien wickeln und den Salat in den Plastikdosen noch einmal durchmischen. Auf dem Höhepunkt des Vormittags stöpselt der Aquagym-Trainer die Boxen an, schiebt die Regler auf Anschlag und bringt fünfzig Menschen jedes Alters dazu, zu Musik- und Kommandogebrüll schäumende Choreographien in den Ufersaum zu stampfen.
Es ist nicht schimm, es ist furchtbar
Spätestens jetzt kommt bei Ferragosto-Anfängern Panik auf. Wir waren noch nie im August im Italien. Wir waren überhaupt noch nie in der Hochsaison irgendwo. Und schon gar nicht in der höchsten Hochsaison, der "Altissima Stagione", wie der Spezialtarif rund um den Ferragosto-Termin heißt. Jetzt haben wir ein Kind und müssen Urlaub machen, wenn alle Urlaub machen. So schlimm wird das schon nicht sein, reden wir uns ein. Sonst würden das ja nicht so viele immer wieder tun, beschwichtigen wir uns. Es ist ja auch nicht schlimm. Es ist furchtbar.
Aber der Schmerz, Gott sei Dank, lässt nach. Überraschend schnell sogar. Nach dem Ende der Wassergymnastik dauert es nicht lange, und es wird stiller und beinahe leer am Strand. Wir genießen den Blick auf den weißen Sand und das türkise Wasser der Riviera. Die heute Morgen Schulter an Schulter kraftvoll in den Boden geschraubten Sonnenschirme sind verwaist, die Liegen zusammengeklappt. Wo sind alle hin? Es gibt nur noch ein paar Nichtitaliener wie uns hier zu sehen. Legambiente, die wichtigste und größte italienische Umweltschutzorganisation, hat den Strand von Punta Ala 2008 für seine Schönheit und Sauberkeit ausgezeichnet. Unter den dreihundert vorbildlichsten Küstenabschnitten Italiens erhielt dieser hier das höchste Gütesiegel und errang insgesamt den sechsten Platz. Seitdem wir uns ungestört umsehen können, bekommen wir eine Ahnung, warum: Der Sand ist fein und rein, das Wasser klar, hinter uns rauschen und duften die Pinienwälder, noch weiter im Hinterland laden die Naturparks der Maremma zu einsamen Wanderungen ein.
Ferngesteuerte Menschen im Jubelrausch
Nachmittags um drei Uhr bekommen auch wir Hunger. Wir packen ein paar Sachen zusammen und stapfen durch die baumbestandenen Dünen in kaum zehn Minuten zu unserem Zelt zurück. Von unseren Nachbarn ist nicht viel zu hören. Einige sitzen vor ihren Wohnmobilen, plaudern leise oder lesen. Die meisten anderen halten im Schatten der Pinien Mittagsschlaf. Viel bekommen wir nicht mit. Die Parzellen sind so groß, dass jeder für sich bleiben kann. Die üppige Macchia schirmt zusätzlich ab. Wir trinken Kaffee, essen eine Kleinigkeit und beschließen zufrieden, uns auch ein wenig hinzulegen.
Wir sind Ferragosto-Anfänger. Wir haben nicht mit Alessandro gerechnet. Er ist für das zuständig, wofür auch DJs auf der Après-Skihütte und Blasmusikkapellmeister auf dem Oktoberfest engagiert werden: Stimmung! Um 16 Uhr geht die Party los: Dank leistungsstarker Lautsprecher entgeht uns von Alessandros Tanz- und Karaoke-Kurs auf der weit entfernten "Area Mare"-Bühne nichts. Wir setzen uns auf und reiben uns Augen und Ohren. Die italienischen Familien um uns herum erheben sich wie ferngesteuert, bringen sich mit ein paar geübten Handgriffen in Form - und nach wenigen Minuten sind alle Straßen und Plätze bevölkert, Radfahrer klingeln sich den Weg frei, Familien-Karawanen machen sich zum Meer auf, und Alessandro begrüßt frenetisch ein offenbar ständig wachsendes Publikum.
Verbissen zappelnde Prada-Bikinis
Wir kommen aus Bayern. Am 15. August freuen wir uns über den Feiertag "Mariä Himmelfahrt", weil wir ausschlafen können und nicht zur Arbeit müssen. So ähnlich hatten wir uns auch Ferragosto vorgestellt. Wir hatten ja keine Ahnung. Es handelt sich dabei um den traditionsreichsten bekannten Feiertag. Der 15. August gilt in Italien seit jeher als heißester Tag des Sommers. Das war schon zu Kaiser Augustus' Zeiten so. Und der erbarmte sich seiner Untertanen und erklärte diesen Wendepunkt des Sommers zum Feiertag für alle - nicht einmal die Sklaven mussten arbeiten. Man dankte es ihm im Namen: aus Feriae Augusti, also Festtag des Augustus, wurde Ferragosto - für die Italiener beinahe ein Synonym für Urlaub, mit gemeinsamem Vergnügungsprogramm vornehmlich am Meer, dort wo man sich am heißesten Tag des Sommers ein wenig Abkühlung und vor allem organisierte Geselligkeit erhofft. Das gilt für jeden und quer durch alle Schichten. Auch Prada-Bikinis zappeln ab vier Uhr am Nachmittag verbissen beim italienischen Ententanz. Wir stehen daneben wie japanische Touristen, denen an Weiberfastnacht in Köln die Krawatten abgeschnitten werden.
Und jetzt die gute Nachricht: Es dauert nicht einmal achtundvierzig Stunden, bis aus Ferragosto-Anfängern Profis werden. Nach zwei Tagen hatten wir das Prinzip begriffen: Strand, Mittag, Große Pause/Strand, Abendessen, Große Sause. Einmal im Rhythmus, erholen wir uns inmitten von 2200 Campingnachbarn besser als nach manchem Wildnistrip in die Einsamkeit. Und wir erholen uns auch bald von Überraschungen wie dem Termin für die Kinderdisco: Beginn 21.15 Uhr. Um diese Zeit, wenn in Deutschland die Eltern gähnen, wimmeln im PuntAla Camping Resort hundert Bambini ab drei Jahren vor und auf der Bühne im Eingangsbereich herum. Der unermüdliche Alessandro gibt immer noch den bestens gelaunten Einpeitscher - egal, ob sein Publikum drei oder dreißig Jahre alt ist. Unser Kind ist begeistert. Wir sind es auch, als wir am nächsten Morgen ungefähr das erste Mal seit ihrer Geburt vor unserer Tochter aufwachen.
Zusatzkühlschrank, Glühlampenkette, Fahrradständer
Von diesem Moment an machen wir einfach mit: Wir stehen spät auf, legen uns zu einem langen Mittagsschlaf hin und bleiben bis Mitternacht wach. Dann wird es schnell still, denn alle Camper kriechen zum ausgiebigen Schönheitsschlaf in ihre Schlafsäcke. Tagsüber plantschen wir im Meer und schauen unserem Kind beim Ein- und Auftauchen im Trampolin-Bällebad zu. Wir sind so begeistert, dass wir nichts, aber auch gar nichts vom Clubangebot des PuntAla Resorts ungenutzt vorbeiziehen lassen wollen: Tennis spielen, Mountainbikes leihen, Tauchen lernen, windsurfen und segeln, auf organisierten Ausflügen in Montalcino Brunello verkosten und etruskische Steinkreisgräber begutachten. Alles machen wir mit - planen wir. Aber dann sitzen wir doch nur da und beobachten fasziniert den italienischsten Ort, an dem wir jemals waren, und an dem niemand sich wundert, dass eine Frau vor einem Sieben-Meter-Mobile-Home gleichzeitig rauchen, telefonieren und den Boden fegen kann. Ein paar Meter weiter lebt eine dreiköpfige Familie im Dachzelt auf ihrem Jeep, stets perfekt gekleidet, als habe ein Mailänder Modemacher sich auf Campingklamotten spezialisiert. Den größten Respekt aber verdient der Campingplatzfotograf Davide, der diese ganze bunte Welt von morgens bis abends auf Hunderten Bildern verewigt und in langen, täglich aktualisierten Fotogalerien nach Tageszeiten geordnet am zentralen Platz ausstellt.
Uns suchen wir auf diesen Fotos vergeblich. Vielleicht weil wir mit unserem Lidl-Hauszelt, den Plastiklatschen, der Kartuschengaslampe und unserer grundsätzlichen Bereitschaft zur Improvisation die Außenseiter auf dem Platz sind. Zu dieser Jahreszeit versammeln sich hier in der Hauptsache Camper, die so gut ausgerüstet sind, dass sie die gesamte Parzelle mit Planen auslegen, neben dem Wohnmobil noch ein Kochzelt aufbauen, zwei Zusatzkühlschränke sowie bunte Glühlampenketten installieren und die Fahrräder in mitgebrachten Ständern abstellen. Wem auch das zu leger ist, der verbringt seine Ferien in einem der mehr als hundertfünfzig zur Verfügung stehenden Mietmobilehomes oder Bungalows. Bei voller Auslastung urlauben hier auf einer Fläche von siebenundzwanzig Hektar zweitausendsiebenhundert Menschen - genug für unser Abenteuerkind, um innerhalb weniger Augenblicke im Gewusel am Strand verlorenzugehen.
Italienische Eltern nörgeln nie
Nachdem ich eine Viertelstunde panisch zwischen den Sonnenschirmen hoch- und runtergelaufen bin, entdecke ich endlich eine Traube von Menschen, die sich um ein brüllendes nacktes blondes Mädchen versammelt hat, zur Adoption offenbar entschlossen. Stumm schließe ich das Kind in die Arme. Schimpfen geht erst, wenn von den hier stets engelsgeduldigen, niemals mit ihren Kindern oder Ehepartnern nörgelnden italienischen Wundereltern keiner mehr hinsieht.
Früher haben wir gezeltet, um Geld zu sparen. Jetzt sind wir im PuntAla Camping Resort. Dort, wo die reichen Norditaliener im August und die umwelt-, stil- und naturbewussten Deutschen, Schweizer und Niederländer in der Vor- und Nachsaison Urlaub machen. Und damit die jedes Jahr wiederkommen, verfolge das Management eine ausgeklügelte Strategie, wie der Campingplatzmanager Roberto Vergottini erläutert: Anspruchsvolle Langzeiturlauber, vor allem Erholung suchende Familien mit Kindern, sollen sich hier wohl fühlen. Junges Partyvolk besser nicht. Um das zu erreichen, werden große Stellplätze eingerichtet, Mindestreservierungsfristen eingeführt und Preise festgesetzt, die so hoch seien, dass Studenten lieber anderswo mehr Bier trinken, als sie vertragen, um dann den Rest der Nacht zu singen. Wir zahlen für unser Zelt pro Tag den stattlichen Tarif von 86 Euro und 30 Cent.
An alle Liebhaber des Sonnenuntergangs
Trotzdem sind wir gekommen und geblieben, weil wir alle Campingplätze vom südlicher gelegenen Castiglione della Pescaia bis zum mondänen Yachthafenstädtchen Punta Ala begutachtet haben und es an der ganzen Maremmaküste nirgends so schön und lässig war wie hier. Ein Familienvater aus Augsburg erzählt uns mit zerfurchtem Gesicht, dass er für zwei Wochen mit Baby und Kleinkind im Bungalow etwa dreitausend Euro bezahlt. Aber dafür werden wir umsorgt: Am Empfang des Campingplatzes erwarten zwei junge Männer namens Federico mit dem Elektrowagen die Neuankömmlinge. Sie zeigen die besten freien Plätze, Läden, Bars, die Pizzeria, die „Zona Bimbi“ für die Kleinsten und den Hochseilgarten für die Mutigsten, die Waschhäuser mit den abgesenkten Kinderbecken, Grillplätze und den Weg zum Meer, der für niemanden länger dauert als zehn Minuten zu Fuß. Und sie erläutern das Ökokonzept mit Mülltrennungssystem, Wasserrecycling, Tier- und Pflanzenschutz, auf das man beim Management besonders stolz ist. Wer sich entscheidet zu bleiben, hat zwei Stunden, um das Auto zu entladen, dann muss es vor dem Eingang auf einem riesigen Parkplatz abgestellt werden.
Wir setzen uns einmal in dieser Woche in unser Auto und erkunden die Gegend. Zuerst wollen wir ins „hinterwäldlerische“ Dörflein Tirli, das laut unserem Reiseführer das Richtige sei für Reisende, die „nach dem Riviera-Rummel ein wenig Ruhe suchen“. Wir erreichen den Ort über kurvige Straßen im Hinterland, jetzt am Nachmittag ist er wie ausgestorben. Nur ein paar Teenager sind zu sehen, die sich am Dorfplatz einen kleinen Gummiball zuwerfen. Wir finden ein offenes Café und holen uns einen Cappuccino an der Bar. Bevor ich zum Trinken ansetzen kann, versenkt einer der Jungs mit einem Fünfzig-Meter-Präzisionswurf seine Kugel pfeilgerade in meiner Tasse. Wenn das so ist, können wir auch zu Alessandro zurückfahren! Oder noch einen Abstecher zum Küstenort Castiglione della Pescaia unternehmen. Ein hübsches Hafenstädtchen mit einladenden Sandstränden, von hier aus starten Ausflugsschiffe nach Elba und Giglio. Dort war ich schon einmal. Vor zehn Jahren. In der Nachsaison. Jetzt erkenne ich die Altstadtgassen mit den dichten Touristenkolonnen kaum wieder. Im Supermarkt geht es zu wie im Asterix-Heft auf den Straßenkreuzungen in Lutetia. Reumütig fahren wir zum Punt Ala-Market zurück. Hier ist es auch nicht viel teurer, und gute Ratschläge gibt es gratis am Schwarzen Brett: „An die Liebhaber des Sonnenuntergangs! Bitte bedenken Sie, dass das Geschäft um 21 Uhr schließt.“ Daneben hat jemand eine bunte Ausstellung aus liegengebliebenen Einkaufszetteln an die Wand gepinnt. Draußen in der Bar und in der Pizzeria sitzen schon die Profis beim ersten Sprizz - sie müssen nicht einkaufen, weil sie ihren Campingurlaub hier mit Halb- oder Vollpension gebucht haben.
Partykarawane an der Strandbar
Zweimal in der Woche kommt sogar der Fischverkäufer mit seinem Wagen ins Resort. Wir kaufen das erste Mal leider nichts, beim zweiten Mal Thunfischsteaks, und beim nächsten Mal sind wir nicht mehr da, sonst hätten wir das ganze Sortiment mitgenommen. Wir wissen jetzt auf jeden Fall, dass man für einen Traum von einem perfekt à point gegarten zartsaftigen Thunfischsteak mit Ware dieser Qualität nichts braucht außer einer verbeulten Pfanne, einem Campinggaskocher und ein paar Tropfen Olivenöl. Dazu trinken wir Wein und Bier und Aranciata. Und dann spazieren wir in der Dämmerung mit unserem hellwachen dreijährigen Kind in der bunten Partykarawane zur Bühne an der Strandbar, um mit Alessandros Hilfe neue Hits aus italienischen Minikids-Talent-Shows kennenzulernen. Aber zuerst besuchen wir noch das Meer. Gerade versinkt die Sonne dramatisch rot hinter Elba im Wasser. Am Himmel blinkt der Abendstern. Wenn jemand den Stecker der Anlage ziehen würde, könnte man jede einzelne Welle ans Ufer schwappen hören.
Freunde von uns waren schon zweimal hier. Im September. Sie rühmen die Ruhe und die Abgeschiedenheit des Ortes.
Wir waren im Oktober dort
Michael Brüggemann (bruegge1952)
- 06.08.2011, 23:56 Uhr
Italien mit eltern´s Auge gesehen
Pietro Ambrosino (italodemokrat)
- 05.08.2011, 14:54 Uhr