Home
http://www.faz.net/-gxi-upxm
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Heiligendamm Kein Comeback des Kulturdenkmals

01.06.2007 ·  Heiligendamm galt hierzulande mal als einziges Ferienresort, das den Ansprüchen gehobener Europa-Reisender entspricht. Heute verdient der Hotelier Kempinski in Djibouti und der Mongolei mehr als in der legendären „Weißen Stadt“.

Von Brigitte Scherer
Artikel Bilder (3) Video (1) Lesermeinungen (1)

Es war der Wille zur Rückkehr auf die Bühne der großen Welt, der zum Wiedererstehen des ältesten deutschen Seebads an der Ostsee geführt hat. Und exakt da steht jetzt die legendäre „Weiße Stadt“ Heiligendamm vier Jahre nach ihrer Wiedereröffnung als Hotel: im Fokus der Welt als Veranstaltungsort des G-8-Gipfels, vom öffentlichen Interesse überrollt und bis in alle Winkel ausgeleuchtet. Tausende von Beiträgen über Heiligendamm überschwemmen die Medien, doch sie feiern nicht den Aufstieg eines neuen Stars. Schon eine ganze Zeitlang geht es auch jenseits der politischen Auseinandersetzungen nicht mehr um die Sehnsucht nach Schönheit und Glanz, aus der 1793 das Ensemble aus Landschaft und Architektur entstand, sondern um Krisen hinter den Kulissen. Vor allem die Frage, ob und wie ein zum 30. Juni gekündigter Bankkredit zurückgezahlt wird, ist seit Monaten Gegenstand von Spekulationen.

Zunächst sah alles an der Ostseeküste bei Rostock nach einem märchenhaften Comeback des sensibel restaurierten Kulturdenkmals aus, das einst nach den ästhetischen Vorstellungen der Aufklärung und des Klassizismus am Reißbrett entstanden war. In ganz Deutschland habe es vor Heiligendamm kein Ferienresort gegeben, das den Vorstellungen des gehobenen Europa-Reisenden aus Übersee entsprochen hätte. Das war die Überzeugung. Dem Selbstbewusstsein entsprachen die Pläne.

Wo bleibt das Sylt-Publikum?

Als Erstes wurde 2003 das Hotel in fünf herrschaftlichen Gebäuden eröffnet, nach und nach sollten die Villen der sogenannten Perlenkette am Strand instand gesetzt werden. Die Eröffnung des Thalassozentrums in einem antikisierenden Spa war für 2004 vorgesehen, etwas später sollten Ayurveda in einem indischen Palast, eine Klinik für Schönheitschirurgie sowie Zweitwohnungen in klassizistischer Architektur mit Tiffany- und Chanel-Läden im Parterre folgen. Als Käufer hatte man das Sylt-Publikum aus Hamburg oder Diplomaten aus Berlin im Visier.

Doch außer dem versprochenen Golfplatz, der im Juli eröffnet wird, ist mangels Investorengeld nichts von alledem da. Eine der alten Villen wurde sogar für die Pressetribüne des Gipfels abgerissen, die übrigen harren leer und mit blätterndem Putz ihrer Restaurierung. Die Belegung des Hotels, das einem Immobilienfonds gehört und von Kempinski geführt wird, ist bis heute unter den Erwartungen geblieben, Gewinn wurde nicht erwirtschaftet. Warum das so ist, darüber ist gut rätseln. Zu wenig Abwechslung im Umfeld, die kurze Saison, der Standort Osten, kommunale Probleme, die „mediale Belastung“? Mit den beiden letzten Punkten ist das zunächst nicht ernst genommene, dann aber von Politik und Medien genüsslich ausgeschlachtete gesellschaftliche Konfliktfeld gemeint, das sich im Zusammenprall von Einheimischen und Hotel beim Kampf ums Revier ergab.

Was wird aus dem Hotel?

Wie es nach dem Gipfel weitergeht? Der Urlauber kann sich über eine verbesserte Infrastruktur freuen. Das Hotel steht und bleibt ihm erhalten, egal mit welchem Besitzer. Die Hotelgesellschaft Kempinski kann der Welt jetzt ihre Kompetenz demonstrieren. Längst hat sich ihr Gravitationszentrum von Deutschland - mit elf von sechzig Häusern - in die neuen Wachstumsmärkte verlagert. In Abu Dhabi, Istanbul und Dubai stehen ihre Vorzeigeobjekte, richtig Geld verdient sie auch in Djibouti, Accra oder Hohot in der Inneren Mongolei. Deutschland ist für internationale Firmen nicht der Mittelpunkt der Welt. Für die Anleger allerdings hat das Schicksal von Heiligendamm größte Bedeutung - und nebenbei auch für den Ruf des Standorts Deutschland.

Quelle: F.A.Z., 31.05.2007, Nr. 124 / Seite R1
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1943, freie Autorin im „Reiseblatt“.

Jüngste Beiträge