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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Helgoland Paten für den Hummer

09.06.2008 ·  Hummer werden auf Helgoland nur noch wenige gefangen. Und Langzeitgäste hätte man auf der Insel auch gerne mehr. Nun wird den Hummern mit Aufzuchtmaßnahmen nachgeholfen und für den Zufluss der Gäste sollen einige Modernisierungen sorgen.

Von Mirco Lomoth
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Wieder nur Taschenkrebse. Detlev Haas wuppt den Stahlkorb über die Bordwand und lässt ihn auf die weißen Holzplanken der "Atoll" plumpsen. Die vier Zylinder des Dieselmotors stehen still, wir dümpeln lautlos vor der roten Westseite Helgolands. Das Wasser spiegelglatt, der Himmel blauer kaum vorstellbar. "Ententeich heute", sagt Haas und reißt einen der Krebse vom Netz des Fangkorbs los. Es knackt und knirscht. "Da bricht nichts ab", versichert er.

Haas ist Fischer und die See kein Streichelzoo. Auf dem linken Handrücken hat er einen Skorpion eintätowiert, rechts ein Einhorn. Sechs Jahre lang war er auf großer Fahrt ("so gut wie überall auf der Welt"), zwanzig Jahre lang hat er Tagesgäste mit seinem Börteboot von den Bäderschiffen abgeholt und nebenher noch Fischerei betrieben. Das gehörte bei uns in der Familie einfach dazu, sagt er. Hummer, Taschenkrebs, Kabeljau. Heute holt er fast nur Taschenkrebse raus. Das feste, faserige Fleisch der Knieper landet auf Helgoland als Delikatesse auf dem Tisch, meist mit Knoblauchsoße und einem Glas Weißwein dazu. Ein Hummer wird in den Restaurants für zwölf Euro pro hundert Gramm an die Gäste weitergereicht. Oder er kommt mit zugebundenen Scheren ins Aufzuchtprogramm der Biologischen Anstalt am Südhafen, wenn es ein trächtiges Weibchen ist.

Taschenkrebse im Überfluss

Nur etwa 300 Hummer im Jahr werden noch gefangen, früher waren es zeitweise bis zu 80 000. Das sagt viel über den Bestand des Helgoländer Hummers aus. Taschenkrebse gibt es dafür im Überfluss. Haas ist einer der wenigen Fischer, die im Naturschutzgebiet um Helgoland noch auf traditionelle Weise fischen dürfen - und er nimmt Touristen mit raus. "Wir können unsere Fischerei ganz transparent vorführen, wir haben nichts zu verbergen", sagt er. Er wirft den widerspenstigen Taschenkrebs wieder über Bord und nimmt Kurs auf die Lange Anna, den berühmten 47 Meter hohen, freistehenden Felsen. Für die Touristen holt er nur ein, zwei Fangkörbe aus sechs Metern Tiefe hoch. Die harte Arbeit beginnt am nächsten Morgen, wenn 17 Körbe geleert werden müssen, manche aus bis zu dreißig Metern Tiefe.

In den Hummerbuden am Binnenhafen werden Knieper für die Tagestouristen bereitet, die gegen Mittag wie eine Springflut über die Insel spülen. Zwanzig Kilo sind heute reingekommen. Mit einem kleinen roten Hammer werden die dampfenden Scheren aufgehauen und das gekochte Krebsfleisch mit ein paar Griffen herausgeholt. Als Kniepersalat landet es später zwischen zwei Brötchenhälften.

Modernisierungen anvisiert

Die Tagesgäste auf Helgoland haben es eilig. Nur wenige schaffen es während des kurzen Landgangs bis zur Langen Anna oder zum Lummenfelsen am Nordende der Insel. Die anderen versacken vorher in den Restaurants und Duty-free-Shops. Am Nachmittag schlängeln sie sich zurück zu den Börtebooten, mit Plastiktüten voll Aquavit und Lucky Strike und nehmen sich noch ein Fischbrötchen mit auf die Hand. Danach gehen die Rollläden runter, und es wird wieder ruhig. Man schlendert fast allein durch die Gassen, die Zeit scheint im Detail stehen geblieben. Der alte Mann, der an der Konzertmuschel sitzt und aufs Meer schaut, der rostige Fahrkartenabroller und die Lochzange im Fahrstuhl zum Oberland, die Sammelkasse im Eckmarkt mit kleinen handgeschriebenen Namensschildern oder die gelben Telefonzellen bei den Moccatuben, wo Hans Albers schon für Stimmung gesorgt haben soll. Kleine Möwe, flieg nach Helgoland, bring dem Mädel, das ich liebe, einen Gruß.

"Die Insel ist in einer schwierigen Situation, es muss etwas passieren", sagt Tourismusdirektor Klaus Furtmeyer. Seit Jahren schwinden die Gäste, im letzten Jahr wurde die Fährverbindung von Bremerhaven gekappt. Doch es regt sich etwas hinter den vergilbten, denkmalgeschützten Fassaden. Helgoland will sich modernisieren, mehr Langzeitgäste gewinnen und vor allem weg vom Image des "Fuselfelsens", das der Insel seit Jahrzehnten anhängt. Ein schickes Meerwasserschwimmbad ("Spa") steht schon. Und auf der Nachbarinsel Düne sind neue Luxusbungalows eröffnet worden. Die Gäste sollen künftig einen besseren Service vorfinden - auch im Winter, der bislang kaum vermarktet wurde. Sogar eine Brücke zur Nachbarinsel Düne ist im Gespräch.

Groß-Helgoland mit hundert Hektar mehr

Da sind die Helgoländer bescheidener als der Hamburger Investor Arne Weber, der gerne auf seine Helgoländer Wurzeln verweist. Er will die Inseln gleich mit einer gigantischen Sandaufschüttung verbinden. Im Atoll-Resort, das von Webers Firma gebaut wurde, liegt bereits eine Postkarte, die das neue Groß-Helgoland zeigt. "Hundert Hektar Land in Sicht" steht drauf. Die neue Landebahn reicht bis auf den Seehundstrand. Naturschützer werden da wohl noch ein Wort mitzureden haben. Vorerst jedenfalls bleibt es ruhig auf der Düne. Die wenigen Besucher verlieren sich zwischen Sand und Gras. Sie liegen in der Sonne, lesen, schauen in den Himmel.

Rolf Blädel geht fast täglich den Nordstrand ab, um nach seinen Tieren zu schauen. Blädel kümmert sich um die Kegelrobben und Seehunde, er markiert Neugeborene und schießt kranke Tiere. 55 Kegelrobbenjunge wurden im letzten Winter geboren, im nächsten werden es wohl noch mehr sein. "Da ist einer von meinen", sagt er und zeigt auf eine der Robben, die in der Brandung balgen. Das Tier hat eine grüne Markierung in der Schwanzflosse, es ist hier geboren. Stundenlang kann man am Strand sitzen und ihnen zuschauen. "Wir wissen nicht, warum sie gerade bei uns auf Helgoland so zutraulich sind."

Am Lummenfelsen

Auf dem Oberland sind dagegen die Trottellummen die Stars. Gut 2000 Paare brüten auf Deutschlands einzigem Seevogelfelsen und müssen sich die schmalen Felsvorsprünge mit einigen tausend Dreizehenmöwen und ein paar hundert Eissturmvögeln und Basstölpeln teilen. Das Gezeter ist ziemlich laut oben auf den Klippen. Aber nur halb so groß wie im Juni, wenn Hunderte kleiner Trottellummen sich ins Meer stürzen. Dann wird der Felsen für einige Wochen von Schaulustigen regelrecht belagert.

So viele Besucher zieht sonst nur die Lange Anna an. Solange sie noch steht. Dass sie noch steht, ist ohnehin ein Wunder. Kurz vor Kriegsende, am 18. April 1945, bombardierte die Royal Air Force die Insel fast zwei Stunden lang ohne Unterbrechung. Helgoland war verwüstet, die Lange Anna blieb stehen. Auch später, als die britischen Bomber Helgoland bis 1952 als Übungsziel nutzten, kippte sie nicht. Heute läuft man hier oben durch eine von Bombentrichtern vernarbte Hügellandschaft, auf der Heidschnucken friedlich grasen.

Unterstützung für die Hummer

Am Osthang bei den Schrebergärten fegt Milda Gerhold gerade die Asseln vom Winter aus der Laube. "Die ganze Erde musste nach dem Krieg erst mal kultiviert werden", erzählt sie. Heute wachsen in ihrem Garten Kartoffeln, Grünkohl, Erbsen, Wurzeln. Die 82-Jährige erinnert sich noch an die Bomben. "Zwei Nächte waren wir unten im Bunker." Die zivilen Bunkeranlagen sind heute zu besichtigen. Alte Helgoländer gehen bis heute nicht hinein.

Gut möglich, dass auch die Hummer nachhaltig von jenen Bombenangriffen beeinflusst wurden: Jedenfalls hat sich der Bestand seither nie wieder erholt. In der Aufzuchthalle der Biologischen Anstalt tummeln sich bläuliche Hummerlarven in durchsichtigen Messbechern. "Die sind schon im Larvenstadium hochgradig kannibalistisch", erklärt der Meeresbiologe Heinz-Dieter Franke und nimmt einen Junghummer aus seiner Plastikhöhle. Der schnappt gereizt in die Luft. Er wächst hier in einem Setzkasten mit Meereswasserzulauf heran. Etwa 1200 markierte Tiere werden pro Jahr ausgesetzt, sobald sie fünf oder sechs Zentimeter groß sind.

Die Menge reiche aber nicht, um die Population zu erhalten, sagt Franke. Zu wenige Exempla-re krabbeln noch über den Helgoländer Felssockel. In den nächsten Jahren soll das Aufzuchtprogramm daher auf 40 000 Tiere pro Jahr ausgeweitet werden. Schon jetzt können Touristen Patenschaften für junge Hummer übernehmen, um das Aufzuchtprojekt zu unterstützen. In ein, zwei Jahren können sie dann beim Aussetzen dabei sein. Und hinterher statt Hummer eine Portion Knieper mit Knoblauchsoße essen gehen.

Der Weg nach Helgoland

Anreise mit dem Katamaran Halunder Jet (von Hamburg ab 43,30 Euro, von Cuxhaven ab 35,60 Euro, www.helgoline.de), mit dem Seebäderschiff „MS Atlantis“ ab Cuxhaven (27 Euro, www.helgoline.de), mit der „MS Funny Girl“ ab Büsum (26 Euro, www.helgolandreisen.de), per Flugzeug ab Büsum oder Bremerhaven (ab 76 Euro,www.olt.de ) oder Hamburg (149 Euro,www.air-hamburg.de ).

Übernachtung im Vier-Sterne-Resort „Atoll“ bei den Landungsbrücken (Doppelzimmer 195 Euro, Telefon 0 47 25/ 80 00, www.atoll.de). Im Zimmerpreis inklusive sind unter anderem die Fischereitour und eine Bunkerführung. Auf der ruhigen Nachbarinsel Düne kann man zelten oder im neuen Bungalowdorf übernachten (ab 75 Euro, Telefon 0 47 25/81 12 51, www.bungalowwichers.de).

Lummentage Über Helgoland-Touristik kann man einen Pauschalaufenthalt zur Zeit des Lummensprungs buchen, mit fachkundlicher Begleitung und mehreren Führungen (189 Euro, www.helgoland.de) die Hummeraufzucht gibt es seit diesem Jahr. Sie finden immer samstags um 10 Uhr und mittwochs um 18.30 Uhr statt, im Ökologischen Laboratorium der Biologischen Anstalt Helgoland beim Südhafen. Karten müssen vorab bei der Helgoland-Touristik gekauft werden. Hummerpatenschaften kosten für ein Jahr 25 Euro, für zwei Jahre 45 Euro und können im Internet übernommen werden (mehr Informationen unter www.helgoland.de).Weitere Informationen bei der Helgoland-Touristik (www.helgoland.de, Telefon 01 80/5 64 37 37).

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