27.06.2009 · Spa statt Spaghetti: Hinter den neugotischen Mauern einer ehemaligen Pasta-Fabrik verbirgt sich das Hilton Venedig. Während der Biennale ist dort gerne die Crème der Kunstszene zu Gast.
Von Elsemarie MaletzkeDie Molino Stucky war einmal Venedigs Palazzo der Arbeit. Sie liegt auf der Insel Giudecca, vom Markusplatz gesehen am rechten Bildrand jenseits der breiten Lagunenstraße, und wer sie sieht, fragt sich: Was macht sie da zwischen all den netten niedrigen Fassaden? Neugotische Spitzbögen gliedern sechs Stockwerke aus rosa Backstein, die von einem Turm mit grüner Kupferhaube überragt werden. Auf dem Mittelbau thronen ein kleiner Treppengiebel und eine große Uhr. Über der Zwölf reichen sich zwei weibliche Gestalten in wallenden Gewändern, die offenbar Gewerbe und Mühlentechnik verkörpern, die mehlweißen Hände. Darunter prangt der Firmenname: G. Stucky.
Dass diese ehemalige Getreidemühle und Pastafabrik, die vor mehr als hundert Jahren das größte Werk in Europa gewesen sein soll, ein Hotel ist, kann man nur erraten. Im Jahr 1955 wurde sie als Produktionsstätte geschlossen. Das Hilton, das nach einem zweihundert Millionen Euro teuren Umbau 2007 eröffnete, musste sich dem Denkmalschutz unterwerfen und ganz klein machen: keine Leuchtschrift am Haus, keine Hotelfahnen davor. Der Eingang am Bootssteg, an dem der Shuttle nach Zattere und San Marco anlegt, ist so diskret, dass man ungläubig daran vorbeiläuft: Das bisschen Glastür kann's ja wohl nicht sein - war es aber doch.
Der Patriarch hat alles im Blick
An der Rezeption wird dem Gast ein Lageplan mit den verschachtelten Gebäudeblocks und verschiedenen Aufzügen überreicht, der ihm bei seinen Wanderungen über die Domäne behilflich sein soll. Die Molino Stucky liegt auf einem dreißigtausend Quadratmeter großen Gelände. Ein Flügel wurde in Appartements umgebaut, alles Übrige ist Hotel-Infrastruktur: dreihundertachtzig Zimmer, davon fünfzig Suiten, ein tausend Quadratmeter großer Ballsaal in Art déco, vier Restaurants, Kongresszentrum, Lounges, Pool und Bar. Im grünen Innenhof des Spas, das im ehemaligen Büro des Direktors untergebracht ist, steht die Büste von Giovanni Stucky unter den Bäumen; ein bärtiger Patriarch mit gekreuzten Armen, der noch immer seine Tür im Auge hat.
Was macht ein Hotel, das so bequem, dezent, geschmackvoll, gut beleuchtet und vernetzt ist, wie man es von fünf Sternen erwartet, unverwechselbar? Hier ist es der Rundumblick von den Dachzinnen, der an klaren Tagen bis zu den Alpen reicht. Zu Füßen glänzen der Giudecca-Kanal, jenseits die makellose Stadtlandschaft, die Lagune und die Inseln. Boote ziehen Scherenmuster hinter sich her. Der Hotelpool, die Bar und ein Restaurant liegen auf dem Flachdach fünfunddreißig Meter über dem Wasserspiegel der Lagune. Übersichtlicher kann man in Venedig nicht baden.
Ein privater Butler wartet schon
Höher hinauf geht es nur noch in die Präsidentensuite unter dem grünspanigen Turmhelm, dreihundert Quadratmeter über zwei Stockwerke. Der Salon mit den spitzgotischen und runden Fenstern hat etwas von einer Privatkapelle, in der man vor dem Anblick Venedigs niederknien kann. Eine Wendeltreppe führt bis zur Turmspitze und zu einem umlaufenden Balkönchen. Alles ist mit coolem Chic eingerichtet und von üppigen Murano-Glaslüster überstrahlt. Die Suite verfügt über einen separaten Aufzug, eine Küche - obwohl kaum zu erwarten steht, dass der Gast sich dort ein Ei in die Pfanne schlägt -, Spa, Hammam, Fitnessraum und wofür man sonst noch gern zwölftausend Euro pro Nacht ausgibt. Frühstück ist im Preis inbegriffen. Es wird vom eigenen Butler serviert.
Unverwechselbar ist die Architektur der Arbeit, die sich dem speisenden, cocktailnippenden oder ins Sofa gelagerten Gast überall mitteilt: unverputzte Backsteinmauern, Reihen von gusseisernen Säulen und schwere Balken. Weiße Glasleuchter schweben unter der dunklen Holzdecke des Zimmers, durch die einmal täglich fünfzig Tonnen Getreide trichterwärts ihrem Mahlprozess entgegenrutschten. In der Lounge hängt zwischen den Vitrinen mit Schuhen und Gürteln italienischer Designer die große runde eiserne Schelle, deren Gedengel früher den Arbeitstag in Schichten teilte.
Warum fehlt der Rosmarin?
Das Harsche verbündet sich nun mit dem Schmeichelnden, aber ist da nicht doch noch ein Hauch patriarchalischer Sorge zu spüren, auf die der mündige Gast verzichten könnte? Auf den eingeschalteten Fernsehapparat, der ihm beim Eintritt ins Zimmer schon entgegenbleckt? Auf die Weckmusik zum Frühstück, die ihn mit schmetternden Trompeten und aufbürstenden Streichern empfängt und die nur auf Wunsch etwas gedämpft wird? Eine Karte mit fünf farbigen Symbolen auf Tisch und Büfett sollen ihm "die erste wichtige Entscheidung des Tages" erleichtern und weisen, falls der Gast eine Zuckerschnecke nicht vom Knäckebrot unterscheiden kann, auf kalorien-, cholesterin- und fettarme Kost hin. Weitere Schilder bezeichnen das Obst, damit er sich nicht irrtümlich Erdbeeren aufs Müsli häuft, wenn ihm der Sinn nach Trauben steht.
Es sind solche kleinen Dinge, die in das Getriebe, das auf Überwältigung zielt, ein wenig Sand streuen: die Teekanne, die ohne Untersetzer auf den lackierten Tisch kommt, der Ceasar's Salad, in dem die Hühnerbrust nicht in Rosmarin gebraten wurde, oder die Unsitte, in der Bar Teller auf niedrigen Tischen zu servieren, zu denen sich der Gast zwischen seinen Knien hinunterbeugen muss - als säße er im Blaumann auf einer Treppenstufe und bisse statt in den Clubsandwich in sein Vesperbrot.