http://www.faz.net/-gxh-100lv

Hessen : Schaurig ist das falsche Wort

  • -Aktualisiert am

Der Mensch ist nur noch gelitten: Blick über den Edersee auf den Nationalpark Kellerwald. Bild: dpa

Der Kellerwald ist Hessens einziger Nationalpark. Eine Wildnis ist er aber trotz des „Urwaldsteigs“ nicht, sondern eine Kulturlandschaft, die in Jahrhunderten entstanden ist. . Doch der Dschungel kann ja noch kommen - in fünf, sechs Generationen.

          Wenn ihr Wildnis sehen wollt, kommt in hundertfünfzig Jahren wieder." Das Lächeln des im schicken Khakidress steckenden Naturwächters sollte sagen: Ihr seid nicht die Ersten, die das Versprechen eines Urwaldes im Kellerwald eingelöst sehen wollen. Den gibt es hier nicht - noch nicht. Dies also ist die erste Lektion für den, der im Vertrauen auf "urige Wildnis" und einen achtundsechzig Kilometer langen "Urwaldsteig" in den nordhessischen Nationalpark aufbricht: Sei nicht unduldsam, wispern die kerzengerade stehenden Buchen, münze deine Erwartungen in das kleine Glück kontemplativer Naturerlebnisse um. "Die Wildnis von morgen", wie der Nationalpark verheißt, muss den Urenkeln vorbehalten bleiben. Besucher heute erleben dagegen einen ausgedehnten, fast unberührten Wald, der eine wundersame Metamorphose bereits durchlaufen hat. Fernab in der Landeshauptstadt Wiesbaden. Zweite Lektion: Sei dankbar, dass du eine kleine Kulturrevolution miterleben kannst.

          Nach achtzehn Jahren erbitterter Auseinandersetzungen rang sich das Land Hessen Anfang 2004 zu seinem ersten und dem deutschlandweit vierzehnten Nationalpark durch. Damit wurden 5724 Hektar Fläche mit besten Buchen und Eichen, entsprechend 0,3 Promille der Landesfläche, unberührbar, umgeben vom Cordon sanitaire eines fünfunddreißigtausend Hektar großen Naturparks im Süden und der achtundzwanzig Kilometer langen Edersee-Talsperre nördlich davon. Kein Förster nimmt mehr Maß für den Holzeinschlag, niemand räumt länger Totholz weg oder päppelt das Wild, damit es über den Winter und dem Jäger vor die Flinte kommt. Jetzt herrscht Ruhe im Forst und auch in den Dörfern ringsum.

          Die Politik laviert

          Nichts wurde zuvor unversucht gelassen, die vermeintlich spinnerte Idee eines zugezogenen Berliner Landschaftsplaners und einiger Mitstreiter zu torpedieren, das kaum besiedelte Hügelland zwischen Bad Wildungen und Frankenberg der Bewirtschaftung zu entziehen. Das Muster glich dem fast aller westdeutschen Nationalpark-Vorhaben: Dem Anstoß von Idealisten steht eine Mauer der Ablehnung bei den Anwohnern und der Verwaltung, namentlich im Forstwesen, gegenüber, teils aus Prinzip, teils einer grundsätzlich anderen Sozialisation geschuldet. Die Scheidelinie von Befürwortern und Gegnern solcher Projekte verläuft entlang materiellen oder ideellen Selbstverständnisses - lebt man von oder für die Natur. Dazwischen laviert die Politik.

          Völlig überraschend vollzog die CDU-Regierung unter Ministerpräsident Roland Koch 2003 einen Sinneswandel in Sachen Nationalpark, nachdem sich Rot-Grün zwölf Jahre wie bei der Echternacher Springprozession verhalten hatte. Ursprünglich war man dafür, zuckte aber seit einem abschlägigen Bürgerbegehren 1997 wieder zurück und kam dann nach dem Wahlsieg der CDU zwei Jahre später nicht mehr in Verlegenheit, den Willen der "betroffenen Bevölkerung" respektieren zu wollen. Das blieb auch die Linie von Koch. Nach der Einstufung als "Naturpark" 2001 und der provozierenden Erlaubnis, in dem Staatsforst nun wieder Holz schlagen zu lassen, schien der geplante Nationalpark so tot wie die 1914 unter den Fluten des Edersees verschwundenen Dörfer.

          Die Motorsäge heult

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der damalige Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino steht in der Kritik wegen angeblich unlauterer Vermittlungen in den Vergleichsverhandlungen mit Manchester City und PSG im Jahr 2014.

          Financial-Fair-Play : Uefa reagiert auf Football Leaks

          Die Veröffentlichung geheimer Dokumente durch Football Leaks bringt die Fifa in Bedrängnis. Nun stellt der Verband eine Neubewertung von Financial-Fair-Play-Fällen in Aussicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.