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Helgoland Land in Sicht

 ·  Helgoland setzt alles auf die Zukunft. Die Nordseeinsel verliert dramatisch viele Touristen, jetzt soll angebaut werden. Bürgermeister Jörg Singer war Unternehmensberater. Er will die Insel retten, so wie man einen Konzern retten würde: mit Innovation, Investition und Ideen.

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Bei Windstärke acht geht gar nichts mehr. Der Katamaran fährt ohnehin nur im Sommer, das Schiff auf die Insel überquert die Deutsche Bucht nur bei erträglichen Windstärken. Acht gehört nicht dazu. Windumweht steht man in Cuxhaven, spöttisch kreischen die Möwen, und irgendwo hinter den Wellenbergen liegt unerreichbar Helgoland.

Es gibt natürlich bessere Zeiten, um auf die Insel zu fahren als den Winter. Zwar liegen dann auf den Dünen junge Kegelrobben, bleiben um diese Jahreszeit die Schnapstouristen zu Hause, und man hat den Rundweg über das Oberland bis zur langen Anna und zurück für sich. Dafür ähnelt die Fußgängerzone einer Szene aus einem postapokalyptischen Film. Und wer im Winter was Anständiges zu essen haben will, bringt das besser selber mit. Der einzige Grund, sich eine Winterreise nach Helgoland anzutun, ist dieser: Die Insel will Land gewinnen. Der Plan eines Hamburger Unternehmers, der den Roten Felsen mit der ihm vorgelagerten Düne durch Aufschüttung wieder miteinander verbinden will, ist wieder im Gespräch, obwohl er letzten Sommer eigentlich schon vom Tisch war. Zuvor gab es eine aus politischen und Behördenvertretern zusammengesetzte regionale Entwicklungsgruppe, die den Plan ablehnte. Nun aber sind es die Helgoländer selbst, die wieder mehr Besucher auf ihre vom touristischen und wirtschaftlichen Untergang bedrohte Insel bringen wollen.

Der Geist der Kleinbürgerlichkeit

Helgoland ist eigentlich schön. Das „eigentlich“ bezieht sich auf die Lage, denn die Insel liegt ganz allein in der Nordsee, ringsum gibt es nur die Weite des Meeres. Auch das Klima ist meist besser als auf dem Festland, pollenfrei und sauerstoffgetränkt ist die Luft. Die Roten Felsen, eine Überfahrt in einem der Börteboote auf die Düne, der weiße Sand, die Robben, die im Winter Junge bekommen und im Sommer neugierig die Badegäste umschwimmen, die Vogelscharen am Lummenfelsen – es gibt viele Gründe, die Insel zu besuchen.

Die Schönheit der Natur aber erstickt, wo die Zivilisation beginnt. In Helgolands Fall vornehmlich bei der Architektur. Dieser nüchterne „Aus einem Guss“-Stil war in der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg praktisch. Heute ist er nur noch piefig. Leider denkmalgeschützt. Abseits der Einkaufsmeile am Lung Wai und der bunten Hummerbuden mit ihrem gediegen-langweiligen Kunsthandwerk weht der Geist der Kleinbürgerlichkeit durch 108 enge Gassen. „Helgoland platzt aus allen Nähten“, sagt Bürgermeister Jörg Singer.

Singer trat im Januar sein Amt an. Der 44-Jährige ist ehemaliger Unternehmensberater, hat unter anderem für eine Fluggesellschaft gearbeitet und will jetzt die Insel retten, wie man einen Konzern retten würde: mit Innovation, Investition und Ideen. „Die Alten auf Helgoland haben ausgesorgt, die haben ihre Rente. Aber die Jungen, die müssen hier noch eine Zukunft haben. Wir brauchen junge Wilde, und ich möchte einen Club gründen, um zukunftsfähige Konzepte aufzustellen.“

Dramatischer Gästeschwund

Zukunft ist ein heikles Wort für Helgoland. Schon 1993 schwor man auf Helgoland, ein modernes Heilbad werden zu wollen, und hat sich dann doch nicht verabschiedet von der Utopie, vom Schnapsverkauf ewig so leben zu können, wie einst von der Piraterie und vom Blockadebrechen. Immer dachte man, mit Scotch, Stuyvesant und Sarotti-Pralinen das Luxusbedürfnis des kleinen Mannes zu befriedigen, reiche für Wirtschaftlichkeit aus. Inzwischen ist man kein Apologet, wenn man bald die Lichter auf der Insel ausgehen sieht. Gerade mal 1200 Bewohner gibt es noch, aber 2000 brauchte die Insel, um eine vernünftige Infrastruktur aufrechterhalten zu können. Dem leeren Hafen entsprechen leere Klassenzimmer, die Anzahl der Ärzte liegt auf afrikanischem Niveau. Schlimmer noch ist der dramatische Gästeschwund. In den besten Jahren kamen 800 000 Tagesgäste, fuhren Schiffe mehrmals täglich zur Insel, und die Fahrpreise waren subventioniert. Heute sind es nur noch 300 000 Gäste, Tendenz fallend. Entsprechend weniger Schiffe gibt es, teurer sind die Fahrkarten. Längst ist der Schnaps beim Discounter billiger als in den Duty-Free-Läden auf Helgoland. Bei schlechtem Wetter ist die Insel zudem von der Welt abgeschnitten. Die Kinder der Bewohner fliehen auf das Festland, die Bevölkerungszahl hat sich halbiert, das Durchschnittsalter liegt bei 58 Jahren. Das ist vielleicht zu alt für große Veränderungen, aber immer noch deutlich jünger als das Durchschnittsalter der Gäste. Die hasten mit Rollwagen vom Meeresstrand zum Fischfrikadellenstand und verschwinden um 15 Uhr wieder auf die Schiffe.

Gestiegen allerdings ist die Zahl der Übernachtungsgäste. Auf diese aber ist man kaum eingestellt. Die engen Quartiere entsprachen lange dem errechneten Wohnraumbedarf der fünfziger Jahre, damals rechnete man pro Kopf 13 Quadratmeter, heute mit dem Dreifachen. Es fehlen 2000 Betten, Raum dafür gibt es nicht.

Rettung also tut not, und der Winter, wenn die meisten der Geschäfte geschlossen sind und Ödnis über die Insel zieht, ist eine gute Zeit, um nachzudenken. Nachdem der Masterplan lange „im Elfenbeinturm diskutiert wurde“, hat ihn Singer nun den Helgoländern selbst vorgelegt. Im Sommer soll es eine Bürgerabstimmung geben. 80 Millionen Euro will der Hamburger Unternehmer investieren. Die Insel soll mit der benachbarten Düneninsel durch Sandaufschüttung verbunden werden. Damit würde sich die bisherige Fläche von einem Quadratkilometer fast verdoppeln. Es gäbe Platz für neue Hotels, und es blieben immer noch genug Baugrundstücke für die Helgoländer. Dazu soll die Landebrücke verlängert werden, und Helgolands Ufer wären dann für Schiffe erreichbar, das Ausbooten, das im Volksmund auch Ausbeuten heißt, müsste nicht mehr sein.

Eine Art „Schnitzellösung“ als touristisches Konzept

Bislang hatte der Plan Helgolands Bewohner entzweit. Als Gemeinschaft hatten sie die Hungerperioden, Seeräuber, Embargos, das Exil der Kriege und der Nachkriegszeit sowie die versuchte Zerstörung ihrer Insel durch die Briten überstanden. Nun aber ging ein Riss durch die Generationen auf der Insel. Größenwahn, sagten die Alten und wollten, dass Helgoland so bleibt, wie es immer war. Die Rettung, sagten die anderen, das waren die Jungen, die wollten, dass ihre Kinder nicht aufs Festland gehen müssen. Helgolands Politiker erarbeiteten eine Art „Schnitzellösung“ als touristisches Konzept, das ein bisschen von allem war, aber nichts Richtiges. So entstand eine Art Helgoländer Untergrund: eine Gruppe aus jüngeren Unternehmern, die ihre eigenen Konzepte entwarfen.

Einer von ihnen ist der Parfümeriebesitzer Rudolph Anthony, der schon vor Monaten drohte, es werde einen Aufstand geben, wenn allein die Politik über den Masterplan entscheide. Der neue Bürgermeister und der neue Wind, der mit ihm wehte, kam den Inselrebellen gerade recht. Sie präsentierten ihr Konzept einer Hochseewelt, basierend auf den Ideen des Unternehmers. „Durch die Landaufschüttung wird es Nischen für Wassersport geben. Wir wollen Wellenbrecher bauen und die Landungsbrücke verlängern, damit die Insel wieder erreichbar ist. Außerdem soll es ein Forscheraquarium geben und ein Museum, das „Haus der Erinnerung“, erzählt Singer.

Weil vor den Küsten der Insel ein Windpark gebaut wird, kann sich Singer außerdem vorstellen, dass neue Bewohner auf die Insel ziehen und neue Arbeitsplätze entstehen. Und auch der Architektur will sich der Bürgermeister annehmen: „Wir wollen Gespräche mit dem Denkmalschutz führen.“

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